von HEINZ DUCHHARDT
Über Leopold von Ranke, den populärsten und produktivsten Historiker, den Deutschland im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, sind ganze Bibliotheken geschrieben worden: zu seinen frühen Werken, zu seinem Geschichtsverständnis, zu seiner wenig theoretisch fundierten, aber sehr pragmatischen Art, Geschichte zu schreiben. Die Forschung hat sich bemüht, in großangelegten Projekten die Entstehungs- und Editionsgeschichte seiner spektakulären Werke aus den 1830er und 1840er Jahren zu erhellen.
Handschrift und Nachlass von Ranke sind problematisch
Die Wissenschaft und die sie tragenden Einrichtungen ringen seit geraumer Zeit darum, endlich eine kritische Gesamtausgabe seiner erhaltenen Korrespondenz auf die Beine zu stellen – Unternehmungen, die einerseits wegen der problematischen Handschrift des Gelehrten, die im Lauf seines Lebens immer unleserlicher wurde, an ihre Grenzen stoßen, andererseits wegen der Unübersichtlichkeit seines Nachlasses, der in den letzten 20 Jahren in der Berliner Staatsbibliothek mühsam, aber noch nicht zur Gänze geordnet worden ist.
Von verlässlichen historisch-kritischen Ausgaben seiner Werke und Korrespondenz ist die Wissenschaft noch weit entfernt. Zudem ist der biographische, sein ganzes Leben von den Quellen her ausleuchtende Ansatz kaum zum Tragen gekommen, und das gilt namentlich für seine letzte Lebensphase nach dem tiefen Einschnitt von 1871.
Leopold von Ranke war dem deutschen „Bildungsbürgertum“ bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Begriff. Das ist heute nicht mehr so. Geboren wurde er 1795 in dem erst auf dem Wiener Kongress an Preußen übergehenden Städtchen Wiehe in eine am Ende neunköpfige kirchennahe Familie, deren männliche Glieder alle mit mehr oder weniger Erfolg die Universität besuchten. Zunächst im Schuldienst tätig, erhielt Leopold aufgrund eines aufsehenerregenden wissenschaftlichen Erstlings 1825 eine Professur an der Berliner Universität. Nach einer dreijährigen Forschungsreise nach Wien und Italien schrieb Ranke in den 1830er und 1840er Jahren seine „Klassiker“: eine Geschichte der Päpste im 16./17. Jahrhundert und eine deutsche Reformationsgeschichte. In den späten 1840er Jahren folgten das erste Preußen-Buch des inzwischen zum Staatshistoriographen aufgestiegenen Historikers und wenig später seine beiden „Nationalgeschichten“ (Frankreichs und Englands) sowie seine Wallenstein-Biographie.
Für den mit akademischen und staatlichen Ehrungen überhäuften Gelehrten brach 1871 dann eine neue Zeit an: Seine aus einer englisch-irischen Honoratiorenfamilie stammende Ehefrau, die ihm zwei Söhne und eine Tochter geschenkt hatte, verstarb nach langem Leiden, der Besuch seiner Lehrveranstaltungen ließ rapide nach, zunehmende Gebrechen – eine schmerzhafte Harnverhaltung und schnell fortschreitende Augenprobleme, die ihm das Lesen unmöglich machten und am Ende in den Zustand der Erblindung übergingen – kamen hinzu. Ranke zog die Konsequenzen: Er ließ sich frustriert an der Universität emeritieren und an der Akademie der Wissenschaften in den Stand des „Veteranen“ versetzen. Von Archivreisen nahm er ganz und vom sozialen Leben
in Berlin weitgehend Abschied.





