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Die Republik bleibt sich treu
Trotz künstlerischer Ausnahmegestalten wie Tizian oder den Bellini-Brüdern war Venedig nie eine typische „Renaissance“-Stadt. Im 15. und 16.Jahrhundert trotzte die Metropole dem Trend der italienischen Staaten hin zur Monarchie und konsolidierte ihr komplexes System der innenpolitischen Machtbalance.
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von VOLKER REINHARDT
Ergibt der Begriff „Renaissance“ für Venedig einen Sinn? Das hängt davon ab, was man darunter versteht. Geschichte vollzieht sich nicht in „Epochen“, sondern als ein großes Fließen mit gleitenden Übergängen, mit Phasen des langsameren oder beschleunigten Wandels. Für die Zeit zwischen etwa 1450 und 1570, die gemeinhin als „Renaissance“ bezeichnet wird, lassen sich in Venedig solche Veränderungen als in etwa mittelwertig konstatieren. Von einer wie auch immer gearteten Dynamik in der Herausbildung neuer Weltsichten, Menschenbilder oder kollektiver Verhaltensweisen kann hier noch weniger als im übrigen Italien und Europa die Rede sein; diese auf den Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burckhardt (1818 –1897) zurückgehenden Stereotypen sind längst als Mythenbildungen, als Geist vom Geist des 19. Jahrhunderts widerlegt.
Die sinnvollste, auf präzise belegbaren historischen Erscheinungen beruhende Definition der Renaissance in Italien nimmt auf zwei eng ineinander verschränkte, sich wechselseitig bedingende Entwicklungen Bezug. Zum einen bewegen sich Ober- und Mittelschicht markanter und schneller auseinander als zuvor, und zwar im Lebensstil, in Selbstdarstellung und Selbstverständnis. Dabei bilden die Eliten das treibende Element. Sie versuchen sich durch Zugewinne an Distinktion, an anschaulich zelebrierter „Vornehmheit“, vom Rest der Gesellschaft abzusetzen. Oder wie es Niccolò Machiavelli (1469–1527) auf den Punkt brachte, der diesen Prozess fasziniert und abgestoßen zugleich analysierte: Sie gerieren sich als höhere Menschen, die von höheren Mächten, also letztlich Gott, zur Führung von Staat und Gesellschaft auserkoren und damit gewissermaßen unantastbar sind.
Zu diesem Zweck nutzen sie mit einer vorher nicht gekannten Intensität alte und neue Medien, vor allem Bauten im antikisierenden Stil und Bilder, die mit der neuerschlossenen Dreidimensionalität Propagandabotschaften sehr viel differenzierter und eindrucksvoller vermitteln können als zuvor. Mit beiden Entwicklungen verbunden ist eine zunehmende Sortierung innerhalb der Elite selbst, die in immer deutlicher voneinander abgehobene zentrale, mittlere und periphere Kreise zerfällt.
In der Lagunenstadt vollzieht sich der Wandel gemächlich
Alle diese Entwicklungen vollziehen sich in Venedig langsamer, moderater, zurückhaltender oder besser: zurückgenommener, eben auf venezianische Art. Das bleibt nicht unbemerkt. Als Florenz im Herbst 1494 nach der Vertreibung der Medici-Hauptlinie nach einer neuen, stabilen Verfassung sucht, gerät Venedig von selbst ins Blickfeld. Dort, so scheint es, herrscht eine geradezu überirdische Kontinuität, ist eine Zauberformel für innere Ruhe, Ausgleich zwischen den Schichten sowie Adel und kleine Leute verklammernden Patriotismus gefunden worden.
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So haben es die Venezianer in ihrer gebauten und geschriebenen Staatspropaganda selbst verkündet, und diese Mythenbildung in eigener Sache strahlt weit über die Lagunenstadt hinaus aus. Aber dahinter stehen harte Fakten. Nach dem Putschversuch von 1355, einer Spätfolge der verfehlten Pest-Politik der nobili, kommt es in Venedig trotz mancher inneren und äußeren Krisenerscheinungen mehr als 400 Jahre lang zu keinen wirklich bedrohlichen Unruhen. Daraus den Schluss zu ziehen, dass hier Mechanismen der Konfliktlösung oder zumindest der Eskalationsverhinderung am Werk waren, war schon damals und ist auch heute legitim.
Das allein ist schon ein Anzeichen dafür, dass sich die für die historische Entwicklungsphase „Renaissance“ in Italien kennzeichnenden Merkmale an der Lagune nur in abgeschwächter Variante nachweisen lassen. In Florenz etwa war die Kluft zwischen den primi, den führenden Familien, und dem Mittelstand aus Handwerkern und kleinen Ladenbesitzern seit 1512 so tief, dass ein Zusammengehen in republikanischen Regierungsformen nicht mehr in Frage kam.
In Venedig hingegen war dieser Grundkonsens zwischen den Klassen bis zum Schluss nie wirklich in Frage gestellt. Auch Methoden und Macht der Staatspropaganda waren hier früher als andernorts theoretisch erschlossen und praktisch umgesetzt worden, siehe die „Empfangsseite“ der Stadt mit dem Dogenpalast und der piazzetta, die selbst nüchterne Gemüter wie den scharfblickenden französischen Diplomaten Philippe de Commynes (gest. 1511) am Ende des 15. Jahrhunderts durch sichtbare Großartigkeit von der unsichtbaren Größe und damit Uneinnehmbarkeit dieses Staatswesens überzeugte. Den Canal Grande bezeichnete er als „schönste Straße der Welt“.
So war das, was „Renaissance“ ausmacht, in Venedig zum einen schon lange vorher weit entwickelt und zum anderen nur mit beträchtlicher Vorsicht umzusetzen, wollte man die Fundamente der Republik nicht dauerhaft erschüttern. Die alten und schichtenübergreifend tief verinnerlichten Gesetze, Normen und Regeln der Republik taten ein Übriges. Demnach verdankte der Einzelne seinen Rang dem Staat, und zwar so sehr, dass beides nicht voneinander ablösbar war.
Verherrlichung im Stil eines „Renaissance-Fürsten“ wie Sigismondo Malatesta (1417 –1468), Herr von Rimini und im komplex aufgebauten politischen Gefüge Italiens Schützling der Serenissima, der sich in der Grabkirche seiner Dynastie in maßlosem Personenkult selbst huldigte, war hier lange Zeit nicht denkbar. Bezeichnenderweise brach sich ein solcher Kult erst sehr viel später, in Dogengrabmälern des 17. und 18. Jahrhunderts Bahn, als diese Dogen längst keine größere Macht mehr besaßen. So läuft an der Lagune alles, wie im Folgenden zu zeigen ist, auf eine „Renaissance light“ mit spezifisch venezianischen Akzenten und Koordinaten hinaus.
Auch die Einteilung der venezianischen Geschichte in Aufstiege und Niedergänge hält einem kritischen Blick kaum stand, so sehr sind innovative und krisenhafte Momente und Elemente stets ineinander verschränkt. Aus der historischen und geographischen Vogelschau betrachtet, sanken Rang und Stellenwert Venedigs in der europäischen Geschichte vom 15. Jahrhundert bis zum Verlust der Unabhängigkeit 1797 unbestreitbar ab. Doch ist diese Einbuße an Geltung und Verlust nicht vorrangig auf innervenezianische Ursachen, sondern auf eine globale Entwicklung zurückzuführen, innerhalb derer Italien insgesamt vom atlantischen Europa überholt wurde und der politische Typus der Stadtrepublik mit ländlichem Herrschaftsgebiet gegenüber den sich allmählich konsolidierenden Nationalmonarchien ins Hintertreffen geriet.
Stellt man solche Faktoren in Rechnung, dann hat sich die Serenissima in diesem historischen Kontext bis zum Schluss mehr als achtbar behauptet, nämlich immer wieder die Fähigkeit zu Neuausrichtung, ja Neufindung unter Beweis gestellt. Das schließt tiefere Einschnitte durch wirtschaftliche Krisen wie im 17. Jahrhundert nicht aus, doch werden solche Talsohlen stets durchschritten und von innovativen Tendenzen abgelöst.
Der Doge ist ein Fremdkörper im politischen System der Republik
Geradezu gegenläufig zu den politischen Trends in Italien stellt sich die Entwicklung des Dogenamts nach der Mitte des 15. Jahrhunderts dar. Rolle und Position des Oberhaupts der Republik waren stets umstritten gewesen. Ein wenig überspitzt ausgedrückt, war der Doge ein Fremdkörper oder sogar Störfaktor in der ansonsten so konsequent auf schnelle Rotation und Machtwechsel angelegten politischen Grundordnung: Er wurde auf Lebenszeit gewählt, hatte einen Sitz in allen wichtigen Gremien und konnte so durch gezielte Patronage eine Klientel anwerben, die als einflussreiche Interessengruppe das horizontale Gefüge der Adelsrepublik aufzusprengen drohte.
Die dagegen ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen – zum Beispiel Aufsicht über Post und Umgang, Kontrolle der Amtsführung nach dem Tod unter Haftung der Angehörigen – zeitigten nicht die erhoffte Wirkung, wie sich im langen Dogat Agostino Barbarigos von 1486 bis 1501 zeigte, der in den Augen seiner Standesgenossen selbstherrlich, wie ein Stadtherr aus eigenem Recht auftrat.
Das Gegenmittel gegen diesen übermächtigen Einfluss bestand darin, in der Folgezeit überwiegend Staatsoberhäupter vorgerückten Alters und aus weniger prominenten Familien zu wählen – eine Strategie, die sich drei Jahrhunderte lang im Großen und Ganzen bewährte.
Quer zu den vorherrschenden Zeittendenzen in Italien steht auch die ideologische Entwicklung. Lange Zeit dominiert hier der humanistische Gemeinplatz der perfekten Mischverfassung. Noch der spätere Reform-Kardinal Gasparo Contarini (1483 –1542) wurde nicht müde, dieses Credo von der unerschütterlichen Stabilität durch Verschmelzung der drei guten Staatsformen Monarchie, Aristokratie und Demokratie herunterzubeten, die so fugenlos ineinandergriffen, dass sie jedem das seine boten und so für gerechten Ausgleich divergierender Interessen sorgten.
Im Lauf des 16. Jahrhunderts aber bildete sich eine sehr viel modernere und realistischere Politiktheorie heraus, die Übereinstimmungen mit so unterschiedlichen politischen Denkern wie Niccolò Machiavelli und Jean Calvin aufweist. Diese waren sich darin einig, dass der Mensch von ungehemmtem Machtstreben beherrscht wird, dem die wohlgeordnete Republik durch Listen und Strategien der Eindämmung entgegenzutreten hat. Für die Venezianer bestanden diese in einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Egoismus des Einzelnen mit seinem ungestillten Expansionstrieb und den daraus abgeleiteten konstitutionellen Mechanismen, die auf kunstvoll errichtete Antagonismen, strikt geregelte Konkurrenz und allgegenwärtige Kontrolle hinausliefen.
So ließ sich der im Rohzustand verderbliche Ehrgeiz der Individuen für das Kollektiv der Republik nutzbar machen. Ein solches System musste einen Charaktertyp hervorbringen, der gleichfalls weit vom Klischee des sich rückhaltlos selbst entfaltenden „Renaissancemenschen“ entfernt ist: Vermittler, vorsichtige Taktiker, Kompromissfinder und Konsensstifter. Das schloss weiterhin heftiges Gerangel zwischen Personen, Familien und Klans um Macht und Prestige nicht aus, verhinderte aber auf Dauer gravierendere Konflikte.
Der in allen Städten Europas in der Neuzeit nachweisbare Prozess der Oligarchisierung, durch den selbst innerhalb einer allein regierungsfähigen Schicht ein immer kleinerer Ausschnitt an die Führungspositionen gelangte, hatte in Venedig früh eingesetzt. Ganz im Sinn dieses Trends endeten am Ende des 14. Jahrhunderts die Aufnahmen in die präzise definierte Schicht der nobili, die dadurch zu einer abgeschlossenen Kaste wurde.
Und auch die Ausdifferenzierung nach ökonomischen und soziopolitischen Kriterien setzte sich im 15. und 16. Jahrhundert fort. Immer weniger wirklich einflussreiche Adlige, am Ende etwa sechs bis sieben Dutzend aus den wichtigsten Kernfamilien der einflussreichsten Klans, nahmen die Schlüsselstellen in den Entscheidungsprozessen der Republik ein. Dazu zählten das 16-köpfige Collegio mit seinen quasiministeriellen Ressorts; die Signoria, in der der Doge mit sechs Beratern und den drei Präsidenten des obersten Gerichts zusammenkam; sowie den Rat der Zehn (Dieci, in Wirklichkeit waren es 17 Mitglieder), der als höchste Staatspolizei und Staatsschutz mit weitreichenden Vollmachten agierte.
Manifestationen des Unmuts gegen diese Entwicklungen blieben nicht aus. Parallel zur Verengung an der Spitze des Adels verbreiterte sich dessen Fundament immer weiter, denn immer mehr nominelle Angehörige der allein regierungsfähigen Schicht sanken wirtschaftlich und prestigemäßig weiter ab und lebten so trotz rechtlicher Zugehörigkeit zu einer privilegierten Klasse wie das „Volk“ oder zumindest „volksnah“. Auch diese Entwicklung hatte lange vor 1400 begonnen, um sich danach weiter zu beschleunigen und zu vertiefen.
Im Großen Rat kommt die Stimme des Volkes zu Wort
Scheinbar paradoxerweise trug dieser Trend jedoch langfristig zur Stabilisierung einer formal immer ungleicheren Staatsgesellschaft und sogar zu deren „Demokratisierung“ bei. Denn diese spöttisch barnabotti genannten verarmten nobili bewahrten ungeachtet ihres Absinkens ein kostbares Vorrecht: ihre Mitgliedschaft im Maggior Consiglio, dem „Großen Rat“, dem Basisorgan der Republik, das für die Wahl in fast 1000 Ämter, große und kleine, lukrative und kostspielige, zuständig war. Diese Zugehörigkeit brachte eine zweifache Versorgungsfunktion mit sich: Die mittellosen nobili konnten ihre Stimme an die Meistbietenden verkaufen, und sie selbst ließen sich in politisch bedeutungslose oder sogar überflüssige Ämter wählen, die dessen ungeachtet mit ansehnlichen Gehältern ausgestattet waren.
Doch Stimmenkauf und Ruhigstellung auf Kosten des Staatsbudgets waren nur die eine Seite der Medaille. Trotz aller Abhängigkeit sahen die barnabotti den führenden Kreisen bei der Regierung der Republik sehr genau auf die Finger. Waren sie nicht zufrieden, artikulierten sie als Gruppe Widerstand, und zwar nach dem Handlungsmuster: je skandalöser die Missstände, desto lautstärker die Opposition.
Auf diese Weise konnte „Volkes Stimme“ bis in die innersten Ratssäle dringen, obwohl mehr als 95 Prozent der Bevölkerung von den politischen Beratungen und Beschlüssen ausgeschlossen waren. Einspruch ließ sich auch durch gezieltes Stimmverhalten vorbringen. Notorisch unbeliebte Patrizier konnten auf Dauer ausgeschlossen oder – viel origineller – in verhasste Ämter geschleust werden, die mit teurem Repräsentationsaufwand oder mit hohen politischen und militärischen Risiken verbunden waren.
Ähnlich konnte die numerische Mehrheit des Maggior Consiglio auch bei Gesetzesvorhaben auftreten, obwohl hier die Eingriffsmöglichkeiten beschränkter waren. Denn der Große Rat hatte keine eigene Gesetzesinitiative; alle derartigen Vorlagen wurden vom Consiglio dei Pregadi, pompöser auch Senat genannt, ausgearbeitet, dessen bis zu 300 Mitglieder sich aus den bessergestellten Kreisen des Adels rekrutierten.
Wer zu welcher Etage der Macht gehörte, war also in beträchtlichem Maß eine Frage des Geldes, doch nicht allein. Die Mehrheit der Dogen und der übrigen Inhaber der Führungsämter gehörte nicht zu den „Superreichen“, ein gehobener Wohlstand reichte aus. Weitere Kriterien, die für Spitzenpositionen qualifizierten, waren das persönliche Renommee, das Ansehen der Familie in Vergangenheit und Gegenwart und die Ausrichtung in den großen politischen Streitfragen und Kontroversen, zum Beispiel mit dem Papst und der Kurie.
Besonders gefragte Eigenschaften waren im Normalfall verbindliches Auftreten, Vermeidung extremer Standpunkte, Kollegialität, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, nach Ausübung von Ämtern wieder klaglos ins Glied zurückzutreten. Das war auch dringend erforderlich, denn alle wichtigeren Posten waren mit einem divieto, dem Verbot der Wiederbekleidung innerhalb bestimmter Fristen, verknüpft. Das war nicht das Holz, aus dem kühne Visionäre geschnitzt wurden, doch versorgten diese Rekrutierungsmechanismen Venedig in der Neuzeit nahezu durchgehend mit einem Staatspersonal, das in der Regel mit nüchternem Scharfblick agierte und mit diesen Qualitäten nicht nur auf eigenem Staatsgebiet einvernehmliche Lösungen fand, sondern auch andere Herrscher und Systeme unvoreingenommen wahrnahm und analysierte.
Diese Fähigkeit schlug sich exemplarisch in den Berichten der venezianischen Gesandten nieder, die noch vor den päpstlichen Nuntien als die eigentlichen Pioniere der europäischen Diplomatie gelten dürfen. Speziell die als Abschluss einer solchen Mission vor dem Senat vorgetragene und schriftlich festgehaltene „Finalrelation“ durchleuchtete in der Regel die ökonomischen, sozialen und politischen Grundlagen des „Gastlandes“ so hellsichtig, präzise und tiefenscharf, dass die Serenissima darauf erfolgreiche Strategien aufbauen konnte und die historische Forschung bis in die Gegenwart daraus wichtige Schlussfolgerungen ziehen kann.
Einen außergewöhnlichen Glücksfall in diesem Bereich bietet das „Staatstagebuch“ des Historikers Marino Sanudo (1466–1536), der darin von 1496 bis 1533 die täglich eingehenden Berichte der venezianischen Gesandten aller Kategorien, vom patrizischen Botschafter in Rom bis zum untergeordneten Informanten in Istrien, transkribierte und zusammenfasste. Dabei zeigt sich, mit welch ungewöhnlicher Frequenz und Dichte diese Rapporte eintrafen, wie intensiv sie auf den Vorteil der Republik als Maß aller Dinge ausgerichtet waren und, Summe des Ganzen, wie ungewöhnlich gut unterrichtet die ausschlaggebenden Gremien auf der Grundlage dieser Informationsflut agieren konnten.
Auf ein solches Know-how, ungewöhnlich in dieser frühen Phase europäischer Staatsentwicklung, konnten die Spitzenorgane auch bei ihrem „bürokratischen Unterbau“, speziell in der mit solchem Fachpersonal bestens ausgestatteten Dogenkanzlei, zurückgreifen. Diese gehobenen Posten der Administration waren einer Sekundärelite vorbehalten, die sich mit dem stolzen Namen der cittadini originari, der „ursprünglichen Stadtbürger“, schmückte. Auch diese genau definierte Schicht war durch Abstammung bestimmt, so dass sich auch hier eine generationenübergreifende, durch Qualifikation und Werte, aber auch durch selbstverständliche Ansprüche verschweißte „Zweitträgerschicht“ herausbildete, die sich mit entsprechendem Selbstbewusstsein als zentrale Stütze der Serenissima verstand.
Die „Scuole“: Mächtige Bruderschaften dienen als Netzwerke
Die venezianischen cittadini, wie sie im abgekürzten Verfahren meistens genannt wurden, hatten darüber hinaus ein zweites, sehr wertvolles Vorrecht: Sie besaßen das Monopol auf die Leitung der sogenannten scuole. Das waren religiöse Bruderschaften und zugleich karitative Einrichtungen im weitesten Sinn, dazu bestimmt, unschuldig in Not geratenen Familien aufzuhelfen und Witwen und Waisen zu unterstützen.
Vor allem die sogenannten scuole grandi verfügten zu diesem Zweck über umfangreiches Kapital, das es den Verantwortlichen erlaubte, bis tief in die unteren Mittelschichten hinein Netzwerke der Loyalität und Gefolgschaft zu knüpfen. Die kapitalstarke Dotierung dieser Stiftungen erlaubte zudem eine aufwendige bauliche Neugestaltung und Ausschmückung mit repräsentativen Kunstwerken, so dass die „großen Schulen“ im 16. Jahrhundert zu wichtigen Auftraggeberinnen für große Künstler wie etwa Jacopo Tintoretto (1519–1594) wurden.
Nobili und cittadini machten zusammen deutlich weniger als zehn Prozent der Einwohner in der Lagunenstadt aus, deren Zahl sich laut eines Zensus für 1540 auf knapp 130000 belief. Die übrigen Einwohner – mehr als 90 Prozent – stellten potentiell das Unruhe- und Aufstandspotential in inneren wie äußeren Krisen dar. Tatsächlich kam es in der venezianischen Geschichte aber nie zu einem revolutionären Moment. Dass es selbst in extremen Bedrohungssituationen an der Lagune ruhig blieb, war für europäische Staatstheoretiker ein Mysterium: Welche Geheimrezepte, die eine wirtschaftlich und politisch extrem ungleiche Gesellschaft zusammenhielten, kamen hier zur Anwendung? Die Antwort lautet, dass auch unterhalb von Primär- und Sekundärelite abgestufte Sonderrechte so geschickt verteilt wurden, dass sie korporatives Eigenbewusstsein, Anbindung an die bestehenden Verhältnisse und damit Patriotismus erzeugten.
Das galt speziell für die gutbezahlten Arbeitskräfte im Arsenal, wo die venezianischen Kriegsgaleeren gebaut und ausgebessert wurden, aber auch für den niedergelassenen Mittelstand aus gehobenen Handwerken und Ladenbesitzern, die in ihren Nachbarschaftsverbänden zur Pfarrwahl berechtigt waren und bei der Umlage von Abgaben beteiligt wurden. Darüber hinaus waren alle Einwohner Venedigs privilegiert durch die günstige Versorgung der Handelsmetropole mit Getreide, die die im übrigen Europa periodisch hereinbrechenden Teuerungs- und Hungerkrisen deutlich seltener auftreten ließ bzw. abschwächte.
Außenpolitik zwischen Expansion und Defensive
Die innere Stabilität war von höchster Bedeutung, denn seit der Mitte des 15. Jahrhunderts veränderte sich die politische Großwetterlage stetig zum Nachteil der Serenissima. Seit dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts war Venedig systematisch im Nordosten Italiens expandiert. Diese Neuausrichtung der Politik zugunsten einer ausgedehnteren Herrschaftsbildung auf dem Festland, der Terra ferma, war längere Zeit in den regierenden Kreisen umstritten gewesen, erwies sich aber schon bald als alternativlos, als dem stato da mar, den Handelskoloniebildungen im östlichen Mittelmeer und in Kleinasien, mit dem Aufstieg des Osmanischen Reichs ein letztlich übermächtiger Gegner erwuchs.
Im Verhältnis dazu waren die ersten Eroberungen auf der Terra ferma leichtgefallen. Als die starke Herrschaft der Visconti nach dem plötzlichen Tod Herzog Gian Galeazzos 1402 in eine jahrzehntelange Krise geriet, konnte die Serenissima wichtige Städte wie Verona, Vicenza, Padua, Brescia und Bergamo dazugewinnen. Doch damit waren Grenzen gezogen, die sich in der Folgezeit nicht mehr wesentlich erweitern ließen. Wenn also die Venezianer ihrem erfolgreichen Söldnerführer (condottiere) Gattamelata 1453 in Padua von Donatello ein majestätisches Reiterdenkmal setzten und ein knappes halbes Jahrhundert später bei Andrea del Verrocchio ein mindestens ebenso monumentales und sogar zur Aufstellung in Venedig bestimmtes Monument für den condottiere Bartolomeo Colleoni bestellten, so hatte das nostalgischen und kompensatorischen Charakter zugleich.
Am System der Landkriegführung durch Söldnerarmeen lag es nicht; die alten Mythen von der chronischen Unzuverlässigkeit der condottieri, die angeblich nach eigenen Staaten gierten und dafür ihre Herren bedenkenlos verrieten, sind längst widerlegt – Venedig hatte immer eine ziemlich solide Kontrolle über seine angeworbenen Generäle, die genau wussten, was ihnen bei Unzuverlässigkeit blühte.
Dass Venedigs durchaus noch vorhandener Drang zu weiterer Ausdehnung nach der Mitte des 15. Jahrhunderts erfolglos blieb, hing vielmehr mit der fortschreitenden Konsolidierung der italienischen Staatenwelt zusammen. Die auf die Visconti folgende Herrschaft der Sforza blieb zwar nach innen und außen schwach, doch mit der Eroberung Mailands durch den französischen König Ludwig XII. 1499/1500 und dem anschließenden, bis 1525 wechselhaften Kampf der Großmächte Spanien und Frankreich um die lombardische Metropole und deren anschließender Eingliederung in das spanische Kolonialimperium war jeder Gebietserweiterung nach Westen definitiv ein Riegel vorgeschoben.
Zuerst etwas günstiger, aber langfristig ähnlich gestaltete sich die geostrategische Lage im Süden. Hier gelang es 1441, in Ravenna den letzten Herrscher aus der örtlichen Familie Da Polenta zu entmachten und so den schon 1410 im Testament von dessen Vater vorgesehenen Übergang an Venedig zu vollziehen. Allerdings war dieser Besitz zwischen Venedig und Rom umstritten, und die Päpste saßen am längeren Hebel – 1509 fiel Ravenna auf Dauer an den Kirchenstaat zurück.
Auch die Eroberung des unter päpstlicher Lehnshoheit stehenden Herzogtums Ferrara schlug seit 1482 fehl, obwohl Papst Sixtus IV. bereit gewesen war, dieses Gebiet für venezianische Truppenhilfe beim Versuch, das Königreich Neapel für seine Familie zu gewinnen, an die Serenissima abzutreten. Im Krieg um Ferrara war der dort regierende Herzog Ercole d’Este mit Florenz, Neapel, Mantua und Mailand verbündet, und mit dieser Koalition musste Venedig 1484 einen Frieden schließen, der der Republik nur sehr bescheidenen Gebietszuwachs um Rovigo einbrachte.
Günstiger sah es eine Zeitlang im Königreich Neapel aus, wo der Seitenzweig der aragonesischen Dynastie seit 1494 in permanente Herrschaftskrisen geriet, die Venedig durch Besetzung adriatischer Küstenorte für sich nutzte. Mit dem Sieg spanischer Truppen über Frankreich Ende 1503 war auch hier für die Serenissima nichts mehr zu holen.
1509 verliert Venedig auf einen Schlag die Terra ferma
Dem Rückschlag folgte das militärische Desaster auf dem Fuße. Im Mai 1509 erlitt das von einem mittelmäßigen condottiere schlecht geführte Söldnerkontingent in venezianischen Diensten bei Agnadello (in der heutigen Lombardei) eine verheerende Niederlage gegen die französische Armee Ludwigs XII., worauf die Herrschaft der Republik auf der Terra ferma binnen eines Monats zusammenbrach. Dabei war nicht einmal durchgehend militärischer Druck der siegreichen Koalition von Papst, Kaiser und den Königen von Frankreich und Aragón (Liga von Cambrai) vonnöten, manche Städte öffneten den Siegern freiwillig ihre Tore. So rückten französische Verbände in Bergamo und Brescia ein, während Kaiser Maximilian I. das Veneto besetzte und bis unmittelbar vor die Lagune vorrückte.
In dieser Krise besann sich Venedig auf seine Stärke und begann damit, diese unnatürliche Koalition natürlicher Feinde auseinanderzudividieren. Eine erste militärische Gegenwehr war mit der Rückeroberung Paduas im Sommer 1509 erfolgreich, im Februar 1510 gelang es durch venezianisches Verhandlungsgeschick, den Papst aus der Allianz herauszulösen. Trotzdem dauerte es weitere acht Jahre, bis mit dem Rückkauf Veronas von Kaiser Maximilian die Scharte von Agnadello zumindest territorial ausgewetzt war.
Zur Tagesordnung konnte die Serenissima trotzdem nicht einfach zurückkehren; zu schnell, zu widerstandslos war ihre Macht auf der Terra ferma eingebrochen. Bei nüchterner Betrachtung war das nicht erstaunlich. Nach kaum 100 Jahren war die venezianische Dominanz in Städten, die wie Verona und Padua auf eine stolze Vergangenheit der Selbstbestimmung zurückblickten, nicht tief verwurzelt und stattdessen die Hoffnung auf eine neue Unabhängigkeit unter einer lokalen Dynastie weiterhin lebendig.
Das war eine Erfahrung, die um dieselbe Zeit viele Neuankömmlinge an der Macht wie die Borgia, die Nepoten Papst Alexanders VI. (1492–1503), machten: Im Zweifels- und Konfliktfall hatten die alten Herren die besseren Karten. Die regierenden Kreise an der Lagune mussten sich also überlegen, wie sie von nun an Verknüpfungen herstellen konnten, die sich im Krisenfall als solider erwiesen als nach der Schlacht bei Agnadello. Schon vorher hatten die Funktionäre der Metropole in der Provinz überwiegend eine Kontroll-, Schiedsgerichts- und Regulierungsfunktion ausgeübt, ohne sich allzu aktiv in die Angelegenheiten der lokalen Oligarchien einzumischen.
Da eine weiterreichende Regierungsbeteiligung der Untertanenstädte auch nach 1517 nicht in Frage kam, musste die Loyalität der örtlichen Führungsschichten durch stärkere klientelorientierte An- und Einbindung, durch Aufwertung von Prestige und finanzielle Zugewinne erfolgen. Vieles spricht dafür, dass diese intensivierte Netzwerkbildung in den nachfolgenden 200 Jahren Erfolg hatte.
Auf lange Sicht aber blieb die Machtverteilung zwischen Zentrum und Peripherie ein Problem, das sich im 18. Jahrhundert im Zeichen aufgeklärter Partizipationsforderungen erneut verschärfte. Die andere Seite des „Großrat-Populismus“ bestand darin, dass die Macht der schmalen Gremien, speziell des Rats der Zehn, nach Agnadello deutlich zunahm, und zwar vor allem zum Nachteil des Senats. Dort gerieten die alteingesessenen Mitglieder gegenüber Neuankömmlingen aus vorher weniger oder gar nicht vertretenen Familien zunehmend ins Hintertreffen. Collegio und Dieci hatten sich in der Krise durch hartes Durchgreifen gegen Abtrünnige und Geizhälse Retter-Ruhm erwerben können, und diesen nützten die Mitglieder dieser Organe in der Folgezeit weidlich aus, etwa durch den eigenmächtig herbeigeführten Friedensschluss mit dem Osmanischen Reich im Jahr 1514.
Bei Architektur und Malerei steht Venedig hinter der Toskana zurück
Eine „Renaissance“-Stadt ist Venedig nie geworden. Das große Geld wurde an der Lagune vom 12. bis zum 14. Jahrhundert verdient, und das spiegelt sich in der Bausubstanz bis heute. Die wichtigsten Kirchen stammen ausnahmslos aus älterer Zeit, um 1500 kommen einige kleinere, sorgfältig ins bestehende Stadtbild eingefügte Sakralbauten wie San Giovanni Crisostomo, Santa Maria Formosa und Santa Maria dei Miracoli hinzu, doch ihre Architekten Mauro Coducci und Pietro Lombardi gewinnen keine über die Lagune hinausreichende Ausstrahlung.
Ganz anders ist das bei Jacopo Sansovino (1486– 1570), der seit den 1530er Jahren die Piazza San Marco, den monumentalen Repräsentationsplatz der Republik, zeitgemäß umgestaltete und für reiche nobili wie die Familie Corner eindrucksvolle Paläste errichtete. Europaweit führend und prägend wurde venezianische Architektur nochmals eine Generation später mit Andrea del Palladio (1508–1580) aus Padua. Dieser setzte praktisch wie theoretisch, durch seine Villen- und Kirchenbauten, aber auch durch seine „Vier Bücher der Baukunst“ und durch ein unerschöpfliches Repertoire neuer Motive und durch Neukombinationen herkömmlicher Bauformen ästhetische Maßstäbe, die weit über seine Lebenszeit hinausführen. Das Stadtbild der Serenissima hat er durch die Kirchen San Giorgio Maggiore und Il Redentore stark geprägt.
Auch in der Malerei traten venezianische Künstler jahrzehntelang, verglichen mit den kühnen Innovationen eines Piero della Francesca, Sandro Botticelli und Leonardo da Vinci, stilistisch und thematisch konservativer auf den Plan, was ihrem Ruf jedoch nicht geschadet hat – im Gegenteil. So wurde Gentile Bellini (1429–1507) als offizieller Maler der Serenissima auf Wunsch des Sultans Mehmed II. nach Istanbul geschickt, wo er eine Reihe großartiger Porträts des osmanischen Herrschers anfertigte, die ihm dessen Gunst und reichen Lohn einbrachten.
Von Detailgenauigkeit und nüchternem Wirklichkeitssinn zeugen Bellinis Gemälde religiöser Feiern in Venedig wie das berühmte Bild der Bruderschaft Johannes des Evangelisten auf der Piazza San Marco von 1496, das durch die präzise Wiedergabe der auftretenden Korporationen und Persönlichkeiten ein gemaltes „Who is Who“, ja geradezu ein politischkirchlicher Strukturquerschnitt in Farben ist.
Noch bekannter als Gentile wurde sein Bruder Giovanni Bellini, Giambellin genannt (um 1437–1516), der vor allem durch seine tiefempfundenen religiösen (Andachts-)Bilder bekannt wurde. Neben der Frömmigkeit, die seine Madonnenbilder zu lange nachwirkenden Stilikonen erhob, wurde seine reiche, fein abgestufte Farbgebung, vor allem in den stimmungsvoll ausgestalteten Landschaftsszenen im Hintergrund, zu seinem Markenzeichen.
Mit solchen Errungenschaften war er der erste venezianische Künstler, der in Sachen Prestige und Marktwert auf gesamtitalienischem Parkett mit den toskanischen Shooting-Stars der jüngeren Generationen konkurrieren konnte. Im „Künstler-Ranking“, einem an den kulturell innovativen Höfen in Ferrara und Mantua gerne gepflegten Gesellschaftsspiel, belegte er bis ins hohe Alter führende Plätze. Das bezeugte auch Albrecht Dürer, der Venedig 1494 und 1506/07 zweimal besuchte. Sein Stoßseufzer, in Italien wie ein Herr, im heimatlichen Nürnberg aber wie ein Bettler angesehen zu werden, belegt schlaglichtartig, dass sich führende Künstler um diese Zeit südlich der Alpen aus den engeren Milieus und Einbindungen des Handwerks und der Zünfte allmählich herauszulösen und höheren sozialen Status zu gewinnen begannen.
Im Gegensatz dazu blieb der eine Generation jüngere Vittore Carpaccio (um 1465 –1526) mit seinen Auftraggebern, Werken und Wirkungen im Wesentlichen auf seine Heimatstadt Venedig beschränkt. Sie hat er mit ihren Kanälen, Brücken, Menschen und Hunden in vielen Bildern religiöser Thematik anschaulich präzise vergegenwärtigt, zum Beispiel für die Scuola di San Girolamo degli Schiavoni, eine Bruderschaft und Korporation mittleren Zuschnitts, die damit ihren gefährdeten Rang im sozialen Gefüge der Republik zu festigen suchte.
Doch gibt es in den scheinbar so „realistischen“ Bildern Carpaccios eine zweite Dimension, die im Hintergrund seiner Heiligenfiguren in Gestalt von Leichenbergen und Totenschädeln aufscheint – vielleicht Reflexe der regelmäßig wiederkehrenden Pest-Epidemien und der verlustreichen Kriege gegen das osmanische Imperium.
Zu europäischem Ruhm gelangte die venezianische Malerei mit bezeichnender Phasenverschiebung durch zwei im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts geborene Künstler, von denen der ältere, Giorgione (um 1478–1510), vorzeitig starb, der jüngere Tiziano Vecellio (um 1489–1576) in einer langen Lebenszeit hingegen Geschmack und Stil seiner Zeit in hohem Maß gestaltete und prägte.
An Giorgione, dessen Vita nur durch wenige dürre Fakten belegt ist, rühmten Künstlerkollegen und Kunstkenner der Zeit die Poesie seiner Kompositionen, in denen die Umrisse von Figuren und Landschaften nicht durch klare Umrisse abgegrenzt sind, sondern zu einem stimmungsvollen Ganzen verschmelzen.
Tizian wird mit seiner Renaissance-Kunst zum Botschafter der Serenissima
Tizian, der aus einer honorablen Notarsfamilie der Terra ferma stammte, wuchs auf eine spezifisch venezianische Weise aus dem traditionellen Rahmen von Künstlern und Kunst heraus, um im letzten Drittel seines Lebens durch Auftraggeber, Ausstrahlung und Akzeptanz seiner Werke zu einer Symbolgestalt Venedigs und einer politischen Größe eigenen Ranges zu werden.
In einer ersten, bis zu Beginn der 1530er Jahre reichenden und weitgehend auf Venedig konzentrierten Phase revolutionierte Tizian die traditionellen religiösen Bildthemen durch innovative Perspektivik, reich abgestufte delikate Farbgebung und dramatische Akzentuierung, die das sakrale Geschehen psychologisch eindringlich vermittelten und durch effektvolle Inszenierung nacherlebbar gestalteten. Damit kam er den Repräsentationsbedürfnissen seiner adligen Auftraggeber in idealer Weise entgegen.
Dieser Ruf brachte ihm bald Bestellungen italienischer Fürsten ein, besonders eng gestaltete sich die Anbindung an die in Mantua regierende Dynastie der Gonzaga. Diese wiederum stellte Anfang der 1530er Jahre Kontakte zum damals mächtigsten Mann Europas her: Karl V., König von Spanien und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Nach einer ersten Weigerung, sich von Tizian porträtieren zu lassen, sah sich der Habsburger im nachfolgenden Vierteljahrhundert durch dessen Kunst nicht nur repräsentativ dargestellt, sondern vor den Menschen wie vor Gott gültig verewigt.
Karls Versuche, Tizian als Hofmaler dauerhaft an sich zu binden, blieben erfolglos. Immerhin reiste ihm Tizian in den 1540er Jahren zweimal nach Augsburg entgegen. In der damaligen politischen und militärischen Großwetterlage waren das nicht nur künstlerische, sondern für die Republik Venedig auch diplomatische Missionen.
Als Karl V. 1555 abzudanken beschloss, nahm er die Werke Tizians in seinen stilvollen Altersruhesitz von San Yuste im Westen des heutigen Spanien mit. Besonders intensiv identifizierte er sich mit seinem nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund der protestantischen Fürsten bei Mühlberg (1547) entstandenen Porträt als edler Ritter zu Pferd, mit der Lanze in der Hand, als Schützer der für ihn einzig wahren Religion, in erhabener Einsamkeit, als Mensch gebrechlich, doch durch göttlichen Schutz in höherem Sinn unverwundbar.
Die für Tizian durch hohe Geldzahlungen, kostbare Geschenke und kirchliche Pfründen für seinen Sohn Pomponio nicht nur sehr prestigeträchtige, sondern auch lukrative Bindung an den spanischen Hof setzte sich unter Karls Sohn und Nachfolger Philipp II. (1556–1598) bruchlos fort. Für diesen erz- und ultrakatholischen Monarchen schuf der bejahrte venezianische „Malerfürst“ nicht nur Werke religiöser Thematik, sondern auch Darstellungen aus der griechischen Mythologie von erlesener Komposition und Farbgebung, die nicht mit nacktem Fleisch und erotischen Reizen geizen, wie etwa das Bild der Danaë, mit der sich der lüsterne Göttervater Zeus in Gestalt eines Goldregens „fleischlich vereinigt“.
Von ganz anderer Art war Tizians Arbeit für den seit 1534 regierenden Papst Paul III. (1534 –1549) und dessen Verwandte, denen der Pontifex durch die extrem nepotistische Ausrichtung seiner Regierung die Herrschaft über das Herzogtum Parma und Piacenza verschaffte – sehr zum Ärger und Nachteil der Serenissima. Deren Widerwillen scheint das berühmte Doppelporträt des Papstes und seines einflussreichen Kardinalnepoten Alessandro Farnese zu spiegeln. Es zeigt den fast 80-jährigen Papst als dümmlich grinsenden Greis und seinen Neffen als würdelose, devote Kreatur und weitet sich auf diese Weise zu einer Karikatur und psychologisch luziden Analyse des in Rom herrschenden Systems des Nepotismus.
Tizian und der eine Generation jüngere Tintoretto waren nach dem glaubwürdigen Zeugnis venezianischer Zeitgenossen Rivalen und Feinde – der Ältere soll nicht nur die in seinen Augen dubiosen Selbstinszenierungen des Jüngeren, sondern auch dessen Kunst als Auflösung ins Formlose kritisiert haben. Dahinter verbirgt sich nicht nur der Stilwechsel zum Manierismus, sondern auch ein Gegensatz der Schicht und Akkulturation – Tintoretto, mit Taufnamen Jacopo Robusti, kam aus der unteren Mittelschicht Venedigs und machte aus dieser Herkunft auch keinen Hehl.
Auch Tintoretto gelang es, Wohlstand und soziales Prestige zu gewinnen, wenn auch langsamer und nicht so steil wie Tizian, doch war er am Ende seines Lebens nicht nur mit einflussreichen Auftraggebern in seiner Heimatstadt, sondern auch mit den Gonzaga in Mantua und dem habsburgischen Kaiser Rudolf II. (1576–1612) in Prag vernetzt. Auf solche Protektion waren Künstler nicht nur in Venedig in einem grundlegend veränderten kulturellen Klima angewiesen, in dem die Organe der Rechtgläubigkeitskontrolle die Gestaltung religiöser Kunstwerke mit Argusaugen überwachten und monierten.
Die Inquisition schaut den Renaissance-Malern genau auf die Finger
So wurde Tintorettos Rivale Paolo Veronese 1573 vor die venezianische Staatsinquisition zitiert, um sich für sein Gemälde im Refektorium des Klosters Santi Giovanni e Paolo zu rechtfertigen. Stein des Anstoßes war dessen erzählerische Weitschweifigkeit, die nach Meinung der Inquisitoren durch die Fülle von Nebenpersonen und -handlungen das Auge des Betrachters vom religiösen Kern des Werks ablenkte und so nicht, wie in einem Dekret des Konzils von Trient gefordert, Frömmigkeit förderte, sondern bloße Schaulust bediente.
Mit solchen Vorwürfen musste auch Tintoretto rechnen, dessen Bilder durch dramatische Akzentsetzungen, die Kombination von Haupt- und Nebenhandlungen und entsprechende Personenfülle gekennzeichnet waren und deshalb ebenfalls mit dem Vorwurf der Effekthascherei durch ungezügeltes Erzählen rechnen mussten. Umso willkommener war ihm deshalb 1564 die Ausschreibung der renommierten „Großen Schule“ von San Rocco, die Räumlichkeiten dieser reichdotierten und einflussreichen Stiftung mit repräsentativen Gemälden auszuschmücken.
Die Methoden, mit denen er unter 37 Bewerbern den Sieg und den Auftrag davontrug, sind bekannt – er reichte vor der offiziellen Bekanntmachung bereits ein Bild ein und versprach, die übrigen Werke ohne Honorar zu liefern. Das gefiel nicht allen, aber der Mehrheit – kurz darauf malte Tintoretto nicht nur in San Rocco, sondern wurde auch Mitglied der Scuola und damit einer seiner eigenen Aufseher.
In der zentralen Szene der Ausmalung, die von theologischen Experten konzipiert worden sein muss, stellte Tintoretto die Kreuzigung Christi auf der wildbewegten Bühne von Golgatha dar. Auf ihr sind diverse Handwerker bei der Arbeit an den drei makabren Holzkonstruktionen zu sehen, dazu zahlreiche sensationslüsterne Gaffer und Passanten. Doch trotz dieser Staffage und der vielen narrativen Seitenstränge wird die Aufmerksamkeit der Betrachter in San Rocco nicht abgelenkt. Im Gegenteil: Ihre Blicke werden von der Haupthandlung, dem Erlöser am Kreuz, mit geradezu magnetischer Kraft und Gewalt angezogen. Auf sie fällt alles Licht, von ihr geht alle Heilswirkung aus, und alles Mitgefühl richtet sich auf den Gemarterten und die Gruppe der Trauernden zu seinen Füßen. Mit dieser Fokussierung auf das Zentrum und das Wesentliche gewinnt das Bild dramatische Einheit und Durchschlagskraft und verweist so auf die Kunst des Barock, die sich wenige Jahre später in Rom entfalten wird.
Autor: Prof. Dr. Volker Reinhardt
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