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Der Sieg des Südens in den Köpfen
Die Geschichte, so heißt es, werde von den Siegern geschrieben. Aber falls diese vermeintliche Binsenweisheit denn überhaupt stimmt, so scheint sie zumindest ihre Ausnahmen zu kennen. Die lange Nachgeschichte des Amerikanischen Bürgerkrieges legt davon Zeugnis ab. Eine klare „Siegergeschichtsschreibung“ wird man diese wohl kaum nennen können. Im Gegenteil: Über lange Strecken der US-Geschichte wird sie paradoxerweise von den Verlierern dominiert, denen es in einem bemerkenswerten intellektuellen Manöver gelang, ihre Sicht auf den Amerikanischen Bürgerkrieg selbst im Norden zu popularisieren: den Krieg als „lost cause“, also verlorene, aber noble Sache, der vom Süden nicht etwa geführt wurde, um die Institution der Sklaverei zu erhalten, sondern um einen bestimmten way of life zu verteidigen.
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von TORBEN LÜTJEN
Die Geschichte, so heißt es, werde von den Siegern geschrieben. Aber falls diese vermeintliche Binsenweisheit denn überhaupt stimmt, so scheint sie zumindest ihre Ausnahmen zu kennen. Die lange Nachgeschichte des Amerikanischen Bürgerkrieges legt davon Zeugnis ab. Eine klare „Siegergeschichtsschreibung“ wird man diese wohl kaum nennen können. Im Gegenteil: Über lange Strecken der US-Geschichte wird sie paradoxerweise von den Verlierern dominiert, denen es in einem bemerkenswerten intellektuellen Manöver gelang, ihre Sicht auf den Amerikanischen Bürgerkrieg selbst im Norden zu popularisieren: den Krieg als „lost cause“, also verlorene, aber noble Sache, der vom Süden nicht etwa geführt wurde, um die Institution der Sklaverei zu erhalten, sondern um einen bestimmten way of life zu verteidigen.
Fasst man noch einmal zusammen, was in der Zeit der „Reconstruction“, also der Phase zwischen 1865 und 1877, passiert ist, dann ging der Plan, den Süden nicht nur wirtschaftlich wieder auf die Beine zu stellen, sondern auch eine wirkliche gesellschaftliche und politische Transformation zu erreichen, nicht auf. Auf die rechtliche und politische Gleichstellung der Schwarzen reagierte der weiße Süden mit Abwehr, Abschottung, Aggression. Militante Bürgerwehren – unter ihnen vor allem der berüchtigte Ku-Klux-Klan – begannen sich bereits unmittelbar nach Kriegsende zu organisieren.
1877 endete die Phase der „Reconstruction“ abrupt. Dafür gab es neben dem Gemauschel rund um die chaotische Wahl des Republikaners Rutherford B. Hayes, der den Demokraten den Abzug der Unionstruppen aus dem Süden versprach, um ins Amt zu kommen, noch weitere Gründe. Die „Reconstruction“- Müdigkeit war im Norden schon länger gewachsen. Der Zeitgeist war konservativ geworden, die USA gingen in ihr „Gilded Age“ über, als kapitalistisches Gewinnstreben und moderne Konsumkultur wichtiger wurden als die Verwirklichung moralischer Ideale; ein Zyklus, der nicht ganz untypisch für die USA war und auch bleiben sollte.
Die weißen Eliten der Vorkriegszeit brauchten nach dem Abzug der Unionstruppen so jedenfalls nur wenige Monate, um die alten Verhältnisse wiederherzustellen, oft mit Hilfe des Terrors des Klans, der Schwarze einschüchterte, terrorisierte, lynchte, ihre Häuser niederbrannte. Nachdem Afroamerikaner aus den Parlamenten und politischen Verwaltungen entfernt worden waren, machte man sich daran, mit einer regelrechten Flut von Gesetzen ein System faktischer Rassentrennung durchzusetzen, die sogenannten „Jim-Crow-Gesetze“. Theoretisch behielten schwarze Amerikaner ihre Bürgerrechte, die Gesetze aber sorgten dafür, dass in allen gesellschaftlichen Bereichen parallele Strukturen für schwarze und weiße Amerikaner als legal erachtet wurden: in Restaurants, Kirchen und schließlich, und am folgenreichsten, vor allem im Bildungssystem.
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Am Ende des 19. Jahrhunderts erhoben sich sudanesische Kämpfer gegen die ägyptische Fremdherrschaft in ihrem Land. Sie waren Anhänger des islamischen Führers…
Bereits der umgangssprachliche Name dieser Gesetze gründete auf Rassismus: „Jim Crow“ war eine Figur der um die Mitte des 19. Jahrhunderts populären Minstrel-Shows, bei denen sich weiße Spielleute als Afroamerikaner verkleideten und sich in zynischer Weise über deren Musik und Tänze lustig machten.
Rechtlich abgesichert wurde das Apartheid-System durch eine Entscheidung des Supreme Court 1896, der im Fall „Plessy vs. Ferguson“ entschied, dass Rassentrennung so lange zulässig sei, wie dabei die Gleichbehandlung gewährleistet sei – das war der Kern der sogenannten „separate but equal“-Doktrin. In der Realität natürlich zementierte die Segregation die Ungleichheiten im Land. Schwarze blieben bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Bürger zweiter Klasse, die nicht nur im Bus hinten zu sitzen hatten und Opfer staatlicher Willkür und Gewalt blieben, sondern auch mit einer Reihe diskriminierender Gesetze massiv am Wählen gehindert wurden.
Der „lost cause“-Mythos des amerikanischen Südens
Auf eine selbstkritische Geschichtsaufarbeitung im US-amerikanischen Süden brauchte man jedenfalls nicht zu hoffen. Dort hatte man nämlich, noch in der Phase der „Reconstruction“, längst begonnen, seine ganze eigene Version der Geschehnisse zu entwickeln. Etwas weniger neutral formuliert, könnte man auch von einem umfassenden Projekt der Geschichtsklitterung sprechen.
Bekannt geworden ist diese Form von alternativer Geschichtsschreibung unter dem Namen lost cause. Urheber des Begriffs war Edward Pollard, ein Journalist und Historiker aus Virginia, der in seinem Buch „The Lost Cause: A New Southern History of the War of the Confederates“ bereits einige zentrale Elemente dieses Mythos prägte. Dabei ging es zwar auch um eine offensive Verteidigung der Sklaverei, die als humaner, wohlwollender Patriarchalismus verstanden wurde. Wichtiger war es für Pollard aber, die Motive der Sezession insgesamt umzudeuten: denn in Wahrheit hätten andere Differenzen den Krieg ausgelöst. Der Süden habe lediglich die in der Verfassung garantierten „State Rights“ verteidigt, also die Rechte der Bundesstaaten, sich gegen ein aufdringliches Einmischen der Zentralregierung zu wehren. Der Krieg sei vom Norden in Wahrheit primär aus ökonomischen Gründen geführt worden.
In der „lost cause“-Mythologie war der noch weitgehend agrarisch geprägte Süden in jeder Hinsicht das Gegenbild zum industriellen Norden, eine Welt der Ritterlichkeit gegen eine seelenlose Maschinenwelt. Der Süden kannte auch, wie das besiegte deutsche Kaiserreich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, seinen eigenen „Im Felde unbesiegt“-Mythos. Denn dieser Erzählung nach waren die Truppen der Konföderation eigentlich taktisch überlegen gewesen, ihre Soldaten tapferer, weil sie ja die eigene Heimat verteidigt hatten, mussten sich am Ende aber der industriellen Übermacht des Nordens geschlagen geben.
Wie alle guten Erzählungen kannte auch der „lost cause“-Mythos seine Helden, Schurken, Märtyrer und Verräter. Zur Personifizierung der gerechten Sache mit tragischem Ausgang wurde rasch der Oberbefehlshaber der Konföderationstruppen, Robert E. Lee. Dafür prädestinierte ihn wohl nicht allein der Ruhm, den er sich auf dem Schlachtfeld erworben hatte, sondern die Tatsache, dass er als ambivalente Figur gelten konnte. Lee war kein Anhänger der Sklaverei, und auch dem Recht der Einzelstaaten zur Sezession stand er skeptisch gegenüber. Lincoln hatte ihm zunächst die Position als Oberkommandierender der Unionstruppen angeboten. Lee aber, deprimiert über das Heranziehen des Bürgerkrieges, lehnte ab und quittierte den Dienst. Wenige Monate später aber ließ er sich von der Konföderation doch beknien und diente als General der Südstaaten-Armee; nicht aus Überzeugung über den Akt der Sezession, sondern mit der Begründung, dass er seine Heimat Virginia nicht im Stich lassen könne und Pflicht und Loyalität ihm daher die Entscheidung diktiere. Das alles machte ihn zur tragischen Figur des stillen Helden, der sein Schicksal stoisch ertrug, was wunderbar zur süßen Verlierer-Melancholie des Südens passte.
Nun: Dass die Verlierer eines Krieges an ihrer eigenen Version der Geschichte stricken, braucht einen nicht zu überraschen. Wirklich verblüffend war, wie stark diese Erzählung die kollektive Imagination auch außerhalb des Südens prägte. Zwar vergaß man dort durchaus nicht, was die eigentliche Ursache des Bürgerkrieges gewesen war. Dennoch herrschte hier ebenfalls ein vordergründig unpolitisches, aber dafür umso idyllischeres Bild des Südens, das ebenfalls von Ideen von Aufrichtigkeit, Unverdorbenheit und Ritterlichkeit geprägt war.
Popularisiert wurde es vor allem durch das boomende Genre des „Plantagenromans“, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts den Büchermarkt förmlich überschwemmte. Der Plantagenroman war fraglos ein Stück Kritik an der industriellen Moderne. Die Plantage, wo das Leben in vollen Zügen genossen wurde, galt als Gegenstück zur kalten, rationalen Welt der Fabrikhallen des Nordens. Natürlich war das auf den ersten Blick lediglich ein Stück unpolitischer, harmloser Eskapismus. Aber es prägte ein romantisches, moralisch unschuldiges Bild des Südens, das alle Schattenseiten ausblendete.
Und die sich verblüffend ähnelnden Handlungsstränge des Plantagenromans schufen überdies eine Erzählung der nationalen Versöhnung. Da war zuerst die Schilderung der Idylle vor dem Krieg; dann der Schock bei Kriegsbeginn mit der Einberufung der Männer in den Militärdienst; bald darauf der Schrecken des Krieges mit den von Truppen der Union angerichteten Verwüstungen; schließlich aber erweist sich einer der Nordstaaten-Offiziere als galanter Gentleman und gewinnt das Herz einer schönen, stolzen und gebildeten Tochter des Südens, der southern belle; am Ende, der Krieg ist vorbei, findet auf der Plantage eine rauschende Hochzeit statt. Die Sklaven, alles in allem glückliche und sorglose Menschen, besetzen allenfalls Nebenrollen. Seinen letzten Höhepunkt erreichte dieses Genre 1939, als Hollywoods Traumfabrik den Roman „Vom Winde verweht“ (1936) von Margaret Mitchell verfilmte und zu einem bis dahin unvorstellbaren Kassenschlager machte.
Aufbruch und neue Polarisierung: die 1960er Jahre
Im Süden hatte sich derweil auch über 80 Jahre nach dem Ende der „Reconstruction“ an den Verhältnissen wenig geändert: Die faktische Apartheid dort war die große moralische Schande Amerikas, kaum weniger schlimm als die Sklaverei zuvor, ein eklatanter Widerspruch zu den hehren Idealen, die die amerikanische Zivilreligion bei jeder Sonntagsrede rhetorisch durchzogen. Denn natürlich war allgemein bekannt, wie die Verhältnisse zwischen Virginia und Texas waren. Und spätestens mit dem Sieg über den Faschismus und die Rassenideologie des Nationalsozialismus 1945 rückte dieser Grundwiderspruch der amerikanischen Gesellschaft immer stärker in den Vordergrund.
1954, in seiner Entscheidung „Brown vs. Board of Education“, revidierte der Supreme Court immerhin bereits seine „separate but equal“-Doktrin und erklärte die Segregation für nicht verfassungsgemäß. Allerdings: Von Jackson, Mississippi, aus betrachtet lag Washington D.C. ziemlich weit entfernt. Die Durchgriffsrechte der Bundesregierung waren nicht ausreichend, um die zementierten Verhältnisse ernsthaft ins Wanken zu bringen.
Dass diese großen Ungerechtigkeiten politisch kaum angesprochen wurden, lag nicht zuletzt an den Eigentümlichkeiten des amerikanischen Zwei-Parteien-Systems. Republikaner wie Demokraten waren über weite Strecken des 19. und 20.Jahrhunderts keine in sich geschlossenen Weltanschauungsparteien europäischen Typs, sondern ein loses Konglomerat sehr verschiedener Gruppen und Strömungen. Seit dem 20. Jahrhundert waren dabei die Demokraten sogar eher zur Partei der Bürgerrechte geworden, gewählt von vielen Minderheiten, unterstützt von den Intellektuellen, immer stärker nun in den urbanen Zentren an der Ostküste und im Mittleren Westen, wo die Zustände im Süden durchaus immer wieder Empörung hervorriefen.
Allerdings: Die eigentliche Hochburg der Demokraten blieb der Süden. Dort herrschte nach dem Ausschluss afroamerikanischer Wähler faktisch ein Ein-Parteien-System, da die Republikaner, die Partei Abraham Lincolns, für weiße konservative Wähler keine Option darstellten. Also scheute das liberale Partei-Establishment der Demokraten eine wirkliche Auseinandersetzung um das Thema Segregation, aus Angst, den sogenannten „Solid South“ zu verprellen und damit ihre Mehrheitsfähigkeit zu verlieren.
Anfang der 1960er Jahre aber veränderte sich langsam die Kalkulation der demokratischen Partei-Eliten. Eine neue Generation von Bürgerrechtlern, an ihrer Spitze der Baptistenpastor Martin Luther King, rückten durch ihre Aktionsformen eines gewaltlosen zivilen Widerstandes den Rassismus des Südens in den Fokus der amerikanischen Öffentlichkeit.
Kaum ein Monat verging, in dem nicht neue Szenen massiver Polizeigewalt aus dem Süden die Fernsehnachrichten beherrschten. Außerdem hatte den 1930er Jahren einen starken Zuzug von Afroamerikanern in die Industriezentren des Nordens gegeben, wo sie zu einer immer wichtigeren Wählergruppe geworden waren, auf deren Interessen es Rücksicht zu nehmen galt.
1964 schließlich kam so die Wende innerhalb der Partei: Unter der Präsidentschaft Lyndon B. Johnsons (im Amt 1963–1969) entschied sich der liberale Parteiflügel dafür, dem Konflikt nicht länger aus dem Weg zu gehen und die Rassentrennung im Süden endlich abzuschaffen. Im selben Jahr noch wurde der „Civil Rights Act“ verabschiedet, der der Bundesregierung in Washington weitgehende Befugnisse gab, die Praxis der Segregation aufzubrechen.
Ein Jahr später folgte der zweite Meilenstein der Bürgerrechtspolitik, der „Voting Rights Act“, der diskriminierende Praktiken (wie etwa Nachweise der Lesefähigkeit) abschaffte, mit denen Afroamerikaner bis dahin massiv am Wählen gehindert wurden. Trotz fortbestehender Ungleichheiten – gerade in Bezug auf die soziale Lage – war der Süden danach tatsächlich ein anderer Ort. Ziemlich genau 100 Jahre nach dem Ende der Sklaverei wurden schwarze Amerikaner rechtlich wirklich gleichgestellt.
Der Beginn einer wirklichen Versöhnung war das jedoch nicht, weder zwischen Schwarz und Weiß noch zwischen Norden und Süden. Im Gegenteil: Im Grunde läutete der „Civil Rights Act“ jene Ära der Polarisierung ein, in der sich die USA auch heute noch befinden. Zum einen, weil die Parteien sich jetzt homogenisierten. Nachdem der Kongress den „Civil Rights Act“ verabschiedet hatte, hatte der demokratische Präsident Lyndon B. Johnson die Lage sofort erkannt: „Wir haben den Süden für mindestens eine Generation verloren“, teilte er am Abend nach der Abstimmung einem seiner engsten Berater mit. Allerdings war das noch weit untertrieben, denn zumindest der weiße konservative Süden ging – wie sich zeigen sollte – endgültig für die Partei verloren. Schon bei der folgenden Präsidentschaftswahl wählten die meisten Bundesstaaten südlich der Mason-Dixon-Linie republikanisch.
Doch das war nur der Beginn einer noch viel größeren politischen Kettenreaktion. Gleichzeitig nämlich verließ der liberale Flügel der Republikaner, bis dahin stark verwurzelt in den kulturell progressiven Küstenregionen des Landes, ebenfalls die eigene Partei und begann sich den Demokraten zuzuwenden. Dieser als southern realigment bezeichnete Prozess schuf im Grunde erst die Parteien, wie wir sie heute kennen: eine linksliberale Demokratische Partei und eine klar konservative Republikanische Partei. Es war der Beginn jener politischen Hyperpolarisierung, die sich bis in die Gegenwart stetig gesteigert hat.
Der Rassismus ist auch im Norden virulent
Und schließlich und letztens war es nach 1965 damit vorbei, Rassismus vor allem als ein Problem der Südstaaten zu interpretieren, auch wenn es dort weiterhin besonders virulent blieb. Denn im weiteren Verlauf der 1960er Jahre entwickelte race eine beträchtliche politische Sprengkraft auch jenseits der alten Konföderation. Der Rassismus im Norden war subtiler und weniger gewalttätig, aber er war nicht weniger wirkungsmächtig. Er ließ sich vor allem nicht mit ein paar Gesetzen aus der Welt schaffen.
Um ihn zu bekämpfen, brauchte es ganz andere Eingriffe des Staates – etwa die Praxis des busing, das ethnisch ausgeglichenere Schulklassen schaffen sollte, was aber für einige Schüler wahre Odysseen mit dem Schulbus bedeutete. Denn Schüler aus „schwarzen“ Wohngebieten wurden in Viertel gefahren, die sonst eher überwiegend „weiß“ waren. Dass auch Kinder aus „weißen“ Vierteln zu Schulen mit eher gemischter Schülerschaft gefahren wurden, war auch außerhalb des Südens umstritten. Wer es sich leisten konnte, zog in das Umland der Städte, wo die busing-Praxis nicht angewendet wurde. Diese Flucht der wohlhabenderen Bevölkerung wurde auch als white flight bezeichnet.
Es war eben die eine Sache, sich über Polizeigewalt und Lynchmobs in Mississippi zu empören, aber eine vollkommen andere, im Namen des gesellschaftlichen Fortschritts seine persönliche Freiheit vermeintlich eingeschränkt zu sehen. Seit 1965 kam es überdies immer wieder zu aggressiven Unruhen in den amerikanischen Großstädten. Viele Schwarze waren bitter enttäuscht, dass sich trotz all der Maßnahmen der Johnson-Regierung nur wenig an der systematischen Diskriminierung änderte, die sozialen Verhältnisse weiter wie zementiert erschienen.
Die riots in Los Angeles, Detroit und anderen Orten produzierten Bilder, die Abend für Abend in die Wohnzimmer auch des weißen Amerika flimmerten und dort einen Schock auslösten. 1964 hatten noch 68 Prozent der Weißen außerhalb der Südstaaten Johnsons Bürgerrechtsinitiativen unterstützt; nur zwei Jahre später war plötzlich eine Mehrheit der Meinung, dass die Regierung bei ihren Bemühungen um Integration viel zu schnell vorgehe.
Ende der 1960er Jahre ließ sich der Konflikt um Rassismus und das Erbe der Sklaverei nicht länger als Konflikt zwischen einem vermeintlich aufgeklärten Norden und einem rückständigen, rassistischen Süden deuten. Er durchzog jetzt die gesamte amerikanische Gesellschaft, und der Dualismus war jetzt nicht mehr regional, sondern ideologisch begründet. Aus der alltäglichen Sprache wurde der Rassismus zwar verdrängt; dafür aber spielte das Thema race bei allen möglichen politischen Streitfragen im Hintergrund eine entscheidende Rolle.
Offensichtlich war das etwa beim Kampf um die Sozialpolitik. Theoretisch war der Widerstand der Republikaner gegen big government, also einen aktiven Staat, zwar von einer libertären Ideologie getragen, die ihr Heil in einem möglichst wenig regulierten freien Markt sah. Allerdings, das bestätigten zahlreiche Untersuchungen, spielten bei der Ablehnung von Sozialtransfers in Wahrheit auch Ressentiments gegen ethnische Minderheiten, die es sich in einem Leben staatlicher Fürsorge bequem gemacht hätten, eine entscheidende Rolle.
Was nach den 1960er Jahren vorübergehend wieder abnahm, war die Intensität der geschichtspolitischen Aufarbeitung. Dann und wann rückte das Thema wieder in den Vordergrund, wenn wieder einmal irgendwo über Lehrbücher im tiefen Süden berichtet wurde, in denen die Sklaverei lediglich als untergeordnete Ursache des Bürgerkrieges behandelt wurde; im Rest des Landes schüttelte man darüber den Kopf und ließ es ansonsten dabei bewenden.
Sonst aber war viel Folklore im Spiel, wobei zahlreiche „lost cause“-Elemente aufgenommen wurden. Ein gutes Beispiel für sentimentale Popcorn-Unterhaltung in diesem Stil ist das sehr erfolgreiche TV-Epos „Fackeln im Sturm“ (Originaltitel: „North and South“, 1985/86), das sich moralisch nicht wirklich auf eine der beiden Seiten schlagen mochte.
Beliebt war in der Popularkultur auch der Typus des liebenswerten Südstaaten-Kauzes, wie er in den „Romantic Comedys“ Hollywoods vermarktet wurde, der mit Freunden und Nachbarn in historischer Montur ganz unschuldig die Schlacht von Gettysburg nachspielte, um es sich danach bei Pulled Pork und Eistee auf der Veranda gemütlich zu machen. Und wer als Tourist noch in den 2000er Jahren etwa den amerikanischen Süden bereiste, der war schon verblüfft von der völlig ungetrübten Idealisierung der good old times auf den riesigen Baumwollplantagen der Vorkriegszeit und der Glorifizierung eines vergangenen Reichtums, dessen Ursprung ja allen klar sein musste. Von der Aufgewühltheit der 1960er Jahre war man in den Jahrzehnten danach wieder weit entfernt.
Denkmalsstürmer und die Rückkehr der Geschichte
Doch wie bereits angedeutet: Auf die zyklenhafte Wiederkehr moralischer Selbstinspektionen ist in den USA Verlass. Etwa seit den 2010er Jahren intensivierten sich die geschichtspolitischen Auseinandersetzungen um den Amerikanischen Bürgerkrieg abermals. Das hatte viele Ursachen; ganz gewiss aber hing es auch zusammen mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten Barack Obama ins Weiße Haus und den darauf folgenden, teils militanten Gegenreaktionen auf der politischen Rechten.
Und jetzt drang auch an die Oberfläche, was an amerikanischen Universitäten schon lange diskutiert wurde: die Forderung nach einer Generalrevision der amerikanischen Geschichte, in deren Mittelpunkt die These stand, das Rassismus und Sklaverei eben nicht nur eine bedauernswerte Abweichung von einem ansonsten tugendhaften Weg gewesen seien, sondern Teil der Gründungs-DNA des Landes.
Im intellektuellen Diskurs kulminierte diese Debatte im „1619“-Projekt der „New York Times“, das im ersten Kapitel dieses Bandes bereits erwähnt wurde. Demnach sei das eigentliche Gründungsjahr der USA nicht das Jahr 1776, sondern das Jahr 1619, als die ersten Sklaven aus Westafrika an den Küsten der Neuen Welt anlandeten.
Und dieses Mal wurde auch die „lost cause“-Erzählung direkt angegriffen, als Bürgerrechtler sich dafür einsetzten, die zahlreichen Monumente der Konföderation niederzureißen. Die meisten von ihnen waren in der Jim-Crow-Ära nach der „Reconstruction“ entstanden und zeigten Staatsmänner und Generäle der Südstaaten.
Das Anliegen, sie zu entfernen, war an sich nicht neu, aber es hatte gewaltig Fahrt aufgenommen, nachdem ein Rechtsextremist 2015 in Charleston, South Carolina, neun Mitglieder einer schwarzen Kirchengemeinde erschossen hatte. Auf Fotos in sozialen Netzwerken hatte er sich neben anderen Symbolen der extremen Rechten auch mit der Flagge der alten Konföderation geschmückt. Im Süden war diese allgegenwärtig, sie wehte auch über dem State Capitol von South Carolina, genauso wie in vielen Vorgärten und beim Kirchenfest. Aber sie war mittlerweile eben auch ein beliebtes Utensil von Rechtsextremisten und White-Supremacy-Gruppen. Nach dem Amoklauf von Charleston wurde sie aus den meisten öffentlichen Räumen entfernt.
Das war allerdings nur der Anfang eines Kampfs um die Geschichte und die Deutungshoheit über sie. Kurz danach wurden Rufe lauter, auch die zahllosen Denkmäler der Konföderation zu entfernen. Vielerorts kamen Stadtverwaltungen diesen Forderungen nach – und ernteten dabei neben Zustimmung ebenso erbitterten Widerstand.
Im August 2017, Donald Trump war erst ein halbes Jahr Präsident, kam es in Charlottesville, Virginia, zu einem Zusammenstoß zwischen rechten Gruppierungen und linken Gegendemonstranten, als eine Statue von Robert E. Lee entfernt werden sollte. Eine Gegendemonstrantin wurde getötet, als ein Neonazi mit seinem Auto in die Menschenmenge fuhr. Und der neue Präsident goss weiter Öl ins Feuer: Im Nachgang der Ereignisse meinte er, dass auf beiden Seiten schließlich „fine people“ („nette Leute“) gewesen seien. Und während Trump noch 2015 gemeint hatte, die Konföderierten-Flagge gehöre ins Museum, verteidigte er sie von diesem Zeitpunkt an vehement als Teil des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Auch zu den Denkmälern, die die Konföderation glorifizierten, hatte er eine klare Meinung: Sie zu stürzen sei ein Versuch der linksradikalen Demokraten, die Geschichte umzuschreiben. Sie seien Teil eines wichtigen historischen Erbes.
Die Frage aber ist: War das wirklich noch die alte Konfliktlinie zwischen Nord und Süd, noch immer ein Echo des Amerikanischen Bürgerkrieges? Die Antwort darauf ist kompliziert. Auf den ersten Blick könnte man wohl tatsächlich meinen, dass die Geschichte sich wiederholt. Die Art von Staats- und Demokratiefeindlichkeit, die Amerikas Konservative seit einigen Jahren auszeichnet, erinnert in manchem tatsächlich an den Urkonflikt der amerikanischen Geschichte. Und dass beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 auch zahlreiche Symbole der Bürgerkriegszeit zu sehen waren, macht diese Parallele noch eindrücklicher.
Auch die Warnung vor einem „neuen“ oder auch dem „zweiten“ amerikanischen Bürgerkrieg, eine noch immer surreal anmutende, angesichts der Spannungen im Land aber zumindest nicht vollständig absurde Vorstellung, zeigt, dass zumindest im Hintergrund die Erinnerung an das große Trauma der amerikanischen Geschichte präsent bleibt – und seine Interpretation weiterhin umstritten.
Andererseits ist offensichtlich, dass sich der Konflikt von seinen regionalen Bezügen erheblich entfernt hat. Unter Trump-Anhängern phantasieren zwar nicht wenige von einer neuen Sezession; allerdings wäre das angesichts des politischen Flickenteppichs, mit liberalen Metropolregionen und konservativem Hinterland, den die Wahlkarte der USA zeigt, gewiss nicht mehr die alte Nord-Süd-Unterteilung. Die Konflikte, die die modernen USA prägen, ziehen sich einmal komplett durch das Land.
Wer jetzt bei Trump-Rallyes mit einer Konföderierten-Flagge erschien, der musste nicht mehr zwingend auch aus dem Süden kommen. Auch die Ablehnung des Entfernens von Denkmälern, das ergaben Untersuchungen, erklärte sich nicht mehr primär mit regionaler Herkunft – sondern mit der Zugehörigkeit zu konservativen evangelikalen Kirchen und der ideologischen Selbstverortung als besonders konservativ.
Anders ausgedrückt: Mittlerweile sind die Symbole des amerikanischen Südens zu Chiffren und Erkennungszeichen der amerikanischen Rechten allgemein geworden, ohne dass es dabei primär um die Erinnerung an den Amerikanischen Bürgerkrieg ginge. Auch die Diskussionen um die Denkmäler waren eingebettet in einen noch größeren Zusammenhang: dass dieses nämlich nur ein weiterer Versuch eines hegemonialen Liberalismus sei, anderen vorzuschreiben, was sie zu denken und zu fühlen hätten, damit ein weiteres Beispiel für die sogenannte cancel culture.
Und während Debatten innerhalb des US-Konservatismus oft durchaus geschichtliche Bezüge aufweisen („Was würden die Gründerväter zur Frage von Transgender sagen?“), kann man nicht behaupten, dass der Bürgerkrieg selbst offensiv als wichtiger Referenzpunkt in den Diskussionen dient. Keineswegs etwa sehen sich daher die Anhänger Donald Trumps als direkte Nachfahren der Konföderation. Denn schließlich: Waren es nicht damals, so heißt es dort, die Republikaner gewesen, die für die Befreiung der Sklaven eingetreten seien, die Demokraten hingegen die Partei der Plantagenbesitzer? Gewiss, das ist eine kuriose intellektuelle Übersprungshandlung, die alles außen vorlässt, was sich seitdem an historischen Umbrüchen vollzogen hat. Aber es macht zumindest deutlich, dass hier nicht einfach die alte Konföderation wieder auferstanden ist.
Autor: Prof. Dr. Torben Lütjen
geb. 1974, ist Professor für Partizipations- und Demokratieforschung an der Europa-Universität Flensburg.
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