Manichäismus: Die etwas andere Weltreligion - wissenschaft.de | DAMALS
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Die etwas andere Weltreligion
Im 3. Jahrhundert schwang sich ein Mann namens Mani im Sassanidenreich zum Religionsstifter auf. Im Zentrum seines Glaubens stand der Kampf zwischen Gut und Böse, der auch die Philosophie der Gnosis prägte. Durch Mission war der Manichäismus zeitweise nicht nur in Persien und im Römischen Reich, sondern auch entlang der Seidenstraße bis nach China verbreitet.
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von JOSEF RIST
Bis zum frühen 20. Jahrhundert waren vergleichsweise wenige manichäische Originaltexte bekannt. Durch zahlreiche Funde, unter anderem in Ägypten (Medinet Madi, Kellis), in Zentralasien entlang der Seidenstraße (Oase Turfan), China (Tuan-Huang) sowie dem Kölner „Mani-Kodex“ („Codex Manichaicus Coloniensis“), einer griechisch überlieferten Lebensbeschreibung Manis, hat sich die Quellenlage nachhaltig verändert.
Entsprechend dem Ort und der Zeit der Entstehung liegen Darstellungen der Lehre des Mani und seiner Nachfolger sowie Quellen zur Geschichte der Religionsgemeinschaft in unterschiedlichen Sprachen vor. Neben Griechisch, Koptisch und iranischen Sprachen sind manichäische Schriften auch in Alttürkisch (Uigurisch) und Chinesisch überliefert. Das wissenschaftliche Großprojekt Corpus Fontium Manichaeorum (CFM) macht sie fortlaufend in kritischen Ausgaben zugänglich.
Daneben bleiben aber weiterhin die seit langem bekannten nicht-manichäischen Quellen für die Forschung wichtig. Hier geben insbesondere christliche Autoren, etwa die „Acta Archelai“ (ein fiktives
Rededuell zwischen dem gleichnamigen Bischof und Mani), die Werke des spätantiken Kirchenvaters Augustinus, der ausgiebig manichäische Originalschriften zitiert, oder Ephräm der Syrer Auskunft über den Religionsstifter, seine Lehre und die Glaubenspraxis der Manichäer.
Mani hat selbst theologische Werke verfasst
Besondere Bedeutung kommt jenen Schriften zu, die Mani selbst verfasste. Als eigenständiger Autor unterscheidet sich Mani damit grundlegend von anderen früheren Religionsstiftern wie Buddha und Jesus. Ziel der Verschriftlichung der Lehre und der daraus folgenden Glaubenspraxis war ihre Bewahrung vor einer möglichen Verfälschung durch mündliche Tradierung.
Auf Mani selbst gehen sieben Werke zurück, die eine Art Kanon bilden. Beim „Lebendigen Evangelium“ verweist bereits der Titel auf die Nähe zur christlichen Verkündigung; auch Mani sieht seine Lehre als eine „frohe Botschaft“ (= Evangelium). In Verbindung mit dieser für den Manichäismus zentralen Schrift stand wohl zur Veranschaulichung der komplexen Glaubensinhalte als Hilfe für Katechese und Liturgie ein „Bilderbuch“ (ˉardahang) mit Illustrationen und erläuternden Texten. Deshalb wird Mani auch als Maler bezeichnet.
Zu den weiteren Werken zählt der „Der Schatz des Lebens“, der einen Überblick zum manichäischen Mythos bietet. Im „Buch der Mysterien“ beschäftigt sich Mani mit der Verkündigung Jesu und dem syrischen Theologen und Gnostiker Bardaisan (gest. 222).
Zu Manis Hinterlassenschaften zählen auch Psalmen und Gebete. Angeblich soll Mani 76 Briefe geschrieben haben. Teile eines Briefs an die manichäische Gemeinde in Edessa haben sich erhalten. Die Briefe waren, ähnlich der Korrespondenz des Apostels Paulus, ein wichtiges Mittel der praktischen Missionsarbeit. Seine Schriften wurden von Mani ursprünglich in aramäischer Sprache verfasst. Bedingt durch die Verfolgungen, denen die manichäische Glaubensgemeinschaft im Lauf der Jahrhunderte ausgesetzt war, sind die Schriften allerdings nur in Form von Bearbeitungen, Übersetzungen und Kommentaren fragmentarisch überliefert.
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Mani wurde am 14. April 216 in der Nähe der parthischen Residenzstadt Seleukia-Ktesiphon im heutigen südlichen Irak geboren. Sein Vater führte ihn früh in die lokale judenchristliche Täufersekte der Elkesaïten (benannt nach ihrem Gründer Elkesai) ein. Dieser gnostischen Gruppierung sollte Mani bis zu seinem 24. Lebensjahr angehören. Während dieser Zeit habe er in Offenbarungen mit Hilfe eines himmlischen „Zwillings“ (griechisch: sýzygos) seine eigentliche Berufung als Verkünder einer neuen Religion erkannt. Folgerichtig verließ er die Täufergemeinschaft und begann als „Apostel des Lichtes“ mit einer ausgedehnten Reise- und Missionstätigkeit. Sie führte ihn in verschiedene Regionen des Perserreiches und seiner Grenzgebiete, schließlich nach Indien, wo er in Kontakt mit dem Buddhismus kam.
Nach dem Regierungsantritt des persischen Großkönigs Schapur I. (241/42–270/272), der Mani und seinen Missionsaktivitäten positiv gegenüberstand und ihn bewusst förderte, konzentrierte dieser seine Tätigkeit auf das persische Kerngebiet. Um den persischen Herrscher, den er auch auf Reisen des Hofstaats begleitete, für seine Lehre zu gewinnen, verfasste Mani eigens das in mittelpersischer Sprache geschriebene „schˉahpuhragˉan“, eine Werbeschrift für die neue Religion. Der Erfolg Manis weckte allerdings den Neid der lokalen zoroastrischen Priesterschaft, die ihre hervorgehobene Position durch den Aufstieg des Manichäismus gefährdet sah. Vor diesem Hintergrund wandte sich Großkönig Bahram I. (273–276) gegen Mani. Dieser wurde gefangen genommen und starb schließlich am 26. Februar 277 in der Haft.
Die Anhänger Manis sahen in seinem Leiden und Sterben eine direkte Parallele zum Tod Jesu. Die Verfolgungen im Perserreich setzten sich auch später fort. So wurde der Nachfolger Manis als Oberhaupt der manichäischen Kirche, Sisinnios, im Jahr 291/92 hingerichtet.
Trotz des frühen Todes des Religionsstifters und anhaltender Verfolgungen breitete sich der Manichäismus schnell entlang den damaligen Handelsrouten aus. Bereits zu Lebzeiten Manis im 3. Jahrhundert erreichten Missionare Ägypten. Die Flucht von Anhängern Manis auf das Gebiet des Römischen Reiches begünstigte die Ausbreitung nach Westen. Auch in Syrien sind früh Manichäer nachweisbar. Von hier aus breitete sich die neue Religion nach Kleinasien, Griechenland und auf dem Balkan aus.
Den großen Missionserfolgen stehen aber auch immer wieder Rückschläge gegenüber. So brandmarkte das sogenannte Manichäer-Edikt des Kaisers Diokletian (284–305) aus dem Jahr 302 den Manichäismus als staatsgefährdend und ordnete Sanktionen gegen seine Anhänger an. Spätere römische Kaiser (etwa Valentinian I., 364–375) führten die antimanichäische Religionspolitik fort, die schließlich ihren Höhepunkt unter Justinian (527– 565) erreichte.
In der Folge verschwand der Manichäismus als bestimmende religiöse Kraft im Lauf des 6. Jahrhunderts im Westen. Vielfach kritisierten auch christliche Theologen wie Ephräm der Syrer (um 306 – 373) oder Titus von Bostra (gest. um 378) in ihren Schriften die Manichäer, die von ihnen als Häretiker angesehen wurden.
Eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art war die Mission in Zentralasien. Über die Handelswege kam die neue Religion wohl noch im 4. Jahrhundert in die östlichen Provinzen des Perserreiches zu den Sogdiern im Gebiet um Samarkand (im heutigen Usbekistan). Hier entstanden überaus lebendige manichäische Gemeinden, und die lokalen Kaufleute trugen das Bekenntnis entlang der Seidenstraße weiter nach Osten bis nach China. Dort lässt sich der Manichäismus wohl für das Jahr 694 erstmals nachweisen.
Nachdem im Jahr 762 mit Bögü der Herrscher des Kaganats der Uiguren, eines weit ausgedehnten Reiches im nordöstlichen Zentralasien, zum Manichäismus übergetreten war, wurde diese Religion dort zur Staatsreligion und blieb es bis zum Untergang des Uiguren-Reichs im Jahr 840. Als wichtiger Standort des Manichäismus in Zentralasien wurde es vom östlichen uigurischen Teilreich von Kocho im heutigen Westchina abgelöst. Hier entstand eine reiche manichäische Buchkultur.
Der Mongolensturm sowie der Aufstieg von Buddhismus und Islam führten schließlich im 13. und 14. Jahrhundert zum raschen Bedeutungsverlust des Manichäismus auch in diesen Gebieten. Im Süden Chinas sind Manichäer noch bis in das 16. Jahrhundert nachweisbar.
Die Gnosis ist zu dieser Zeit eine einflussreiche Strömung
Der Manichäismus ist Teil einer antiken, eng mit dem frühen Christentum verbundenen breiten geistigen Bewegung, die unter dem griechischen Namen Gnosis („Erkenntnis“) bekannt ist. Als Gnostiker bezeichnen Kirchenschriftsteller, etwa Irenäus von Lyon (gest. um 200), seit dem zweiten Drittel des 2. Jahrhunderts Gruppen von Christen, die sich selbst „Erkennende“ (griechisch: gnˉostikoí) nannten, da sie behaupteten, über exklusives göttliches Wissen zu verfügen.
Die gnostischen Systeme zeigen bei aller Verschiedenheit Gemeinsamkeiten. Sie können deshalb beschrieben werden als „Bewegungen, die ihr besonderes Interesse an der vernünftigen Erfassung von Sachverhalten durch Einsicht (,Erkenntnis‘) in theologischen Systemen niederlegen, die in der Regel durch ein bestimmtes Ensemble von Ideen und Motiven in den Texten gekennzeichnet sind“ (Christoph Markschies). Dieses Ensemble lässt sich in acht Kerngedanken zusammenfassen, beginnend mit der Vorstellung eines fernen, jenseitigen Gottes über die negative Sicht von Welt und Materie bis hin zum Dualismus, der das gesamte gnostische Denken durchzieht.
Diese gnostische Grundstruktur bildet sich auch im Manichäismus ab, der in gewisser Weise als ihr „Gipfel- und Endpunkt“ (Christoph Markschies) angesehen werden kann. Mani entwickelt ein komplexes Lehrgebäude, das durch eine große Erzählung (Mythos) eine Antwort auf die Frage geben will, weshalb der Mensch in die als negativ gedeutete Materie verstrickt ist, und darauf, auf welche Weise er sich daraus befreien kann, das heißt religiös gesprochen zur Erlösung gelangt. Die Welterklärung verbindet sich so organisch mit der Heilsgeschichte.
Ausgangspunkt der in drei große Abschnitte zu unterteilenden manichäischen Erzählung ist der schroffe Gegensatz zweier Prinzipien. Dem Reich des Lichts, in dem der „Vater der Größe“ lebt, steht das Reich der Finsternis gegenüber, beherrscht vom „König der Finsternis“. Dieser beginnt den Kampf gegen das friedfertige Reich des Lichts und siegt zunächst. In höchst komplexen Erzählgängen wird in der Folge dargestellt, wie das Licht von der bösen Materie gefangen wird und es bei der Erschaffung der Welt zu einer Vermischung von Licht und Finsternis kommt.
Damit ist bereits das Ziel für den einzelnen Menschen vorgegeben: die Rückkehr zum Anfangszustand durch die Entmischung von Licht und dunkler Materie. In dieser Situation ist für den Menschen die Erkenntnis des eigenen negativen Zustandes als Ausgangspunkt zur Befreiung, das heißt Erlösung, zwingend notwendig. Die Lehre Manis, insbesondere die strengen Vorgaben für die Lebensführung, weisen den konkreten Weg. In der manichäischen Kosmologie beginnt der dritte finale Abschnitt des Mythos mit dem sogenannten Großen Krieg, der schließlich mit dem Sieg des Guten endet.
Im Mythos, der starke iranische Züge trägt, zeigt sich die erstaunliche Fähigkeit des Manichäismus, in Inhalt und Terminologie verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen, vom Buddhismus über das Judentum und den Zoroastrismus bis hin zum Christentum, in seiner Lehre zu verbinden. Auch an die jeweiligen Lebensverhältnisse ihrer Adressaten passten die Missionare ihre Botschaft an, insbesondere in Zentralasien. So ist der Manichäismus „eine Weltreligion mit unterschiedlichen kulturellen Ausformungen“ (Manfred Hutter).
Gegenüber den bereits existierenden Religionen und ihren Stiftern betonte Mani mit nicht geringem Selbstbewusstsein seinen universalen und intellektuellen Anspruch: „Diese meine Offenbarung der zwei Prinzipien und meine lebendigen Schriften, meine Weisheit und mein Wissen sind weit besser als die der früheren Religionen“. Andere Glaubensbekenntnisse würden sich nur auf ein Land beschränken, „doch meine Religion ist in jedem Lande und in allen Sprachen bekannt und wird in den fernsten Ländern gelehrt“ (Mittelpersische Manichaica: M 5794 I., Übersetzung: Alexander Böhlig).
Die manichäische Kirche ist hierarchisch aufgebaut
Bei der Organisation seiner Kirche orientierte sich Mani an biblischen Vorbildern. Nach seinem Tod stand ein archegós genanntes Oberhaupt an der Spitze. Es folgen in der in Form einer Pyramide aufgebauten Hierarchie zwölf Lehrer, 72 Bischöfe und 360 Presbyter. Musiker, Schreiber und Maler übten wichtige Funktionen in den Gemeinden aus. Die Gläubigen teilten sich in zwei Gruppen, in Hörer (auditores) sowie Vollmitglieder (Auserwählte = electi). Letztere waren verpflichtet, alle Vorschriften der manichäischen Ethik genauestens zu befolgen, während die in der Welt und damit in häufiger Verbindung mit der negativ bewerteten Materie stehenden auditores für ihre Versorgung zuständig waren.
Der Kern der manichäischen Ethik wird gerne mit den drei Siegeln, nach Augustinus jenes des Mundes, der Hand und des Schoßes, zusammengefasst. So sollen Verleumdungen, Kränkungen und anderes sündhafte Verhalten ebenso vermieden werden wie körperliche Arbeit und sexuelle Aktivitäten. Vollmitglieder mussten also auf die Ehe und die Zeugung von Nachkommen verzichten. Hinzu kamen die Abstinenz von Fleisch und Wein sowie ein achtsamer Umgang mit der Natur; so sollte eine Schädigung der in der Erde enthaltenen Lichtteilchen vermieden werden. Das Ziel war ein sündloses, bereits im Diesseits möglichst weitgehend von der Materie befreites Leben. Ähnlich dem Juden- und dem Christentum kam auch im Manichäismus Fasten, Beten und Almosengeben eine große Bedeutung zu.
Eine wichtige Rolle spielte zudem die Prüfung des eigenen Verhaltens im Sinne des Erkennens von Verfehlungen und Sünden und ihre nachfolgende Vergebung (so ist in uigurischer Sprache ein Beichtspiegel erhalten). In der manichäischen Liturgie nahm das regelmäßige Fasten neben dem Hymnengesang und der Beichte einen zentralen Platz ein. Besondere Bedeutung hatte das Bema-Fest, das am Jahrestag seines Todes an den Religionsstifter erinnerte.
Augustinus ist eine der wichtigsten Quellen
Über den Manichäismus im spätantiken Römischen Reich sind wir gut durch den Kirchenvater Augustinus (354–430) informiert. Dieser war in seiner Heimat Nordafrika seit seinem 19. Lebensjahr für rund neun Jahre Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft, allerdings im niedrigen Stand eines auditor. Manichäische Netzwerke unterstützten wohl auch seinen späteren Aufstieg als Rhetorik-Professor in Rom und Mailand.
Zum Bruch mit den Manichäern kam es aber bereits 382 anlässlich einer Begegnung mit dem manichäischen Bischof Faustus von Mileve. Nach dem Bericht Augustins in seiner Autobiographie, den „Bekenntnissen“, war dieser nicht in der Lage, auf seine philosophisch-theologischen Anfragen befriedigend zu antworten. Die folgende Enttäuschung führte zum Bruch.
Das intellektuelle Niveau der Manichäer, die eine geschlossene Welterklärung anboten, dürfte das Hauptmotiv für Augustins ursprüngliches Interesse an der Glaubensgemeinschaft gewesen sein. Nicht zuletzt trieb Augustinus die Frage nach dem Ursprung des Bösen um. Hier gab das manichäische System eine zunächst scheinbar plausible Antwort.
Auch nach seiner Taufe im Jahr 387 in Mailand durch den dortigen Bischof Ambrosius beschäftigte sich Augustinus bis an sein Lebensende immer wieder mit dem Manichäismus. In zahlreichen Schriften (etwa „Über die Natur des Guten“) betonte er als Reaktion auf die negative Sicht der Manichäer, dass die ganze Schöpfung einschließlich des Menschen grundsätzlich gut sei; das nicht zu leugnende Böse dagegen sei ein Mangel an Gutem, der seinen Ursprung in der menschlichen Willensfreiheit habe.
Auch in der Gegenwartsliteratur hat Mani seinen Platz gefunden. Im Jahr 1994 erschien in deutscher Übersetzung der einfühlsam geschriebene historische Roman „Der Mann aus Mesopotamien“ (Originaltitel: „Les Jardins des lumières“, 1991) des französisch-libanesischen Schriftstellers Amin Maalouf. Ohne Zweifel zählt Mani auch heute noch zu faszinierendsten Persönlichkeiten der Religionsgeschichte.
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