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Die Stunde des „Metzgers“
In der zweiten Hälfte des Bürgerkriegs machte sich die Überlegenheit des Nordens sowohl bei der Rüstung als auch beim Nachschub an Soldaten bemerkbar. Zudem fand die Union in Ulysses S. Grant endlich einen fähigen Kommandeur. Der General erkaufte die Überlegenheit jedoch durch hohe eigene Verluste und erhielt den Spitznamen butcher („Metzger“).
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von RONALD D. GERSTE
Der Präsident war erkennbar erschöpft, drei Stunden Händeschütteln und Smalltalk hatten ihn mitgenommen. Um zwei Uhr nachmittags war der Neujahrsempfang endlich zu Ende, und Abraham Lincoln begab sich in sein Büro im ersten Stock des Weißen Hauses. Sein Außenminister William Seward, dessen Sohn Fred und einige wenige Mitarbeiter waren anwesend bei diesem wahrhaft historischen Moment, der den 1. Januar 1863 zu einer Wendemarke in der Geschichte der USA machte. Lincoln wartete einige Sekunden, nachdem er die Feder ergriffen und sich über das Dokument gebeugt hatte. Die Unterschrift, diese eine Unterschrift durfte nicht von einer ermüdeten Hand, einem nach all den zurückliegenden Anstrengungen verkrampften Arm geführt werden. Doch für Lincoln war mehr im Spiel: „Ich hielt inne, und ein Anflug von Aberglauben überkam mich, der mich zögern ließ.“ Dann setzte er zu einer für Millionen Menschen schicksalsschweren Signatur an: „Niemals in meinem Leben war ich so sicher, das Richtige getan zu haben, wie bei der Unterzeichnung dieses Papiers.“
Mit der Unterschrift des Präsidenten war die Emanzipationsproklamation offiziell zur Politik der US-Regierung geworden. Der Telegraph trug die Nachricht in alle Teile der Union. In Boston schrieb der als Sklave geborene Bürgerrechtler Frederick Douglass: „Hüte und Hauben wurden in die Luft geworfen, und wir riefen drei Cheers! auf Abraham Lincoln.“
Der Jubel im Norden war vor allem bei den Abolitionisten groß, auch wenn die Emanzipationsproklamation keineswegs das völlige und sofortige Ende der Sklaverei in den USA bedeutete. Die in ihr formulierte Befreiung der Sklaven galt nur für die konföderierten Staaten, und auch hier – zunächst – nur für jene Gebiete, die nicht von Unionstruppen besetzt waren.
Sie traf auch nicht auf vier Staaten zu, um die Lincoln sich seit seinem Amtsantritt besonders bemüht hatte: jene vier Bundesstaaten, in denen die Sklaverei existierte, die aber 1861 dennoch nicht von der Union abgefallen waren. Neben Missouri und Kentucky waren dies die unweit der Hauptstadt gelegenen Maryland und Delaware – hätte sich Maryland, das Washington D.C. im Norden und Osten umgibt, wie der südliche Nachbar Virginia den Konföderierten angeschlossen, hätte der Regierungssitz zweifellos nach Norden verlegt werden müssen.
Der Charakter des Kriegs ändert sich auf einen Schlag
Mit der Emanzipationserklärung änderte der Amerikanische Bürgerkrieg praktisch an einem Nachmittag seinen Charakter. Für die Union, den Norden, hatte der Kampf jetzt eine hohe moralische Legitimation; aus dem ursprünglich von Lincoln immer wieder propagierten Kriegsziel einer Wiederherstellung der nationalen Einheit war ein Feldzug gegen das große Übel der Sklaverei geworden, gegen den Geburtsfehler, der die Vereinigten Staaten seit ihrer Gründung in stetigen Krisenzyklen heimgesucht hatte und der ein Herzstück der Unabhängigkeitserklärung von 1776 zum Hohn zu machen schien: Thomas Jeffersons hehre Worte: „all men are created equal“.
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Für die Staatsführung der Konföderierten ging es an die Grundlage ihres Wirtschaftslebens, an das Herz ihres Selbstverständnisses von Schöpfung und Gesellschaftsordnung. Die Emanzipationsproklamation, so beschwor es Jefferson Davis, verurteilte „mehrere Millionen menschlicher Wesen, Angehörige einer inferioren Rasse, die in ihrer eigenen Sphäre friedliche und zufriedene Arbeitskräfte sind … zu ihrem Untergang, während sie gleichzeitig ermutigt werden, an ihren Herren Massenmord zu begehen.“
Lincoln hätte Letzteres zweifellos in andere Worte gekleidet, doch ein Motiv bei der Inkraftsetzung der Proklamation war auch der potentielle direkte militärische Nutzen. Sklavenaufstände hinter den Linien der Konföderierten, gar die Sabotage von Kriegsproduktion und Logistik, hätten den Unionstruppen trefflich in die Hände gespielt. Doch zu Rebellionen innerhalb der Rebellion (als welche die Konföderierten Staaten für ihre Gegner galten) kam es praktisch nicht; stattdessen machten sich Zehntausende von Sklaven auf, flohen von ihren Plantagen, um in von Unionstruppen gehaltenes Gebiet zu kommen – das Rinnsal Einzelner in Richtung Freiheit aus der Vorkriegszeit auf den Fluchtwegen der „Underground Railroad“ machte einer Massenbewegung Platz. Und Tausende junge schwarze Männer entschlossen sich in der Tat, gegen ihre bisherigen Herren zu kämpfen: nicht jedoch als Aufständische und die Plantagen mit Brand und Mord heimsuchende Marodeure wie in den Alpträumen der bisherigen Besitzer und ihrer Familien, sondern legal, gesetzes- und verfassungstreu in der blauen Uniform der US-Armee.
Die Emanzipationsproklamation elektrisierte nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Kräfte in Nord und Süd; ihre transatlantische Wirkung war epochal und setzte Phantasien ein Ende, wie sie noch einige Monate zuvor dem Außenminister der Konföderierten (dem kein Land der Welt den Status eines Diplomaten einer souveränen Nation zubilligte), Judah P. Benjamin (1811–1884), vorschwebten: „Es gibt keine Zweifel, dass die Konföderation des Südens von England binnen 90 Tagen anerkannt werden und dass dies den Krieg beenden wird.“ Daran war seit dem Neujahrstag, seit es erkennbar um die Beendigung der menschenverachtenden Institution oder ihre Zementierung für Generationen ging, nicht mehr zu denken.
In London beobachtete der Sohn des amerikanischen Botschafters und spätere Historiker Henry Adams (1838–1918) befriedigt, dass die Erklärung „mehr für uns getan hat als all unsere Siege und unsere Diplomatie. Sie hat zu einer geradezu konvulsivischen Reaktion zu unseren Gunsten im ganzen Land geführt“. Mit den Haltern der Sklaven und gegen deren Befreier konnte weder die Regierung Palmerston in London noch jene Napoleons III. in Paris paktieren. Der „Morning Star“ in London brachte seinen Lesern die historische Signifikanz der Stunde nahe: „Dies ist ganz unbestreitbar das große Faktum des Krieges – der Wendepunkt in der Geschichte des amerikanischen Commonwealth – ein Akt, der in seinem Mut und seinen wahrscheinlichen Resultaten nur von der Unabhängigkeitserklärung übertroffen wird.“
Nicht alle im Norden waren begeistert über den Wandel des Krieges von einem Kampf um die Wiederherstellung der nationalen Einheit zu einem Feldzug gegen die Sklaverei. Rassismus war die Normalität, und vor allem aus dem Lager der Demokraten, der Partei von Lincolns Vorgänger James Buchanan und seines langjährigen Rivalen Stephen Douglas, schlug dem neuen Kurs heftiger Widerstand entgegen. Das „verfassungsbrechende, Gesetze missachtende, Neger liebende Pharisäertum aus Neu-England“ habe den Krieg verursacht, schallte es aus den Kreisen der Peace Democrats genannten innerpolitischen Rivalen.
Der profilierteste Sprecher dieser Bewegung, deren Mitglieder zu Frieden um fast jeden Preis bereit schienen und auch Copperheads (nach einer Giftschlange) genannt wurden, war der Kongress-Abgeordnete aus Ohio, Clement L. Vallandigham (1820–1871). Für ihn hatten „Niederlagen, Schulden, … die Aufhebung von habeas corpus, die Verletzung der Rede- und Pressefreiheit über die letzten 20 Monate dieses Land zum schlimmsten Despotismus auf Erden“ gemacht.
Lincoln hatte in der Tat habeas corpus, das Recht auf richterliche Haftprüfung, ausgesetzt, wie es die amerikanische Verfassung im Fall von Rebellion und Invasion erlaubt. Der Präsident war stets besorgt, dass mitten im Krieg ein „fire in the rear“, also Unruhen im Rücken der Front, ausbrechen könnte. Vallandigham wurde mitten in der Nacht von Soldaten auf Befehl von General Ambrose Burnside, der nach dem Desaster von Fredericksburg mit einer frontfernen, überwiegend administrativen Aufgabe betreut worden war, verhaftet.
Der Historiker James McPherson, Autor eines Standardwerkes über den Bürgerkrieg, stellt die berechtigten Fragen: „Kann eine Rede Verrat sein? Kann ein Militärgericht einen Zivilisten anklagen? Kann ein General oder vielmehr ein Präsident die Befugnis haben, das Kriegsrecht auszurufen und habeas corpus aufzuheben in einem Gebiet, das fern von militärischen Operationen liegt und in dem die zivile Gerichtsbarkeit funktioniert?“ Man brachte Vallandigham schließlich unter einer Parlamentärsfahne an der Front auf die andere Seite, zu verblüfften konföderierten Soldaten. Auf einem Blockadebrecher gelang ihm vom Süden die Weiterreise nach Kanada, von wo aus er einen (erfolglosen) Fernwahlkampf um das Amt des Gouverneurs in seinem Heimatstaat führte.
Der Umgang mit diesem Regimekritiker ist von politischen Gegnern Lincolns (auch unter den Historikern) als ein Beweis für die „Tyrannei“ des 16.Präsidenten hochgehalten worden. In der Rangliste der übelsten Tyrannen der Menschheitsgeschichte dürfte Lincoln damit jedoch das Tabellenende zieren. Und wie stehen andere Präsidenten aus Amerikas Kriegen im Vergleich zu ihm da – Präsidenten wie Woodrow Wilson (Aufhebung von Grundrechten, nicht geahndete Lynchmorde an Farbigen und Deutschstämmigen), Franklin D. Roosevelt (Internierung von Zehntausenden japanischstämmigen Amerikanern in abgelegenen, stacheldraht- und wachturmbewehrten Lagern) und George W. Bush (Folter)?
Der Sieg Lees in der Schlacht bei Chancellorsville (30. April – 6. Mai 1863) – der Lincoln in tiefe Verzweiflung stürzte: „Mein Gott! Mein Gott! Was wird das Land dazu sagen?“ – barg bereits die Ursache einer Wende des Kriegs in sich. Die hohen Verluste an Soldaten – bei den Konföderierten waren es rund 13000 (Tote, Verwundete, Vermisste oder Gefangene), bei der Nordarmee rund 17 000 – waren für den Süden wesentlich schwerer auszugleichen. Zudem hatte Lee mit Thomas „Stonewall“ Jackson seinen fähigsten General verloren.
Als noch folgenschwerer sollte sich eine psychologische Nachwirkung der Schlacht erweisen: Bei Lee und den Seinen machte sich Hybris breit, ein Übermaß an Selbstgewissheit mit einer Verachtung des Gegners und seiner soldatischen Fähigkeiten. So reifte bei der Generalität der Army of Northern Virginia ein tollkühner Plan: Man würde das von zwei Jahren Krieg ausgelaugte Virginia entlasten und den Krieg nach Norden zum Feind tragen, wo die konföderierte Armee sich von den Früchten seines Landes würde ernähren können. Ein Jahr nach Antietam würde es erneut zu einer Invasion des Nordens kommen, man würde seine Hauptstadt bedrohen, seine Armee aus ihren Stellungen locken, sie in dieser einen großen und alles entscheidenden Schlacht schlagen und damit den Krieg siegreich beenden. Eine Schlacht für die Geschichtsbücher einer unabhängigen konföderierten Nation, geschlagen irgendwo in Maryland. Oder in Pennsylvania.
General Ulysses S. Grant wird zum Hoffnungsträger
Gekämpft wurde auch im Westen, entlang den großen Flüssen. Und von hier kamen endlich Nachrichten, die bei der Regierung in Washington und überall im Norden Hoffnung verbreiteten. In den Depeschen tauchte ein Name immer wieder auf, eine Silbe (wie beim Heerführer des Gegners), die Erleichterung und schließlich Euphorie auslöste: Grant.
Geboren wurde Hiram Ulysses Grant am 27.April 1822 in dem kleinen Ort Point Pleasant in Ohio. Als der 17-Jährige seine Laufbahn an der Militärakademie West Point begann, gab man ihm in den Unterlagen versehentlich den Namen Ulysses S. Grant – und da Bürokratien selten Fehler eingestehen oder gar korrigieren, blieb der Name für den Rest seines Lebens an ihm haften. Das „S“ stand für nichts, auch wenn später die Annahme weite Verbreitung fand, es rühre vom Mädchennamen seiner Mutter, Simpson, her. Doch die Kombination der Buchstaben sollte sich in seiner Karriere als symbolträchtig erweisen. Denn „U.S.“ wurde bei dem Bürgerkriegsgeneral als unconditional surrender interpretiert, die bedingungslose Kapitulation, die er nach der Belagerung von Fort Donelson im Februar 1862 von seinem konföderierten Gegenüber forderte und erhielt.
In West Point brillierte der schmächtige junge Mann vor allem als Reiter, er schien der geborene Kavallerieoffizier zu sein. Bemerkenswerterweise war er nicht sonderlich vom Militär angetan und hoffte, nach seiner Dienstzeit Lehrer werden zu können. Er las gern Bücher und malte – Freizeitaktivitäten, die wenig zu einem klassischen Vertreter der Welt des Drills, des Befehlens und des unbedingten Gehorsams zu passen schienen.
Als junger Offizier nahm Grant am Krieg der USA gegen Mexiko teil, der 1846 ausbrach. Er empfand den Konflikt als eine Ungerechtigkeit, eine Aggression eines starken Landes gegen seinen schwachen Nachbarn. Grant war zunächst Quartiermeister in seinem Regiment, bevor er endlich die Gelegenheit bekam, seiner Fertigkeiten als Reiter, unter anderem in der Schlacht von Monterey im September 1846, unter Beweis zu stellen. Auf dem Feldzug dürften Grant die imponierenden taktischen Fähigkeiten eines anderen jungen Offiziers aufgefallen sein, des aus einer der ersten Familien Virginias stammenden Robert E. Lee.
Nach Ende des Konfliktes wurde er auf Stützpunkte im abgelegenen, noch weithin unerschlossenen Westen des durch die Kriegsbeute noch größer gewordenen Landes versetzt. Grant war dabei weit weg von seiner geliebten Frau Julia und den Kindern auf der Farm von Julias Eltern, die Sklavenhalter waren und dem Schwiegersohn skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, was ihm schwer zusetzte. Er suchte wiederholt Trost in der Flasche. Als ihm ein Disziplinarverfahren drohte, reichte Grant im April 1854 seinen Abschied aus der Armee ein.
Die nächsten sieben Jahre waren die dunkelsten seines Lebens. Er versuchte sich in verschiedenen Berufen, ohne in irgendeinem erfolgreich zu sein oder die wirtschaftliche Grundlage für den Unterhalt seiner Familie zu sichern. Er beackerte im wahrsten Sinn des Wortes eine Farm unweit von St. Louis, der er in einem Anflug von resignativer Ironie den Namen Hardscrabble (kann als „mühselig“ oder „ertragsarm“ übersetzt werden) gab. Er musste die Farm bald verkaufen und versuchte es mit mehreren anderen Berufstätigkeiten – er scheiterte in allen.
Der Ausbruch des Bürgerkrieges war die Rettung für Grant. Glücklicherweise kannte er den Politiker, der die Region um seine Heimatstadt Galena in Illinois im Kongress vertrat, Elihu Washburne. Dieser sorgte dafür, dass Grant Oberst eines anzuwerbenden Freiwilligenregiments aus Illinois wurde. Der Abgeordnete wurde ein Vertrauter Grants, der diesen wiederholt förderte und gegen Angriffe in Schutz nahm – vor allem bei den wiederholt aufkommenden Gerüchten über Grants vermeintlichen Alkoholismus.
Präsident Abraham Lincoln wird das Bonmot zugeschrieben, er wüsste gern die bevorzugte Whiskey-Marke Grants, um sie all seinen Generälen zukommen zu lassen. Denn der schnell zum Brigadegeneral aufgestiegene Grant bescherte dem Präsidenten und der Union etwas in den ersten beiden Jahren des Bürgerkrieges recht Seltenes: Siege. Belmont, Fort Henry und Fort Donelson waren die ersten Stationen von Grants Siegeszug und damit seiner zunehmenden Bekanntheit im Land. Es war ein Nebenkriegsschauplatz am Tennessee River, aber die Nachrichten, die von dort kamen, wurden in Washington, New York und Boston umso lieber gehört, als auf dem Hauptkriegsschauplatz in Virginia nur Rückschläge auf die Armee des Nordens einprasselten.
Massenmobilisierung und neue Waffentechnik
Doch die militärischen Erfolge hatten ihren Preis, einen sehr hohen Preis. Grant erkannte, dass es sich um eine ganz neue Art von Kriegführung handelte, und in der Tat gilt der Amerikanische Bürgerkrieg als der erste „moderne Konflikt“. Es war ein Krieg der Massenmobilisierung, in dem Armeen über das Land zogen, die an Mannschaftsstärke das Heer George Washingtons aus dem Unabhängigkeitskrieg um mehr als das 20-fache übertrafen.
Die Industrie arbeitete auf Hochtouren, um Kriegsmaterial zu produzieren, wobei der auch demographisch weit überlegene Norden eindeutig im Vorteil gegenüber dem agrarisch geprägten Süden war – dieser hatte mit den Tredegar Iron Works in Richmond nur eine einzige große Rüstungsfabrik. Die epochale Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, die Eisenbahn, wurde genutzt, um ganze Divisionen in kurzer Zeit über große Distanzen zu verlegen.
Premiere hatten militärische Technologien, die im 20. Jahrhundert eine große Rolle spielen sollten, wie das Maschinengewehr, dessen Urahn, die Gatling Gun, ursprünglich sechs Rohre hatte, die um eine Mittelachse rotierten und eine schnelle, wenngleich zunächst oft störanfällige Schussfolge ermöglichten. Ihr Prinzip lebt unter anderem in der mit panzerbrechender Munition ausgestatteten Bugkanone der heutigen „A-10 Thunderbolt II“-Jets („Warzenschwein“) der amerikanischen Luftwaffe fort.
Im Nachhinein von einem besonderen Mythos umgeben war das erste Auftreten des Panzerschiffs und des U-Boots. Beide Waffensysteme hatten Premieren, die nicht ganz frei von Skurrilität waren. So trafen am 9.März 1862 unweit von Hampton Roads vor der Küste Virginias das den Namen dieses Staates tragende gepanzerte Dampfschiff der Konföderierten und der ebenfalls mit dicken Stahlplatten geschützte „Monitor“ der U.S. Navy aufeinander. Sie feuerten aus kürzester Distanz über mehrere Stunden großkalibrige Geschosse aufeinander, ohne dem jeweiligen Gegner nennenswerten Schaden zufügen zu können. Darauf trennten sich die Schiffe „Virginia“ und „Monitor“ – es war ein klassisches Unentschieden zwischen den Pionieren einer neuen Technologie.
Keine direkten Konsequenzen, von der Tragik verlorener Menschenleben auf beiden Seiten abgesehen, hatte auch der erste Einsatz eines U-Boots in einem Krieg. Die von Hand über Kurbeln angetriebene „CSS Hunley“ brachte in der Nacht auf den 17.Februar 1864 unter Wasser erfolgreich eine Sprengladung am Rumpf der den Hafen von Charleston blockierenden „USS Housatonic“ an und versenkte das Unionsschiff. Die „Hunley“ jedoch versank ebenfalls und riss ihre acht Besatzungsmitglieder in den Tod; auf der „Housatonic“ kamen fünf Seeleute um.
Mit ganz anderen Zahlen von Toten und Verwundeten gingen die Schlachten zu Land während des Bürgerkrieges einher – Zahlen, die eine nie dagewesene Herausforderung an das Sanitätswesen und die ärztliche Versorgung darstellten. Beide Seiten versuchten den in dieser Größenordnung nicht erwarteten Anforderungen gerecht zu werden. Im Lauf des Krieges dienten auf Seiten der Union 13000 Ärzte in Feldlazaretten und in den großen Hospitälern, die in den Städten hinter der Front aus dem Boden schossen. Auf Seiten der Konföderierten waren es um die 4000 überwiegend operativ tätige Ärzte. Ihre Ausbildung erhielten sie nur in verkürzter Form in den Hörsälen der Universitäten; meist erfolgte der Lernprozess in der Praxis des Kriegslazaretts.
Entgegen den Mythen und Legenden, die nach dem Bürgerkrieg erblühten, waren die Feldchirurgen keine gefühllosen und mehrheitlich inkompetenten Metzger, die ohne lange zu überlegen zur Knochensäge griffen, sondern Männer, die nach bestem Wissen und Gewissen arbeiteten und deren Tätigkeit oft – gemessen an den häufig miserablen Bedingungen – sogar erfolgreich war.
Neue Kugeln sind für grausame Verletzungen verantwortlich
Wie schon im Krim-Krieg zehn Jahre zuvor stellte eine „Innovation“ zeitgenössischer Wehrtechnik die Chirurgie und das mit der Versorgung der Verwundeten betraute Sanitätspersonal vor eine gewaltige Herausforderung: das von dem Franzosen Claude-Étienne Minié entwickelte konische, relativ schwere Projektil. Von einem minie ball getroffene Knochen wurden meist zerfetzt; ein Schuss durch den Unterleib zerriss das Gedärm und bedeutete praktisch das Todesurteil für den Verwundeten. 70 Prozent der Verletzungen auf den Bürgerkriegsschlachtfeldern betrafen die Extremitäten. Daher war die Amputation nach dem Verschluss einfacherer Wunden der wohl häufigste Eingriff und gab den Bürgerkriegschirurgen den Beinamen Sawbones („Knochensäger“).
Die Versorgung der Verwundeten war nicht ausschließlich Männersache, auch wenn die operativ tätigen Chirurgen mit einer Ausnahme männlich waren. In den teilweise gigantischen Nothospitälern, die aus dem Boden gestampft werden mussten und in denen jene Soldaten betreut wurden, die die Erstversorgung auf dem Kriegsschauplatz überlebt hatten, bestand ein immenser Bedarf an Pflegekräften.
In den USA zahlte sich nun die Pionierarbeit der Florence Nightingale während des Krim-Kriegs aus: Der neu aufkommende Beruf der Krankenschwester in Krisenzeiten erfreute sich bald eines hohen Ansehens. Selbst wenn die Puritaner zunächst Klage führten, der Anblick einer Frau könne in den blessierten Männern – zumindest in den nur leicht verletzten – die Gier nach ungebührlicher Fleischeslust auslösen.
Die Armee des Nordens hatte insgesamt 18 000 bezahlte Krankenschwestern (von denen kaum eine über eine halbwegs angemessene medizinische Vorbildung verfügte) auf ihrer Soldliste. Die Zahl der freiwilligen Helferinnen, die in allen Teilen der Nation die Verwundeten aus christlicher Fürsorge und patriotischem Pflichtgefühl betreuten, dürfte noch höher gelegen haben.
Grants Schlacht von Shiloh im April 1862 war mit ihren hohen Opferzahlen ein Prototyp des modernen Krieges. Es war ein Blutbad, das die Zeitgenossen schockierte. Erstmals machte die Beschreibung butcher („Metzger“) für Grant die Runde in ihm wenig geneigten Kreisen. Doch im Jahr darauf wurde er zum umjubelten Nationalhelden. Der unpolitische Grant, der 1860 gar nicht zur Wahl gegangen war, hatte einen Förderer an oberster Stelle: Präsident Lincoln. Grant wiederum unterstützte erkennbar Lincolns Politik. Nach Bekanntwerden der Emanzipationsproklamation gehörte Grant zu den ersten Unionskommandeuren, die ehemalige Sklaven in der Armee aufnahmen und dafür auch besoldeten.
Und im Frühjahr und Sommer 1863 wartete Lincoln bei seinen täglichen Besuchen im Telegraphenbüro des Kriegsministeriums in Washington („er checkte seine T-Mails“, wie es in einem Buch über die Bedeutung dieser Beinahe-Echtzeitkommunikation für den Präsidenten heißt) öfter als früher auf Depeschen aus dem westlichen Kriegsschauplatz. Auch die Zeitungsredaktionen berichteten nun häufiger von Schauplätzen am Mississippi, während es in Virginia zunehmend nach einem Stellungskrieg aussah. Und alle warteten auf Nachrichten aus Vicksburg.
Die kleine Stadt Vicksburg – heute mit ihrem historischen Stadtkern und dem zum Nationalpark gewordenen Schlachtfeld eine Touristenattraktion – liegt auf einer Klippe oberhalb des Mississippi in dem Bundesstaat, der den Namen des Ol’ Man River trägt. Anfang 1863 war Vicksburg die letzte Bastion der Konföderierten am Fluss; seine Einnahme würde bedeuten, dass die Südstaaten in zwei Teile getrennt waren und jene des Westens wie Texas oder Arkansas keine Verbindung mehr zum Kern von „Dixie“ hatten, nachdem Unionstruppen im Vorjahr nach einer Landung von See her die Hafenstadt New Orleans in Besitz genommen hatten.
Grants Feldzug, die Vicksburg Campaign, zog sich über ein halbes Jahr hin und war ein komplexes strategisches Unternehmen, bei dem auf Unionsseite bis zu 75000 Soldaten zum Einsatz kamen. Grant ließ zudem eine beachtliche militärische Logistik auffahren. Dazu zählten gepanzerte Kanonenboote, die unter den Geschützen der Festung vorbeidampften und deren Feuer erwiderten. Aber auch Landungsboote, mit denen Truppenteile über Seitenarme des Flusses gebracht und südlich von Vicksburg angelandet wurden, um die Stadt einzuschließen. Sogar ein künstlicher Wasserweg wurde gegraben, Grant’s Canal, um so Schiffe um Vicksburg herumzuleiten.
Mitte Mai 1863 hatte sich die Unionsarmee der Stadt Vicksburg auf Sichtweite genähert. Es begann eine Belagerung mit wiederholten, aber letztlich nicht erfolgreichen Sturmangriffen. In der Festung wurden die Lebensmittel knapp: Hunde und Katzen landeten im Backofen. Die Zivilisten hatten sich Höhlen in die Hügellandschaft gegraben und sich dort fast häuslich eingerichtet. Es war eine Vorform des späteren Zivilschutzes, denn allein aus den Kanonenbooten der Union wurden mehr als 20000 Granaten in die Stadt gefeuert. Angesichts dessen ist es bemerkenswert – und darin unterscheidet sich der Amerikanische Bürgerkrieg von den wirklich „modernen“ Kriegen –, dass es nur geringe Verluste unter der Zivilbevölkerung gab. In Vicksburg starben wahrscheinlich nur etwa zehn Bürgerinnen und Bürger durch Gewalteinwirkung.
Am 3. Juli 1863 war es endlich vorüber: Die Konföderierten zeigten ihre Bereitschaft an, am nächsten Tag zu kapitulieren. Fast 30 000 Soldaten des Südens ergaben sich. Die meisten von ihnen konnten nach Ablegen eines Eids, nicht wieder gegen die USA die Waffen zu erheben, nach Hause gehen. Es war ein Unabhängigkeitstag wie kein anderer in der amerikanischen Geschichte, denn zusammen mit der Nachricht von Grants Sieg bei Vicksburg trafen die Einzelheiten über die wichtigste und letztlich entscheidende Schlacht des Bürgerkrieges ein. Sie kamen aus einem kleinen Ort in Pennsylvania. Sein Name: Gettysburg.
Lee hatte seinen nach Chancellorsville gefassten Plan wahrgemacht und mit seiner Armee die Grenze zum Norden überschritten. Dass sein begnadeter Kavalleriekommandant General Jeb Stuart vorausgaloppiert war und über mehrere Tage den Kontakt zum mobilen Hauptquartier verlor, trug dazu bei, dass Lee sich über die Stärke und die Disposition des Gegners lange im Unklaren befand. Die konföderierten Kolonnen, in Virginia durch Versorgungsprobleme faktisch wie im übertragenen Sinn ausgehungert, fraßen sich buchstäblich durch die fruchtbare Farmlandschaft Pennsylvanias. Sie nahmen alles mit, was sie bekommen konnten: Getreide, Vorräte, Vieh – und auch Menschen. Afroamerikaner, die ihnen in die Hände fielen, wurden gen Süden in die Sklaverei geschickt.
Gettysburg: eine Schlacht auf Messers Schneide
Dann machte das Gerücht die Runde, dass in der kleinen und als am Schnittpunkt mehrerer Überlandstraßen gelegenen strategisch wichtigen Stadt Gettysburg eine größere Lieferung von Schuhen gelagert wurde – was den Ort in den Augen vieler barfuß marschierender Konföderierter als ein besonders attraktives Ziel erscheinen ließ. General A. P. Hill gab für seine Division die Devise aus, dass man sich diese Schuhe holen wolle.
Hills Truppe wurde von zwei zahlenmäßig weit unterlegenen Kavalleriebrigaden der Union unter dem erfahrenen Brigadegeneral John Buford erwartet, der seine Soldaten absitzen und den Konföderierten mehrere Stunden Widerstand leisten ließ. Auf beiden Seiten strömten an diesem 1. Juli Verstärkungen hinzu. Lee trieb die Unionstruppen aus der Stadt und griff die südlich des Ortes entlang der Cemetery Ridge, einer von Gettysburg (und seinem nachmals so berühmten Friedhof) gen Süden auf eine Ansammlung von Felsklippen zu verlaufenden leichten Anhöhe, in Stellung gegangenen Unionstruppen an. Der konföderierte Feldherr war überzeugt, am nächsten Tag den Truppen des Nordens den entscheidenden Schlag versetzen zu können.
Auch hielt Lee nicht viel von seinem neuen Gegenüber: Lincoln hatte als Nachfolger des gescheiterten Hooker General George Meade – von seinen Soldaten die „Alte Schnappschildkröte“ genannt – an die Spitze der Potomac-Armee berufen. Doch Lee unterschätzte sowohl Meade als auch die Soldaten in blauer Uniform, die inzwischen beträchtliche Erfahrung hatten und hochgradig motiviert waren. „Unsere Männer sind dreimal so enthusiastisch wie sie es in Virginia waren“, beobachtete ein Feldchirurg der Union. „Der Gedanke, dass es eine Invasion Pennsylvanias ist und dass wir auf eigenem Boden kämpfen, beeinflusst sie enorm. Sie sind entschlossener, als ich sie je gesehen habe.“
Und in der Tat gab es keine Panik mehr, wenn die Konföderierten mit ihrem berüchtigten Gebrüll, dem Rebel Yell, angriffen. Die Unionssoldaten waren professionalisiert und wurden (endlich) von fähigen Offizieren geführt. Am 2. Juli kam es bei hochsommerlichen Temperaturen zu heftigen Kämpfen. Die einzelnen Schauplätze wurden zu Legenden: Wheatfield (Weizenfeld), Peach Orchard (Pfirsichplantage), Devil‘s Den (Teufelsbau).
Am bekanntesten von allen ist der Felsen Little Round Top. Spät, zu spät, wie sich zeigen sollte, war den Konföderierten bewusst geworden, wie wichtig eine Einnahme des Felsens am Südende der Verteidigungsstellung der Union wäre. Mit eigener Artillerie auf dem Little Round Top ließe sich die gegnerische Front quasi von der Seite her aufrollen.
Eine Einheit aus Alabama sollte die tags zuvor nur von einigen wenigen Angehörigen einer Signaleinheit der Union besetzte Anhöhe einnehmen. Ihnen stellte sich, hastig auf dem Little Round Top in Stellung gegangen, die 20.Brigade aus Maine entgegen, deren Kommandeur dem akademischen Leben für die Kriegsdauer entsagt hatte und zur Fahne geeilt war: Colonel Joshua Chamberlain war Professor für moderne Sprachen am Bowdoin College in Maine. Er und seine Männer verteidigten die Felsformation in einem der dramatischsten Gefechte dieser drei schicksalsträchtigen Tage. Als ihnen die Munition ausging, ließ Chamberlain die Bajonette aufpflanzen und stürmte mit seinen Männern zu Tal – womit sie die überraschten und ebenfalls völlig erschöpften Konföderierten aus Alabama vertrieben oder zur Kapitulation brachten.
Am dritten Tag von Gettysburg kam es zum Hochamt des Krieges, zu einem unvergessenen Melodram von Heldentum, Opfergang – und Menschenverachtung. Der Angriff „Pickett’s Charge“ war zweifellos ein dramaturgischer Höhepunkt im vierjährigen Ringen des Amerikanischen Bürgerkrieges (benannt nach dem Südstaaten-General George Pickett, der eine der drei beteiligten Divisionen kommandierte). Gegen drei Uhr nachmittags an diesem 3. Juli traten mehr als 12000 Mann auf einer rund einen Kilometer langen Linie gegenüber Cemetery Ridge an. Zuvor hatten sich die Artillerien der beiden Seiten ein mehr als zweistündiges Duell geliefert. Über 300 Geschütze kamen insgesamt zum Einsatz. Das Donnern soll noch bis Pittsburgh zu hören gewesen sein. Als die Unionskanonen schwiegen, ging man bei Lee und seinem wichtigsten General James Longstreet davon aus, dass die feindliche Artillerie ausgeschaltet war – eine letzte Fehleinschätzung des konföderierten Kommandos: Die Union wollte sich die Munition für den bevorstehenden Infanterieangriff aufsparen.
Und dieser wurde zur Hölle auf Erden. Diszipliniert schritten die drei konföderierten Divisionen über das offene Gelände. Dann gerieten sie in verheerendes Feuer. Mehr als 1200 von ihnen fielen, etwa 4000 wurden verwundet, und mehr als 3700 gerieten in Gefangenschaft. Nur an einem einzigen Punkt konnten die todesmutigen Südstaatler die Unionslinie für einige Minuten durchbrechen, ehe die Blauen Verstärkung heranführen konnten.
Das umkämpfte Areal ist heute innerhalb des National Military Parks von Gettysburg landschaftsarchitektonisch herausgehoben und von zahlreichen Monumenten geschmückt. Das blutgetränkte Stück Erde hat einen passenden Namen: „The High-water mark of the Confederacy“ – bis hierher kamen die Konföderierten und nicht weiter. Nach Gettysburg gab es für den Süden nur Rückzug, Defensive, Ausharren wider jede Vernunft. Und massenhaftes Sterben, noch für mehr als eineinhalb Jahre.
Angesichts von 3155 (Nord) und 4708 (Süd) Gefallenen klingt es unglaublich: Auch in Gettysburg bemühten sich beide Seiten um Schonung der Bevölkerung. In der größten Schlacht auf amerikanischem Boden kam nur eine einzige Zivilistin ums Leben, die 20-jährige Jennie Wade, die von einer fehlgeleiteten Kugel getroffen wurde, die ihre Haustür durchschlagen hatte.
So erleichtert Lincoln und mit ihm der jubelnde Norden über den Sieg bei Gettysburg war, so sehr frustrierte den Präsidenten, dass Meade nicht nachgesetzt hatte und Lees Armee nach Virginia hatte entkommen lassen. Der Krieg ging weiter, der Bedarf an Menschen und Material war ungebrochen. Im Norden war eine Einkommensteuer zur Finanzierung der Kriegsanstrengungen eingeführt worden; auch konnte der Personalbedarf der Armee nicht länger von Freiwilligen gedeckt werden – ebenso wenig wie im Süden, wo die Desertionen zunahmen.
So führte Washington mit dem „Enrollment Act“ im März 1863 die Wehrpflicht ein, der man sich freilich entwinden konnte, wenn man entweder einen Ersatzmann stellte oder die damals das Jahresgehalt eines Arbeiters darstellende Summe von 300 Dollar zahlte. Es sei, so empörten sich Leitartikler, „ein Krieg der Reichen, aber ein Kampf der Armen“. Die Siegesnachrichten aus Gettysburg und Vicksburg konnten nicht verhindern, dass es noch im selben Monat zu Unruhen in New York City kam. Es waren die blutigsten Ausschreitungen in der US-Geschichte. Vor allem Einwanderer aus Irland liefen Sturm gegen die Einberufungen. Als Katholiken waren sie selbst tagtäglicher Diskriminierung ausgesetzt, und sie sahen keine Notwendigkeit, für einen protestantischen Präsidenten und eine protestantische Elite in einen Krieg zur Befreiung der Farbigen zu ziehen. Zumal Letztere nach siegreicher Beendigung des Konfliktes wahrscheinlich mit irischen Einwanderern um Arbeitsplätze konkurrieren würden.
Über vier Tage, vom 13. bis zum 16. Juli, tobte der Mob, griff Abolitionisten und dunkelhäutige Menschen an, beging Lynchmorde, brannte ein Hotel (in dem ihnen Alkoholika verweigert wurden) ebenso nieder wie ein Waisenheim für afroamerikanische Kinder. Die New Yorker Polizei war schnell überfordert. Es brauchte Armeeeinheiten direkt von der Front bei Gettysburg, um durch Patrouillen in den Straßen wieder Ruhe einkehren zu lassen. 120 Menschen waren während der Unruhen ums Leben gekommen. Viele von der Gewalt geschockte Afroamerikaner zogen aus der Stadt in das damals noch eigenständige Brooklyn.
Die berühmteste Rede in der Geschichte der USA
Lincoln wagte das Unmögliche: Er wollte versuchen, dem Wahnsinn dieses Krieges, der vermeintlichen Sinnlosigkeit des Sterbens doch einen Sinn, eine höhere Bedeutung zu geben. Am 19.November 1863 besuchte der Präsident Gettysburg, um dort an der Einweihung eines Nationalfriedhofs teilzunehmen. Der eigentliche Hauptredner war der frühere Außenminister und Harvard-Präsident Edward Everett (1794–1865), danach – so hatten es die Organisatoren vorgesehen – könne Abraham Lincoln „ein paar angemessene Bemerkungen machen“.
Everett sprach zwei Stunden lang, was viele der Gäste ermüdete. Dann erhob sich Lincoln. Seine zweieinhalb Minuten dauernde „Gettysburg Address“ wurde die berühmteste Rede der amerikanischen Geschichte, quasi die zweite Gründungsurkunde der USA – 272 Wörter für die Ewigkeit.
Als er geendet hatte, fragte ihn sein Sitznachbar, „ob das alles war“. Ja, antwortete Lincoln, für den Moment schon. Der Beifall soll verhalten bis höflich gewesen sein, doch die Wirkung dieser Worte hallte nach – über die Jahrhunderte. Everett, ein berühmter Rhetoriker, erkannte die Bedeutung der kurzen Rede sofort: „Ich wäre glücklich, wenn ich mir damit schmeicheln könnte, dem zentralen Gedanken des Anlasses in zwei Stunden so nahe zu kommen, wie Sie dies in zwei Minuten getan haben.“
In der „Gettysburg Address“ identifizierte Lincoln Amerika mit der Demokratie als einzig denkbarer Staatsform. Ohne den Grundsatz, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, ohne Demokratie seien die USA nicht möglich. Niemals wieder, so lautet sein Credo, sein Schwur, soll „die Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk“ – wie nach so vielen europäischen Revolutionen und Freiheitskämpfen – im Chaos oder in neuer Willkürherrschaft verenden. Der Opfertod der Soldaten sei nicht vergebens: Amerika werde eine „Wiedergeburt der Freiheit“ erleben und garantieren, dass die Volksherrschaft „nie mehr von der Erde verschwindet“ – „shall not perish from the earth“.
Der Süden führt einen aussichtslosen Kampf
Bis die Wiedergeburt der Freiheit Realität wurde, flossen noch weitere Ströme von Blut. Ulysses S. Grant, den Lincoln im März 1864 zum Oberbefehlshaber aller Unionsarmeen ernannte, wurde in Virginia in eine Reihe von für beide Seiten höchst verlustreichen Schlachten verwickelt. Mancherorts, wie im Umfeld der konföderierten Hauptstadt Richmond und des südlich von ihr gelegenen Eisenbahnknotenpunkts Petersburg, entwickelte sich ein Stellungsund Abnutzungskrieg, der wie ein Vorläufer des Ersten Weltkrieges wirkt.
In einem unwegsamen, von trockenem Gestrüpp und Unterholz gekennzeichneten Gelände mit dem passenden Namen Wilderness, das bereits ein Schauplatz der Schlacht von Chancellorsville (Mai 1863) war, standen sich Grant und Lee im Mai 1864 erstmals direkt gegenüber. Hier bekam das Sterben eine besonders grausige Note, als durch das Mündungsfeuer das ausgedörrte Buschwerk in Brand geriet und zahlreiche Soldaten, darunter viele Verwundete, in den Flammen umkamen.
Fast im Wochenrhythmus gab es neue Einträge in die Liste der Schlachtfelder des Kriegs: Spotsylvania Court House, Yellow Tavern, New Market. Zwei Schlachten ragen heraus: Cold Harbor (bei Richmond), wo Grant sich Lee geschlagen geben musste und die Union über zwölf Tage Anfang Juni mehr als 12000 Mann verlor; die Konföderierten hatten nur halb so viele Gefallene, Verwundete, Vermisste. Eine weitere ist Fort Pillow. Ein Name, der Dixie-Enthusiasten und Apologeten des „alten Südens“ und des angeblich so hohen Ehrbegriffs seiner Gentlemen in Uniform schwer über die Lippen geht.
Das von Unionssoldaten gehaltene kleine Fort Pillow im Westen von Tennessee wurde am 12. April von Konföderierten unter Befehl von General Nathan Bedford Forrest (nach dem Krieg ein prominenter Anführer des Ku-Klux-Klan) angegriffen. Als sich bereits viele der Nordstaatler ergeben hatten (die Angaben der Zeugen, ob die Besatzung insgesamt kapitulierte, variieren), wurden vornehmlich farbige Soldaten, wahrscheinlich rund 300, in einer mit einem Massenlynchen verglichenen Orgie ermordet.
Bei allem strategischen Geschick Lees und der Opferbereitschaft seiner Soldaten konnte im Süden kein mit Vernunft gesegneter Stratege davon ausgehen, dass für die an Ressourcen schwache Konföderation – deren Küsten von der Unionsmarine sehr effektiv blockiert wurden – der Krieg noch militärisch zu gewinnen war. So setzten Jefferson und sein Kabinett ebenso wie Robert E. Lee und seine Generalität darauf, dass im Herbst 1864 Abraham Lincoln abgewählt und ein Peace Democrat, der zur Anerkennung der Confederate States of America bereit war, ins Weiße Haus einziehen würde.
Welch eine Ironie: Der Süden hoffte, die USA am Markenzeichen ihrer Verfassung und ihres Credos, dem unbedingten Bekenntnis zur Demokratie, scheitern zu sehen. Doch stattdessen sandte das Land – oder vielmehr sein größerer Teil – 1864 eine bemerkenswerte Botschaft: Selbst mitten in einem existentiellen Konflikt wurden die Wähler um ihr Urteil gebeten. Und diese sprachen Lincoln, dem Commander-in-Chief, ihr Vertrauen aus. Die Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk behauptete sich auch im Kanonendonner.
Autor: Dr. Dr. Ronald D. Gerste
geb. 1957, ist Historiker und Mediziner. Er lebt in der Nähe von Washington D. C. und arbeitet als Journalist sowie als Sachbuchautor.
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