Zurück in Indien, nahm es Gandhi mit dem britischen Empire auf. Spätestens nach dem Massaker von Amritsar 1919 an unbewaffneten Pilgern wurde klar, dass das Ziel seiner Politik der Nichtzusammenarbeit letztlich die Unabhängigkeit Indiens sein musste.
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Nach Gandhis Rückkehr aus Südafrika erzielte seine Satyagraha-Bewegung erstmals 1917 Erfolge bei Protesten von Bauern gegen britische Plantagenbesitzer und die fixierten Preise für Indigopflanzen im Champaran-Distrikt in der Provinz Bihar (Nordostindien). Ein Jahr später kanalisierte Gandhi in seiner Heimat Gujarat die Empörung der von Überflutungen und Hunger gebeutelten Bauern gegen hohe Steuerlasten in eine erfolgreiche Kampagne zur Verweigerung von Steuern. In beiden Fällen waren die britischen Kolonialherren am Ende zu Zugeständnissen bereit.
Von diesen Erfolgen inspiriert, protestierten 1919 überall in Indien Akteure der verschiedenen Unabhängigkeitsbewegungen gegen die fortgesetzten Einschränkungen von Bürgerrechten – gewaltlos gegen Menschen, aber nicht gegen Dinge wie Telegraphenleitungen und Eisenbahnschienen.
Besonders in der Provinz Punjab im Nordwesten Indiens spitzte sich die Lage zu. Zwei führende Anhänger Gandhis, Dr. Satyapal und Saifuddin Kitchlew, wurden daraufhin in Haft genommen. Am 10. April 1919 zogen Demonstranten vor die Residenz des Stadtdirektors (Deputy Commissioner) von Amritsar, der zweitgrößten Stadt der Provinz Punjab, und verlangten die Freilassung von Satyapal und Kitchlew. Ein britischer Wachsoldat verlor dabei die Nerven und schoss in die Menge, es gab mehrere Tote.
Darauf reagierten in den nachfolgenden Tagen auch die Inder mit Gewalt, verübten Brandanschläge auf Kolonialbehörden, töteten einige britische Männer und bedrohten britische Frauen. Letzteres nahm wiederum der Stadtkommandant der Provinzhauptstadt Lahore, Oberst Reginald Dyer, zum Anlass für eine besonders erniedrigende Form der kollektiven Vergeltung: Die Straße, auf der die Missionsschwester Marcella Sherwood bedrängt worden war, durfte von Indern nur noch auf dem Bauch kriechend passiert werden.
Amritsar 1919: Feier des Frühlingsfests endet in einem Blutbad
Zur Verhütung weiterer gewaltsamer Aktionen verhängte Dyer das Kriegsrecht und verbot alle öffentlichen Kundgebungen im Punjab. Unter den gegebenen Kommunikationsbedingungen erreichte diese Anordnung in der weitläufigen Provinz jedoch entlegene Siedlungen zunächst nicht, so dass sich Sikhs und Hindus am 13. April 1919 an verschiedenen Orten zur Feier des buddhistischen Frühlingsfests (vesakh) versammelten und dabei zugleich auch die Freilassung von Satyapal und Kitchlew forderten.
Auch in Amritsar wurde das Fest verbotenerweise gefeiert. Um dabei die Kontrolle zu behalten, ließ Dyer in der Stadt eine Verfügung verlesen, der zufolge man für das Betreten und Verlassen von Amritsar Passierscheine brauchte. Öffentliche oder religiöse Umzüge hatten zu unterbleiben, und nach 20 Uhr galt eine Ausgangssperre.
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Ungeachtet dessen versammelten sich Tausende Menschen am Garten Jallianwala Bagh des Goldenen Tempels im Zentrum von Amritsar, einem der heiligsten Orte der Sikhs. Der Garten hatte ungefähr die Größe von vier Fußballfeldern und war von einer neun Meter hohen Mauer umgeben. Am späten Nachmittag des 13. April füllte sich der Garten mit Pilgern, aber auch mit zahlreichen Bauern und Händlern aus dem Umland, die bei dem Fest ihre Waren verkaufen wollten.
Nachdem Dyer die Zahl der Menschen im Jallianwala Bagh durch einen Überflug auf über 6000 hatte schätzen lassen, führte er persönlich eine Kompanie aus 50 indischstämmigen Soldaten (Gurkhas und Sikhs) dorthin. Er ließ die Ausgänge des Gartens schließen und positionierte vor dem Haupttor einen Wagen mit einem Maschinengewehr. Die Menschen saßen in einer Falle. Ohne
irgendeinen Versuch, die Menge vorher aufzulösen, ließ Dyer das Feuer eröffnen.
Bis heute ist es schwer, die Opfer zu beziffern. Dyer berichtete von 200 bis 300 Toten, diese Zahl wurde zunächst auch in der regierungsnahen Presse übernommen, die zudem von einer Maßnahme gegen Rebellen sprach. Heute geht man von rund 1000 Opfern aus.
Das Massaker wurde jedenfalls sofort auf das schärfste verurteilt – und zwar sowohl von indischer als auch von britischer Seite. Versuchte der Provinzgouverneur von Punjab noch, Dyers Schießbefehl mit dem Kriegsrecht zu rechtfertigen, sprach in London Winston Churchill, damals Kriegsminister, von einer „unfassbar monströsen“ Tat. Eine vom britischen Minister für Indien eingesetzte Untersuchungskommission unter dem Richter Lord Hunter kam bei ihrer Arbeit in Delhi zu dem Ergebnis, dass Dyer nicht vorschriftsgemäß gehandelt hatte und für den Tod der Zivilisten verantwortlich war. Er wurde 1920 aus dem Dienst entlassen, aber nicht weiter belangt.
Für die Wahrnehmung der britischen Kolonialregimes durch die indische Bevölkerung stellte das Massaker von Amritsar einen Wendepunkt dar. Die Selbstdarstellung des britischen Empires als Kraft des Guten (benevolent empire) erwies sich als hohl. Die indifferente oder opportunistische Haltung gegenüber der Kolonialherrschaft, die weite Teile der indischen Mittelschicht bislang ausgezeichnet hatte, wich tiefem Misstrauen.
Muslime und Hindus sollen an einem Strang ziehen
Daran konnte Gandhi anknüpfen, und zwar, indem er Hindus und Muslime gleichermaßen als Opfer britischer Gewalt, Erniedrigung und Unterdrückung ansprach. Wenn auch nur ein Muslim im Punjab bäuchlings kriechen müsse, so erklärte er 1920 in einer Rede, dann hätten die Briten damit alle Inder in den Staub geworfen.
Bereits zu dieser Zeit hatten sich Stimmen zu Wort gemeldet, die einen eigenen Staat der indischen Muslime forderten. Daher war es für Gandhi wichtig, rechtzeitig politische Brücken zu den Muslimen bauen. Auch aus diesem Grund unterstützte er energisch die Khilafat-Bewegung, ein Bündnis indischer Muslime, das gegen die Zerschlagung des Osmanischen Reichs nach dessen Niederlage im Ersten Weltkrieg durch Großbritannien und Frankreich protestierte. Der osmanische Sultan wurde traditionell als Kalif und damit als Oberhaupt der Sunniten verehrt. Dass dieses Amt nunmehr durch die europäischen Kolonialmächte zur Disposition stehen sollte, empörte Muslime weltweit, vor allem aber in Indien, wo man die Briten direkt konfrontieren konnte.
Gandhi bezog daher den Kampf zur Erhaltung des Kalifats ausdrücklich in sein Programm ein, das er selbst Nichtzusammenarbeit, non-cooperation, nannte. Wie alle seiner Maßnahmen sollte auch dieses Programm vollkommen gewaltfrei sein.
Vollständige Unabhängigkeit wird zum Ziel der Bewegung
Schon als Reaktion auf die Beschneidung von Bürgerrechten und die Verhaftung von Satyapal und Kitchlew hatten Gandhi und seine Partei, der Indian National Congress (INC), Protestmaßnahmen erwogen. Nach dem Amritsar-Massaker verlor Gandhi endgültig den Glauben an ein friedliches Auskommen mit den Briten. Er sprach nun von einer „teuflischen Herrschaft“ der Kolonialmacht.
Für Jawaharlal Nehru, seit 1917 Gandhis Privatsekretär und einer der kommenden Männer im INC, kam nach dem Massaker ohnehin nur eine sofortige Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit in Frage. Die beiden Juristen Gandhi und Nehru waren sich darin einig, dass die Zeit für eine konstitutionelle Lösung der Unabhängigkeitsfrage vorbei war und es anderer Methoden bedurfte. Die Zeit für die flächendeckende Anwendung von Satyagraha im praktischen Sinn der Kooperationsverweigerung war gekommen. Für Gandhi war das Ziel allerdings noch nicht die Unabhängigkeit, sondern eine bestimmte Art der Selbstverwaltung (home rule), wie sie auch für Irland bereits diskutiert wurde.
Die Idee der „Nichtzusammenarbeit“ stammte nicht von Gandhi selbst, sondern war bereits im 19. Jahrhundert praktiziert worden, aber stets nur von kleinen Gruppen, etwa den Sikhs um den Guru Ram Singh. Durch Gandhi wurde non-cooperation nun zu einer Massenbewegung, zu der er seine Landsleute am 1. August 1920 aufrief. Allerdings hatte er sich vorab nicht mit anderen Führungspersonen innerhalb des INC abgestimmt, denn einige Maßnahmen waren innerhalb der Bewegung tatsächlich umstritten.
In einer Rede vor dem INC am 4. September 1920 führte Gandhi aus, was er sich in der konkreten Praxis unter non-cooperation vorstellte. Eltern sollten ihre Kinder nicht länger auf britische Schulen und Universitäten schicken, denn „die Schulen und Hochschulen sind in Wirklichkeit eine Fabrik, die Beamte für die Regierung ausbildet“. Entsprechend sollten Inder auch akademische Titel ablehnen. Die kolonialen Gerichtshöfe müssten ebenfalls boykottiert werden, kein Inder sollte dort klagen führen oder als Anwalt agieren. Die Inder sollten keine britischen oder andere ausländische Produkte mehr kaufen.
Selbst die mühsam errungene politische Partizipation in den Provinzialräten, worin Inder aber ohnehin nur eine beratende Stimme hatten, müsse aufgegeben werden. Denn, so Gandhi, eine solche Art der Mitwirkung in Gremien stütze am Ende nur die britische Herrschaft. Besonders dieser Punkt war innerhalb des INC umstritten.
Gandhi rechtfertigte ihn damit, dass Kooperationsverweigerung dazu diene, alle bewussten und unbewussten Handlungen der Inder, die am Ende den Briten politisch oder wirtschaftlich zugutekamen, einzustellen. Dazu gehöre schließlich auch die Verweigerung des Militärdiensts, sofern dieser in den britischen Mandatsgebieten im Nahen Osten geleistet wurde. Dieser Punkt war erneut vor allem an die indischen Muslime gerichtet.
Gewaltlosigkeit ist innerhalb des INC umstritten
Die Kooperationsverweigerung müsse vollkommen gewaltlos bleiben, betonte Gandhi. Sie verlange zweifellos von den Indern enorme Disziplin und auch eine Opferbereitschaft. Denn Sanktionen, Strafen oder Gewalt als Reaktionen der Briten seien ohne tätigen Widerstand hinzunehmen. Gandhis Vorschlag wurde vom INC nur mit einer knappen Mehrheit von gerade einmal 15 Stimmen angenommen. Seine Gegner hielten Gewaltlosigkeit nach Amritsar zudem für eine Selbstdemütigung. Die Abstimmung brachte den INC also an den Rand der Spaltung.
Gandhi war bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1920 durch Teile Indiens gereist, um für sein non-cooperation-Projekt zu werben. Seine charismatischen Auftritte vor Ort, besonders im westlichen Bengalen (Provinz Bihar und Orissa) blieben nicht ohne Wirkung und setzten das Programm in Bewegung, bevor es offiziell in Kraft trat. Bis 1921 streikten mehr als 11 000 Schüler und Studenten, das waren rund zehn Prozent der jungen Inder an den britischen Bildungseinrichtungen. Nur ein Drittel davon kehrte später wieder an die Universitäten zurück.
Die streikenden Studenten halfen bei der Durchsetzung weiterer Boykottmaßnahmen, unter anderem gegen den Anbau von Indigo oder Jute, woraus Säcke etwa für den Teehandel gefertigt wurden. Es handelte sich überhaupt um eine Bewegung der von Gandhi begeisterten Jugend, während ältere INC-Führer skeptisch blieben.
Vereinzelt kam es in Ostbengalen zu Übergriffen gegen Jutebauern, aber auch gegen Briten. In dieser mehrheitlich muslimischen Provinz wurden zudem Geschäfte boykottiert, die Alkohol verkauften. Abstinenz gehörte jedoch auch zur Botschaft Gandhis, so dass im westlichen Bengalen auch Hindus vor den Alkoholverkaufsstellen, den liquor shops, Aufstellung bezogen und Kunden fortschickten.
Auf ähnliche Weise wurde der Handel mit Zucker, Salz und Kleidung unterbunden. Zugleich streikten Arbeiter in den Kohlenbergwerken und Kraftwerken, beim Eisenbahnbau oder auf den Teeplantagen in der Region Darjeeling.
Im ostbengalischen Rajshahi verweigerten Pächter die Zahlung von Zinsen an die britischen Grundbesitzer, was daraufhin auch an anderen Orten nachgeahmt wurde. Zudem wurden immer wieder und verbotenerweise Massenkundgebungen abgehalten; bei einer davon wurde Nehru verhaftet und für kurze Zeit inhaftiert.
Die Nichtzusammenarbeit sollte aber nicht nur hind swaraj – Regierung der Inder durch Inder – erreichen, sondern diese selbst schon in die Tat umsetzen. Swaraj war für Gandhi keine politisch-konstitutionelle, sondern eine lokale und moralische Selbstverwaltung. Denn im Unterschied zu Nehru bestand Gandhis Vision für Indien nicht in einer unabhängigen und wirtschaftlich starken Nation nach dem Vorbild westlicher Staaten, sondern vielmehr in einem Verbund autarker bäuerlicher Gemeinschaften – ganz so, wie er es selbst in seinem Aschram in der Nähe von Ahmedabad (Gujarat) vorlebte.
Das selbstgewebte Gewand – sein Markenzeichen
Entkoppelt von kapitalistischen Marktgesetzen, sollten diese Gemeinschaften nicht miteinander konkurrieren, sondern ihre Lebensgrundlagen vor Ort erzeugen – die Nahrung ebenso wie die Kleidung. Gandhi trat seit 1918 vermehrt und in den 1920er Jahren nur noch in selbstgesponnenen Baumwollgewändern (khadi) auf. Genau so sollten es, das war seine Botschaft, alle Inder halten und so die britische Textilindustrie in Indien empfindlich treffen.
Gandhi im Khadigewand – diese Aufmachung zeigte, wie er sich vom äußerlich angepassten Untertanen des britischen Empires zum Idol der Unabhängigkeitsbewegung gewandelt hatte – zum Mahatma (wörtlich „große Seele“), ein Ehrentitel, den Gandhi nach gewissem Zögern um 1920 akzeptierte. Die Arbeit am Spinnrad verstand er nicht nur als zweckmäßige, sondern als spirituelle Tätigkeit, als gewaltlose Widerständigkeit der Einzelnen gegen die übermächtige Textilindustrie.
Von Gewaltlosigkeit konnte bei Teilen der Nichtzusammenarbeitsbewegung aber keine Rede sein, auch wenn Gandhi bei seinen Reisen immer wieder dazu aufrief. Die Übergriffe auf Europäer und kooperierende Inder (Plantagenverwalter, Vorarbeiter) häuften sich, Streiks eskalierten, in bengalischen Städten, vor allem in Kalkutta, kam es immer wieder zu Unruhen. Besonders die Anhänger der Khilafat-Bewegung attackierten Polizisten. Als der britische Thronfolger Edward am 17. November 1921 zu einem Besuch der Kronkolonie in Bombay eintraf, kam es auch in dieser Metropole zu Straßenschlachten mit der Polizei.
In Ostbengalen wurden Anfang 1922 vier Boykottierer erschossen, in der Provinz Uttar Pradesh am 5. Februar ebenfalls. Als Vergeltungsaktion wurde eine Polizeistation in Brand gesetzt: 22 (indischstämmige) Polizisten kamen ums Leben. Als Reaktion darauf verhängten die Briten das Kriegsrecht. Entsetzt und enttäuscht über das Absinken der Bewegung in Gewalt, verkündete Gandhi am 12. Februar das Ende der Nichtzusammenarbeit.
Der wirtschaftliche Schaden hatte sich in Grenzen gehalten, aber den britischen Kolonialherren war deutlich geworden, dass sich die Massen für die Idee der Unabhängigkeit mobilisieren ließen. Denn diese Idee und das Nationalgefühl waren nicht länger nur in der indischen Mittelschicht präsent. Beides hatte durch die Vielfalt und Streuung der Aktionen über das ganze Land Millionen von Inderinnen und Indern erreicht.
Gefängnisstrafe wegen „Anstachelung zum Aufruhr“
Gandhi wurde 1922 wegen „Anstachelung zum Aufruhr“ zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt, wegen einer Blinddarmentzündung aber bereits 1924 wieder entlassen. In den folgenden Jahren schrieb und veröffentliche er Bücher über Satyagraha und propagierte seine Ideen und die Arbeit am Spinnrad bei Reisen durch ganz Indien.
Seine Popularität wuchs unaufhaltsam nicht nur in der Heimat, wo er vor allem von den Unterschichten geradezu als Heiliger und Wundertäter verehrt wurde, sondern auch in Europa und Amerika. Journalisten und Bewunderer besuchten ihn in seinem Aschram.
Politisch war die Lage indes schwierig: Der INC blieb gespalten in Befürworter und Gegner der Mitwirkung in den Provinzialräten. Mit der Auflösung der Khilafat-Bewegung infolge der Gründung der türkischen Republik zogen sich die Muslime aus dem INC zurück und gründeten eigene Organisationen. Die Verhandlungen mit den Briten kamen ebenfalls nicht voran.
1928 verlangte Gandhi für Indien daher zumindest den Status eines dominion, den auch Kanada, Australien oder Südafrika innerhalb des britischen Empires besaßen. Als auch diese Forderung verhallte, erklärte der INC am 26. Januar 1930 symbolisch die indische Unabhängigkeit.
Der „Salzmarsch“ macht Gandhi weltweit bekannt
Im März bekam die britische Obrigkeit es dann mit einer neuen Form des gewaltlosen Widerstands zu tun, deren Wirkung sie zunächst deutlich unterschätzte. Aber auch Nehru und andere INC-Führer waren zunächst verwundert, als Gandhi ihnen kundtat, dass sich Satyagraha nun gegen die Salzsteuer richten sollte – und nicht etwa gegen die umstrittenen Grundsteuern. Gandhi rechnete ihnen allerdings nicht nur vor, dass immerhin rund acht Prozent der kolonialen Steuern aus dem vollkommen monopolisierten Salzhandel stammten und deren Ausfall insofern erheblich sei. Vielmehr erklärte er ihnen auch, dass Salz so lebensnotwendig sei wie Luft und Wasser. Daher müsse jeder Inder das Recht haben, sein Salz selbst und steuerfrei herzustellen. Gandhi hatte damit die allgemeine Stimmung richtig eingeschätzt, die Ungerechtigkeit der Salzsteuer leuchtete besonders den Unterschichten sofort ein.
Um nun das britische Salzmonopol demonstrativ zu brechen, machte sich Gandhi am 12. März mit einer Schar seiner Anhänger, die aus allen Kasten und Teilen Indiens stammten, von seinem Aschram in Sabarmati aus auf den Weg zum rund 400 Kilometer entfernten Küstenort Dandi am Arabischen Meer. Der vier Wochen dauernde Marsch war ein Triumphzug: Gandhi und seine 78 Begleiter wurden in jedem passierten Ort feierlich und begeistert empfangen, immer mehr Menschen schlossen sich an. Gandhi hielt unterwegs Reden, gab Interviews, geißelte die Salzsteuer als unmenschlich und Satyagraha als wirkungsvolles Mittel dagegen.
Bei der Ankunft in Dandi am 5. April wurde er von Zehntausenden Anhängern umringt. Am folgenden Tag siedete er dann eine Handvoll salzhaltigen Schlamm und forderte die Massen auf, es ihm nachzutun. Ausländische Reporter filmten und fotografierten das Geschehen, die Nachfrage nach Berichten über Gandhi war zumal in Amerika immens. Das Magazin „Time“ kürte ihn zum „Mann des Jahres“ 1930.
Tatsächlich folgten Millionen Inder – und vor allem Inderinnen – Gandhis Aufforderung zum Sieden oder illegalen Handeln von Salz. Zwar mündeten die Aktionen an einigen Orten in Gewalt, doch der überwiegend friedfertige Widerstand verunsicherte die Kolonialregierung, weitere Massaker sollten unbedingt vermieden werden.
Gandhi wurde 1931 zu Verhandlungen nach London eingeladen. Er nahm dort als offizieller Vertreter des INC an einem „Runden Tisch“ teil. Gandhi war allerdings bald ernüchtert von den Gesprächen, bei denen sich die britische Regierung aus seiner Sicht verhielt wie eine „Sphinx“: Sie ließ keinen eigenen Lösungsansatz erkennen. Die Regierung versuchte vielmehr, die Minderheiten Indiens gegen die Mehrheit der Hindus auszuspielen.
Wenn somit auch der offizielle Teil seines Besuchs ein ziemlicher Reinfall war, so konnte Gandhi immerhin durch mehrere Auftritte die Sympathien der Öffentlichkeit gewinnen. Unter anderem traf er den Filmstar Charlie Chaplin, aber auch Henry S. Salt, den ihm aus seinen Studienzeiten bekannten Pionier des britischen Vegetarianismus.
Zurück in Indien, praktizierte Gandhi dann 1932 eine weitere Form von Satyagraha, als er nach dem Vorbild irischer Unabhängigkeitskämpfer in einen Hungerstreik trat. Es gehörte zu den Ambivalenzen Gandhis, dass er damit ausgerechnet gegen eine von der britischen Regierung angestoßene Wahlreform protestierte, die den „Unberührbaren“ (dalit) eigene Repräsentanten in den Provinzialräten sichern sollte. Gandhi hatte in den 1920er Jahren die Diskriminierung der Kastenlosen kritisiert und daher auch „Unberührbare“ in seinen Aschram aufgenommen und integriert. Eine Auflösung der Kastenordnung oder Minderheitenrechte, die die Mehrheit der Hindus in den verschiedenen Ratsgremien gefährdeten, hatte er dabei allerdings nicht im Sinn.
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