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Edle Produkte für Europa – und den Orient
Die Lagunenstadt war spezialisiert auf besonders wertvolle Handelsprodukte wie Gewürze und Seide aus Asien. Doch bereits seit dem 15. Jahrhundert kehrten sich die Warenströme um. Nun fanden etwa deutsche Textilien über Venedig den Weg in den Orient.
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von THOMAS ERTL
Im späten Mittelalter hatte sich Venedig als der wichtigste Warenumschlagplatz zwischen West und Ost etabliert. Stolz berichtete der Chronist Martin da Canal im 13. Jahrhundert vom Aufstieg seiner Heimatstadt: „Jeder Mann in Venedig, ob reich oder arm, vergrößerte seinen Besitz. … Das Meer war [dank der venezianischen Flotte] frei von Räubern. Die Venezianer brachten Waren nach Venedig, und Kaufleute aus allen Ländern kamen hierher mit Waren aller Art, welche andere kauften und zurück in ihre Heimatländer transportierten.“
Dieser wirtschaftliche Erfolg der Serenissima beruhte auf einer ausgedehnten kommerziellen Infrastruktur in der Stadt und jenseits ihrer Grenzen. Innerhalb der Stadt waren die Kaufleute aus dem Ausland in eigens für sie bestimmten Gebäuden und Räumlichkeiten untergebracht. Für Kaufleute aus Deutschland errichtete die Stadtregierung in der Nähe der Rialto-Brücke das „Kaufhaus der Deutschen“ (Fondaco dei Tedeschi). Hier wohnten und arbeiteten die Kaufleute aus dem Norden – und wurden sorgsam von venezianischen Beamten überwacht, damit Waren nicht falsch deklariert oder Zollgebühren umgangen wurden.
Für die Kaufleute standen 56 Wohnkammern zur Verfügung, in weiteren Räumen wohnten und amtierten der Hausmeister und andere Amtsträger. Eine Küche, ein Speisesaal und eine Weinschenke sorgten für das leibliche Wohl. Die räumlichen Kapazitäten reichten häufig nicht aus, weshalb immer wieder darüber geklagt wurde, dass Kästen, Kisten und Ballen die Gänge so verstellten, dass man kaum durchkommen oder in den Hof hinabsehen konnte.
Ihren seelsorgerischen Mittelpunkt hatte die Gemeinschaft der deutschen Kaufleute in der Kirche San Bartolomeo, die im Stadtteil San Marco in unmittelbarer Nähe des Fondaco liegt. Mehrmals im Jahr zog die Bruderschaft der deutschen Kaufleute in einer Prozession vom Kaufhaus zu „ihrer“ Kirche. Im Auftrag der Bruderschaft schuf Albrecht Dürer 1506 sein berühmtes „Rosenkranzfest“ und meinte anschließend stolz über die Begeisterung seiner italienischen Kollegen: „Jtz spricht jeder man, sy haben schoner Farben nie gesehen.“ Das berühmte Bild befindet sich heute in der Nationalgalerie Prag, und San Bartolomeo hat seine besten Tage hinter sich, doch das ehemalige Kaufhaus der Deutschen erstrahlt nach vielen Umbauten seit einigen Jahren in neuem Glanz als modernes Luxuskaufhaus mit grandioser Dachterrasse.
Nicht nur in der Stadt sorgte die Markusrepublik für geordnete Verhältnisse: Das venezianische Hinterland, die Terra ferma, wurde seit dem 15.Jahrhundert politisch und wirtschaftlich auf die Metropole ausgerichtet. Mit Großmächten und Handelspartnern in nah und fern wurden Gesandtschaften ausgetauscht und Verträge abgeschlossen, um den grenzüberschreitenden Handel zu sichern und den eigenen Kaufleuten Privilegien und Zollerleichterungen zu verschaffen. In den Hafenstädten im östlichen Mittelmeer besaßen die Venezianer eigene Handelsquartiere, in denen sie mit ihren Landsleuten zusammenlebten und Geschäfte mit den Einheimischen machten.
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Nach der Eroberung von Konstantinopel wurde Venedig sogar zur Kolonialmacht mit eigenen Inseln, Städten und Stützpunkten. Den Handel mit Zentraleuropa überließen die Venezianer deutschen Kaufleuten, doch in Brügge, Paris, London und anderen Städten in Westeuropa waren sie selbst präsent – insbesondere, als sie mit ihren Flottenkonvois seit um 1300 regelmäßig durch die Straße von Gibraltar in die Nordsee segelten. Auch hier lebten die italienischen Kaufleute als Exilgemeinde in eigenen Häusern oder Straßen wie in der „Lombard Street“ in London zusammen.
Dieses Netzwerk von Stützpunkten und Vereinbarungen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Ärmelkanal bildete die Grundlage für den Warentransport. Verknüpft wurden die kommerziellen Knotenpunkte durch die im Mittelmeer und später auch im Atlantik zu festen Terminen und auf fixierten Routen verkehrenden Flottenkonvois aus meist mehreren Galeeren und Koggen.
Bis weit in die frühe Neuzeit hinein blieb dieses System erfolgreich – trotz aller Rückschläge durch Epidemien und Kriege, die Expansion des Osmanischen Reiches oder die Entdeckung neuer Handelswege durch den Atlantik.
Ein Grund für die Dauerhaftigkeit des wirtschaftlichen Erfolgs der Serenissima bildeten die Entwicklung und die Adaption von technisch-nautischen und betrieblichen Innovationen. Karten und Kompass gehörten bald zum gängigen Know-how der venezianischen Seeleute, während die Kaufleute auf Handelspartnerschaften und doppelte Buchhaltung setzten.
Die komplexe Struktur des venezianischen Machtapparats vermochte es, die verschiedenen öffentlichen und privaten Interessen in einem ausgeklügelten Gleichgewicht von verschachtelten Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbefugnissen zu halten. Viele Jahrhunderte lang profitierte vor allem die Oberschicht von diesem System. Ihrem Reichtum verdanken wir die einmalige Grandezza der Stadt, ihrer Architektur und ihren Kunstwerken. Das harte Schicksal der vielen Ruderleute und Arbeiter, ohne die Venedigs Glanz nicht möglich gewesen wäre, blieb im Dunkeln und ist heute größtenteils vergessen.
Die Bergwerke in den Alpen liefern wertvolle Erze
Venedig überwachte den Handel vor allem der Ausländer sehr genau. Deutsche Kaufleute durften beispielsweise weder Produkte aus dem europäischen Nordwesten (England und Flandern) in die Stadt importieren noch solche aus Deutschland von Venedig übers Meer transportieren. In beiden Fällen sorgte sich Venedig um seine einträgliche Monopolstellung. Die wichtigsten Güter, die aus dem Norden kamen, waren Gold, Silber sowie unedle Metalle wie Eisen, Kupfer, Blei und Zinn aus den alpinen Bergwerken; Pelze aus dem nördlichen Deutschland und östlicher gelegenen Regionen; Fertigwaren der deutschen Manufakturen wie Waffen, Werkzeuge, Brillen, Nürnberger Tand sowie Textilien aus Wolle, Leinen und Baumwolle.
Dazu kamen noch Rohstoffe wie Holz und Getreide sowie Sklaven aus Osteuropa und der Kaukasusregion. Diese Waren und Menschen verkauften die Venezianer in Italien, vor allem aber im östlichen Mittelmeer. Die von christlicher Seite verkündeten Handelsembargos gegen die muslimischen Staaten wurden von den Venezianern widerwillig akzeptiert, aber sicher auch häufig umgangen.
Bereits 971 hatten sie dem byzantinischen Kaiser versprochen, kein Holz zum Schiffsbau und keine Waffen wie Brustharnische, Schilde, Schwerter und Lanzen an die Sarazenen zu liefern. Trotz aller Embargos und Versprechungen hörte Venedigs Handel mit dem Nahen Osten jedoch nicht auf zu florieren. Über den Idealtyp des mittelalterlichen Kaufmanns schrieb Hans Sachs 1568 in seinem Ständebuch folgende Verse: „Ich aber bin ein Handelsmann /Hab mancherley Wahr bey mir stan/Würtz, Arlas, Thuch, Wolln und Flachß;/Sammat [Samt], Seiden, Honig und Wachß /Und ander Wahr hie ungenannt,/Die führ ich eyn und auß dem Land /Mit grosser sorg und gfehrlichkeit,/Wann mich auch offt das unglück reit.“
Zur Liste der Waren dieses Idealbilds eines Kaufmanns zählen neben den typischen Waren aus Deutschland und den angrenzenden Regionen – ergänzend wäre getrockneter Fisch (Hering und Stockfisch, baccalà) zu nennen – auch edle Waren aus dem Süden, nämlich Seide und Gewürze. Einen Großteil dieser Produkte erwarben die deutschen Kaufleute in ihrem Kaufhaus in Venedig, um sie dann nördlich der Alpen in Nürnberg oder auf den Frankfurter Messen zu verkaufen.
Pfeffer und andere Gewürze wie Ingwer und Gewürznelken bildeten das Fundament der Importe aus dem Orient. Um 1400 brachten die Venezianer jährlich rund 400 Tonnen Pfeffer aus der Levante in den Westen. Das entsprach ungefähr der Hälfte des Gesamtimports von 800 bis 1000 Tonnen, der in diesen Jahrzehnten nach Europa gelangte.
Angesichts der rund 30 000 Tonnen, die in Deutschland heute pro Jahr verbraucht werden, erscheint das wenig. Bedenkt man jedoch, dass Pfeffer damals der gehobenen Küche vorbehalten war und in ganz Europa so viele Menschen lebten wie heute in Deutschland, erscheinen die Unterschiede nicht mehr ganz so groß.
Bis ins 16. Jahrhundert hinein versorgte Venedig Europa mit diesen exquisiten und begehrten Gewürzen, die bei keinem Festmahl fehlen durften. Bereits im 13. Jahrhundert hatte der Minnesänger Berthold Steinmar die höfische Kochkunst so beschrieben: „Was du uns gibst, das würze gut, mehr als man es normalerweise tut, damit in uns ein Feuer entstehe.“ Sein Gedicht beendete er mit dem Satz: „Mache, dass uns der Mund wie eine Apotheke riecht.“
Für dieses „Gewürzfeuerwerk“ waren häufig Mischungen verantwortlich, wie beispielsweise spezie forti (Pfeffer, Nelken und Muskat) oder spezie dolci (Ingwer, Nelken und Zimt). Die allgemeine Vorliebe für das starke Würzen von Speisen ging erst im 18. Jahrhundert zurück. Pfeffer fand zudem als Bestandteil verschiedener Arzneimittel Verwendung.
Die Kaufleute, die mit dem Gewürzhandel ihr Vermögen machten, ernteten allerdings nicht nur Bewunderung. Despektierlich nannte man sie „Pfeffersäcke“. Der Grund dafür waren die hohen Gewinnspannen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kostete ein Pfund Pfeffer in Indonesien rund 2,8 englische Pennies und wurde in London um 26 Pennies verkauft – beinahe eine Verzehnfachung des Preises.
Allerdings hatte Venedig zu dieser Zeit die Vorherrschaft im Gewürzhandel bereits verloren. Afonso de Albuquerque (gest. 1515), der portugiesische Eroberer Malakkas (auf der Malaiischen Halbinsel), frohlockte nach seinem Erfolg: „Wenn wir den Handel von Malakka den Muslimen entreißen, werden Kairo und Mekka ruiniert sein. Und nach Venedig werden keine Gewürze mehr gelangen, außer jenen, die ihre Kaufleute in Portugal erwerben“. Ähnlich sah dies der portugiesische Kaufmann Tomé Pires: „Wer der Herrscher über Malakka ist, hat seine Hände an der Gurgel Venedigs.“ Der Orienthandel war bereits im späten Mittelalter ein Wettkampf zwischen europäischen Kaufleuten, Handelskompanien und Nationen. Vor dem Einsatz von Gewalt schreckte dabei keine Partei zurück.
Die Verlagerung der Handelswege und die Expansion des Osmanischen Reichs leiteten den Niedergang des venezianischen Überseegebietes ein. Mehr und mehr Aufmerksamkeit schenkte die Stadt daher ihrem Herrschaftsgebiet in Oberitalien, der Terra ferma. Entsprechend gewannen die hier und in anderen Regionen Italiens gefertigten Produkte für den venezianischen Handel mit dem nördlichen Europa an Bedeutung. Neben Wein entwickelten sich so die berühmten Glaswaren aus Murano zu einem wichtigen Exportgut.
Luxuriöse Produkte: Auf der Insel Murano entsteht Glaskunst von höchster Qualität
Aus Brandschutzgründen hatten die Venezianer 1295 alle Glasöfen auf diese Insel in der nördlichen Lagune verlagert. Die örtliche Konzentration der Produktion diente zudem der Geheimhaltung der Glasherstellung, die vor neugierigen Blicken geschützt werden sollte. Die Glasmacher von Murano versorgten zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert den gesamten europäischen und levantinischen Markt mit ihren kunstvollen Erzeugnissen, die vom vollkommen durchsichtigen Glas (cristallo) über Spiegel bis zu Gefäßen, Trinkgläsern, Glasperlen für Rosenkränze und Sanduhren reichten.
Die Verbreitung der Glasmacherkunst jenseits der Stadtgrenzen ließ sich nicht dauerhaft aufhalten. Doch selbst als es den Glasbläsern nördlich der Alpen ebenfalls gelang, hochwertige Gläser anzufertigen, blieben sie dem importierten Stil noch viele Jahrzehnte lang treu und erzeugten Glas à la façon de Venise, das vom Original äußerlich nicht zu unterscheiden war. Wie in der Gegenwart war das Urheberrecht schon damals eine umstrittene Angelegenheit. Es ist vermutlich kein Zufall, dass auch das Patentwesen im späten Mittelalter in Venedig entstand.
Zum vielleicht wichtigsten Exportprodukt Venedigs entwickelte sich seit dem späten Mittelalter die Textil- und dabei vor allem die Seidenindustrie. Bis zum 13. Jahrhundert hatten Handwerker und Händler aus Lucca das europäische Seidengeschäft dominiert. Als viele Seidenweber aus Lucca im 14. Jahrhundert ihre Heimatstadt aufgrund von politischen Turbulenzen verließen, nahmen sie ihr Know-how mit in die neue Heimat. Die Stadt Venedig bot beispielsweise mehreren Brüdern der Familie Guidiccioni aus Lucca im Jahr 1394 das Bürgerrecht an. Im Gegenzug versprachen diese, die ars sete (Kunst der Seidenweberei) in der neuen Heimatstadt auszuüben.
Die Handelsgesellschaft des Marco Guidiccioni war bald im Seidengeschäft erfolgreich und vertrieb daneben auch andere Waren, und zwar sowohl in Venedig als auch an vielen anderen Orten. Aus diesen Ursprüngen entwickelte sich eine innovative und technologisch fortschrittliche Industrie. Auf dem Festland wurden in großer Zahl Maulbeerbäume gepflanzt, deren Blätter die ausschließliche Nahrung der Seidenraupen sind. Mit Scharfsinn und Weitblick passten sich die venezianischen Seidenweber in den folgenden Jahrhunderten an den Geschmack ihrer europäischen (und osmanischen) Kunden an und entwickelten immer neue Stoffqualitäten und Stoffmuster. Allerdings schlief die Konkurrenz nicht, und zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert verbreitete sich die Seidenweberei in vielen Ländern Europas, sogar in Preußen.
Während die Stadt Venedig bis 1400 vor allem von ihrer Stellung als Knotenpunkt zwischen West und Ost profitierte und als internationaler Warenumschlagplatz gute Geschäfte machte, waren es nach 1400 in erster Linie gewerbliche Produkte aus den eigenen Werkstätten, denen sie ihren Reichtum verdankte. Zu den traditionsreichen Gewerben wie der Seiden- und Glasherstellung kamen vor allem die rasch expandierenden Gewerbe des Buchdrucks und der Wollverarbeitung.
Ein weiterer Schwerpunkt war der Export von exquisiten künstlerischen Gegenständen wie Goldschmiedearbeiten, Elfenbeinschnitzereien oder Bilderrahmen und Tafelbilder. Dabei setzten sich auch auf dem Kunstmarkt mehr und mehr kommerzielle Strategien durch. Dies führte dazu, dass venezianische Handwerker beispielsweise die orientalische Technik der Metallgravur mit Einlegearbeiten (Damaszener Ware) so sorgfältig kopierten, dass die Zeitgenossen den Unterschied nicht bemerkten und glaubten, originale Produkte aus dem Orient zu kaufen. Der Ruhm Venedigs hatte andererseits zur Folge, dass Handwerker, die gar nicht mehr in Venedig lebten und arbeiteten, ihre Erzeugnisse weiter mit ihrem Namen und dem Zusatz „aus Venedig“ kennzeichneten – quasi ein Made in Venice als Qualitätssiegel.
Die Geschäfte der venezianischen Kaufleute und Handwerker liefen auch in der frühen Neuzeit nicht schlecht, wie die zahlreichen prächtigen Villen illustrieren, die sich die venezianische Oberschicht von Architekten wie Andrea Palladio (1508–1580) auf der Terra ferma bauen ließen. Diese Landhäuser dienten als standesgemäße Residenz ihrer Besitzer, waren daneben aber zugleich Verwaltungszentren ausgedehnter landwirtschaftlicher Betriebe. Mit der Hilfe von Deichen und Kanälen wurde das sumpfige Land in Ackerflächen verwandelt, auf denen seit dem 16. Jahrhundert Reis (aus Vorderasien) und Mais (aus der Neuen Welt) angebaut wurde – Risotto und Polenta zeugen noch heute von den Auswirkungen dieser agrarischen Innovationen auf die italienische (und globale) Küche.
Im Orienthandel kehren sich die Warenströme um
Venedig importierte aus der Levante nicht nur Seide und Gewürze, sondern auch Rohstoffe wie Zucker, Chemikalien wie Alaun und Pottasche sowie Baumwolle. 1442 erhielten die Venezianer vom ägyptischen Sultan die Erlaubnis, dass sie ungehindert durch das Land reisen durften, um Baumwolle und andere Waren zu kaufen. Zur eigenen Sicherheit war es ihnen sogar gestattet, sich dabei wie Sarazenen zu kleiden. Teilweise lebten Vertreter großer venezianischer Handelsfirmen das ganze Jahr über in Ägypten oder Syrien, um den begehrten Rohstoff zu günstigen Preisen zu erwerben. In Europa interessierten sich unter anderem die oberdeutschen Kaufleute in Augsburg und Nürnberg für die Baumwolle. Sie brachten den Rohstoff nach Süddeutschland und ließen ihn gemeinsam mit Leinen zu einem Mischgewebe namens Barchent verweben.
Tuche aus Barchent wurden anschließend im gesamten Mittelmeerraum und in anderen Regionen Europas verkauft – häufig über Venedig. Der Erfolg der deutschen Barchentweberei ist ein Indikator für die Marktintegration in Europa, zugleich aber auch ein Beleg für die kommerzielle Vermittlerfunktion, die die Lagunenstadt innehatte.
Daneben ist der Barchentexport in den Orient ein Zeichen für die veränderte wirtschaftliche Großwetterlage im euro-mediterranen Raum und Venedigs Beitrag hierzu. Im hohen Mittelalter hatten die Venezianer Seide und Gewürze aus dem Orient importiert und dafür mit Silber, Sklaven und Rohstoffen bezahlt. Im späten Mittelalter drehten sich die Verhältnisse um. Nun waren es die byzantinischen und muslimischen Eliten, die Textilien aus Barchent, Seide oder Wolle sowie gewerbliche Erzeugnisse wie Waffen und Rüstungen, Keramik, Glas und Papier aus Venedig bezogen. Im Gegenzug lieferten sie Rohstoffe wie Alaun, Zucker, Baumwolle oder Rohseide.
Im Jahr 1334 reiste etwa der in Venedig lebende Goldschmied Mondino nach Zypern, um dem dortigen König eine Uhr im Wert von 800 Dukaten zu verkaufen. Dabei muss es sich um eine mittelalterliche Super-Rolex gehandelt haben, denn die 800 Dukaten entsprechen einem heutigen Wert von rund einer halben Million Euro.
Bemerkenswert ist zudem der Aufschwung des Handels mit Wolltuch aus Flandern und England, das in Venedig und anderen Städten Italiens weiterverarbeitet und dann im Mittelmeerraum verkauft wurde. Viele Ägypter trugen im 15. Jahrhundert nicht mehr einheimisches Leinen, sondern europäische Wolle.
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Venedig wurde damit zum Lieferanten von europäischen Luxus- und Fertigprodukten in einen Nahen Osten, der zunehmend zum reinen Rohstofflieferanten wurde. Damit begann die Dominanz des Westens und eine wirtschaftliche Asymmetrie. Dies führte schon im Mittelalter zu Spannungen, die sich dadurch verstärkten, dass sich die Venezianer bei ihrem Engagement in der Levante nicht immer als ehrenhafte Cavalieri verhalten haben.
Im Jahr 1320 legten die byzantinischen Gesandten dem Dogen von Venedig eine lange Liste von Beschwerden vor, in der vor allem der Vorwurf der Piraterie gegen die Venezianer erhoben wurde. Einem gewissen Aretas, venezianischer Bürger auf Kreta, wurde beispielsweise vorgeworfen, dass er auf verschiedenen Inseln der Ägäis Tiere, Kupfer, Käse, Kleidung, Pferde sowie Menschen – Erwachsene und Kinder – geraubt hätte.
Begeisterung über das Angebot an Produkten auf den venezianischen Märkten
Im späten Mittelalter erweiterten sich die Konsummöglichkeiten der europäischen Gesellschaften. In allen größeren und kleineren Städten boten fliegende Händler und Ladenbesitzer ihren Kunden und Kundinnen eine beständig wachsende Palette von Waren und Dienstleistungen an. Die Konsumwelt wurde reicher und bunter. Shopping wurde erstmals zum sinnlichen Erlebnis.
Als Beatrice d’Este (1475–1497) im Jahr 1493 Venedig besuchte und von der Rialto-Brücke zum Markusplatz spazierte, der schicksten Einkaufsmeile der Stadt, bestaunte sie ebenfalls die venezianischen Läden und schrieb darüber in einem Brief an ihren Ehemann: „Wir gingen am Rialto an Land und spazierten durch die Gassen, die Mercerie genannt werden. Dort fanden wir Verkaufsläden der Gewürzhändler und der Seidenhändler, die alle gut sortiert waren. Umfang und Qualität ihres vielfältigen Angebots sowie die Waren der anderen Zünfte boten einen schönen Anblick, so dass wir häufig verweilten und das Angebot betrachteten. … Anschließend gingen wir durch die Marktstände zum Markusplatz. Dort sahen wir eine solche Menge an schönen Gläsern, dass man staunte und sich anstrengen musste, um nicht in Anbetracht der schon fortgeschrittenen Stunde lange zu verweilen.“
In diesem Stadtteil besaß 1465 bis 1475 auch der Apotheker Agostino Altucci seinen Laden. Aus seinen überlieferten Geschäftsbüchern wissen wir, welche Waren man in der „Großen Apotheke“ (spezzeria grande) erwerben konnte: mehr als 100 verschiedene Gewürze und Duftstoffe, Straußenfedern und Tropenhölzer, Papier und Farbstoffe, Nürnberger Tand sowie Glaswaren und Brillen.
In den Mercerie und ähnlichen Einkaufsvierteln in Europas Großstädten entstanden die Grundlagen der modernen Konsumgesellschaft. Bis ins 19. Jahrhundert blieb Venedig Zentrum nicht nur des Konsums, sondern der raffinierten, kunstvollen und exklusiven Vergnügungen.
Bereits im hohen Mittelalter lieferten die venezianischen Kaufleute Luxuswaren an zahlungskräftige Kunden in Italien und Europa. Wenn sie im 10. Jahrhundert an den Königshof in Pavia (in der heutigen Region Lombardei) kamen, mussten sie beispielsweise folgende Abgaben an den königlichen Schatzmeister leisten: ein Pfund Pfeffer, ein Pfund Zimt, ein Pfund Galgantwurzel und ein Pfund Ingwer. Die Frau des Schatzmeisters erhielt zudem einen Elfenbeinkamm, einen Spiegel und eine Reihe anderer Artikel.
Die wirtschaftliche Dominanz der Lagunenstadt weckt auch Neid
Im Lauf des Mittelalters nahmen Volumen und Vielfalt der Produkte beständig zu. Allerdings regte sich auch Kritik an der Einfuhr dieser Luxuswaren. In der Mitte des 15. Jahrhunderts schrieb ein anonymer Autor in England das „Büchlein der englischen Staatskunst“ („Libelle of Englyshe Polycye“). Es ging dem Verfasser dabei um die Lenkung des Außenhandels zum Wohl Englands. Wie bei Verhandlungen im Zuge des Brexit hatte der Autor die Befürchtung, dass die enge wirtschaftliche Verflechtung mit Kontinentaleuropa der Insel und ihren Bewohnern zum Schaden gereiche. Besonders die Luxusimporte aus Italien waren ihm ein Dorn im Auge: „Die von Venedig und Florenz verkehren / Mit uns auf den gewaltigen Galeeren. / Sie bringen Luxuswaren, Specerein, / Gewürze aller Art und süßen Wein, / Meerkatzen, Fratzen, Tand für Laffen, Affen / Und Kinkerlitzchen, die nicht Nutzen schaffen, / Dinge womit die Augen sie verblenden / Und die nicht wert sind, Geld daran zu wenden. / Das meiste von dem Zeug geht bald dahin, / Ist sehr entbehrlich und bringt nie Gewinn.“
Kritische Stimmen dieser Art gab es nicht nur in England und nicht nur im Mittelalter. Maximilian I. (römisch-deutscher König 1486–1519, seit 1508 Kaiser) verlangte von den Reichsständen 1507 Maßnahmen gegen die Einfuhr von seidenen Kleidern und Goldschmuck aus Italien, da diese Importe die finanziellen Ressourcen des Reichs vermindern und die Bevölkerung arm machen würden. Martin Luther beklagte ebenfalls die Einfuhr von luxuriösen Waren wie Seide, Goldschmiedearbeiten und Gewürzen, die angeblich den Reichtum von Land und Leuten vernichteten. Nach Ansicht des Reformators sollten deutsche Fürsten und Regierungen diese Art von Handel gänzlich untersagen.
Der Erfolg der Italiener wurde in der frühen Neuzeit stets mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Zwar erfreuten sich die deutschen Kunden auch im 18. Jahrhundert am Angebot einer „italienischen Handlung“, wie sie in „Zedlers Universallexikon“ beschrieben wurde: Hier gibt es „allerhand delicate Weine, Öl, frische und eingemachte Früchte, als Citronen, Pomerantzen, Oliven, Capern, rohe auch zubereitete und gefärbte Seide, guten Käse, worunter sonderlich der Parmensanische berühmt ist, wohlriechende Essentien sammt einigen Mineralien; an Manufacturen aber gezogenen und gesponnenen Golddraht, Sammet, Atlas, Brocad, Tafft, Tobin, schöne zwirnene Spitzen, köstliche wollene scharlachene Tücher, Tapeten, crystallene Kutschen, Trinck- und Spiegelgläser, … ferner allerhand parfumirte Handschuhe, seidene Strümpfe, gestickte seidene Camisols, Violinensaiten, Schnupftaback, Corallen, Sardellen, vielerhand Confecturen, geräucherte Würste und dergleichen.“
Der Lexikograph Zedler lobte allerdings nicht nur die kaufmännische Tüchtigkeit der Italiener, sondern warnte zugleich vor ihrer „Listig- und Spitzfindigkeit“. Ihre großen Gewinne würden sie über die Alpen in den Süden schaffen und dadurch Deutschland entziehen. Schon vor der Globalisierung haben sich die Menschen über das wirtschaftliche Wohlergehen ihrer Nation im Wettstreit mit dem Rest der Welt Sorgen gemacht. Das Misstrauen, mit dem heute im Westen der Aufstieg Chinas verfolgt wird, galt in der europäischen Vergangenheit häufig den Italienern und allen voran den Venezianern.
Das Italienische wird zu einer Lingua franca
Venedig war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit nicht nur ein Umschlagplatz von Waren aus vieler Herren Länder, sondern auch ein Treffpunkt für Kaufleute, Diplomaten, Handwerker, Pilger und Abenteurer. Die Vielfalt der Besucher konnte man sehen und hören. Der Engländer Thomas Coryat, der 1608 die Stadt besuchte, vermerkte in seinem Reisebericht, auf der Piazza San Marco könne man „alle Sprachen der Christenheit hören und darüber hinaus auch jene der barbarischen Völker“.
Sprachkenntnis war die Voraussetzung für erfolgreiche Kommunikation und gute Geschäfte. Die Venezianer bemühten sich selbst schon im Mittelalter, die Sprachen ihrer Handelspartner und Rivalen zu erlernen. Seit 1420 unterhielt Georg von Nürnberg in der Nähe der Rialto-Brücke eine deutsche Sprachschule und verfasste für seinen Unterricht das älteste überlieferte italienisch-deutsche Sprachlehrbuch. Es enthält Wortlisten und Konjugationen von wichtigen Verben.
Zudem werden den Schülern wichtige Sätze für den Umgang mit den Deutschen vorgeführt: „Es ist nicht meine Gewohnheit, so früh zu trinken!“ In fiktiven Dialogen konnten die Sprachschüler Smalltalk und das kaufmännische Vokabular üben: „Gefällt euch etwas? – Viele Dinge würden mir gefallen. – Ich mag euch wohl mit gutem Barchent, Baumwoll- und Leinenstoff dienen, gefärbt in vielen Farben oder in Weiß, wie ihr wollt. – Zeigt mir euren besten Barchent! – Ich werde ihn euch zeigen und ihr könnt kaufen, was euch am besten gefällt. – Hast du auch gute Stoffe aus Baumwolle und Leinen? – Habe ich euch nicht gesagt, dass ich die besten Stoffe habe, die es in der Stadt gibt. – Bringt her, lasst sehen!“
Venedigs Stellung als Handelsgroßmacht zog nicht nur Fremde mit ihren Waren und Sprachen in die Stadt, sondern legte auch den Grundstein dafür, dass sich die Sprache Venedigs in der Fremde verbreitete. Das zeigte sich vor allem in der Mittelmeerwelt, in der viele Menschen bis ins 19. Jahrhundert mehrere Sprachen zumindest in Grundzügen beherrschten. Unter diesen Sprachen genoss das Italienische eine Vorrangstellung und wurde gleichsam zur Lingua franca.
Das bemerkten bereits die Zeitgenossen. Für den Nachwuchs der deutschen Kaufherrenschicht, der seit dem beginnenden 14. Jahrhundert häufig in den Häusern venezianischer Händler in die Lehre ging, gehörte das Erlernen der italienischen Sprache zu den festen Bestandteilen der Ausbildung. Männer wie Jakob Fugger (1459–1525) und Lucas Rem (1481 –1541) waren daher bei ihren Geschäften in Venedig nicht auf die Dienste eines Dolmetschers angewiesen.
Im Jahr 1540 schrieb der Dichter, Enzyklopädist und Sprachlehrer Alessandro Citolini, dass „das Italienische in Frankreich von sehr vielen Menschen gekannt, geliebt und geschätzt wird. … Ich höre, dass es in Spanien recht gut bekannt ist und dass es auf der Insel Mallorca öffentliche Schulen gibt, in denen es gelehrt wird. Und ich höre auch, dass man in Deutschland und sogar in England mehr Kenner des Italienischen als des Lateinischen findet.“ In der Tat wurde Italienisch regelmäßig am englischen Königshof verwendet, da damals nur wenige Europäer Englisch beherrschten. Auf der anderen Seite des Kanals war das Italienische die Handelssprache im Antwerpen des 16. Jahrhunderts und diente selbst im fernen Polen der sprachlichen Verständigung zwischen Deutschen und Slawen.
Im östlichen Mittelmeerraum war der Gebrauch des Italienischen besonders weit verbreitet. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war es die am häufigsten gesprochene westliche Sprache im Osmanischen Reich. In den Handelsstädten Ägyptens und Syriens verfügte fast jeder Kaufmann über Italienischkenntnisse, und als Vasco da Gama in Malindi (Kenia) 1498 einen Lotsen fand, der ihm den Weg nach Indien zeigte, verständigte er sich mit ihm – auf Italienisch. Die Macht der Seehandelsrepubliken, allen voran Venedigs, hatten das Italienische zu der Sprache der euro-mediterranen Welt gemacht. Erst die Globalisierung und der Aufstieg des Englischen stoppten den Vormarsch des Italienischen.
Autor: Prof. Dr. Thomas Ertl
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