Als der junge Uhrmacher Pierre-Augustin Caron (1732–1799) zum ersten Mal am französischen Königshof erschien, ahnte niemand, welche erstaunlichen Wendungen sein Leben nehmen würde. Er wurde Höfling, Geschäftsmann, Schmuggler, Agent – und schließlich sogar erfolgreicher Autor.
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Am 11. Februar 1773 tagte im Louvre das Jagdgericht. Dort wurde über Fälle von Jagd- und Waldfrevel entschieden, die sich in den Wäldern des Königs zugetragen hatten. Der Richter war ein gewisser Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais. Mitten in der Verhandlung stürmte Louis Joseph d’Albert d’Ailly, der Herzog von Chaulnes, in den Saal und forderte den Richter zum Duell. Unbeeindruckt erwiderte Beaumarchais, solche Angelegenheiten müssten bis zum Ende der Sitzung warten.
Der Herzog trug seinen Zorn schon eine Weile mit sich herum. Ob sie bald fertig seien, fragte er die Prozessparteien. Aber so schnell ließ sich die Verhandlung nicht beenden. Schließlich reichte es ihm. Er brüllte Beaumarchais an, er wolle ihm die Brust mit dem Degen durchbohren und dann sein Herz mit den Zähnen herausreißen. Der Jagdrichter blieb gelassen. Er empfahl dem Herzog, ihn später zuhause aufzusuchen.
Der Herzog kochte, aber er hatte keine Wahl. Wie ihm geheißen, wartete er und folgte Beaumarchais schließlich zu dessen Haus. Kaum waren sie angekommen, griff er Beaumarchais an. Der Herzog kämpfte wie ein Berserker. Dafür bekam Beaumarchais tatkräftige Hilfe – von seinem Vater, seinem Koch und seinem Kutscher. Die Kontrahenten schlugen und stachen mit allem, was in Reichweite war, aufeinander ein, vor allem mit Kochbesteck.
Irgendwann waren alle Beteiligten so erschöpft, dass eine Pause eingelegt wurde. Der Herzog verlangte nach einer Mahlzeit. Am Küchentisch wurden ihm Speisen und Getränke aufgetragen. Ohne dass seine Wut dabei verraucht wäre, schlang er alles hinunter, und warf sich danach wieder in den Kampf.
Der königliche Kommissar Gilles-Pierre Chenu, zuständig für die Gerichte des Châtelet de Paris, kam vorbei und ließ sich erklären, was vor sich ging. Der Herzog musste klein beigeben. Der Kommissar nahm ihn mit. So von seinem Gegner befreit, zog Beaumarchais sich um, bedeckte Blessuren mit Pflastern und ging dann zu einer Abendgesellschaft. Dort erzählte er, was vorgefallen war und gab überdies einige Passagen aus dem Theaterstück zum Besten, an dem er gerade arbeitete: „Der Barbier von Sevilla“.
Ein junger Uhrmacher mit unbändigem Ehrgeiz
Der beschriebene Tag war sicherlich außergewöhnlich für Beaumarchais, aber so außergewöhnlich auch wieder nicht. Denn sein Leben war voller Anekdoten, die den Eindruck erwecken konnten, er selbst sei Teil eines Theaterstücks. Beaumarchais wurde am 28. Februar 1732 in Paris geboren. Getauft wurde er auf den Namen Pierre-Augustin Caron. Sein Vater war Uhrmacher und übernahm die Ausbildung seiner Kinder weitgehend selbst. Besonders wichtig war im Haus des Uhrmachers die Musik. Alle seine Kinder lernten daher ein Musikinstrument.
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Schon als Jugendlicher fand Pierre-Augustin Gefallen an einem Lebensstil, der später dafür sorgen sollte, dass Männer wie der Herzog von Chaulnes ihm nach dem Leben trachteten: Er ließ sich auf eine ganze Reihe von Affären ein. Außerdem machte er Schulden und geriet mit seinem Vater aneinander, der ihn schließlich vor die Tür setzte.
Doch er bekam eine zweite Chance. Dafür musste er einen Vertrag unterzeichnen, den sein Vater aufgesetzt hatte. So verpflichtete er sich, in Zukunft Maß zu halten. Und dieses Arrangement funktionierte ausgezeichnet. Schon bald packte ihn der Ehrgeiz, den viele Uhrmacher dieser Zeit teilten: Er wollte Erfinder werden. Mit eiserner Disziplin machte er sich an die Arbeit, und wirklich gelang es ihm, der Uhrmacherei ein Patent hinzuzufügen: die sogenannte Doppelkommahemmung. Da war er 21 Jahre alt.
Beinahe wäre er jedoch um die Früchte seiner Arbeit gebracht worden. Sein Vater war mit dem königlichen Uhrmacher Jean André Lepaute bekannt, der sich sehr für die Arbeit Pierre-Augustins interessierte. Stets ermutigte er den jungen Erfinder in seinem Bestreben. Umso entsetzter war dieser, als Lepaute das Patent selbst anmeldete. Umgehend legte er Protest bei der Académie des Sciences (Akademie der Wissenschaften) ein und schrieb ein an die Öffentlichkeit gerichtetes Memorandum, in dem er seinen Fall darlegte.
Der Streit der beiden Uhrmacher erregte Aufsehen, besonders als die Akademie schließlich gegen Lepaute entschied. König Ludwig XV. (1715–1774) war beeindruckt, obwohl es sein Uhrmacher war, der die Demütigung hinnehmen musste. Er lud den jungen Erfinder ein und gab Uhren bei ihm in Auftrag. Das Ergebnis begeisterte ihn so sehr, dass er ihn zum königlichen Uhrmacher ernannte, gleichrangig mit Lepaute.
Pierre-Augustin eröffnete sich eine neue Welt, die seinen Ehrgeiz befeuerte. Er wollte weiter nach oben. Dabei half ihm eine Ehe, die unter ungeklärten Umständen begann und endete: Er hatte ein Paar kennengelernt – einen Höfling, der gleich mehrere für Versailles typische Ämter innehatte, und dessen Frau Madeleine, die schon lange Kundin im Geschäft seines Vaters war. Der Höfling verkaufte Pierre-Augustin eines seiner Ämter und tolerierte anscheinend, dass dieser ein Verhältnis mit seiner Frau begann. Wenig später war er tot und seine Frau mit dem jungen Uhrmacher verheiratet. Es folgte eine kurze Ehe, geprägt von Streitereien und berechtigter Eifersucht. Dann starb auch Madeleine.
Den großen Karriereschritten folgt eine Serie von Rückschlägen
Dank des gekauften Amtes konnte sich Pierre-Augustin nun „Oberaufseher der Hofküchenschreiber“ nennen. Als solcher eskortierte er die Fleischtöpfe ins königliche Esszimmer, wo es ihm oblag, das Fleisch auf den Teller Seiner Majestät zu legen. Außerdem hatte er Anspruch auf das Erbe Madeleines. Von nun an war er nicht mehr der Bürgerliche Caron, sondern „de Beaumarchais“. Das war im Jahr 1755. Er war 23 Jahre alt. In einer Gesellschaft, in der Ämter käuflich waren und in der die Launen des Königs und seines Hofstaates über Aufstieg und Fall entschieden, konnte auch der Sohn eines Uhrmachers Teil der Adelswelt werden, wenn er nur ambitioniert genug war.
Dass der Oberaufseher der Hofküchenschreiber eine musische Ader hatte, merkte man auch in Versailles. So wurde er zum Musiklehrer der Königstöchter – eine Tätigkeit, die ihm gleich die nächste Aufstiegsmöglichkeit bot. Für einen der mächtigsten Geschäftsleute seiner Zeit, Joseph Pâris-Duverney, wurde er zum Lobbyisten, indem er seine royalen Schülerinnen davon überzeugte, dessen Militärschule einen Besuch abzustatten. Die Töchter des Königs waren begeistert von den paradierenden Reitern, überredeten ihrerseits den König zu einem Besuch – und damit war die Zukunft der Schule gesichert. Beaumarchais hatte sich bewährt und wurde Geschäftspartner Pâris-Duverneys.
Er kaufte sich ein höheres Hofamt und rückte in der aristokratischen Hierarchie weiter nach oben. Nachdem er so lange von Erfolg zu Erfolg geeilt war, warteten nun jedoch die ersten Niederlagen auf ihn. Er versuchte sich als Diplomat in Spanien. Doch er überschätzte seine Möglichkeiten, scheiterte mit seinen Vorstößen und sorgte in Versailles für Verstimmung. Damit nicht genug: Beaumarchais probierte es nun als Autor. Die ersten beiden Theaterstücke, die er der Pariser Öffentlichkeit präsentierte, wurden jedoch von den Kritikern in der Luft zerrissen. Später schrieb er: „Da ich nicht gern Lotterie spielte, schrieb ich Theaterstücke. Aber was sagte man über mich: Was fällt ihm ein? Er ist doch gar kein Autor.“
Was in seinem ersten Stück „Eugénie“ geschieht – die Hochzeit zwischen einem notorischen Verführer und seiner bereits schwangeren Geliebten – trug sich 1768 auch im Leben des Autors zu. Vielleicht hatte Beaumarchais tatsächlich vor, zur Ruhe zu kommen. Das Familienleben war ihm jedoch nicht lange vergönnt. Die Ehe endete tragisch. Beide Kinder und seine Frau starben. Böse Zungen erinnerten an seine erste Ehe und nannten ihn einen Giftmörder.
Das Unglück schien Beaumarchais zu verfolgen. Als Pâris-Duverney starb, machte es sich der Haupterbe, der Graf von La Blache, zur Aufgabe, ihn zugrunde zu richten. Es begann der Abschnitt seines Lebens, der sich hauptsächlich vor Gericht abspielte.
Obwohl ihm der Wind derart ins Gesicht blies, fand er die Zeit, weiter an Theaterstücken zu arbeiten. Es entstand die Figur des Figaro, des gewitzten Barbiers, der sich mit Schläue und Witz in der Adelswelt behauptet. In diese Zeit fiel auch seine körperliche Auseinandersetzung mit dem Herzog von Chaulnes, mit dessen ehemaliger Mätresse de Beaumarchais ein Verhältnis hatte. Nach dem Angriff auf ihn musste der Herzog ins Gefängnis. Aber auch Beaumarchais selbst wurde eingesperrt – ohne rechtliche Grundlage; er hatte sich einfach mit den falschen Leuten angelegt. Entrüstet protestierte er, erreichte aber nur den Freigang, der es ihm erlaubte, beim Prozess gegen La Blache zugegen zu sein.
Es half nichts. Beaumarchais verlor den Prozess. Seine Feinde hatten aber nicht viel Zeit, ihren Sieg zu genießen. Denn Beaumarchais machte sich nun daran, die Bestechlichkeit des Richters Louis-Valentin Goëzman und seiner Gattin publik zu machen. Seine vier veröffentlichten Streitschriften waren nicht nur zerstörerisch, sondern auch komisch und fanden über Frankreichs Grenzen hinaus weite Verbreitung. Man las sie, um zu lachen und um sich an der Demütigung der hohen Herren zu erfreuen. Der Richter und seine Verbündeten wurden auf höchstem Niveau lächerlich gemacht, ihre sprachliche Unbeholfenheit vorgeführt.
Der lange Kampf um die Anerkennung als Autor
Auch ganz Versailles lachte über die Streitschriften. Dem König wurden sie sogar in Form eines Theaterstücks vorgeführt. In Frankfurt bekam Johann Wolfgang von Goethe die Texte zu lesen und fand darin die Inspiration für seinen „Clavigo“. Plötzlich waren alle auf der Seite des Aufsteigers, der gegen das korrupte System kämpfte, sogar der Philosoph Voltaire, dem Beaumarchais lange suspekt gewesen war. Beaumarchais’ Stück „Eugénie“ wurde wieder aufgeführt; diesmal mit Erfolg. Endlich sollte nun auch „Der Barbier von Sevilla“ auf die Bühne kommen – das Stück, an dem er schon so lange arbeitete. Doch Beaumarchais’ Unterstützer in Versailles, zuvorderst Marie-Antoinette (1755–1793), aus Habsburg stammende Gattin des Thronfolgers und späteren Königs Ludwig XVI. (1774–1793), unterlagen seinen Gegnern, die von der neuen Mätresse des Königs, Madame du Barry, angeführt wurden. Das Stück durfte nicht auf die Bühne. Zu allem Überfluss wurde Beaumarchais nun auch noch wegen Verleumdung verurteilt.
In der Hoffnung, seine Ehre wiederherzustellen, ging er nach England, um dort für den König zwielichtigen Agententätigkeiten nachzugehen. Es dauerte über zwei Jahre, doch die schmutzige Arbeit zahlte sich aus. Im September 1776 bekam er Ehre und Ämter zurück. Inzwischen hatte Ludwig XVI. den Thron bestiegen. Beaumarchais versuchte erneut, sich in die Politik einzumischen. Diesmal trat er dafür ein, die amerikanischen Kolonien in ihrem Konflikt mit England zu unterstützen. Unter einem Decknamen war er schon bald damit beschäftigt, Waffen und Ausrüstung nach Amerika zu schmuggeln. Über sich selbst schrieb er später: „Von allen Franzosen bin ich derjenige, der am meisten für die Freiheit des amerikanischen Kontinents getan hat.“
Inzwischen hatte es auch der „Barbier von Sevilla“ endlich auf die Bühne geschafft. Die Kritiken waren gut. Beaumarchais hatte seine Form gefunden. Aber geändert hatte er sich nicht. Obwohl er inzwischen eine feste Beziehung mit der Schweizerin Marie-Thérèse Amélie de Willermaulaz eingegangen war, wechselte eine Affäre die andere ab.
Nebenher arbeitete er an der „Hochzeit des Figaro“. Als das Stück fertig war, sorgte die geplante Aufführung ein weiteres Mal für heftigen Streit in Versailles. Ludwig XVI. verbot die Aufführung. Doch die Adligen protestierten und bekamen schließlich ihren Willen. Ganz Paris wollte das Stück sehen. Im 27. April 1784 wurde es uraufgeführt. Die Einnahmen übertrafen alles bisher Dagewesene. Und als bedeute der Wille des Königs nichts mehr, wurde Figaro auch bei Hof gespielt – mit Königin Marie-Antoinette in der weiblichen Hauptrolle.
Während der Revolution gerät er in Lebensgefahr
Beaumarchais war sehr erfolgreich – auch als Geschäftsmann. Unweit der Bastille stand sein Palast. Und dann kam die Revolution. Als die Massen am 14. Juli 1789 zur Bastille strömten, dachten die Anwohner, man wolle den Palast des Stückeschreibers plündern. Natürlich war Beaumarchais nach dem Sieg der Revolutionäre in Gefahr. Es gelang ihm zwar, an der Stadtverwaltung beteiligt zu werden, doch hatte er immer wieder mit Denunziationen zu kämpfen. Als Experte für Waffenhandel ließ er sich von der Regierung einspannen und geriet gerade dadurch wieder in Verdacht. Es hieß, er verstecke Waffen in seinem Haus, das nun doch noch gestürmt wurde. Die Massen blieben jedoch friedlich, beschädigten nichts und bescheinigten ihm nachher mit hunderten von Unterschriften seine Unschuld.
Dabei blieb es nicht. Auf Veranlassung des Revolutionärs Jean Paul Marat (1743–1793) wurde er eingesperrt. Und vermutlich war es nur einer seiner Geliebten zu verdanken, dass er drei Tage vor dem sogenannten Septembermassaker – dem Mord an mehr als 1200 Gefangenen, die als Gegner der Revolution galten – freigelassen wurde. In politischen Schriften pochte er auf die Einhaltung von Recht und Gesetz. Bald darauf befand er sich in Regierungsdiensten im Ausland, wurde aber zum „Emigranten in Kriegszeiten“ erklärt – und somit zum Staatsfeind. Seine Frau, seine Tochter und seine Schwester wurden eingesperrt. Und er selbst besaß nichts mehr.
Beaumarchais hungerte. Und seine Familie musste Katzen und Ratten essen. Doch auch der Terror ging vorüber. Schließlich durfte er heimkehren. Er heiratete seine Frau, die sich von ihm hatte scheiden müssen, ein zweites Mal. Sein drittes Figaro-Stück, „Die schuldige Mutter“, feierte Premiere. Den Jubel konnte er nicht mehr hören; er war inzwischen fast taub.
Am 18. Mai 1799 starb Beaumarchais. Schon zu Lebzeiten war der Schöpfer des Figaro zunehmend selbst wie eine Bühnenfigur erschienen. Der wahre Kern der vielen verschiedenen Leben des Uhrmachers ließ sich nicht mehr von der Fiktion lösen. Dank der Musik Wolfgang Amadeus Mozarts und den Texten seines Librettisten Lorenzo Da Ponte erlangte Beaumarchais’ Figaro schließlich Unsterblichkeit. Die Oper „Die Hochzeit des Figaro“, die am 1. Mai 1786 in Wien uraufgeführt wurde, basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück. Und noch heute steckt im Figaro, der Jahr für Jahr erneut die großen Bühnen der Welt erobert, viel von seinem Schöpfer: Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais.
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