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Der Süden erwischt den besseren Start
Für die Union lief die erste Phase des Kriegs auf dem östlichen Schauplatz nicht gut. Während auf Seiten des Südens General Robert Edward Lee zum überragenden Truppenführer aufstieg, stürzten die zaudernden Unionsgeneräle Präsident Lincoln wiederholt in tiefe Verzweiflung.
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von KLAUS-JÜRGEN BREMM
Das 21. Illinois war eines von vier Regimentern, die der an die Großen Seen grenzende Heimatstaat von Präsident Abraham Lincoln zu Beginn des Bürgerkrieges aufgeboten hatte. Wie in jedem der zahllosen Verbände, die nach der Beschießung von Fort Sumter am 11.April 1861 in allen in der Union verbliebenen Staaten aus dem Boden gestampft worden waren, verteilten sich auch die Freiwilligen des 21.Regiments auf zehn Kompanien zu je 100 Mann. Die Offiziere waren in der Mehrheit in guter republikanischer Tradition von ihren Soldaten gewählt worden, die Regimentskommandeure hatte Gouverneur Richard Yates ernannt, ein enger Unterstützer Präsident Lincolns und entschiedener Gegner der Sezession.
Die Männer, die dem Aufruf des Präsidenten zu den Fahnen anfangs begeistert gefolgt waren, besaßen, selbst wenn sie zuvor in einer Miliz gedient hatten, kaum militärische Erfahrung und oft nicht einmal Waffen oder Ausrüstung. Noch fehlte der Union eine leistungsfähige Kriegsproduktion, und die in Springfield in Massachusetts beheimatete nationale Waffenfabrik hatte vorerst nur einen Jahresausstoß von 20000 modernen Gewehren.
Als der Sommer kam und mit ihm das Ende ihrer dreimonatigen Dienstpflicht, wären viele der Freiwilligen allzu gern wieder zu ihren Familien zurückgekehrt. Den beiden Kongress-Abgeordneten von Illinois, John McClernand und John Logan, glückte es jedoch mit einigen begeisternden Ansprachen, die meisten Heimkehrwilligen zu einer Verlängerung ihrer Dienstzeit auf nunmehr drei Jahre zu bewegen. Schließlich könne man nicht nach Hause gehen, ohne zuvor einem einzigen Feind begegnet zu sein, lautete das Hauptargument der beiden aus Washington herbeigeeilten Politiker.
Nachdenklichere Gemüter unter den Soldaten sahen auch durch die Sezession die Union und das Erbe der großen Revolution bedroht und empfanden das Beschießen der US-Flagge über Fort Sumter als bestrafungswürdigen Frevel.
Mitte Juli 1861 schien nach Wochen monotonen Drills der echte Krieg für die jungen Männer des 21.Regiments aus Illinois endlich zu beginnen. Das Regiment setzte mit einem Dampfboot über den Mississippi und drang in den Nachbarstaat Missouri ein, der zwischen Nord und Süd heftig umstritten war. Ein Verband konföderierter Kavallerie unter General Thomas Alexander Harris sollte in der Nähe des kleinen Ortes Florida im Monroe County, das einmal als Geburtsstätte des Dichters Mark Twain eine gewisse Prominenz erlangen würde, ein Lager bezogen haben.
Nachdem die Männer bald einen ganzen Tag lang vorbei an verlassenen Ortschaften und Farmen gezogen waren, ohne dass sich auch nur ein einziger Rebell gezeigt hatte, machte sich eine immer größere Beklommenheit unter ihnen breit. Längst waren die Scherzworte und Witze über ihren neuen Regimentskommandeur und dessen verschlissenen Militärmantel verstummt. Hätten die Soldaten geahnt, dass in diesem Moment ihr einsilbiger Oberst wie sie selbst alles dafür gegeben haben würde, wieder zurück in Illinois zu sein, wären sie vermutlich sogleich alle umgekehrt und hätten den seltsamen Mann an ihrer Spitze allein die jetzt vor ihnen liegenden Hügel ersteigen lassen.
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Furcht auf beiden Seiten bei der ersten Konfrontation
Doch ebenso wie ihrem kommandierenden Offizier fehlte ihnen der praktische Mut, ihren Marsch einfach abzubrechen. So erstiegen sie langsam und mit klopfenden Herzen die Anhöhen, hinter denen, wie sie mit jedem Schritt mehr überzeugt waren, ein entschlossener Gegner auf sie warten würde. Doch statt auf die gefürchteten Rebellen stießen die Unionssoldaten auf ein in einer Senke gelegenes konföderiertes Lager, das von seiner Besatzung fluchtartig verlassen worden war. In seinen Kriegsmemoiren erinnerte sich der Regimentskommandeur an die Erleichterung, die alle erfasste: „Mein Herz nahm wieder seinen rechten Platz ein. Mir wurde plötzlich klar, dass Harris vor mir genauso viel Angst gehabt hatte wie ich vor ihm. Der Gegner hatte genauso viel Anlass, sich vor meinen Truppen zu fürchten, wie ich vor seinen. Dies war ein Punkt, den ich bisher nie erwogen hatte. Es war eine wertvolle Lektion.“
Ulysses S. Grant, der zitierte Kommandeur, sollte sie in den noch folgenden vier blutigen Kriegsjahren nie wieder vergessen. Der 41-jährige Veteran aus der Kleinstadt Galena im äußersten Nordwesten des Staates war mit seiner Ausbildung in West Point und der Teilnahme am Mexikanischen Krieg eine Ausnahme unter den Offizieren seines Regiments. Die meisten seiner Kompanie- und Zugführer waren Freiwillige, die vor dem Krieg respektable Positionen in Politik, Justiz oder Geschäftswelt erreicht hatten und sich von ihrem Militärdienst einen Prestigegewinn versprachen. Wie ihre Soldaten waren sie Amateure, und die Armeen, die beide Seiten in den ersten Kriegsmonaten ins Feld stellten, waren Amateurarmeen.
Zwar verfügten die Vereinigten Staaten vor 1861 auch über ein professionelles Heer. Doch die Mehrheit dieser bescheidenen Streitmacht von 16 000 Mann verblieb auch nach Kriegsausbruch in ihren knapp 70 Garnisonen im Westen oder behauptete weiterhin die Unionsfestungen vor den Küsten des Landes. Die wenigen Dutzend Leutnante, die jährlich an der 1802 gegründeten Kaderschmiede West Point oberhalb des Hudson River ihre vierjährige Ausbildung abschlossen, hatten für diese bescheidene Streitmacht vollkommen genügt. Den nach der Sezession eingetretenen Bedarf an Zugführern, Kompaniechefs und Regimentskommandeuren der bald entstehenden Massenarmeen konnten sie jedoch nicht einmal ansatzweise decken, zumal auch ein Drittel der jungen Offiziere inzwischen auf die Seite ihrer konföderierten Heimatstaaten gewechselt war.
Männer mit einem Abschluss in West Point konnten unter diesen Umständen rasch Karriere machen und wie Grant, der bis dahin als Zivilist ohne geschäftlichen Erfolg geblieben war und sogar als verkrachte Existenz galt, bis zum General aufsteigen. Viele, die wie der Mann aus Galena in den Jahren zuvor den Militärdienst quittiert hatten, wurden nun zum Rückgrat der Unionsarmee. Der erst 35-jährige George McClellan, Zweitbester des Jahrgangs 1846 und inzwischen Präsident der Ohio Mississippi Railroad, schuf mit seinem außergewöhnlichen Organisationstalent die Potomac-Armee, mit der Grant später die Kapitulation des Südens erzwingen sollte.
Als ebenso effektiver Organisator erwies sich der aus Georgia stammende Montgomery Meigs, Absolvent der West-Point-Klasse von 1836, Pionieroffizier und Erbauer des Washingtoner Kapitols, der als Generalquartiermeister die gesamte Logistik der Union einschließlich der Uniformproduktion revolutionierte. Auf der Gegenseite war es der 55-jährige Leonidas Polk, der 1827 als Achter in einer Klasse von 38 Kadetten sein Offizierspatent erworben hatte, danach aber jahrelang als Bischof der episkopalen Kirche von Louisiana vorgestanden hatte und jetzt im Rang eines Generalmajors in die konföderierte Armee eintrat. Polk sollte jedoch nicht die in ihn gesetzten hohen Erwartungen erfüllen. Er kämpfte bei Columbus und Shiloh gegen Grant und kam drei Jahre später vor den Toren von Atlanta durch eine Artilleriegranate ums Leben.
Mit seinen fast 75 Jahren und einer Dienstzeit von mehr als einem halben Jahrhundert galt der aus Virginia stammende Generalmajor Winfield Scott im ganzen Land als eine militärische Institution. Seit dem Krieg von 1812 bis 1814 gegen Großbritannien hatte der eifrige Autodidakt und profunde Kenner der europäischen Militärgeschichte an jedem bewaffneten Konflikt der Vereinigten Staaten teilgenommen und war im Krieg gegen Mexiko an der Spitze seiner Division bis nach Mexiko City gestürmt.
Doch inzwischen war der hünenhafte General zu alt und kämpfte mit Übergewicht, ein bedeutendes Feldkommando kam für ihn nicht mehr in Frage. Ohnehin versprach sich Scott, der in diesen ersten Monaten nach der Sezession als Oberbefehlshaber der Armee der wichtigste Berater des Präsidenten war, von einem großen Kriegszug gegen den Süden nur wenig. Selbst wenn es irgendwann gelang, das riesige Gebiet von der Größe des europäischen Russland unter militärische Kontrolle zu bringen, wären die Zerstörungen gewaltig, und der Hass selbst der noch loyalen Bewohner des Südens würde die Wiederherstellung der Union erheblich erschweren. Die Kosten der Besatzung und des Wiederaufbaus drohten zudem zu einer jahrelangen Belastung der Staatskasse zu werden.
„Anakonda-Plan“: den Süden vom Weltmarkt abschneiden
Bessere Chancen würde nach Scotts Überzeugung ein Wirtschaftskrieg gegen die Konföderation haben, der einen erheblich geringeren Truppeneinsatz erforderte. Mit Hilfe ihrer überlegenen Flotte könnte die Union nicht nur sämtliche Häfen des Südens wirksam blockieren, sondern mit gezielten Schlägen auch die Kontrolle über den Mississippi erringen. So ließe sich der industriearme Gegner nicht allein von den dringend benötigten Zufuhren aus Europa abschneiden, auch der Export von Baumwolle, der die Grundlage des Reichtums der rebellischen Pflanzer-Aristokratie war, würde damit unterbunden. Somit auf sich allein gestellt, müsse die Widerstandskraft des Südens irgendwann erlahmen.
Die Presse im Norden betrachtete Scotts Strategie jedoch mit Skepsis und verhöhnte sie als „Anakonda-Plan“. Schon Napoleon sei damit gegen England gescheitert, und überhaupt würde die völlige Abschnürung des Südens zu viel Zeit beanspruchen. Kaum jemand in Washington, auf dessen Straßen und Plätzen seit Wochen die aus allen Teilen der Union herbeiströmenden Regimenter biwakierten, rechnete jedoch mit einem langen Krieg.
Zu diesem Optimismus trug die Tatsache bei, dass es inzwischen unweit Washingtons ein höchst lohnendes Ziel gab. Erst wenige Woche zuvor hatte die Konföderation ihren Regierungssitz von Montgomery in Alabama nach Richmond verlegt, das nur 150 Kilometer von Washington entfernt war. Am 20. Juli sollte der Kongress der Südstaaten in der Hauptstadt Virginias unter Leitung ihres Präsidenten Jefferson Davis, eines West-Point-Absolventen und ehemaligen Kriegsministers der Union, zu seiner ersten Sitzung zusammentreten.
Nach Meinung von Horace Greeley, des einflussreichen Herausgebers der „New York Tribune“, musste dies unbedingt verhindert werden. Der Kongress der Rebellen dürfe niemals stattfinden, und die Stadt müsse vorher von der Union besetzt sein. „Auf nach Richmond!“, titelte daher seine Zeitung siegesgewiss am 26. Juni 1861.
Auch Lincoln sah angesichts der inzwischen in Washington verfügbaren 35000 Mann keinen Grund, sich der auf eine Aktion dringenden Öffentlichkeit noch länger zu widersetzen. Die Sache sei wohl einen Versuch wert, erklärte der Präsident seinem Kabinett, dessen Mitglieder ebenfalls noch vor einem längeren Konflikt zurückschreckten. Die Einnahme von Richmond könne vielleicht schon die Rebellion beenden, wäre aber in jedem Fall ein harter Schlag für den Süden. Scotts Plan könne man immer noch verfolgen.
Der Befehlshaber der in der Hauptstadt versammelten Truppen, Irvin McDowell, ein Veteran des Krieges gegen Mexiko und Vertrauter Winfield Scotts, meldete vergeblich seine Einwände. Dass die Männer für eine größere Schlacht noch nicht genügend ausgebildet seien, wollte Lincoln nicht gelten lassen. Es sei wahr, dass ihre Soldaten noch grün seien, beschied er dem skeptischen General, aber die anderen seien es auch.
Der Präsident lag damit nicht falsch. Selbst für unerfahrene Truppen schien die Aufgabe lösbar. Auf der Gegenseite hatte sich eine konföderierte Armee von kaum 20000 Mann etwa 30 Kilometer von Washington entfernt südlich des Bull Run, eines rechten Nebenarms des Potomac, bei dem Eisenbahnknotenpunkt Manassas versammelt. Sie stand unter dem Befehl des 43-jährigen Generals Pierre Gustave T. Beauregard aus Louisiana, der im April auch das Bombardement von Fort Sumter im Hafen von Charleston geleitet hatte. 1838 hatte er seine Ausbildung in West Point als Zweitbester seines Jahrgangs abgeschlossen. Einer seiner damaligen Klassenkameraden war sein zukünftiger Gegner Irvin McDowell gewesen. Beauregards Truppen besaßen wie die Soldaten auf Seiten der Union kaum Gefechtserfahrung. Eine Schlacht mit geschlossenen Formationen nach dem Muster der europäischen Armeen musste beide Parteien zunächst vor unlösbare Probleme stellen.
Die meisten Rebellensoldaten kamen aus den alten Staatsmilizen oder den neuen Schützenvereinigungen, die erst zwei Jahre zuvor nach dem gescheiterten Anschlag von John Brown auf das Bundeszeughaus in Harper’s Ferry überall im Süden entstanden waren. Die Furcht vor einer Invasion der Nordstaatler war seither weit verbreitet, und ein später in Gefangenschaft geratener Rebellensoldat gab wohl die Überzeugung der meisten seiner Kameraden wieder, als er auf die Frage, weshalb er gegen die Union kämpfe, antwortete: „Weil ihr hier seid“.
Obwohl es der Konföderation zu Beginn des Krieges geglückt war, einige Bundeszeughäuser (Arsenale) zu besetzen, war die Ausbeute bescheiden, und die darin gelagerten Waffen waren großenteils veraltet. Wie zu Zeiten Napoleons mussten die Soldaten des Südens mit glattläufigen Vorderladern in ihre ersten Schlachten ziehen. Erst nach und nach wurden die alten Musketen umgearbeitet, so dass sich mit ihnen auch das neue Geschoss des Franzosen Claude Étienne Minié (1804–1879) verschießen ließ. Es wurde zwar wie bisher von vorne in den Lauf eingebracht, verbreiterte sich jedoch durch den Druck der Pulverladung und passte sich somit den jetzt im Innern des Rohrs eingefrästen spiralförmigen Rillen (gezogener Lauf) an. Der dadurch bewirkte Geschossdrall ermöglichte es den Schützen, erheblich weiter und genauer zu schießen.
An Truppen fehlte es dem Süden vorerst nicht. Schon einen Monat vor Lincolns Aufruf hatte die Konföderation im März 1861 beschlossen, eine Armee von 100000 Soldaten aufzustellen. Da die Zahl der Freiwilligen wie auf Seiten der Union den Bedarf weit überschritt, konnte die Regierung von Präsident Davis vorerst auf eine allgemeine Dienstpflicht verzichten.
Einen klaren Vorteil besaß der Süden hinsichtlich der Offizierausbildung. Im Gegensatz zum Norden verfügte die Konföderation mit dem 1839 gegründeten Virginia Military Institute (VMI) und der South Carolina Military Academy in Charleston, die von ihren Schülern The Citadel genannt wurde, über zwei private militärische Ausbildungseinrichtungen von hoher Qualität. Allein das VMI hatte bis zum Kriegsausbruch insgesamt 455 Absolventen verabschiedet. Zusammen mit den rund 1500 ehemaligen Angehörigen ohne Abschluss stellte das Institut bei Kriegsbeginn immerhin ein Drittel aller Offiziere in den vom Staat Virginia aufgebotenen Regimentern.
Wie der Union gelang es auch der Führung des Südens nicht, eine konsistente Strategie durchzusetzen. Die gewaltige Größe der Konföderation, die zugleich nur an wenigen Stellen angegriffen werden konnte, machte eine Eroberung fast unmöglich. Mit den verfügbaren Kräften wäre wohl eine dauerhafte Verteidigung ihres Kerngebiets möglich gewesen. Der Süden konnte den Krieg einfach dadurch gewinnen, dass er ihn nicht verlor.
Doch die Regierung in Richmond, die selbst keine Armee besaß, sondern sich auf die Regimenter der Einzelstaaten stützen musste, konnte die Interessen der Grenzregionen nicht ignorieren. Eine Strategie des Ausweichens bei überraschenden Gegenschlägen, wie sie George Washington im Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten mit Erfolg betrieben hatte, schien jetzt kaum wiederholbar. Gouverneure und Kongressabgeordnete wollten eine Besetzung ihrer Staaten durch Lincolns „abolitionistische Horden“ um jeden Preis verhindern. Somit musste die Konföderation für die Verteidigung unhaltbarer Gebiete ihre Truppen verzetteln, was später vor allem im Westen zu einer Reihe folgenschwerer Niederlagen führte.
Die Schlacht am Bull Run führt zu Ernüchterung in Washington
Auf dem östlichen Kriegsschauplatz entwickelte sich die Lage für den Süden jedoch zunächst günstiger. Anfang Juli 1861 hatte sich in Washington General McDowell, von Präsident Lincoln wiederholt gedrängt, endlich entschlossen, mit seiner Armee nach Süden zu ziehen. Am 16. Juli brachen die Unionsregimenter unter dem Jubel der Bewohner aus der Hauptstadt auf. Zwar glaubte der General nicht, Richmond erreichen zu können, wohl aber schien ein Erfolg gegen die numerisch unterlegene Rebellenarmee bei Manassas durchaus möglich.
Schon der erste Marschtag bestätigte McDowells Skepsis. In der Hitze kamen seine Soldaten kaum voran, es fehlte auch an Zugmitteln und Verpflegung. Erst am 20. Juli erreichte die Spitze seiner Armee das kleine Örtchen Centreville etwa fünf Kilometer östlich der konföderierten Stellungen entlang dem Bull Run. McDowell hatte sich entschlossen, seine Truppen aufzuspalten. Während der kleinere Teil seiner Armee die Konföderierten frontal angreifen und binden sollte, hatte sein rechter Flügel mit 10000 Mann das im Sommer seichte Flüsschen weiter nördlich zu durchwaten und den Gegner in seiner Flanke anzugreifen.
Die Überraschung schien vollkommen. Zu spät hatte Beauregard die Gefahr auf seinem zurückweichenden rechten Flügel erkannt und begonnen, Kräfte aus dem Zentrum nach Norden zu dirigieren. Allein die Tatsache, dass McDowells überraschend gut kämpfende Truppen im Lauf des Gefechts durcheinandergeraten waren und Reserven zu ihrer Unterstützung ausblieben, rettete an diesem Tag den Süden vor einer Niederlage.
Als am Nachmittag General Joseph Eggleston Johnstons Armee mit der Bahn aus dem Shenandoahtal direkt auf dem Schlachtfeld eintraf, wendete sich endgültig das Blatt. Der Gegenangriff der Konföderierten ließ McDowells Armee auseinanderbrechen. Obwohl nur ein Teil seiner Truppen gekämpft hatte, ergriffen die meisten panikartig die Flucht und waren selbst unter Schusswaffenandrohung nicht mehr zum Stehen zu bringen. Fast 500 tote Unionssoldaten bedeckten am Abend das Schlachtfeld, doppelt so hoch war die Zahl der Verwundeten. Zudem hatten sich 1200 Männer dem Gegner ergeben. Auch die Sieger hatten fast 2000 Tote und Verwundete zu beklagen.
Für eine energische Verfolgung der geschlagenen Yankees waren Beauregards und Johnstons Truppen jedoch zu erschöpft und inzwischen auch zu ungeordnet. Immerhin hatte die Schlacht von Manassas, wie der Süden das Kampffeld seither bezeichnete (im Norden hielt sich der Name Bull Run), die Rebellen in ihrem alten Überlegenheitsgefühl bestärkt. Sämtliche Vorurteile über die ehrlosen Yankees schienen durch die Massenflucht bestätigt. Der Kongress-Delegierte Thomas Reade Cobb aus Georgia glaubte, Manassas sei einer der entscheidendsten Siege der Kriegsgeschichte. Edmund Ruffin aus Virginia, einer der zentralen Protagonisten der Sezession, der auch den ersten Schuss auf Fort Sumter gefeuert hatte, betrachtete nach dieser Schlacht sogar den Krieg bereits als beendet.
Niemals wieder würden sich die Truppen der Union mehr als eine Kanonenschussweite von Washington entfernen, prognostizierte selbstbewusst der „Mobile Register“, während auf der Gegenseite Horace Greeley nach einer Woche des betretenen Schweigens sich in einem Brief an Lincoln wandte. Kleinmütig empfahl er jetzt dem Präsidenten, wenn es dem Wohl des Landes und der Menschheit diene, einen Frieden mit dem Süden selbst zu dessen Bedingungen zu schließen.
General Robert Edward Lee: begnadeter Truppenführer des Südens
Wider Erwarten hatte ihre Anfangsniederlage am Bull Run die Entschlossenheit der Union zur Niederwerfung der Rebellion eher noch gestärkt. Durch die Ablösung McDowells und die Ernennung von George McClellan zum neuen Oberbefehlshaber hoffte Lincoln, der Kriegführung der Union endlich den entscheidenden Schwung zu verleihen. Wegen seiner brillanten Laufbahn als Offizier und Eisenbahnmanager schien der aus Philadelphia stammende General, der inzwischen einige kleinere Siege im Shenandoahtal erfochten hatte, genau die richtige Wahl.
Der 35-jährige McClellan, von seinen Kritikern auch gerne als „kleiner Napoleon“ bespöttelt, erwies sich zunächst als überaus fähiger Organisator. Aus den am Bull Run geschlagenen Regimentern formte er binnen weniger Monate erstmals eine echte Streitmacht: die Potomac-Armee. Es fehlte McClellan jedoch der Biss, sein neues Instrument auch gegen den immer noch bei Manassas stehenden Feind einzusetzen. Als geschickter Motivator war es ihm zwar gelungen, seinen Männern neues Selbstvertrauen zu geben und sie die jüngste Niederlage vergessen zu lassen. Niemand hatte jedoch dem General selbst die Furcht vor der konföderierten Armee genommen, deren Stärke er aufgrund falscher Agentenmeldungen mit bis zu 100000 Mann viel zu hoch einschätzte.
So verstrich Woche um Woche, und schließlich trat der Winter ein, ohne dass sich die Unionsarmee noch einmal zum Marsch nach Richmond aufgemacht hätte.
McClellan überraschte den Präsidenten schließlich mit einem vollkommen neuen Plan. Der General wollte nunmehr seine inzwischen auf über 100 000 Mann angewachsene Streitmacht mit einer Flotte von 400 Schiffen zum Fort Monroe auf der Spitze der Halbinsel Virginia befördern, um von Osten aus auf Richmond vorzurücken. Lincoln stimmte dem verwegenen Plan unter der Bedingung zu, dass 30 000 Mann unter Irvin McDowell zum Schutz der Hauptstadt zurückblieben. Dieses Korps sollte eine vorgeschobene Position bei Fredericksburg einnehmen und gegebenenfalls die um Richmond versammelten konföderierten Truppen im Rücken fassen.
Schnell und entschlossen ausgeführt, hätte McClellans Zangenangriff den Gegner wohl in die Knie zwingen können. Als McClellan endlich am 5.April 1862 mit seinen Truppen nördlich von Fort Monroe an Land ging, trennten ihn keine 80 Kilometer von der Hauptstadt der Konföderation. Die Lage des Südens war inzwischen mehr als kritisch, und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht wurde in den Rebellenstaaten bereits heftig debattiert.
Erst zwei Monate zuvor war es General Grant gelungen, zwei wichtige Forts der Konföderation am Tennessee und am Cumberland River einzunehmen und weiter zum Mississippi vorzurücken, während vor New Orleans ein starkes Unionsgeschwader unter Admiral David Glasgow Farragut kreuzte. Am 24.April 1862 durchbrachen schließlich seine Panzerschiffe das Sperrfeuer der die Stadt schützenden Forts und brachten den südlichen Abschnitt des Mississippi unter die Kontrolle der Union. Die Lebensader des Südens war damit unterbrochen, und Scotts „Anakonda-Plan“ nahm bereits deutlich Gestalt an.
Zur selben Zeit bereitete sich in Richmond die Regierung von Jefferson Davis auf eine Evakuierung vor. Mehr als ein bescheidenes Korps von 11 000 Mann hatte die Konföderation zunächst nicht gegen McClellans riesige Armee aufbieten können. Allerdings stand dem Süden dieses Mal das Glück zur Seite. Indem sich die Rebellen in einem befestigten Lager bei Yorktown verschanzten, dem Schauplatz des entscheidenden amerikanischen Sieges im Unabhängigkeitskrieg, verleiteten sie McClellan zu einem Anfängerfehler. Anstatt die Konföderierten mit einem kleinen Teil seiner Kräfte zu isolieren und mit der Masse sofort auf Richmond vorzurücken, vertat der Unionsgeneral mehrere Wochen mit der Beschießung der gegnerischen Stellungen.
Bei Williamsburg sollte er diesen fatalen Fehler kurz darauf wiederholen. Als die Unionsarmee nach einem verregneten Mai endlich vor der Hauptstadt des Südens eintraf, hatte sich der Gegner längst entscheidend verstärken können. Fast 75000 Mann hatte die Konföderation von allen Fronten aufgeboten und sie dem 55-jährigen Joseph Eggleston Johnston unterstellt. Der General war nicht die beste Wahl, denn der gebürtige Virginier lag wegen einer rangmäßigen Zurücksetzung immer noch im Streit mit Präsident Davis. Ein Sieg vor den Toren der Hauptstadt schien darauf die richtige Antwort.
Johnston hatte zwar erkannt, dass der linke Flügel des Gegners bei Seven Pines durch den östlich von Richmond verlaufenden Chickahominey, einen Nebenfluss des James River, vom Rest der Unionsarmee getrennt war. Als er jedoch den isolierten Gegner am 31.Mai mit überlegenen Kräften angriff, schien alles schiefzugehen. Unklare oder gar ausbleibende Befehle verursachten Verzögerungen beim Anmarsch, und der Umstand, dass es doch einem Unionskorps glückte, den vom Regen angeschwollenen Fluss zu überqueren, verhinderten den erhofften Erfolg. Jede Seite kostete der blutige Tag 5000 Mann. Für Johnston endete der Krieg vorerst, als er gegen Abend schwer verwundet vom Gefechtsfeld getragen werden musste.
Präsident Davis hatte nun wenigstens freie Bahn, den von ihm favorisierten Robert Edward Lee zum neuen Oberbefehlshaber aller konföderierten Truppen in Virginia zu ernennen. Der aus einer hochangesehenen Familie des Staates stammende Lee war vor dem Krieg einer der renommiertesten Offiziere der Union gewesen, und der alte Scott hatte ihm sogar den Oberbefehl über die Unionstruppen angeboten. Obwohl Lee die Sezession nicht billigte, war der 54-jährige Aristokrat auf die Seite des Südens getreten, da er nicht gegen seinen Heimatstaat kämpfen wollte. Ein hohes Frontkommando war ihm allerdings bis dahin versagt geblieben.
Der Kommentar des Unionsgenerals McClellan über seinen neuen Gegner war wenig schmeichelhaft. „Lee ist zu vorsichtig und schwach, wenn es um große Verantwortung geht – er ist persönlich mutig und energisch bis zu einem gewissen Grad, aber es fehlt ihm an moralischer Festigkeit, wenn er von schwerer Verantwortung bedrängt wird, und er ist wahrscheinlich zaghaft und unentschlossen im Handeln.“ Rückblickend wirkt diese Charakterstudie freilich eher wie eine Selbstbeschreibung.
Dass der neue Befehlshaber der konföderierten Armee sich zunächst darauf beschränkte, die Feldstellungen seiner Truppen vor Richmond auszubauen, schien McClellans geringschätziges Urteil sogar zu bestätigen. Tatsächlich aber hatte Lee bereits einen wichtigen Schachzug eingeleitet, um zunächst die Bedrohung im Rücken seiner Armee zu beseitigen. Vor Fredericksburg stand immer noch General McDowell mit seinen 30 000 Mann. Als jedoch in West Virginia ein kleines konföderiertes Korps durch eine Serie geschickter Manöver und harter, überraschender Schläge weit überlegene Unionstruppen aus dem Shenandoahtal vertreiben konnte und bereits Washington bedrohte, beorderte Lincoln aus wachsender Sorge McDowells Korps von Fredericksburg zurück an den Potomac.
Der Südstaaten-General, der dieses militärische Wunder vollbracht hatte, war Thomas Jackson. Der ehemalige Lehrer am Virginia Military Institute hatte sich schon im Vorjahr bei Manassas ausgezeichnet, als er mit seiner Brigade am Vormittag den anfänglichen Rückzug der Konföderierten aufhielt. Seitdem wurde der erst 37-jährige General im ganzen Heer „Stonewall“ Jackson genannt, da er für den Gegner eine unüberwindliche Mauer darstellte, und jeder seiner Soldaten war stolz, der Stonewall-Brigade anzugehören. Menschlich war Jackson schwierig, und als Hypochonder zog er vielfach Spott auf sich, doch er galt als genialer Truppenführer. Ohne diesen seltsamen schroffen Offizier hätte Lee die Erfolge des kommenden Jahres niemals erringen können.
Nach McDowells Rückzug auf Washington sah der neue Oberbefehlshaber den Zeitpunkt für seine Gegenoffensive gekommen. Unter Zurücklassung nur schwacher Kräfte vor Richmond warf sich Lee mit der Masse seiner Armee am 25. Juni auf McClellans rechten Flügel bei Mechanicsville. Dass ausgerechnet Jackson an diesem Tag mit seinem Korps verspätet eintraf, rettete die Unionsarmee vor einer schweren Niederlage. Schon tags darauf erneuerte Lee seine Angriffe und hätte am 27. Juni bei Gaines Mill beinahe einen Durchbruch erzielt. Ausbleibende Verstärkungen und ein schwer passierbares Sumpfgelände retteten jedoch den Gegner.
McClellan schien durch den unerwarteten Umschwung vollkommen überfordert. Seit seinem Eintreffen vor Richmond hatte er sich meist passiv verhalten und selbst dann nicht angegriffen, als klarwurde, dass Lee seinen linken Flügel vor Richmond fast völlig entblößt hatte. Damit hatte der Unionsgeneral dem Gegner die Initiative überlassen, und der Südstaaten-Befehlshaber gab sie nicht mehr her. In einer Reihe heftiger Gefechte, die später als Siebentageschlacht bezeichnet wurden, drängte Lee die Potomac-Armee Anfang Juli auf ihre Basis bei Harrison’s Landing am James River zurück.
Noch waren Lees Stab und seine Befehlshaber kein eingespieltes Team. Die vielen schlecht koordinierten Angriffe hatten die Konföderation in nur einer Woche fast 20000 Mann gekostet, mehr als das Doppelte der gegnerischen Verluste. Taktisch war Lee die angestrebte Zerschlagung der Potomac-Armee nicht geglückt, in strategischer Hinsicht aber war das wenig rühmliche Ende des Halbinsel-Feldzugs eine Katastrophe für die Union. Alle Erfolge im Westen waren damit zunichtegemacht, und die Konföderation schien stärker denn je. Lee war der Mann der Stunde. Die Zeitung „Richmond Whig“ sprach begeistert vom immerwährenden Dank, den das Land seinem brillanten Heerführer schulde.
Präsident Lincoln muss seine Generäle zum Handeln drängen
Auf der Gegenseite verzweifelte Lincoln einmal mehr an seinem in so vielerlei Hinsicht talentierten Oberbefehlshaber, der jedoch einfach nicht kämpfen wollte. McClellan machte dagegen in maßloser Selbstgerechtigkeit den Präsidenten und dessen wiederholte Weigerung, ihm die geforderten Verstärkungen zu schicken, für das Unionsdesaster verantwortlich.
Zunächst schien der aus dem Westen kommende General John Pope ein geeigneter Kandidat für die Nachfolge des entzauberten „kleinen Napoleons“. Pope übernahm das Kommando über McDowells Korps und die aus dem Shenandoahtal vertriebenen Unionstruppen. Selbstbewusst verbreitete der Neue überall, dass man im Westen nur an die Offensive glaube, nicht jedoch an starke Stellungen. Bisher habe man dort nur die Rücken der Rebellen gesehen. Um seinen starken Worten auch Taten folgen zu lassen, griff er Ende August 1862 mit seinen 50 000 Mann General Jacksons nur halb so starkes Korps an, das sich auf dem alten Schlachtfeld von Manassas hinter einem Eisenbahndamm verschanzt hatte.
Lee ließ General James Longstreets Korps, das in Eilmärschen von der Halbinsel herangerückt war, in Popes Rücken angreifen. Ein zweites Mal musste sich die Unionsarmee darauf nach zweitägigem Kampf fluchtartig auf Washington zurückziehen. Die Verluste auf beiden Seiten lagen jetzt um das Zehnfache höher als in der ersten Schlacht. Pope hatte 16000 Mann verloren und musste für die Niederlage mit dem Ende seiner Karriere büßen. Lincoln versetzte ihn an die Nordwestgrenze. Nach dem Scheitern des Halbinsel-Feldzugs und dem neuerlichen Desaster am Bull Run sah der Rechtsanwalt George Templeton Strong aus New York die Stimmung im Norden auf einem Tiefpunkt und notierte in seinem Tagebuch, dass jetzt überall große Unzufriedenheit mit der Regierung herrsche.
Virginia war dank Lees klarem Sieg gesichert, und der Gedanke lag nahe, in die Offensive zu gehen. Maryland hatte vor der Sezession zu den Sklavenhalter-Staaten gehört, war aber der Union treu geblieben. Ein Sieg auf dem Boden des Nordens könnte dies vielleicht ändern. Die Regimentskapellen spielten „Maryland, My Maryland“, als Lees Armee, die inzwischen den Namen „Army of Northern Virginia“ trug, am 5.September 1862 mit 55000 Mann den Potomac westlich von Harper’s Ferry überschritt.
Selbst wenn sich die Hoffnung des Südens auf einen Abfall von Maryland nicht erfüllten, würden sich, so Lees Kalkül, seine Truppen wenigstens auf dem Gebiet der Union versorgen können. Überdies musste ein erfolgreicher Feldzug der Südstaaten-Armee auf gegnerischem Territorium die Chancen einer diplomatischen Anerkennung durch die europäischen Großmächte erhöhen.
Die hochgespannten Hoffnungen des Südens erwiesen sich jedoch als Luftschlösser. Der Anblick von Lees abgerissenen, hungernden und oft barfuß marschierenden Truppen hielt selbst die whlwollenden Bewohner von Maryland ab, sich der Sache des Südens anzuschließen. Überdies reagierte McClellan dieses Mal schneller als erwartet. Ein nachlässiger Südstaaten-Offizier hatte seinen Zigarrenvorrat in einen von Lees Marschbefehlen eingewickelt. Als das brisante Paket in die Hände einer Unionsstreife fiel, wusste die Gegenseite, dass die Konföderierten ihre Truppen in drei Kolonnen geteilt hatten. McClellan ergriff die Chance, den Gegner getrennt zu schlagen, und attackierte Lees geschwächte Streitmacht mit 60000 Mann am 16.September bei Sharpsburg. Obwohl Lee zunächst nur die Hälfte an Truppen aufbieten konnte, vermochte er in einer der härtesten Schlachten des Bürgerkrieges, seine Stellungen am Antietam-Fluss einen ganzen Tag zu halten. Nach einem Verlust von 15000 Mann musste er jedoch bei Einbruch der Nacht mit dem Rest seiner Truppen zurück über den Potomac ziehen.
Immerhin profitierte er davon, dass McClellan nach den herben Verlusten des Tages wieder in seine alte Furchtsamkeit verfallen war und auf eine scharfe Verfolgung verzichtete. Lincoln war außer sich und setzte den passiv in seinen Stellungen verharrenden General wenige Wochen später ab.
Die Schlacht am Antietam betrachtete der Präsident jedoch als Sieg, der ihm endlich Gelegenheit gab, die bereits vorbereitete Emanzipation der Sklaven in den Rebellenstaaten zu proklamieren. Die alten Vereinigten Staaten hatten damit endgültig aufgehört zu bestehen. Das Kriegsziel des Nordens bestand seither in der Errichtung einer neuen Union, in der das Versprechen der Freiheit für alle gelten sollte.
Bei Fredericksburg offenbart die Unionsarmee taktische Schwächen
Der neue Mann an der Spitze der Potomac-Armee schien alles andere als ein idealer Kandidat zu sein. Ambrose Burnside hatte sich keineswegs um die neue Position bemüht und fühlte sich vom Präsidenten überschätzt. Als Befehlshaber eines Unionskorps’ hatte er am Antietam zu lange gezögert, das Gewässer an einer geeigneten Stelle zu durchwaten, und sich stattdessen auf einen stundenlangen Kampf um eine Steinbrücke eingelassen, die deswegen bald darauf seinen Namen erhielt.
Der erst 38-jährige General, der später allein dank seiner markanten Barttracht eine gewisse Prominenz erlangen würde, empfand die von Lincoln und der gesamten Union an ihn gerichteten Erwartungen als quälende Last. Burnside wusste, dass der bevorstehende Winter nicht ohne eine ernsthafte Offensive gegen die Konföderation verstreichen durfte. Sein Plan zum bereits dritten Versuch, auf Richmond vorzustoßen, besaß auch durchaus Erfolgschancen. Anstatt über Manassas wollte der Unionsgeneral mit seiner Armee von 110000 Mann dieses Mal weiter südlich den Rappahannock bei Fredericksburg überwinden. Rasch ausgeführt, hätte dieses Vorhaben Lees Armee tatsächlich ausmanövrieren können. Unklare Befehle und bürokratische Verwirrung führten jedoch dazu, dass die Armee bei ihrem Eintreffen am Rappahannock nicht das benötigte Brückenmaterial vorfand.
Da Burnside es auch versäumte, sogleich Truppen mit Booten über den Fluss zu bringen und zumindest die Marye’s Heights oberhalb von Fredericksburg zu besetzen, hatte Lee alle Zeit, seine Truppen auf diesen beherrschenden Höhen in Stellung zu bringen. Als endlich am 11.Dezember 1862 Unionspioniere mit dem Bau der Pontonbrücken beginnen konnten, war bereits klar, dass die Erstürmung der konföderierten Stellungen über ein deckungsloses Gelände von fast 1000 Metern kaum Aussicht auf Erfolg besaß. Burnside durfte jedoch nicht wochenlang tatenlos am Rappahannock stehenbleiben. Es blieb ihm nur der Angriff. Um die Konföderierten auf den Marye’s Heights wenigstens zu schwächen, sollte eines seiner Korps unter dem Befehl von General William Franklin den Fluss etwa vier Kilometer oberhalb von Fredericksburg überqueren und Lees Truppen in ihrer Flanke angreifen.
Nachdem im Verlauf des 12.Dezember sämtliche Unionstruppen den Rappahannock überquert hatten, begann der Großangriff der Potomac-Armee am nächsten Morgen. Es sollte ein weiterer schwarzer Tag für die Union werden. Die Konföderierten standen vier Glieder tief und konnten im Wechsel feuern. Am Abend des 13.Dezember lagen mehr als 13000 tote und verwundete Unionssoldaten, oft mehrmals getroffen, vor einer niedrigen Steinmauer am Fuß der Marye’s Heights. Vielleicht hätte Franklins Ablenkungsangriff die erhoffte Entlastung bringen können, doch der General agierte nicht entschlossen genug und hatte am Ende kaum die Hälfte seiner Truppen ins Gefecht gebracht.
Der siegreiche General Lee kommentierte das blutige Geschehen mit der nachdenklichen Bemerkung: „Es ist gut, dass der Krieg so grausam ist. Wir würden sonst süchtig nach ihm werden.“ Ein Kriegskorrespondent der Union schrieb über den für den Norden so verhängnisvollen Tag, dass die menschliche Natur wohl niemals mehr Tapferkeit hervorgebracht habe als bei Fredericksburg, aber auch nie Generäle mit weniger Verstand.
Tatsächlich machten viele jedoch den Präsidenten für die Katastrophe von Fredericksburg verantwortlich, und Stimmen, die auf eine Verhandlungslösung mit dem Süden drangen, wurden unüberhörbar. Lincoln musste in seinem Kabinett sogar die Vertrauensfrage stellen.
Widerwillig nahm er schließlich das Abschiedsgesuch des verzweifelten Burnside an und ernannte Joseph Hooker zu dessen Nachfolger. Obwohl der neue Mann an der Spitze das Unionsdesaster bei Fredericksburg hautnah miterlebt hatte, gab er sich angriffslustig und erklärte vollmundig, dass Gott mit Lee gnädig sein möge, er wäre es jedoch nicht. Dem Präsidenten war bekannt, dass Hooker ihn einen Dummkopf genannt hatte, der durch einen militärischen Diktator ersetzt werden müsse, und schrieb ihm daher: „Nur erfolgreiche Generäle können Diktatoren einsetzen. Was ich also von ihnen erwarte, ist militärischer Erfolg, dann werde ich gern das Risiko einer Diktatur auf mich nehmen. Vermeiden sie jede Eile, aber gehen sie energisch und umsichtig vor und geben sie uns endlich Siege.“
Die Witterung, aber mehr noch der Zustand der Potomac-Armee, die seit der Niederlage täglich mehrere hundert Deserteure zu verzeichnen hatte, erlaubten jedoch keine rasche Wiederaufnahme der Offensive. Immerhin schaffte es Hooker, innerhalb von nur vier Monaten seine Truppen durch zahlreiche Verbesserungen etwa im Sanitätswesen wieder angriffsbereit zu machen. Ende April begann seine PotomacArmee mit einem Paukenschlag. Während ein Kavalleriekorps von 10 000 Reitern die Versorgungslinien im Hinterland der Konföderation unterbrechen sollte, setzte Hooker mit dem Hauptteil seiner Armee am 30. April 1862 etwa zwölf Kilometer oberhalb von Fredericksburg über den Rappahannock. Nur ein einziges Unionskorps unter General John Sedgwick hatte er vor dem im Dezember umkämpften Städtchen zurückgelassen. Die Flusslinie schien damit kaum noch zu halten und der Gegner vollkommen ausmanövriert.
Lee setzt alles auf eine Karte – und gewinnt
Lee antwortete jedoch mit einer der wohl gewagtesten Operationen der Kriegsgeschichte. Unter Zurücklassung eines einzigen Korps in den Stellungen oberhalb von Fredericksburg marschierte er zunächst mit dem Hauptteil der Armee nach Westen und machte Front gegen Hooker, der mit vier Korps ein schwer durchdringliches Waldgelände besetzt hatte, das als Wilderness bekannt und berüchtigt war. Seine östliche Flanke befand sich bei einer Wegkreuzung mit einer Kapelle namens Chancellorsville.
Mit seinem Marsch hatte Lee zunächst nur wenig gewonnen. 40000 Südstaatler standen gegen mehr als 70000 Unionssoldaten. Der Südstaaten-General teilte nun jedoch seine Armee ein zweites Mal und ließ Thomas Jackson mit 30000 Mann unbemerkt an Hookers südlicher Flanke vorbeiziehen, um dem Gegner in den Rücken zu fallen. Nach seinem erstaunlichen Anfangscoup schien Hooker in eine merkwürdige Untätigkeit gefallen zu sein. Offenbar hatte der Unionsgeneral gehofft, dass sich Lee ohne Kampf zurückziehen werde. Zudem fehlte ihm jetzt die Kavallerie, die das gegnerische Umgehungsmanöver rechtzeitig hätte aufklären können.
Als Jacksons Truppen am 2.Mai noch vor Einbruch der Dunkelheit die Unionsstellungen von Westen her angriffen, konnten sie den völlig überraschten Gegner auf breiter Front zurückwerfen. Thomas Jackson sollte seinen Erfolg jedoch nicht lange überleben. Bei einem nächtlichen Erkundungsritt wurde er von den eigenen Sicherungen angeschossen und starb eine Woche später.
Trotz seiner immer noch bestehenden numerischen Überlegenheit schien Hooker jetzt außerstande, noch einen massiven Gegenangriff zu führen. Auf seine Untergebenen wirkte er in dieser Phase sogar lethargisch. Sie waren fassungslos, als der Unionsgeneral nach zweitägigen Kämpfen am 4.Mai seine Truppen über den Rappahannock zurückführte. Dass inzwischen General Sedgwick mit seinem Korps die Marye’s Heights im dritten Versuch erstürmen konnte, änderte nichts mehr an dem neuerlichen Desaster, das die Union weitere 17000 Mann gekostet hatte. Auch wenn der Süden mit 13000 Toten und Verwundeten kaum geringere Verluste zu verzeichnen hatte, war Lee einmal mehr der Held der Stunde. Solange er an der Spitze der Army of Northern Virginia stehen würde, schien Richmond für die Union unerreichbar zu sein.
Autor: Klaus-Jürgen Bremm
Der Militärhistoriker Klaus Jürgen Bremm hat bisher erfolgreiche Bücher u.a. über den Siebenjährigen Krieg, die Türkenkriege oder den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 veröffentlicht. Demnächst erscheint sein Buch über den Deutsch-Dänischen Krieg 1864.
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