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Die Zentren des Handelsimperiums
Bereits ihre Lage direkt an der Küste prädestinierte die phönizischen Stadtstaaten für den Handel. Ihre Luxusgüter standen bald im gesamten östlichen Mittelmeerraum hoch im Kurs. Auch in den Epen Homers und in biblischen Texten finden wir Berichte über die phönizischen Kaufleute.
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Das Jahr 1050 v. Chr.: Ein kleines Schiff segelt von der Stadt Tanis an der Nilmündung nordwärts, immer entlang der Küste Palästinas. An Bord befindet sich der ägyptische Beamte Wenamun. Sein Auftrag: Er soll Zedernholz aus dem Libanon beschaffen, als Baumaterial für die „Barke des Amun“, ein Fahrzeug, das die Priester des Gottes für Prozessionen auf dem Nil benutzten.
Doch die Ausführung von Wenamuns Auftrag erwies sich als unerwartet kompliziert: Auf dem Weg nach Byblos, der alten Handelsstadt zu Füßen des Libanon-Gebirges, wurde der Gesandte des Pharao von einem Mitglied seiner Besatzung bestohlen; Konflikte mit den Tjekern, die sich in den Städten der südlichen Levante angesiedelt und Piraterie zu ihrem einträglichen Geschäft gemacht hatten, säumten seinen Weg.
Nach gefahrvoller Reise erwartete Wenamun in Byblos eine weitere böse Überraschung: Er wurde von Sekerbaal, dem Stadtherrn, zunächst nicht vorgelassen. „Verschwinde aus meinem Hafen“, ließ dieser ihm Tag um Tag ausrichten. Als Sekerbaal ihm dann doch endlich eine Audienz gewährte, musste Wenamun erfahren, dass die Abmachung, die jahrhundertelang die Beziehungen zwischen dem Nil-Reich und der levantinischen Handelsstadt geregelt hatte, keine Gültigkeit mehr besaß. Seit Menschengedenken hatten die Ägypter in Byblos ihr Zedernholz abgeholt und dafür nicht mit klingender Münze, sondern mit immateriellen Gütern bezahlt. Der Pharao spendete den lokalen Herrschern in Syrien und Palästina Schutz, Segen und Legitimität; dafür durften seine Abgesandten in der Levante gratis Einkaufstouren unternehmen. Das war der Deal.
Die Zeiten ändern sich: Der Willeder Großreiche ist nicht mehr Gesetz
Doch als Wenanum nach Byblos kam, war längst ein neues Zeitalter angebrochen. Sekerbaal hatte einseitig die Abmachung mit Ägypten aufgekündigt und den Warenverkehr auf eine neue Grundlage gestellt. Er erwartete Vorkasse in Form ägyptischer Luxusgüter, und da Wenamun mit leeren Händen gekommen war, blieb dem Gesandten nichts anderes übrig, als einen Boten nach Ägypten zu schicken, um die geforderten Tauschwaren zu beschaffen. Über zwei Jahre nach seinem Aufbruch aus Ägypten konnte Wenamun mit dem wertvollen Holz die Heimreise antreten, auf der er abermals Gefahren zu bestehen hatte.
Die Geschichte, die der auf Neuägyptisch in hieratischer Schrift verfasste „Reisebericht des Wenamun“ erzählt, hat sich vermutlich so nie zugetragen. Nach Auffassung der meisten Forscher handelt es sich um einen fiktionalen Text, nicht um einen Tatsachenbericht. Doch auch wer sich eine Geschichte ausdenkt und zu diesem Zweck Begebenheiten erfindet, muss sich an einen realen Hintergrund halten, damit die Erzählung ihren Lesern einleuchtet. Und deshalb dürfen wir wohl annehmen, dass der Rahmen in etwa die politische Situation widerspiegelt, wie sie Mitte des 11. Jahrhunderts im östlichen Mittelmeer herrschte.
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Das Missverständnis zwischen Wenamun und Sekerbaal beruhte darauf, dass der Herrscher von Byblos bereits in der neuen symmetrischen Wirklichkeit eines Marktes angekommen war, auf dem er die Ressourcen seiner Heimat an den Höchstbietenden verkaufen konnte. Die ägyptische Seite war hingegen noch den Spielregeln der untergegangenen bronzezeitlichen Welt mit ihren Asymmetrien und Reziprozitäten verhaftet, nach denen das Imperium seinen Vasallen Tributleistungen abfordern und die Bedingungen des Gütertransfers von der Peripherie ins Zentrum nach Belieben diktieren konnte.
Nicht nur wirtschaftlich marschierten die Städte der phönizischen Küste an der Spitze des Fortschritts. Bereits in der Spätbronzezeit hatte sich in der Levante, ausgehend vermutlich von Ugarit, eine neue Schrift verbreitet. Anders als die Keilschrift, die um 3000 v. Chr. in den Flusstal-Zivilisationen Mesopotamiens aufgekommen war und mit der man Sumerisch und Akkadisch, die Diplomatensprache der Bronzezeit, schrieb, und anders auch als die ägyptische Hieroglyphenschrift bestand das neuartige Alphabet nur aus 22 Zeichen, die für Konsonanten und nicht für Silben standen. Das machte diese Schrift für jedermann erlernbar: Lesen und schreiben zu können war fortan nicht mehr das Privileg einer kleinen Berufskaste von Schreibern, sondern gesellschaftliches Gemeingut. Zusammen mit der Eisenmetallurgie, die ebenfalls zuerst in der Levante Einzug hielt und wesentlich weniger kompliziert zu handhaben war als der Bronzeguss, leistete die Alphabetschrift sozialer und wirtschaftlicher Dezentralisierung Vorschub: Viele Aufgabenbereiche, die zuvor nur die großen Organisationen von Palästen und Tempeln leisteten, konnten jetzt auch von Privatleuten wahrgenommen werden.
Raum für private Initiative gab es genug im nach 1200 v. Chr. wiedererwachenden Vorderasien. Die Küstenebene Phöniziens ist fruchtbar, aber eben auch sehr schmal. Viele Menschen vermag sie nicht zu ernähren. Wenige Kilometer hinter dem Strand ragt die Hochgebirgskette des Libanon auf, die jede Stadt an der Küste förmlich von ihrem Hinterland abschneidet. Deshalb blickten die Bewohner der Küste zu allen Zeiten auf das Meer, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ihre Städte lagen nicht zufällig auf Vorgebirgen oder – wie Tyros und Arados – auf dem Festland vorgelagerten Inseln und verfügten allesamt über hervorragende Häfen.
Der Zusammenbruch des bronzezeitlichen Systems und die veränderte politische Lage waren für unternehmerisch denkende Individuen in den Städten der Levante Herausforderung und Anreiz zugleich. Einerseits war der Sprung über das Meer in einer Zeit, die weder Seekarten noch ein Minimum an Rechtssicherheit für reisende Kaufleute kannte, ein unkalkulierbares Risiko. Auf der anderen Seite besaßen die Levantiner mit ihrem Holz, vor allem aber mit ihrem technologischen Wissen Ressourcen, die nicht nur in Ägypten hoch im Kurs standen. Handwerker in Sidon oder Tyros stellten in technisch anspruchsvollen Verfahren Luxusgegenstände wie etwa Textilien her, die in den besseren Kreisen rund ums Mittelmeer als Statussymbole begehrt waren.
Homer berichtet über die stolzen Phönizier
Die um 700 v. Chr. niedergeschriebenen homerischen Epen lassen uns am Stolz teilhaben, den die Besitzer phönizischer Textilien und Prunkvasen empfanden. Die Helden des Trojanischen Kriegs – vor allem ihre Frauen – wussten Gewänder zu schätzen, die Phönizierinnen gewoben hatten. Hekabe, die Gattin des trojanischen Königs Priamos, macht ein solches Kleid gar der Göttin Athena höchstpersönlich zum Geschenk. Und der größte Held der „Ilias“, Achill, setzt bei den Leichenspielen für seinen gefallenen Freund Patroklos einen silbernen Kratér aus: ein Gefäß, in dem man Wein für Trinkgelage mischt. Der Clou an dem Krug ist, dass es sich um Importware handelt, „denn Sidonier voller Kunstsinn hatten schön ihn gefertigt, Phönizier aber ihn gebracht übers dunkle Meer“.
Die geographischen Kenntnisse der Griechen über den Nahen Osten waren zu dieser Zeit allenfalls nebulös. Deshalb waren für den „Ilias“-Autor Homer die Hersteller des Gefäßes („Sidonier“) nicht mit den Kaufleuten („Phönizier“) identisch, bei denen man es einst erworben hatte. Doch arbeitete um 700 v. Chr. die Wirtschaft in einer Metropole wie Sidon längst hochgradig arbeitsteilig. Noch heute kann man in der Stadt unweit des Hafens einen markanten Hügel besteigen, der ausschließlich aus den Schalen einer Schnecke der Gattung Bolinus brandaris besteht: Aus dem Sekret der Mollusken gewann man im Altertum Purpurfarbe, die in der Herstellung extrem aufwendig war. Entsprechend teuer waren purpurfarbene Textilien.
In römischer Zeit jammerten Dichter immer wieder über den teuren Geschmack ihrer Freundinnen, die sich bevorzugt in „tyrische Tücher“ kleideten. Außer Textilien und Metallgefäßen produzierten die Werkstätten in den phönizischen Städten große Mengen von Elfenbeinschmuck, mit dem wertvolle Möbel verziert wurden, und Objekte aus Glas, dessen Erfindung ebenfalls auf die Levante zurückgeht.
Alle diese Güter mussten ihre Abnehmer in anderen Teilen der antiken Welt erreichen. Außerdem benötigte das boomende Handwerk ständig Rohstoffe, die zum Teil aus entlegenen Teilen der Welt herangeschafft werden mussten: Elfenbein kam aus Afrika, Edelmetalle kamen von der Iberischen Halbinsel.
Ein weiterer Hinweis auf die Phönizier findet sich in der „Odyssee“. Im 15. Gesang erzählt der Schweinehirt Eumaios seinem Herrn Odysseus seine Lebensgeschichte. Er sei ein Königssohn von der Insel Syria und sei von einer phönizischen Dienerin seines Vaters aufgezogen worden. Eines Tages seien phönizische Kaufleute auf der Insel gelandet und hätten Waren aus den Bäuchen ihrer Schiffe feilgeboten. „Ein Jahr“ seien die Phönizier geblieben. Kurz vor der Abreise hätten die „Halunken“, wie Eumaios sie nennt, unter tätiger Mithilfe des Kindermädchens den Königssohn entführt, um ihn später als Sklaven zu verschachern.
Die Weite des Meeres war ein gesetzloser Raum, und deshalb waren Piraterie und Kidnapping durchaus an der Tagesordnung. Bemerkenswert an dem Text ist aber ein anderer Aspekt: Die Fernhändler der „Odyssee“ agieren als auf eigene Rechnung wirtschaftende Kaufleute, nicht als Beauftragte eines Palasts oder Tempels wie noch Wenamun. Sie sind Unternehmer, die sich auf die Reise begeben, um möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften. Das Stigma der Profitgier hängt den Levantinern keineswegs nur in der „Odyssee“ an; es durchzieht die antiken Texte wie ein roter Faden.
Was aus griechischer Sicht unehrenhaft wirkte, war aus der Binnenperspektive einer Stadt wie Tyros existenzsichernd: Landwirtschaft in großem Stil schied als Broterwerb aus, deshalb blieb den Phöniziern keine andere Option, als ihre Waren und Dienstleistungen buchstäblich zu Markte zu tragen. Freilich lebte es sich so nicht schlecht. Der Reichtum der phönizischen Städte und vor allem der Kaufleute war legendär. Er erregte wohl auch den Neid der Nachbarn.
Wie sonst ist es zu erklären, dass die biblischen Texte sich förmlich am Ruin der Phönizier weiden? „Durch große Weisheit in deinem Handel hast du deinen Reichtum vermehrt. Doch dein Reichtum stieg dir zu Kopf, und du wurdest stolz“, spricht der Prophet Ezechiel über Tyros. Und ein anderer Prophet, Jesaja, lässt Tyros Königskronen verteilen, „dessen Kaufleute Fürsten waren und dessen Händler die Vornehmsten der Welt“ gewesen seien, nur um dann ins Unglück zu rennen.
Wenn hier der Prophet nicht maßlos übertreibt, dann waren es wohl auch die Kaufleute, die politisch in Städten wie Tyros und Sidon den Ton angaben. Zwar besaßen alle Städte wie in der Bronzezeit einen König, doch hatte er anscheinend nicht mehr viel zu sagen. Für die Zeit um 600 v. Chr. sind Magistraturen belegt – die Sufeten –, wie sie ähnlich auch die griechischen Poleis um diese Zeit eingeführt haben.
Vermutlich waren solche Institutionen in Phönizien aber schon älter, denn das um 800 v. Chr. gegründete Karthago übernahm den Sufetat von seiner Mutterstadt Tyros und besaß nie eine monarchische Ordnung. Für die Zeit der persischen Herrschaft sind für Sidon und Tyros durch griechische Texte Ratsversammlungen bezeugt, auch eine Volksversammlung scheint es gegeben zu haben. Über das Alter dieser Institutionen geben die Quellen keine Auskunft, allerdings suchte bereits Sekerbaal bei Wenamuns Besuch in Byblos den Rat einer „Versammlung“. Möglicherweise stellte sich also in den phönizischen Stadtstaaten schon früh das Problem, wie man Herrschaft so teilte, dass Personengruppen an ihr partizipierten, die durch wirtschaftlichen Erfolg zu Einfluss gelangt waren.
Tyros wird zum Motorder Westexpansion
Unter Führung der Kaufleute stieg Tyros zum auch politisch beherrschenden Faktor in der Levante auf. Die Stadt unterwarf ihre Nachbarin und Rivalin Sidon und verhandelte mit dem Reich Salomos aus einer Position der Stärke heraus. Tyros war der Motor der phönizischen Westexpansion: Sein Stadtgott Melkart wurde zum wichtigsten Exportschlager und besaß bald an sämtlichen Küsten des Mittelmeers Kultstätten. Die Griechen identifizierten ihn nicht zufällig mit ihrem reisenden Helden Herakles.
Im 8. Jahrhundert v. Chr. stand die Inselmetropole Tyros im Zenit ihrer Macht. Doch zogen von Osten dunkle Wolken heran: Ausgehend vom mittleren Tigris, strebte das Neuassyrische Reich ans Mittelmeer. Die Assyrer unterwarfen Syrien und gerieten mit den beiden Teilreichen Israel und Juda in Konflikt, in die das Imperium des biblischen Königs Salomo zerfallen war. Auch Phönizien fand sich bald im Sog der assyrischen Expansion wieder.
Für die Levantestädte war sie Fluch und Segen zugleich: Zwar beschränkte der – nur schwer durchsetzbare – assyrische Herrschaftsanspruch ihre politische Bewegungsfreiheit, doch war das Imperium im Osten ein neuer, geradezu unersättlicher Markt für Luxuswaren, wie sie Tyros und Sidon in konkurrenzloser Qualität herstellten.
Gewiss wollten die neuen Herren aus Assur ebenfalls ihr Stück vom Kuchen, das sie in Form hoher Tribute einforderten; verzichten mochten sie auf die Dienste der Phönizier aber nicht. Deshalb ließen sie den Händlern Freiräume und den Markt gewähren. Und so hielten es auch die Imperien, die nach den Assyrern kamen: Babylonier, Perser, Makedonen und Römer.
Die „Totenklage“ in der Bibel ist verfrüht
Der Prophet Ezechiel hatte seine „Totenklage über Tyros“ voreilig angestimmt: Das goldene Zeitalter für Phönizien war noch lange nicht zu Ende, als Ezechiel zur Feder griff und der babylonische König Nebukadnezar II. 568 v. Chr. Tyros nach 13-jähriger Belagerung eroberte. Die phönizische Metropole überstand auch die Belagerung und Eroberung durch Alexander den Großen, auch wenn der einen Damm baute und die Stadt ihrer Insellage beraubte. In Phönizien lebte man gut und gerne, und deshalb überrascht nicht, dass man sich in der römischen Kaiserzeit seiner phönizischen Wurzeln besann und wie Heliodor von Emesa voller Stolz verkündete: „Ich bin ein Phönizier“.
Autor: Prof. Dr. Michael Sommer
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