Die bedeutende Rolle der Highland-Clans bei den jakobitischen Aufständen ist unbestritten. Doch viele unserer heutigen Vorstellungen über diese Gesellschaft sind geprägt von der britischen Propaganda des 18. Jahrhunderts.
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Die von David Morier geschaffene Darstellung der entscheidenden Schlacht von Culloden, ursprünglich Teil einer Bildserie über den letzten Jakobiten- Aufstand von 1745, hängt heute im Eingang von Holyroodhouse, der Residenz der britischen Monarchen im schottischen Edinburgh. Das Bild zeigt die Sicht von Krone und Londoner Regierung Mitte des 18. Jahrhunderts auf diesen Konflikt: als Kampf zwischen zauseligen Gestalten in eigentümlicher Kleidung mit Piken und Säbeln auf der einen und uniformierten, gut gedrillten und nicht zuletzt frisierten „Rotröcken“, also britischen Infanteristen, auf der anderen Seite.
Vor dem Hintergrund des damals üblichen Vokabulars könnte man auch sagen, dass Morier hier den Kampf zwischen „Barbaren“ und „Zivilisierten“ ins Bild setzte und die Barbaren dabei nur verlieren konnten. Für die zeitgenössischen Betrachter war dabei klar, dass es sich bei den „Barbaren“ um Clans aus den schottischen Highlands handelte.
Das karierte Webmuster (Tartan) wurde von offizieller Seite auch auf anderen, weitverbreiteten Bildern genutzt, um die Aufständischen als Mitglieder schottischer Clans zu markieren – und damit zugleich zu stigmatisieren. Dabei weiß man mittlerweile, dass die Aufständischen viel heterogener waren und nicht nur Männer (und Frauen!) aus den Highlands umfassten, sondern auch aus den Lowlands. Dazu kamen englische Jakobiten sowie, im Gefolge von Charles Edward Stuart, franko-irische Kontingente, bestehend aus den Nachfahren jener Iren, die Jakob II. nach der Glorious Revolution ins französische Exil gefolgt waren.
Von den insgesamt rund 14 000 Menschen, die für Charles Edward Stuart in die Kämpfe zogen, kamen weniger als die Hälfte aus den Highlands. Obwohl auch die Zeitgenossen eine Ahnung davon hatten, wie bunt gemischt die Jakobitenarmee tatsächlich war, schien es regierungsnahen Publizisten doch reizvoll, sie auf die Highlander zu reduzieren, weil dies mit dem schlechten Ruf korrespondierte, den diese Volksgruppe zumindest in England besaß.
Dem Süden der Britischen Inseln sind die Clans schon seit Jahrhunderten suspekt
Beispiele für eine Abwertung der Schotten lassen sich schon für das 17. Jahrhundert vielfach greifen. Sie waren auch nicht auf England beschränkt, sondern diffus sogar auf dem Kontinent verbreitet, wenn man sich etwa während des Dreißigjährigen Kriegs in Deutschland über den merkwürdigen Aufzug schottischer Söldner in schwedischen Diensten wunderte.
Als die Schotten nach der Hinrichtung König Karls I. im Januar 1649 dann dessen Sohn als ihren neuen König anerkannten, anstatt sich der revolutionären englischen Republik anzuschließen, sprach man in London bereits von den „Barbaren in den Highlands“.
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Dieser Topos war also gut vorbereitet, als er 1715, infolge des Aufstands in diesem Jahr, von verschiedenen Publizisten wieder ins Feld geführt wurde, darunter von keinem Geringeren als Daniel Defoe (1660 –1731). Der später berühmte Autor hatte im halboffiziellen Auftrag bereits die anglo-schottische Union von 1707 propagandistisch begleitet. 1715 fasste sein Pamphlet „A View of the Scots Rebellion“ dann die kursierenden Vorurteile in Form einer negativen Landeskunde zusammen. Dieser zufolge handelte es sich bei den Leuten in den Highlands zwar um britische Untertanen. Tatsächlich aber stünden sie unter der absoluten Herrschaft ihres jeweiligen Clan-Chefs, der sie mit einem „Pfiff oder einem Stoß ins Horn“ („a whistle or a Sounding-Horn“) versammeln und ins Feld führen könne.
Um seinen Lesern klarzumachen, um wen es sich bei diesen Clans eigentlich handelte, nannte Defoe Namen wie MacKenzie, MacDonald, MacIntosh, MacGregor, Fraser oder Murray. Deren Rückständigkeit zeige sich darin, dass sie ihre Nahrung im Wesentlichen erjagten und deswegen niemals ohne Waffen aus dem Haus gingen. Diese würden sie aber auch ohne zu zögern für blutige Auseinandersetzungen untereinander einsetzen.
Ihre barbarische Kleidung sei für ihren Alltag aus Jagen und Kämpfen zwar gut geeignet, lasse sie aber teilweise unbekleidet: Zwischen Strumpf und Rock sei das nackte Knie zu sehen! – ein Umstand, den Defoe auch bei Männern nicht dulden wollte. Der Rock selbst erinnerte ihn aber keineswegs an Frauenbekleidung, sondern an römische Imperatoren.
Man sieht daran, in welchem Maß es möglich war, die Kleidung der Highlander mit eigenen Assoziationen zu füllen – ein Umstand, den sich später die Schriftsteller James Macpherson (1736 –1796, „Ossian“-Epos) und Sir Walter Scott (1771–1832, unter anderem „Ivanhoe“) zunutze machten, die erheblich dazu beitrugen, den Tartan von seinem Stigma zu befreien und als schottisches Nationalsymbol auszuweisen. Später trugen ihn sogar die Mitglieder des britischen Königshauses, wenn sie Edinburgh besuchten.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wäre das völlig undenkbar gewesen, in dieser Zeit stand der Tartan aus englischer Sicht für eine unfassbare Rückständigkeit, gepaart mit skrupelloser Gewaltbereitschaft. Allerdings, so schloss Defoe sein Pamphlet, seien diese gefürchteten „Swords-Men“ („Schwert-Kämpfer“) im Kampf ein undisziplinierter Haufen, der von Soldaten überraschend leicht zu besiegen war. Wenn Defoe seine Leser so beruhigen wollte, hatte er damit durchaus Erfolg: Highlander und schottische Jakobiten wurden in England vor allem verachtet und jedenfalls nicht in der gleichen Weise gefürchtet wie im 17. Jahrhundert die „Papisten“, denen man stets ein Massaker zutraute.
Das Bild der Highlander und ihrer Clans wurde also nach 1715 in schrillen Farben gezeichnet. Daran beteiligt waren neben Daniel Defoe auch andere Publizisten, die genüsslich die Geschichte von Robert „Rob Roy“ MacGregor ausschlachteten – jenem Sohn eines Clan-Chefs, den die Schotten als ihren Robin Hood verehrten, der in England hingegen als Beispiel dafür diente, dass die Clans nicht nur gewaltbereit, sondern auch kriminell seien. Was gehört nun bei diesen Clans nicht nur zum Reich der (propagandistischen) Legenden, sondern zu den historischen Fakten?
Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass die Sozialstruktur der schottischen Highlands (also des nordwestlichen Teils Schottlands) sowie der Inselgruppen Orkney, Shetland und Hebriden seit dem Hochmittelalter tatsächlich ganz erheblich von Clans geprägt worden war. Während die Clans im 18. Jahrhundert aber behaupteten, dass die Reihe ihrer Vorfahren in die keltische Vorzeit zurückreichte, waren sie tatsächlich überwiegend Nachfahren der Normannen aus dem skandinavischen Raum, die im 12. Jahrhundert Gebiete in Schottland erobert hatten.
Aber auch bereits ansässigen Machthabern verschafften die normannischen Einfälle eine Gelegenheit, um der lokalen Bevölkerung Schutz zu bieten, was mit der Zeit zu einer dauerhaften Herrschaft über Land und Leute führte. Die ethnische Diversität nahm im 14. Jahrhundert noch zu, als damals entstandene Clans wie die Camerons, Menzies oder Frasers anglo-normannische und flämische Wurzeln besaßen. Verschiedene Gewohnheiten des normannischen Lehnswesens wurden mit der Zeit zu vermeintlich urschottischen Traditionen. Unangefochtenes Zentrum war der jeweilige Clan-Chef (toiseachs), auch das war Ausdruck des normannischen Feudalrechts, ähnlich wie die strikte Erbfolge, die eine Wahl des Oberhaupts ausschloss.
Die Clans sind keineswegs reine Familienverbände
Der Begriff „Clan“ lässt sich zwar im weitesten Sinn mit Verwandtschaft übersetzen, doch muss man sich diese als eine soziale und nicht „biologische“ Figuration vorstellen. Dass viele Clan-Mitglieder den gleichen Nachnamen führten, beruhte nicht auf weitverzweigten Verwandtschafts- und Heiratsbeziehungen, sondern entsprach einer feudalen Tauschlogik: Die Übernahme des Clan-Namens signalisierte Loyalität gegenüber dem Clan-Chef, umgekehrt durften die Namensträger auf dessen Protektion hoffen. Die Clans waren hierarchisch strukturiert: Den gleichen Namen zu führen bedeutete für ein einfaches Clan-Mitglied noch lange nicht, dass es mit dem chief auch engen Umgang pflegte.
Als ein Mittel zur Stärkung der Bindungen zwischen „unten“ und „oben“ galt die sogenannte manrent, bei dem der chief besonderen Schutz gegen zusätzliche Abgaben versprach. Das System der manrent konnte auch zwischen mächtigen und weniger mächtigen Clans praktiziert werden.
Die Krone, die auf die hochautonomen Clans ohnehin skeptisch blickte und sie als Hindernis für die staatliche Durchdringung Schottlands erachtete, sah in der manrent indes bloß eine Form der Schutzgelderpressung und verbot diese Praxis 1617 – seither existierte sie jedoch verdeckt weiter. In der Clan-Oberschicht wiederum fungierte die Praxis der Pflegeelternschaft (fosterage) als sozialer Kitt: Dabei wurden die Kinder des chiefs von anderen Familien des Clans aufgezogen, wodurchein fiktives Verwandtschaftsverhältnis zwischen diesen Familien entstand.
Die feudalrechtlichen Strukturen eines Clans galten den Historikern lange Zeit als Grund dafür, diese nicht als „Stamm“ zu bezeichnen, was wohl auch mit Befürchtungen zu tun hatte, dass Clans sonst als besonders archaisch erscheinen könnten. Der Begriff „Stamm“ wird zudem ähnlich wie der der „Blutsverwandtschaft“ in der neueren historischen Forschung als biologistisch gesehen und für analytisch unbrauchbar gehalten.
Doch Familien, Clans, Verwandtschaften oder „Stämme“ sind als Sozialverbände immer gesellschaftliche Konstruktionen und nicht Ausdruck einer „natürlichen“ Lebensweise, da diese ja historisch und regional vollkommen unterschiedlich ausfallen kann.
Wichtiges Medium bei der Konstruktion eines Clans waren Wappen, die auch die einfachen Mitglieder führen durften. Das für einen Clan kennzeichnende Tartan-Muster war dagegen eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.
Ein Clan lässt sich am besten als eine spezifische Variante des Sozial-und Herrschaftsmodells „Grundherrschaft“ verstehen, das im Europa des Mittelalters und der frühen Neuzeit weit verbreitet war. Der Clan-Chef als Grundherr bot seinen Hintersassen (tenants) Schutz und Land zur Bewirtschaftung.
In den schwer zugänglichen Highlands, wo der Einfluss der Krone lange Zeit gering blieb, waren solche Schutzangebote für viele überlebenswichtig, so wie umgekehrt ein großer Clan auch Macht und Ansehen seines Chefs steigerte. Dieser erwartete für seinen Schutz Abgaben, die von Steuerpächtern (tacksmen) direkt beim tenant eingesammelt wurden. Genauso konnte ein Chief von seinen tenants aber auch Unterstützung im Kampf erwarten. Bei der Mobilisierung wurden ebenfalls die hartnäckigen tacksmen eingesetzt. Ein einziger Pfiff, wie Defoe meinte, reichte jedenfalls nicht, um die Hintersassen in Kampfbereitschaft zu versetzen.
Diese feudalrechtlich begründete Heerfolge war ein Grund dafür, warum 1715 und 1745/46 so große Jakobitenarmeen aufgestellt werden konnten. Ob die aufgebotenen Hintersassen darüber hinaus auch von der Sache der Jakobiten überzeugt waren, so wie ihre Clan-Chefs, ist schwer zu sagen. Viele 1746 gefangene Rebellen sagten beim Verhör aus, gegen ihren Willen eingezogen worden zu sein. Das mögen Ausreden gewesen sein. Klar ist aber auch, dass Zwang und Drohungen bei der Rekrutierung der tenants eine erhebliche Rolle gespielt hatten.
„Clearances“: Strukturwandel in den Highlands
Eine jakobitische Gesinnung war also keineswegs kollektiv in der Highland-Gesellschaft verankert. Zumindest war nicht jeder gewillt, dafür sein Leben zu riskieren. Und wer nicht zum Kampfdienst gezwungen werden musste, hatte vielleicht vor Augen, dass es sich bei den Feldzügen auch gut plündern ließ.
Die Niederlage von 1746 beschleunigte den Niedergang der Clans als traditionelles Sozial- und Wirtschaftsmodell. Die damit verbundenen fundamentalen Umwälzungen wurden als „Highland Clearances“ bezeichnet und zum Signum der Zeit zwischen 1750 und 1850: Die ohnehin schon stattfindende Landflucht der einfachen Leute in die wirtschaftlich besser aufgestellten Lowlands wurde von jenen Clan-Chefs noch verstärkt, die ihre tenants rücksichtslos vertrieben, um die Ländereien für die Schafzucht zu nutzen. Von Schutz und Schirm konnte keine Rede mehr sein, als in England Wolle zum begehrten Rohstoff der entstehenden Bekleidungsindustrie wurde.
Die noch verbliebenen Pächter litten unter der steigenden Abgabenlast, bis auch sie den Weg in die Emigration einschlugen. Auch aus diesem Grund verbindet man heute zumindest außerhalb von Großbritannien die Namen MacDonald oder MacIntosh eher mit Fastfood und Computern und nicht primär mit den einst so einflussreichen Highland-Clans.
Autor: Prof. Dr. André Krischer
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