Mitten im Peloponnesischen Krieg erfasste 430 v. Chr. eine Seuche das belagerte Athen. Die damit verbundenen Bevölkerungsverluste und Phasen der politischen Anarchie veränderten die Stadtgesellschaft – ein wichtiger Indikator für den Wandel war die Grabkultur.
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Für die Olympischen Spiele in Athen 2004 sollte die Stadt eine neue U-Bahn bekommen. Bei einer archäologischen Notgrabung im Vorfeld der Bauarbeiten fand man 1994 in der Nähe der berühmten antiken Nekropole im Viertel Kerameikos ein Massengrab. Die Keramikbeigaben ließen eine Datierung auf um 430 bis 420 v. Chr. zu. Das passt zu einer Epidemie, die in den Jahren seit 430 v. Chr. in Athen wütete. Die auch als „attische Seuche“ bekannte und oft als Pestausbruch beschriebene Epidemie traf die Bewohner der Stadt in der frühen Phase des Peloponnesischen Kriegs (431– 404 v. Chr.).
In dem Massengrab war auch ein elfjähriges Mädchen bestattet. Man gab ihr den Namen Myrtis, nach einer antiken Lyrikerin. Auf Basis der Skelettfunde entstand eine Rekonstruktion ihrer Physiognomie, die im Athener Nationalmuseum in einer Ausstellung gezeigt wurde. Die Wissenschaftler, die für die Rekonstruktion verantwortlich waren, wollten mit ihrer Arbeit auch eine Botschaft verbinden. So wurde das Mädchen, das im 5. Jahrhundert v. Chr. an einer Seuche starb, postum zur Botschafterin der Millennium Development Goals der Vereinten Nationen ernannt. Zu deren globalen Entwicklungszielen zählt auch der Kampf gegen übertragbare Krankheiten.
Der Historiker Thukydides war nicht nur Zeitzeuge der Epidemie in den Jahren nach 430 v. Chr., er erkrankte auch selbst. Die Symptome beschrieb er folgendermaßen: „Über die anderen aber kamen ohne jede Vorankündigung, sondern bei voller Gesundheit ganz plötzlich zuerst heftige Hitzewallungen des Kopfes sowie Rötung und Entzündung der Augen, und die inneren Bereiche, Rachen und Zunge, waren auf einmal blutig und verströmten einen so nie wahrgenommenen und übel riechenden Atem; … und sobald es sich im Magen festgesetzt hatte, stülpte es diesen um, und es erfolgten sämtliche Arten des Erbrechens von Galle …. Und die Oberfläche des Körpers fühlte sich gar nicht besonders heiß an und war auch nicht blass, sondern leicht gerötet, blutunterlaufen, und zeigte einen Ausschlag von kleinen Bläschen und Geschwüren; innerlich jedoch wurde ein so starkes Brennen empfunden, dass die Kranken nicht einmal die ganz dünnen Kleidungsstücke und feinsten Gewebe anziehen wollten und es überhaupt nur nackt aushielten, ja, am liebsten in kaltes Wasser gesprungen wären“ (Übersetzung: Michael Weißenberger).
Die Lage während der Epidemie wurde durch die Einfälle der Spartaner im Peloponnesischen Krieg noch kritischer. Die Landbevölkerung musste hinter die langen Mauern zwischen Athen und dem Hafen Piräus evakuiert werden. Dort hauste man auf engem Raum in notdürftigen Baracken. Die Sommerhitze tat ein Übriges. Dazu wieder Thukydides: „Leichen lagen übereinander und Sterbende, und auf den Straßen und um alle Fließwasserquellen wälzten sich halbtote Menschen in ihrer Gier nach Wasser. Und die heiligen Bezirke, in denen sie kampierten, waren voll von Leichen…“
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„Auf Scheiterhaufen anderer Leute legte man den eigenen Toten“
Ein großes Problem war laut Thukydides die Bestattung der unzähligen Toten: „Und alle Regeln im Zusammenhang mit Bestattungen, die man früher eingehalten hatte, wurden in dem allgemeinen Durcheinander hinweggefegt, und jeder bestattete, wie er konnte. Dabei gingen viele völlig pietätlos vor aus Mangel an allem Notwendigen, weil schon so viele ihnen vorher gestorben waren: Auf Scheiterhaufen anderer Leute legte man den eigenen Toten und entfachte Feuer, wenn man es schaffte, denen, die ihn aufgeschichtet hatten, zuvorzukommen, andere warfen, während eine andere Leiche schon brannte, den Toten, den sie trugen, einfach oben drauf und gingen weg.“
Die Epidemie führte zu einer Auflösung nicht nur der öffentlichen Ordnung, sondern auch aller gesellschaftlichen Regeln, die zuvor wie selbstverständlich befolgt worden waren. Thukydides beobachtete diese Entwicklung: „Auch anderweitig war diese Krankheit für die Stadt der Anfang einer zunehmenden Auflösung von Brauch und Gesetz. Leichter wagte nämlich jetzt so mancher, nach Lust und Laune zu machen, was er vorher geheim zu halten versucht hatte …. Deshalb erhob man Anspruch darauf, sich schnellen Genuss zu verschaffen und seinen Spaß zu haben … Gottesfurcht oder irgendein von Menschen gemachtes Gesetz konnte sie nicht aufhalten, da man beim ersten aus der Beobachtung, dass alle ohne Unterschied dahingerafft wurden, den Schluss zog, fromm erwiesene oder auch unterlassene Verehrung laufe auf dasselbe hinaus, hinsichtlich von Gesetzesverstößen aber niemand damit rechnete, eine rechtliche Ahndung zu erleben und somit für sein Tun eine Bestrafung auf sich zu ziehen.“
Welche Krankheit die Epidemie damals auslöste, ist bis heute umstritten. Lange Zeit wurde der Pesterreger verantwortlich gemacht. DNA-Analysen an Proben aus Myrtis’ Zahnschmelz ergaben jedoch, dass das Mädchen an typhoidem Fieber gelitten hatte. Die von Thukydides beschriebenen Symptome Fieber, Erbrechen und Unterleibsschmerzen, die etwa eine Woche lang andauern, würden dazu passen. Doch es bleibt unklar, ob Myrtis tatsächlich an typhoidem Fieber gestorben ist.
Umgang mit den Toten als Spiegel der Gesellschaft
Die Grabrituale im antiken Athen haben sich über die Jahrhunderte immer wieder geändert. Dafür waren gesetzliche Reglementierungen verantwortlich, aber eben auch Einschnitte wie die Epidemie von 430 v. Chr. Die Grabriten standen jeweils in einem engen Bezug zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich ebenfalls in einem dynamischen Veränderungsprozess befanden.
Rund 100 Jahre zuvor, im 6. Jahrhundert v. Chr., hatte der Adel über die Stadt geherrscht, besonders die Familie des Tyrannen Peisistratos (vor 600–527 v. Chr). Zu dieser Zeit nutzten die adligen Familien Begräbnisfeierlichkeiten dazu, ihre Anhänger zu versammeln und zu beeindrucken. Daher errichteten sie opulente Gräber, die mit Grabstelen und Reliefbildern der Verstorbenen oder den lebensgroßen Statuen im archaischen Stil von Männern (Kuroi) und Frauen (Koren) geschmückt wurden. Alle Skulpturen waren anspruchsvoll farbig bemalt. Durch architektonische Elemente wurde mancher Grabhügel zu einem wahren Monument.
Nach der Vertreibung der Tyrannen 509 v. Chr. aus Athen versuchte der Reformer Kleisthenes, das Adelsregime durch eine „Herrschaft aus der Mitte der Gesellschaft“ (Christian Meier) zu ersetzen, die sich zunächst durch gleiches Recht für alle („Isonomia“) auszeichnete und seit etwa 460 v. Chr. als „Demokratie“ bezeichnet wurde.
Die damalige direkte Demokratie benötigte zur Beschlussfähigkeit ein Quorum von 6000 Stimmbürgern in der Volksversammlung. Diese Staatsform hatte weniger die individuelle Freiheit als den Zusammenhalt der Gesellschaft durch Normen im Blick.
Die früheren aufwendigen Begräbnisse des Adels waren mit dieser neuen Ordnung nicht mehr zu vereinbaren, sie wurden per Gesetz verboten. Nur noch kleine Grabmonumente waren erlaubt, und an den Totenfeiern durften nur noch die Verwandten der Verstorbenen teilnehmen. Dadurch wurde eine übertriebene Selbstdarstellung der adligen Familien unterbunden.
Stattdessen gab es – vor allem für die zahllosen Gefallenen der von Athen geführten Kriege – staatliche Begräbnisse mit gemeinsamen Grabmälern. Mehr als 70 Jahre lang hielt man sich in Athen an diese Regeln. Doch mit der Epidemie änderte sich das.
Bald nachdem diese überwunden war, bildete sich eine ganz neue Art von privaten Grabbauten heraus, die wieder verbunden war mit einemhohen Aufwand an künstlerischer Arbeit – und entsprechend hohen Kosten. Entlang der Ausfallstraßen Athens und ebenso an den Landstraßen in der umliegenden Landschaft Attika wurden hohe Mauern errichtet, hinter denen die Gräber ins Erdreich gegraben wurden.
Mancherorts entstanden so ganze Straßenzüge mit durchgehenden Grabterrassen. Drei bis fünf Generationen wurden in solchen Familiengräbern bestattet. Über den Terrassenmauern brachte man Grabreliefs mit Abbildungen der Familienangehörigen an. Inschriften erinnerten an ihre Namen. Die Reliefs wurden aus dem kostbaren Marmor vom Berg Pentelikon gearbeitet und aufwendig koloriert.
Die Toten und Hinterbliebenen sind auf den Reliefs gleichrangig im Handschlag miteinander dargestellt. Es war nicht das Ziel, die Toten von den Lebenden zu unterscheiden. So werden Eltern gemeinsam mit Kindern oder sogar Enkelkindern dargestellt.
Oft ließen selbst einfache Bauern für ihre Familien beeindruckende Grabdenkmäler an den Landstraßen errichten, die neben ihren Höfen vorbeiführten. Im Grunde hatte jede Familie ein eigenes Grab, in dem auch die Sklaven der Familien mitbestattet wurden.
Trauer als Gefahr für die öffentliche Ordnung
Trennungsschmerz und Trauer werden in den Darstellungen an den Gräbern des späten 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. nur am Rande thematisiert, etwa durch Sirenen, singende, mythische Mischwesen mit Vogelkörpern und Frauenköpfen. Manchmal werden auch Dienerinnen und Diener mit Trauergesten dargestellt.
Die Athener selbst sublimierten ihre Trauer, das heißt sie steigerten sie ins Erhabene, durch die entsprechende Ausgestaltung der Gräber mit Reliefs und Beigaben. Zu den wichtigsten Beigaben zählten Nachbildungen von rituellen Gefäßen, sogenannte Lekythen, in massivem Marmor. Sie verweisen auf den Grabritus: Ölungen, Waschungen und Trankspenden, die den Verstorbenen der Familien zuteilgeworden waren.
Opferriten und Totengelage fanden jedoch nicht vor den Grabfassaden mit den Bildern der Toten statt, sondern dahinter. Die Reliefdarstellungen richteten sich also nicht an die trauernde Familie, sondern ganz direkt an die auf der Straße vorbeigehenden Mitbürger.
Die Umwandlung der Trauer in einen erhabeneren Zustand war gewollt. Als etwa Perikles, der Lenker des athenischen Staats, vor die Volksversammlung trat, nachdem sein Sohn bei der Epidemie gestorben war, erschien er augenscheinlich unberührt von dem Verlust. Perikles sollte 429 v. Chr. auch selbst der Seuche erliegen.
Emotionalität erschien in der antiken Demokratie als eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, vor allem die Trauer der Frauen um die im Krieg Gefallenen, wie die französische Altphilologin Nicole Loraux herausgearbeitet hat. Das Gebot der Selbstbeherrschung bei Todesfällen in der Familie spiegelt sich in den Darstellungen der athenischen Familien auf den Gräbern wider, wo kaum Emotionen und Trauer gezeigt werden.
Auf dem Friedhof werden bürgerliche Werte gelebt
Die Gräber hatten eine ganz andere Funktion: Sie stehen symbolisch für die bürgerlichen Werte der antiken demokratischen Staatsform. Das ist durchaus ganz praktisch zu verstehen: Da es im antiken Athen kein Einwohnermeldeamt gab, dienten die Gräber als Nachweis für die Zugehörigkeit zu einer Athener Familie. Wenn etwa jemand im Alter von 18 Jahren in die Bürgerschaft aufgenommen werden sollte, dann fragte man nach der Abstammung von athenischen Eltern und Großeltern. Es musste geklärt werden, ob die Eltern gut behandelt wurden – und wo die Familiengräber waren.
Die rechtmäßige Abstammung von Athenern war in der weiblichen wie in der männlichen Linie gleich wichtig. Deswegen erscheinen die Frauen auf den Grabreliefs so prominent und zahlreich.
Das Bürgerrecht gab den athenischen Vollbürgern enorme Vorteile. Sie mussten keine Steuern entrichten und durften Land besitzen. Als gewählte Schöffenrichter bekamen sie sogar Tagessätze ausgezahlt. Vor allem konnten sie an der politischen Willensbildung im Staat mitwirken. Der Haken an der Sache: Das Bürgerrecht war verbunden mit der Wehrpflicht. Die Gräber und ihre Bilder appellierten an diese bürgerlichen Werte. Ihr Thema sind die Abstammung von Athener Vorfahren und die Erfüllung kollektiver Wertvorstellungen.
Das athenische Bürgerrecht war wegen der Vorteile, die es bot, exklusiv. Zwar gab es an den Grenzen des athenischen Staates keine Mauern, doch bildete das Bürgerrechtsgesetz für Zugezogene eine nur schwer zu überwindende Hürde. Daher gab es nicht wenige Versuche, dieses vorteilhafte Bürgerrecht Athens zu usurpieren. Solche Fälle landeten vor den Athener Schöffengerichten. Und auch während solcher Prozesse spielten die Gräber eine entscheidende Rolle, um den Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Bürgerstatus entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.
Die neue Form der Grabmonumente erschien in den Nekropolen von Athen zuerst zwischen um 430 und 420 v. Chr., also bald nach der „attischen Seuche“. Das Verbot aufwendiger Gräber vom Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. verlor damit seine Wirksamkeit.
Die Grabmäler wurden wieder prachtvoll dekoriert
Thukydides hatte die Verrohung und Sittenlosigkeit betont, welche die Epidemie verursacht habe, besonders bei der Bestattung der Toten. Dies änderte sich jedoch bald wieder. Offenbar gelang es der Polisgesellschaft in der Folge, dem Wunsch der Athener Bürger nach prachtvollen Gräbern für ihre Vorfahren durch deren neue Funktionalisierung als Multiplikatoren einer bürgerlichen Ideologie und zugleich durch ihre Instrumentalisierung beim Abstammungsnachweis gerecht zu werden.
Nicht Trauer und Emotion durften die Bürger in den Bildern an ihren Gräbern zeigen, sondern die bürgerlichen Werte. Damit einhergehend wurden diese Werte fortentwickelt und in ihrer Geltung ausgebreitet. Eigentlich jeder wollte, ja musste ein Familiengrab haben, allein um zu zeigen, wie gut die Eltern behandelt wurden. Denn, wer schon mit seiner Familie in Zwietracht lebte, der konnte auch dem Staat nicht nutzen, so dachte man in Athen nach dem Ende der Epidemie.
An die Stelle des Sittenverfalls durch die Krankheit waren strikte Werte getreten, deren Befolgung von der Gesellschaft und vom Polis-Staat eingefordert wurde. Doch dies war kein reiner Zwang. Es war offenbar attraktiv, diese Werte zu befolgen, denn nicht nur die Bürger hielten sich daran, sondern auch die zugereisten Fremden, die sogenannten Metöken.
Besonders in der Hafenstadt Piräus gab es eine kosmopolitische Gesellschaft von Zuwanderern, die sich unter die Bürger mischten. Doch blieben sie strikt von den Bürgern Athens getrennt. Sie durften nicht am politischen Prozess teilnehmen, konnten kein Land besitzen und lebten daher meist vom Handel. Gleichberechtigt waren sie dagegen bei den Pflichten: Sie mussten Steuern zahlen und Wehrdienst leisten. Dennoch nahmen viele von ihnen die bürgerlichen Werte der Athener begeistert auf. Aristoteles (384–322 v. Chr.) sah diese Entwicklung später eher kritisch, als er in seiner Schrift über die Verfassung der Athener bemängelte, dass man dort Bürger und Zugereiste überhaupt nicht voneinander unterscheiden könne.
Durch die bürgerlichen Werte und dadurch, dass alle sich darauf beriefen, entstand freilich eine erstaunlich resiliente Gesellschaft. Selbst nach den furchtbarsten Katastrophen wie der Niederlage im Peloponnesischen Krieg oder der Epidemie von 430 v. Chr. kehrte sie in einen stabilen Zustand zurück, der lange anhielt.
Allerdings zielte die antike Demokratie im Unterschied zur modernen eben nicht auf die Schaffung individueller Freiräume, sondern auf eine in hohem Maße an normierte Werte gebundene, freilich demokratisch verfasste Gemeinschaft. Es war ein weiter, 2500 Jahre langer Weg von der antiken zur modernen Demokratie.
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