Irma Grese gehörte zum angeklagten Wachpersonal, das sich im September 1945 vor Gericht verantworten musste. Im Verlauf des Prozesses zog Irma Grese die mediale Aufmerksamkeit zunehmend auf sich. Nicht nur weil sie mit 21 Jahren die jüngste Angeklagte war, sondern vor allem weil für die weit über 100 deutschen und internationalen Pressevertreter die äußerliche Attraktivität der Beschuldigten mit den Verbrechen, die ihr zur Last gelegt wurden, nicht vereinbar zu sein schien.
Das Äußere der Angeklagten steht im Mittelpunkt
Viel Raum nahm daher in der Presse das Erscheinungsbild der Angeklagten ein. Ihre Frisur, ihre modische Kleidung, ihre Seidenstrümpfe – all das wurde regelmäßig kommentiert. Auch die US-amerikanische „Newsweek“ zeichnete in der Ausgabe vom 15. Oktober 1945 ein deutlich sexuell aufgeladenes Bild der Angeklagten: „Irma Grese senkte ihren hübschen blonden Kopf und biss sich auf die Lippen.“ Dass eine Frau zu so grausamen Taten im Stande war, wie sie im Verlauf des zweimonatigen Prozesses zur Sprache kamen, wussten sich die Journalisten offensichtlich nicht anders zu erklären als mit einer Art sexuellen Besessenheit der Angeklagten.
Doch nicht nur die Presse, auch Holocaust-Überlebende suchten in der Sexualität Greses nach der Ursache für deren Grausamkeiten. So beschrieb die Ärztin Gisella Perl, die das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebte, in ihren 1948 erschienenen Memoiren Irma Grese als die schönste Frau, die sie je gesehen habe. „Und doch“ – so Perl weiter – „war Irma Grese die verdorbenste, grausamste, phantasievollste sexuelle Perverse, der ich je begegnet bin.“
Aus eigenem Antrieb heraus hat Irma Grese über die Geschehnisse weder geschrieben noch gesprochen. Entsprechende Selbstzeugnisse sind jedenfalls nicht bekannt. Hauptquellen sind daher vor allem Greses eidesstattliche Erklärungen und ihre Aussagen vor Gericht.
Geboren wurde Irma Grese am 7. Oktober 1923 in Wrechen, einem Dorf an der Grenze zwischen der Uckermark und Mecklenburg im heutigen Naturpark Feldberger Seenlandschaft. Sie wuchs mit vier Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Landarbeiter auf dem Gutshof Wrechen. Ihre Mutter starb 1936.
Grese verließ 1938 die Volksschule und arbeitete anschließend in einer Molkerei in dem etwa 40 Kilometer entfernt liegenden Fürstenberg. Sie blieb auch in den folgenden Jahren in der Region: zunächst in Lychen als Aushilfsverkäuferin in einem Geschäft; 1939 wechselte sie zum SS-Sanatorium Hohenlychen, das von dem Chirurgen und Sportmediziner Karl Gebhardt geleitet wurde.
Eigenen Angaben zufolge bemühte sie sich im Sanatorium um eine Ausbildungsstelle als Krankenschwester. Als sie keinen Erfolg hatte, habe sie dort als Hilfsschwester gearbeitet. In ihrer Erklärung vom 19. Mai 1945 stellte sie es so dar: „Ich wollte Krankenschwester werden, musste aber für die SS als Aufseherin in einem Konzentrationslager arbeiten.“





