Zur Gründung Venedigs gibt es viele Mythen, aber kaum belastbare Fakten. Die grundsätzliche Frage ist, ob die Lagune für die ersten Venezianer ein Ort der Zuflucht war oder ob die Stadt im Meer bewusst als Handelsstandort aufgebaut wurde.
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
von MISCHA MEIER
Sorgenvoll richtete der Hunnenführer Attila den Blick gen Himmel. Seit Monaten stand sein Heer nun schon vor Aquileia, der Metropole der römischen Provinz Venetia et Histria (etwa das heutige Venetien und Istrien umfassend), und noch immer widerstand die altehrwürdige Stadt der Belagerung. Nach der Niederlage auf den Katalaunischen Feldern 451 war Attila über die Alpen nach Italien gezogen.
Nun hatte Unruhe die Truppen erfasst, und Attila musste ernsthaft einen Rückzug erwägen – da erspähte er in der Luft eine Storchenfamilie, die über die Mauern hinweg aus dem eingeschlossenen Ort davonschwebte. Für ihn ein klares Zeichen: Aquileia war dem Untergang geweiht. Mit neuem Mut bestürmten die Hunnen die Befestigungen und eroberten schließlich die Stadt.
Wer den Angreifern noch entkommen konnte, sei – so wird es seit dem 9. Jahrhundert berichtet – auf die Inseln der nahen Lagune geflüchtet, in ein undurchdringliches Geflecht von Inseln, Sandbänken, Sümpfen und Marschen, hinter Flussmündungen verborgen und selbst von der Adria aus nur schwer zugänglich.
Fluchtbewegungen – sei es nach der Erstürmung Aquileias durch Attila im Jahr 452, nach der Langobarden-Invasion Italiens 568 oder bereits bei Alarichs Vorstoß auf die Apennin-Halbinsel 401/02 – stehen am Beginn der Geschichte der Lagunenstadt Venedig. So jedenfalls sahen es später die Venezianer selbst. Die schriftlichen Zeugnisse indes sind weniger eindeutig.
Mehrere Quellen sprechen von einer Flucht in die Lagune
Paulus Diaconus (gest. um 799), unser ältester Gewährsmann, berichtet im späten 8. Jahrhundert, Bischof Paulus von Aquileia sei vor den Langobarden nach Grado geflohen, und fügt an anderer Stelle hinzu, (die Provinz) Venetia bestehe inzwischen nur noch aus wenigen Inseln, die man nun Venetiae nenne. Von einer Flucht der Bevölkerung Aquileias und des Hinterlands hören wir jedoch erst in der um 1000 entstandenen Chronik „Istoria Veneticorum“, die Johannes Diaconus, einem rührigen Diplomaten aus dem Umfeld des Dogen Pietro II. Orseolo (961 –1009), zugeschrieben wird, deren Verfasserschaft aber insbesondere für den ersten, der Frühgeschichte Venedigs gewidmeten Teil alles andere als klar ist.
Zwei Venetiae, so heißt es dort, existierten mittlerweile: die Provinz und die Ansiedlungen auf den Inseln. Auf Letztere hätten sich die Bewohner der Provinz zurückgezogen und würden, von dieser abgeleitet, nunmehr Venetici („Venezianer“) genannt. Der Verfasser greift dabei auf einen Bericht über die Überführung der Reliquien des Evangelisten Markus von Alexandria nach Venedig aus dem 9./10. Jahrhundert zurück, der gleichfalls die Abwanderung einer großen Menschenmenge (populi multitudo) und die Gründung eines „Neuen Aquileia“ (Aquileia Nova) auf der Insel Grado erwähnt.
Weitere Artikel
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik dieser Kategorie.
Geschichte & Archäologie
Wo die Millionäre des Deutschen Kaiserreichs wohnten
30. Juni 2026
Auch vor 100 Jahren gab es in Deutschland Millionäre. Ein Beamter listete ihre Namen, Wohnorte und Berufe auf. Aus diesen Daten sind nun interaktive Karten…
Aus dem 10. Jahrhundert stammt zudem eine byzantinische Quelle. Kein Geringerer als der gelehrte Kaiser Konstantin VII. (913–959) äußerte sich seinerseits zur Frühgeschichte Venedigs und machte nun wiederum Attila für die Flucht der Festlandsbewohner verantwortlich. All dies zeigt: Die Überlieferung zu den Anfängen der Lagunenstadt ist undurchsichtig und verworren. Aber sie gründet sich auf wiederkehrende Motive. Dazu gehört vor allem die Flucht der römischen Bevölkerung vor auswärtigen Invasionen in die Lagune. Daran wiederum hängt die Berufung auf Zugehörigkeit zum Imperium Romanum, das seit dem 6./7. Jahrhundert als Byzantinisches Reich bezeichnet werden kann – ein Anspruch, der im Frühmittelalter wiederholt gegenüber Langobarden und Franken ausgespielt und zu diesem Zweck in eine paradox erscheinende Freiheitsbehauptung gewendet wurde. Ein weiteres Motiv stellt schließlich die freie und autonome Wahl des Dogen dar. Darauf wird noch zurückzukommen sein.
Für die späteren Venezianer waren diese Motive von ungeheurer Bedeutung, denn sie bildeten nichts weniger als die Eckpfeiler ihrer eigenen Identität. Dementsprechend bemüht zeigten sich mittelalterliche Historiographen, ihnen in angemessener Weise Raum zu verschaffen, sie zu entfalten, um die unabhängige Position der Stadt im europäischen Mächtegeflecht und ihre Expansion zu legitimieren. Man meinte schließlich sogar, das Gründungsdatum der Stadt zu kennen: der 25.März (Mariä Verkündigung) 421. Die venezianische Frühgeschichte, wie sie uns in der schriftlichen Überlieferung entgegentritt, erweist sich damit in hohem Maß als Produkt späterer Formung und intentionaler Gestaltung.
Aus diesem Grund wird insbesondere ihr Kern, die Massenflucht vom Festland, von Historikern mittlerweile recht kritisch betrachtet. Dieses Element scheint nicht nur verdächtig spät in unseren Zeugnissen hervor, sondern setzt zudem einen scharfen Gegensatz zwischen einheimischen Römern und auswärtigen Barbaren voraus – eine Abgrenzung, die den komplexen Realitäten der spätantik-frühmittelalterlichen Welt nicht gerecht werden dürfte.
Selbstverständlich verursachten der Angriff Attilas und ein Jahrhundert später die Invasion der Langobarden verheerende Zerstörungen und entsetzliches Leid, und ohne Zweifel bedeuteten sie für die lokale Bevölkerung eine tiefe Zäsur. Aber zu einer strikten Trennung „römischer“ Venezianer und „barbarischer“ Zuwanderer können sie nicht geführt haben. Diese Tatsache ist alles andere als nebensächlich. Denn nicht nur für die Venezianer selbst, sondern auch in der modernen Historiographie hat die Frage, ob Venedig aus römischen Ursprüngen hervorgegangen sei und damit in der Tradition des Imperium Romanum stehe oder ob es sich unabhängig davon erst im Frühmittelalter entwickelt habe, eine wichtige Rolle gespielt.
Und sie tut es noch heute, da sie unterschiedliche Wege ausweist, die Stadt in den ersten Jahrhunderten kategorial zu erfassen: Handelte es sich um ein Siedlungskonglomerat, das den Zeitläuften der „Völkerwanderung“ geschuldet war, oder um eine strategisch angelegte Handelsniederlassung?
Archäologische Zeugnisse zur Gründung Venedigs sind rar
Aufgrund der begrenzten Aussagekraft der schriftlichen Zeugnisse hat man in jüngerer Zeit vermehrt versucht, Antworten aus der Archäologie zu gewinnen. Doch auch diese Form der Annäherung ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, denn die Befunde sind mager. Seit Jahrhunderten unterliegt die Lagunenlandschaft permanenten Veränderungen: Die Küstenlinie verschiebt sich, Inseln werden größer oder kleiner, Sandbänke wandern; der Boden ist sumpfig, große Gebiete liegen nicht nur zeitweise unter Wasser. Die Voraussetzungen für den Erhalt materieller Hinterlassenschaften sind also denkbar ungünstig.
In Venedig selbst sind in der Regel nur schlecht vorbereitete, kurz angelegte Notgrabungen im Zusammenhang von Bauarbeiten und Restaurierungen möglich. Unter diesen Bedingungen ist es schwer, valide Befunde zu gewinnen. Dennoch hat die Archäologie in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt. Die Resultate deuten darauf hin, dass man die Konzepte der „Flüchtlingssiedlung“ und des „Handelszentrums“ wohl nicht mehr als strikte Gegensätze betrachten darf.
Besiedlungsspuren in der Lagune reichen bis in vorrömische Zeit zurück. Doch gerade in der römischen Spätantike haben sich dort Menschen niedergelassen; vor allem in der nördlichen Lagune scheinen spätestens im 5./6. Jahrhundert, also sicherlich vor Ankunft der Langobarden, feste Siedlungen bestanden zu haben. Für das Gebiet der heutigen Altstadt Venedigs gibt es bislang keine sicheren Hinweise auf Ansiedlungen, die sich als Folge einer Flucht vor Hunnen oder Langobarden deuten ließen.
Aufgrund der spezifischen Verhältnisse in der Lagune, die solide Steinbauten erschweren, bestanden die frühesten Siedlungen im Wesentlichen aus hölzernen Strukturen (und sind archäologisch damit nur schwer nachweisbar). Aber es zeichnet sich ab, dass die Region sehr gezielt von Menschen aufgesucht wurde, die ihr Glück in den besonderen naturräumlichen Voraussetzungen suchten und bemüht waren, sich den Veränderungen der Umweltbedingungen anzupassen.
Als im Zuge jenes allgemeinen Klimawandels, der in spätrömischer Zeit einsetzte und inzwischen als „Kleine Eiszeit der Spätantike“ bekannt ist, auch die Küstenlinie an der nördlichen Adria allmählich anstieg und Orte wie Torcello oder Eraclea/Cittanova neue Attraktivität gegenüber älteren Ansiedlungen gewannen, scheinen erste Impulse für weiterreichende Handelsaktivitäten in der Lagune gelegt worden zu sein.
Der hochrangige römisch-gotische Amtsträger Cassiodor (gest. um 580) bezeugt im Jahr 537/38 Handel mit Salz und Fisch, an den Flussmündungen scheinen mehrere kleinere Anlegestellen entstanden zu sein. Mittlerweile konnten zudem (Handels-)Niederlassungen an verschiedenen Orten in der Lagune und ihrer Umgebung nachgewiesen werden, die zwischen dem 5. und dem 7. Jahrhundert entstanden: San Basilio, Cavarzere, Chioggia, Rialto, Olivolo, Malamocco, Torcello, Jesolo, Eraclea/Cittanova, Caorle, Grado.
Erstaunlich ist dies nicht, lag die Region mit ihren Flussmündungen unweit der Alpen und dem Zugang zum Meer doch ideal als Umschlagplatz für den Fernhandel. Keramikfunde belegen, dass entsprechende Aktivitäten sich weit in den römischen Osten erstreckten. Fragmente von Amphoren aus dem 6. bis 9. Jahrhundert, in denen Öl, Wein, Fischsauce (garum) und Gewürze transportiert wurden, bezeugen Verbindungen in den gesamten Mittelmeerraum, in die Schwarzmeerregion, nach Kleinasien, Ägypten und zur Levanteküste – ein Netzwerk zum Austausch von Gütern, die über die Flusswege in nördlichere Gebiete weitergeleitet werden konnten.
Diese sich allmählich intensivierenden Aktivitäten können nicht allein das Ergebnis eines unregulierten Flüchtlingszuzugs gewesen sein. Sie setzen – im Gegenteil – bewusste strategische Entscheidungen voraus. Ambitionierte Händler scheinen sich zielstrebig in der Lagune angesiedelt zu haben, um dort ihre Geschäfte zu betreiben. Der dafür nötige finanzielle Hintergrund weist sie als Mitglieder einer provinzialen Oberschicht aus, und innerhalb kurzer Zeit dürften sie in der Lagune eine ökonomische Elite ausgebildet haben, die vor dem Hintergrund jener ausgeprägten Militarisierung, die seit dem 5. Jahrhundert im römischen Westen allseits um sich griff, bald auch die militärische Führungsschicht gestellt haben dürfte.
Diese ökonomisch-militärische Elite mag die Grundlagen für den späteren Wohlstand der Lagunenstadt gelegt haben. Schon bald weitete sie ihre Präsenz über die Lagune hinweg aus. Die unter der Bezeichnung „Liber Pontificalis“ bekannte Sammlung von Papstbiographien erwähnt, dass um die Mitte des 8. Jahrhunderts venezianische Händler in Rom Sklaven erwarben, um sie in Nordafrika weiterzuverkaufen. Andernorts, nicht zuletzt durch arabische Münzen, sind Kontakte in den Osten und nach Ägypten bezeugt, die nicht zuletzt die Überführung der Reliquien des Markus aus Alexandria im Jahr 828 ermöglichten.
Im Jahr 787 beschlossen der Frankenkönig Karl der Große (768–814, seit 800 Kaiser) und Papst Hadrian I. (772–795), Venezianer aus Ravenna und der gesamten Adria zu verbannen. Es ging hier offenbar nicht nur um eine militärische Einhegung der wachsenden venezianischen Flotte; auch wirtschaftlich konnte man die Stadt inzwischen durch die Blockade der Adria-Häfen empfindlich treffen.
Ob die neue Elite in der Lagune, die ihren Reichtum – anders als die meisten spätrömischen Aristokraten – weniger auf Landbesitz denn auf Handelseinkünfte gründete, mehrheitlich „römischer“ oder „barbarischer“ Herkunft war, ist zumal aus zeitgenössischer Perspektive irrelevant, denn all ihre Angehörigen verfolgten nun gemeinsame Interessen und bildeten eine eigene soziale Gruppe.
Auch wenn sich unter die Lagunenbewohner seit dem 5. Jahrhundert zunehmend Flüchtlinge gemischt haben mögen – was keineswegs auszuschließen ist –, so kann es sich dabei jedenfalls nicht um eine Massenmigration gehandelt haben. Es war eine allmähliche Zuwanderung, die mit dem graduellen Rückzug der oströmisch-byzantinischen Kontrolle in Nordostitalien einherging – ein schleichender Prozess der Machterosion, der sich vornehmlich im 7. Jahrhundert vollzog und dazu führte, dass die Präsenz der Byzantiner schließlich auf wenige Festungen in der Lagune reduziert blieb.
Diese indes hatten nicht nur militärische Funktion; sie visualisierten vor allem den noch immer aufrechterhaltenen Anspruch auf den Besitz der gesamten einstigen Provinz Venetia, und nur so erklärt sich, dass auch weiterhin von einer solchen gesprochen werden konnte – selbst in der frühesten erhaltenen Urkunde eines venezianischen Dogen aus dem Jahr 819.
Die spätantike Provinz Venetia et Histria war indes, wie schon Paulus Diaconus angemerkt hatte, auf die der Küste vorgelagerten Inseln zusammengeschmolzen – ein ähnlicher Schrumpfungsprozess, wie er sich weiter westlich in Ligurien vollzog. Der Einfall der Langobarden hatte die antiken Provinzgrenzen endgültig ausradiert.
Byzanz beansprucht weiter die Kontrolle über die nördliche Adria
Durch die Einrichtung des Exarchats von Ravenna versuchten die Byzantiner die Kontrolle über ihre noch verbliebenen Gebiete in Italien auszuüben. Seit dem späteren 6. Jahrhundert diente das Instrument der Exarchate der Regierung von Konstantinopel dazu, die Sicherung und Verwaltung ihrer Außenposten (Nordafrika und Italien) zu organisieren. Charakteristisch für diese Form der Herrschaftsausübung war die Aufhebung der Trennung zwischen ziviler und militärischer Gewalt – auch dies eine Folge der allgemeinen Militarisierung. Mächtige Militärkommandanten, ausgestattet mit umfangreichen, nahezu vizekaiserlichen Befugnissen, agierten in weitgehender Unabhängigkeit vom fernen Kaiserhof und verfolgten neben den Interessen des Reiches allzu häufig vor allem ihre eigenen Ambitionen.
Wenngleich noch nicht in der offiziellen Funktion eines Exarchen, kann bereits Narses, dem 552 die Rückeroberung Italiens von den Goten gelang und der danach als oströmisch-byzantinischer Statthalter im Land verblieb, als Prototyp dieser Machthaber angesehen werden. Auf ihn werden erste Befestigungen in der Lagune zurückgeführt. Offiziell agierte Narses in Italien wohl als praepositus sacri cubiculi (kaiserlicher Kammerherr) und patricius (Person mit besonderer Kaisernähe). Die späteren Exarchen vereinigten in ihrer Person die Ämter eines praefectus praetorio (Verwaltungschef) und magister militum (höchster Feldherr). Seit dem ausgehenden 6. Jahrhundert sind für das Exarchat von Ravenna magistri militum, duces (Militärführer) und tribuni (Offiziere) bezeugt, wobei insbesondere eine Trennung zwischen den Erstgenannten zunehmend schwierig wird.
Duces agierten in der Spätantike als regionale Militärgouverneure, deren Operationsgebiet mehrere Provinzen umfassen konnte; in den Exarchaten wuchs ihre Macht entsprechend der Unabhängigkeit dieser Institution von Konstantinopel. Auch die Langobarden griffen indes auf die römische Terminologie zurück und nannten ihre Militärführer duces, so dass in Italien byzantinische und langobardische duces aufeinandertreffen konnten, mitunter sogar nicht klar unterscheidbar sind, zumal einige langobardische Warlords sich temporär byzantinischem Oberbefehl unterstellten.
So unübersichtlich sich die Konstellation somit gestaltete: Der byzantinische Anspruch auf Herrschaft über Italien blieb bestehen, und bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts waren die Bewohner der Lagunenstadt stets dann bemüht, zumindest deklaratorisch unter diesen Schild zu schlüpfen, wenn ihnen Gefahr drohte.
Gleichzeitig besaß die Lagune für Byzanz eine hohe strategische Bedeutung. Eine Inschrift in der Kirche Santa Maria Assunta (Torcello) aus dem Jahr 639 bezeugt die Präsenz eines „ruhmreichen Feldherrn der Provinz der Venetiae“ (gloriosus magister militum provincie Venetiarum); über ihm stand der „hervorragende Exarch und patricius Isaak“ (excellentissimus exarchus patricius), der sich offenbar ebenfalls zumindest temporär in der Lagune aufhielt. Ausdrücklich wird dabei auch das byzantinische Heer (exercitus) erwähnt, was auf die strategisch-militärische Bedeutung der Region schließen lässt.
Auch spätere byzantinische Amtsträger richteten ihr Interesse auf die Lagune: Ein Gregorios, als patricius vermutlich ebenfalls ein Exarch, ermordete um 650 in Venetien (Oderzo) langobardische duces, und in Eraclea fand sich das Bleisiegel eines patricius Anastasios aus dem 7. Jahrhundert.
Die Ressourcen, die Byzanz in das Exarchat von Ravenna zu investieren vermochte, schwanden jedoch; der Existenzkampf, den das Reich gegen die expandierenden Araber zu führen hatte, hinterließ auch in Italien seine Spuren. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass die Präsenz der Großmacht vom Bosporus in den erhaltenen materiellen Resten Venedigs geringer ist, als man zunächst erwarten würde. Jene berühmten Monumente, die auf die enge Anbindung der Lagunenstadt an Byzanz verweisen, entstammen erst dem Hoch- und Spätmittelalter.
Im 7. Jahrhundert hingegen standen die aufstrebenden venezianischen Händler vor der Herausforderung, ihre Netzwerke in einer komplexen Mächtekonstellation zu verankern: In Italien bekämpften sich Langobarden und Byzantiner, im Norden stemmten sich die Merowinger gegen die allmähliche Fragmentierung ihres Reiches. Zwischen Byzanz und die lateinische Welt im Westen hatten sich Awaren im Donauraum und Slawen auf dem Balkan geschoben, während die muslimischen Araber zunehmende Präsenz im Mittelmeerraum gewannen. Und nicht zu vergessen die wiederholten Pestwellen, die zwischen 541/42 und dem mittleren 8. Jahrhundert durch die spätantik-frühmittelalterliche Welt fegten und immer wieder ihre Strukturen durcheinanderwirbelten.
Das junge Venedig muss sich mit den mächtigen Nachbarn arrangieren
Die Lagunenbewohner standen also vor keiner einfachen Aufgabe in ihrem Bemühen, zwischen den unterschiedlichen Mächten zu lavieren und ihre Freiheit und Autonomie als Kern ihrer Identität zu verteidigen – und im 8. Jahrhundert verbesserte sich die Situation nur geringfügig. Gegen Langobarden und Franken berief man sich, wie angedeutet, auf Byzanz, nicht zuletzt, indem die Dogen den griechischen Titel Ipato („Konsul“) führten.
Doch auch mit den Franken, die seit der Eroberung des Langobardenreichs (774) Norditalien beherrschten, suchte man sich zu arrangieren. Die ersten venezianischen Münzen, die unter dem Dogen Agnello Particiaco (810 – 827) ausgegeben wurden, trugen jedenfalls das Bildnis des fränkischen Kaisers Ludwig des Frommen (814 – 840) – eine deutliche Abgrenzung von Byzanz, dessen Schutzfunktion nach dem Fall Ravennas an die Langobarden (751) ohnehin weggebrochen war. Umso wichtiger erschien den Venezianern im Rückblick die eigenständige und unabhängige Wahl ihres Dogen schon zu frühen Zeiten – ein weiterer Eckpfeiler der venezianischen Geschichtskonstruktion neben der Vorstellung einer „Flüchtlingsstadt“.
Hatte bereits Konstantin VII. im Kontext der Konflikte Venedigs mit dem fränkischen König Pippin von der Einsetzung eines doux berichtet, so informiert uns die „Istoria Veneticorum“ ein halbes Jahrhundert später näher über die Wahl des ersten Dogen im Jahr 713 oder 715. Demzufolge hätten sich sämtliche Venetici gemeinsam mit dem Patriarchen und den Bischöfen zusammengefunden und beschlossen, dass sie fortan lieber unter duces (= Dogen) als unter (byzantinischen) tribuni leben wollten; daraufhin habe man in Eraclea den ehrwürdigen und honorigen Paulicius zum ersten Dogen bestimmt, der sogleich einen Friedensvertrag mit dem Langobardenkönig Liutprand (712–744) geschlossen habe.
Historiker haben mittlerweile jedoch Zweifel an dieser Geschichte: Nicht nur die Tatsache, dass ein Doge namens Paulicius in älteren Quellen (Konstantin VII., Überführung der Markus-Reliquien) nicht erwähnt wird und Venedig auch nach 713/715 formal weiterhin unter byzantinischer Herrschaft stand, wirft Fragen auf. Mittlerweile weiß man, dass der Verfasser der „Istoria“ sich auf ein Dokument aus dem 9. Jahrhundert gestützt haben muss. Das „pactum Lotharii“ – ein Vertrag, den der fränkische Kaiser Lothar I. 840 mit den Venezianern schloss – besiegelte erstmals die formale Unabhängigkeit Venedigs von Byzanz.
Im Text des Abkommens wird auch eine Abgrenzung (terminatio) erwähnt, die zur Zeit Liutprands zwischen einem Paulicius dux und dem magister militum Marcellus festgelegt worden sei. Johannes Diaconus, der mutmaßliche Verfasser der „Istoria Veneticorum“, hat dieses Dokument offenbar im Dogenarchiv vorgefunden und in dem Sinn missverstanden, dass dieser Paulicius als erster Doge gehandelt habe. Um seine Figur herum strickte er jedenfalls die Geschichte von der Wahl des ersten Dogen, die ihm umso plausibler erscheinen musste, als die vermeintliche Wahlversammlung wohl an die tatsächliche Existenz lokaler Versammlungen in der Frühzeit Venedigs anknüpfte, die aber vorwiegend militärische Funktionen hatten und von tribuni geleitet wurden.
Bei dem ominösen Paulicius dux aus dem „pactum Lotharii“ hingegen dürfte es sich um einen langobardischen dux („Herzog“) gehandelt haben, der eine Übereinkunft mit einem byzantinischen Feldherrn (magister militum) geschlossen hatte, die in irgendeiner Weise auch die Lagunenbewohner betroffen haben muss. Aus Marcellus wiederum wurde in der venezianischen Tradition der angebliche zweite Doge als Nachfolger des Paulicius.
Die Liste der tatsächlichen Dogen beginnt wohl erst mit Orso (Ursus), der sein Amt um 726 antrat. Damals befanden sich die byzantinischen Besitzungen Italiens in Aufruhr gegen Kaiser Leon III. (717– 741) und seine Politik im beginnenden Bilderstreit. Die Venezianer scheinen diese Gelegenheit genutzt zu haben, um sich von Byzanz unabhängig zu machen.
In diese Phase fällt auch der allmähliche Ausbau einer venezianischen Kriegsflotte, die zwar noch bis in das 9. Jahrhundert Schwierigkeiten mit Arabern und slawischen Piraten hatte, aber immerhin (wohl 739/40) bereits in der Lage war, das von den Langobarden eingenommene Ravenna zurückzuerobern. Orso selbst weilte zu diesem Zeitpunkt wohl schon nicht mehr unter den Lebenden, ermordet im Kontext innerer Zerwürfnisse der Lagunengemeinden und ihrer lokalen Anführer.
Die seltsame Nachricht, wonach die Venezianer sich danach jährlich wechselnden magistri militum unterstellt hätten, wird man kaum als Ausweis für eine temporäre Rückkehr byzantinischer Amtsträger werten können; dafür war das Exarchat in diesen seinen letzten Jahren nicht mehr stark genug. Möglicherweise einigten sich die konkurrierenden Anführer der Lagunensiedlungen darauf, die Führungsposition auf ein Jahr zu begrenzen, bevor dann Orsos Sohn Deodatus das Dogenamt übernahm. Vielleicht aber hat sich der Verfasser der „Istoria Veneticorum“ auch schlicht vom langobardischen Interregnum 574 bis 584 bei Paulus Diaconus inspirieren lassen und für die Venetici ganz ähnlich eine herrscherlose Phase konstruiert. Sicherheit ist hier nicht zu gewinnen.
Deutlich zeichnet sich hingegen die Entwicklung eines unabhängigen Dukats in der Lagune seit den 730er Jahren ab. Dieses konnte seinen Einfluss insbesondere nach der endgültigen Niederlage Ravennas 751 gegen die Langobarden konsolidieren. Die Venetici bildeten inzwischen einen regionalen Machtfaktor und scheinen auf dieser Grundlage ihre Handelsaktivitäten ausgeweitet zu haben. Im Jahr 776 wurde auf der Insel Olivolo (heute Castello in der Altstadt Venedigs) gar ein erster Bischofsitz im Zentrum der Lagune gegründet.
Innerhalb der politischen Elite Venedigs kommt es zu gewalttätigen Konflikten
Aber die politischen und ökonomischen Erfolge forderten einen hohen Preis, denn sie verschärften die Konkurrenzen innerhalb der Elite. Dogen wurden ermordet, abgesetzt oder geblendet. Maurizio Galbaio (gest. 797) versuchte, auch unter dem Druck fränkischer Expansion, Stabilität dadurch zu gewinnen, dass er mit seinem Sohn Giovanni erstmals einen Mitregenten einsetzte und dem Dogenamt eine dynastische Komponente verlieh. Das Experiment endete mit dem Tod seines Enkels Maurizio II. um 803 während des fränkisch-byzantinischen Konflikts, in den auch die Venetici hineingezogen wurden.
Erst der Frieden von Aachen, den Michael I. (811–813) und Karl der Große 812 schlossen, schuf die Rahmenbedingungen für die weitere Entfaltung Venedigs – und legte zugleich den Grundstein für die Sonderrolle, welche die Lagunenstadt zukünftig in Italien spielen sollte. Offiziell wieder den Byzantinern zugesprochen, agierten die Venezianer weiterhin unabhängig.
Unter dem Dogen Agnello Particiaco und seinen Söhnen Giustiniano (gest. 829) und Giovanni (gest. um 836) vollzogen sich tiefgreifende Veränderungen. Agnello verlegte seinen Sitz von Malamocco (wo die Dogen seit Deodatus residiert hatten) ins Zentrum der Lagune nach Rivoalto (Rialto), wo ein Palast mit eigenem Archiv und einer Kanzlei (das früheste erhaltene Dokument datiert ins Jahr 819) sowie eine Kapelle (die spätere Markuskirche, der heutige Bau geht auf das 11. Jahrhundert zurück) entstanden. Zudem prägte er Münzen und gründete Klöster (San Zaccaria).
So entstand in einem kraftvollen Zentralisierungsakt der Kern des heutigen Venedig, eine kurzfristige, geradezu eruptive Phase der Stadtwerdung, die mit einer immensen Aktivität im Kirchenbau einherging (die bereits im 8. Jahrhundert eingesetzt hatte und eindrucksvoll den Reichtum der venezianischen Großen illustriert). Noch im Jahr 806 hatte Karl der Große feststellen müssen, dass die Provinz Venetia – anders als Dalmatia – keine repräsentative Stadt besaß. Das hatte sich bereits eine Generation später grundlegend geändert.
Und noch etwas ist bemerkenswert: Die „Stadtwerdung“ Venedigs zu Beginn des 9. Jahrhunderts fiel wohl mit jener Phase zusammen, in der sich auch die venezianische Ursprungsgeschichte um das Motiv der „Flüchtlingsstadt“ und die angebliche Wahl des ersten Dogen formierte. Mit der nunmehr zügigen Entstehung des urbanen Siedlungszentrums in der Lagune ging also die historische Selbstvergewisserung einher.
Auch auf andere Weise baute die Stadt an ihrem ideellen Fundament. Als im Jahr 827 die Synode von Mantua im Streit zwischen den Patriarchaten Grado und Aquileia zugunsten des Letzteren entschied – eine Demütigung Venedigs –, bedurfte es besonderer spiritueller Fundierung, um auch zukünftig die eigenen Ansprüche zu legitimieren. Im Jahr 828 entwendeten zwei venezianische Kaufleute in Alexandria die Reliquien des Evangelisten Markus und schmuggelten sie nach Venedig. Mit diesem Akt wurde wie im Flüchtlingsmythos gezielt an die römische Vergangenheit angeknüpft. Er leitete eine neue Phase in der Geschichte der Lagunenstadt ein.
Autor: Prof. Dr. Mischa Meier
Einer der produktivsten Vertreter der Aufklärung war der Publizist Adolph Freiherr von Knigge. Neben seinen Hauptwerken schrieb er zahllose Rezensionen und…
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Die Milch der Muttergottes macht’s
30. Juni 2026
Marienmilch war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ein gefragtes Wundermittel. Eine Studie beleuchtet den Kult um das Sekret aus Marias Busen.
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Als der Fußball heimkehrte
30. Juni 2026
Rund 400 Millionen Menschen sahen am 30. Juli 1966 das WM-Finale zwischen England und Deutschland im Londoner Wembley-Stadion – und ein Tor, das in die…