Noch im März 1968 konstatierte der Journalist Pierre Viansson-Ponté in der Zeitung „Le Monde“ die große Langeweile: „Quand la France s’ennuie“ („Wenn Frankreich sich langweilt“). Gegenüber den großen Ereignissen der Zeit, wie dem Vietnam-Krieg, dem Biafra-Krieg oder der Apartheid in Südafrika, blieben die Franzosen seltsam unberührt, so meinte Viansson-Ponté. Er hatte sich geirrt. Denn es brodelte schon lange, vor allem an der Universität von Nanterre vor den Toren von Paris. Von dort nahmen die Ereignisse des Frühjahrs 1968 ihren Ausgang.
Auf dem Campus der Universität Nanterre hatten ein Jahr zuvor, im März 1967, Studenten das Studentinnenwohnheim besetzt, eine Provokation, war doch der Zutritt zu diesem Haus den männlichen Kommilitonen verboten. Hinter einem nur scheinbar harmlosen Vorwand artikulierte sich der Unmut gegenüber einem veralteten Universitätssystem, das weder den Anforderungen der Berufswelt noch dem Zustrom der Studenten gerecht wurde. Im Herbst 1967 folgte ein zehntägiger Streik gegen die Universitätspolitik der Regierung, an dem sich zahlreiche Assistenten und Professoren beteiligten. Er ging von der Fakultät für Soziologie aus, an der auch der junge Daniel Cohn-Bendit studierte. Der Sohn deutsch-jüdischer Emigranten, zeitweise in Frankreich aufgewachsen, sollte als „Dany le Rouge“ („der rote Dany“) zu einer der prägenden Figuren der Protestbewegung werden…
Autor: Dr. Silja Behre
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