Stonehenge ist das wohl bekannteste Zeugnis der Megalithkultur. Errichtet wurde es am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit. Die Art seiner Konstruktion und der Aufwand, der beim Transport der Steine betrieben wurde, machen es weltweit einmalig.
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Im 12. Jahrhundert, nur wenige Jahrzehnte nach der Eroberung Englands durch die Normannen, erwähnen mittelalterliche Quellen erstmals den Steinkreis von Stonehenge, der heute zu den berühmtesten Denkmälern der europäischen Vorgeschichte gehört.
Der Name Stonehenge ist aus den beiden englischen Wörtern für „Stein“ und „hängen“ zusammengesetzt und könnte sich auf die Decksteine beziehen, die waagrecht über und zwischen den senkrecht stehenden Tragsteinen „hängen“. Vielleicht war es aber auch so, dass die Verbindung von zwei senkrechten Tragsteinen mit einem darüber liegenden Deckstein den Betrachter von der Form her an einen mittelalterlichen Galgen erinnerte.
Der Chronist Geoffrey von Monmouth berichtet in seiner „Geschichte der Könige Britanniens“ (um 1138), Stonehenge sei während der Eroberung des Landes durch die Angelsachsen im frühen Mittelalter vom Zauberer Merlin mit Steinen aus Irland errichtet worden. Das wurde lange als Tatsache akzeptiert, bis ein Altertumsforscher um 1580 feststellte, dass ähnliche Steine wie die von Stonehenge auch in der Gegend von Marlborough (rund 25 Kilometer nördlich des Steinkreises) zu finden seien. Zudem hätten sich die Erbauer offenkundig beim Bau des Monuments an der Holzbauweise orientiert. Beides zusammen lasse Zauberei doch eher unwahrscheinlich erscheinen.
Jahrhundertelanges Rätselraten über die Erbauer des Steinkreises
Wie schwer man sich noch im 17. Jahrhundert mit der Datierung von Stonehenge tat, zeigt der Umstand, dass unterschiedliche Gelehrte kurz nacheinander die Römer, die Wikinger und sogar die seefahrenden Phönizier als Erbauer des Steinkreises in Betracht zogen. Erst im Lauf des 18. Jahrhunderts setzte sich die Auffassung durch, dass die Ursprünge von Stonehenge wegen der Ähnlichkeit mit Steinsetzungen in Wales und Schottland in der einheimischen Vorgeschichte zu suchen seien.
Besonderen Einfluss erlangte in diesem Zusammenhang die Deutung der Anlage durch den Mediziner und Altertumsforscher William Stukeley (1687–1765). Nach ausgedehnten Begehungen und topographischen Messungen erklärte er in einer erstmals 1740 veröffentlichten Gesamtdarstellung Stonehenge zu einem Tempel der keltischen Druiden, diese wiederum sah er als direkte Vorläufer der Anglikanischen Kirche seiner Zeit an. Erst um 1900 gelang dem Archäologen William Gowland der exakte Nachweis, dass Stonehenge lange vor der ersten Erwähnung der Druiden am Übergang von der späten Jungsteinzeit zur Bronzezeit errichtet wurde.
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Eine neue Richtung der Stonehenge-Forschung eröffnete zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Astronom und Astrophysiker Joseph Norman Lockyer. Er vermutete neben der seit langem bekannten axialen Ausrichtung auf die Sonnenwenden weitere astronomische Funktionen der Anlage. Seine Erkenntnisse beruhten auf dem Vergleich mit anderen vorgeschichtlichen Steinsetzungen.
Als eines der einflussreichsten Bücher auf diesem Gebiet veröffentlichte Gerald Hawkins 1965 „Stonehenge Decoded“ (deutsch 1983 unter dem Titel „Merlin, Märchen und Computer: Das Rätsel Stonehenge gelöst?“). Darin deutete der amerikanische Astronom das Monument als eine Art steinzeitlichen Computer zur Voraussage von Mondfinsternissen.
Von archäologischer Seite wurde diese Interpretation indes sehr schnell wieder verworfen, da ihr Urheber nachweislich von falschen Voraussetzungen ausgegangen war. Hawkins’ Thesen stammen aus einer Zeit, als Computer gerade ihren Durchbruch erlebten und dieses Stichwort die Fantasie anregte – ein weiterer Beleg für die Zeitgebundenheit jeder neuen Deutung von Stonehenge.
Wer heute Stonehenge besucht, sieht bereits von weitem jene mächtigen, rechteckig zugehauenen Steine, die zusammen einen Kreis von rund 30 Meter Durchmesser bilden. Jeder von ihnen – mit Ausnahme eines einzigen, deutlich schmaleren und kürzeren – ist ungefähr vier Meter hoch, etwa zwei Meter breit und rund einen Meter tief. Der Abstand zwischen den einzelnen Steinen beträgt jeweils etwa einen Meter.
Ursprünglich lagen wohl auf allen senkrecht stehenden Tragsteinen waagerechte Decksteine, von denen sich jedoch nur noch sechs in ihrer ursprünglichen Lage befinden. Bei allen diesen Steinen handelt es sich um eine Sandsteinart, die unter dem örtlichen Namen sarsen bekannt ist. Ursprünglich rotbraun, haben sie inzwischen durch Flechtenbewuchs eine graugrüne Färbung angenommen.
Innerhalb des großen Sarsenkreises befindet sich ein nicht ganz regelmäßiger und unvollständiger Kreis aus sehr viel kleineren Steinen (ohne darüber liegende Decksteine), die nach ihrer vorherrschenden Färbung als Blausteine (bluestones) bezeichnet werden. Ursprünglich bestand der Kreis wohl aus ungefähr 60 dieser Blausteine, von denen jedoch nur noch sechs aufrecht stehen. Von den erhaltenen Steinen sind die meisten ungefähr zwei Meter hoch, einen Meter breit und ungefähr 75 Zentimeter tief.
Innerhalb des Kreises aus Blausteinen befinden sich insgesamt 15 rechteckig zugehauene Steine, von denen jeweils drei sogenannte Trilithe oder Dreisteine bilden: Über zwei aufrechtstehenden Tragsteinen liegt ein Deckstein. Insgesamt fünf solcher Trilithe bilden ein nach Nordosten offenes Hufeisen. Die beiden Trilithe am südöstlichen und nordöstlichen Ende des Hufeisens sind etwa sechs Meter hoch, die daran angrenzenden bereits deutlich höher. Der Trilith im Südwesten, unmittelbar gegenüber der Öffnung des Hufeisens, überragt mit über sieben Metern Höhe alle anderen.
Alle 15 Steine sind vor Ort erhalten geblieben, befinden sich jedoch nur noch zum Teil in ihrer ursprünglichen Lage. Innerhalb dieses Hufeisens aus fünf Sandstein-Trilithen befindet sich ein weiteres, unvollständiges Hufeisen aus einzelnen, aufrecht stehenden Blausteinen, deren Höhe – ebenso wie bei dem äußeren Hufeisen – von Nordosten und Südosten nach Südwesten hin zunimmt. Der größte erhaltene Blaustein des inneren Hufeisens ist fast zweieinhalb Meter hoch.
Sämtliche bisher beschriebenen Steinsetzungen bilden den Mittelpunkt einer inzwischen weitgehend abgetragenen kreisrunden Einfriedung aus Wall und Graben, deren innerer Durchmesser etwas über 100 Meter beträgt.
Im Nordosten – also unmittelbar gegenüber der Öffnung der beiden Hufeisen – werden Wall und Graben von einem ungefähr zehn Meter breiten Damm unterbrochen. Außerhalb des Kreises der Sarsensteine, aber noch innerhalb dieser Einfriedung, befinden sich einige weitere markante Steine, für die sich phantasievolle, erst neuzeitlich belegte Namen eingebürgert haben.
So gibt es etwa den slaughter stone, ein über sieben Meter langer, am südöstlichen Rand des Dammes flach auf der Erde liegender Sarsenstein mit zahlreichen Vertiefungen. Seine Bezeichnung als „Schlacht(opfer)stein“ beruht zweifellos auf der Deutung als Opfertisch, doch dürfte der Koloss ursprünglich aufrecht gestanden haben, was eine solche Funktion praktisch ausschließt.
Rund 30 Meter von ihm entfernt steht unmittelbar neben der imaginären Linie, die vom Scheitelpunkt des großen Hufeisens durch dessen Öffnung bis zur Öffnung des umlaufenden kreisrunden Walls und Grabens führt, der sogenannte heel stone (heel = Ferse, wobei der tatsächliche Ursprung des Namens unklar ist). Hierbei handelt es sich um einen über fünf Meter hohen, unbehauenen Sarsenstein, neben dem sich ursprünglich ein zweiter, inzwischen verlorener, vermutlich ähnlicher Stein befand.
Das Monument wird über Jahrhunderte umgestaltet
Wie man heute weiß, wurde die Gesamtanlage von Stonehenge nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern über einen Zeitraum von vielen hundert Jahren hinweg errichtet. Die erste Phase bezeichnet ein um 3100 v. Chr. angelegter kreisrunder Graben mit einem Wall auf der Innenseite und einer sehr viel niedrigeren Gegenböschung auf der Außenseite.
Einige der für die Grabung verwendeten Werkzeuge, etwa Spitzhacken aus Hirschgeweih, wurden nach Abschluss der Arbeiten nicht einfach weiterverwendet, sondern auf der Sohle des Grabens niedergelegt. Auch Tierknochen wurden hier gefunden. Das lässt darauf schließen, dass schon diese ersten Arbeiten eine religiöse Bedeutung hatten und von entsprechenden Riten begleitet waren.
In einer zweiten Phase wurde dann der oben erwähnte Zugangsweg im Nordosten angelegt. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass man zur gleichen Zeit im Inneren der Einfriedung hölzerne Konstruktionen („Aubrey-Löcher“) und Steine aufstellte, die jedoch nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten geblieben sind.
In einer dritten Phase wurden schließlich die teilweise noch heute vorhandenen Steine errichtet, wobei man die Aufstellung der großen Sarsensteine in die Zeit um 2500 v. Chr. datiert. Dagegen wurden die Blausteine wohl zwischen 2300 und 1900 v. Chr. aufgestellt.
Im Unterschied zur lokalen Herkunft der Sarsensteine war der Ursprung der Blausteine noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts unbekannt. Erst in den 1920er Jahren kam die Vermutung auf, dass sie aus den Preseli-Bergen in Südwales stammen könnten, wo Steine vergleichbarer Geologie in unterschiedlichen Formen und Größen zu finden sind.
Die Annahme, die Erbauer von Stonehenge hätten die Steine von dort geholt, blieb jedoch nicht unwidersprochen. Ein solcher Transport – die Distanz beträgt rund 220 Kilometer – erschien angesichts der beschränkten technischen Möglichkeiten in der Jungsteinzeit kaum glaubhaft. Zudem war ohne bekannte Parallelen auch kein nachvollziehbarer Sinn für dieses Vorgehen zu erkennen.
Als alternative Erklärung zogen Archäologen daher immer wieder die Möglichkeit in Erwägung, einige Blausteine seien bereits während der Eiszeit im Zuge der Vergletscherung als Findlinge in die Umgebung von Stonehenge gelangt. Die Erbauer hätten diese dann aus der näheren Umgebung zusammengetragen. Dies wiederum erschien jedoch schon deswegen zweifelhaft, weil klare Belege für die Existenz weiterer Blaustein-Findlinge völlig fehlten.
In den Preseli-Bergen in Südwales wird ein Steinbruch entdeckt
Wie neuere mineralogische Untersuchungen ergaben, stammen die in Stonehenge verwendeten Blausteine tatsächlich aus der Nähe des weithin sichtbaren Gipfels von Carnmenyn in den südwalisischen Preseli-Bergen. Dort fanden Archäologen in den vergangenen 20 Jahren nicht nur vorgeschichtliche Werkzeuge zum Brechen der Steine, sondern auch Hinweise darauf, dass einige der Blausteine von Stonehenge zuvor bereits in Wales einen Steinkreis gebildet haben könnten.
So entdeckte man zwischen 2010 und 2018 an dem als Waun Mawn („Torfmoor“) bekannten Ort in Südwales vier Blausteine und sechs Löcher für weitere Steine, die ursprünglich wohl zu einem Steinkreis aus der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. gehörten. Er bestand aus 30 bis 50 Steinen und hatte einen Durchmesser von 110 Metern. Schon 2009 waren Archäologen ungefähr 1,5 Kilometer südöstlich von Stonehenge in der Nähe des Flusses Avon auf einen bis dahin unbekannten kreisrunden Graben mit Gruben für 27 Steinsetzungen gestoßen.
Da dort auch Bruchstücke von Blausteinen gefunden wurden, hat man vermutet, dass die Blausteine von Stonehenge ursprünglich dort aufgestellt worden waren und sie erst nachträglich in den Steinkreis von Stonehenge versetzt wurden.
Über die Art und Weise, wie die Blausteine aus den Preseli-Bergen nach Stonehenge transportiert wurden, kann man nur Vermutungen anstellen. Die kürzeste Route von Carnmenyn zum Meer verläuft in nördlicher Richtung, doch wäre ein Transport der Steine um die Südwestspitze von Wales herum wohl mit einigen Gefahren verbunden gewesen.
Vielleicht hat man die Blausteine daher zunächst auf Schlitten oder mit Rollen zum Ufer des Flusses Cleddau gebracht und dort auf Flöße oder Boote verladen, mit denen man sie entlang der Küste bis zur Insel Caldey im Bristol-Kanal brachte. Für die weitere Reise sind mehrere alternative Routen denkbar, auf denen man schiffbare Flüsse ausnutzen und steile Abhänge sowie unwegsames Gelände weitgehend vermeiden konnte.
Im Unterschied zu den Blausteinen konnten die über 20 Tonnen schweren Sarsenblöcke nur auf dem Landweg transportiert werden. Vermutlich kannten die Bewohner der Region um Stonehenge zu jener Zeit bereits hölzerne Wagen mit Scheibenrädern, doch waren die Steine viel zu schwer für solche Transportmittel. Wahrscheinlich bewegte man die Steine daher mit Hilfe untergelegter Rollen, wobei man die Blöcke wohl nicht einfach auflegte, sondern sie zur besseren Manövrierfähigkeit auf große Schlitten packte. Diese Schlitten wurden dann von Menschen oder auch Tieren mit Seilen aus Leder oder Tierhaar gezogen.
Verschiedene Theorien zum Transport der Steine
Angesichts des gewaltigen Arbeitsaufwands steht zu vermuten, dass der Transport in der Winterzeit erfolgte, wenn landwirtschaftliche Aktivitäten weitgehend ruhten und der gefrorene Boden den Transport schwerer Lasten mit Hilfe eines Schlittens erleichterte.
Vermutlich hatte man die Sarsenblöcke schon an ihrem Herkunftsort grob zugehauen, um ihr Transportgewicht so gering wie möglich zu halten. Vor Ort wurden sie dann mit Steinwerkzeugen in die gewünschte Form gebracht und geglättet. Um die Tragsteine aufzustellen, hob man zunächst eine Grube aus, von deren beiden Längswänden die eine senkrecht und die andere schräg in Form einer Rampe verlief.
Den aufzurichtenden Sarsenstein konnte man dann auf Rollen mit dem unteren Ende voran auf diese Rampe schieben. Mit Hilfe von Hebeln aus Holzstangen und Seilen wurde der schrägliegende Stein langsam aufgerichtet, die Grube mit einer Steinpackung und einem Teil des Aushubs verfüllt und der Boden abschließend festgestampft. Vermutlich ließ man danach einige Zeit verstreichen, damit sich die Tragsteine vor dem Auflegen der Decksteine ausreichend setzen konnten.
Um die Decksteine aufzulegen, wurde möglicherweise eine Rampe aufgeschüttet, auf der man den Deckstein mit Hilfe von Seilen und Rollen bis zur gewünschten Höhe emporziehen konnte. Vielleicht verwendete man dafür aber auch ein hölzernes Gerüst, mit dessen Hilfe der betreffende Stein durch Anheben erst des einen und dann des anderen Endes langsam bis zur gewünschten Höhe an die Oberkante der Tragsteine gebracht wurde.
Um sicherzustellen, dass sich der Ring der Decksteine überall in gleicher Höhe über dem Boden erheben würde, wurden Tragsteine mit leicht unterschiedlicher Höhe mehr oder weniger tief in den Boden eingelassen. Wie man an einigen Stellen noch heute sehen kann, liegen die Decksteine auch nicht einfach nur auf den Tragsteinen auf, sondern sind, wie in der Holzbauweise üblich, durch Zapfen an den Tragsteinen und entsprechende Zapfenlöcher an den Decksteinen miteinander verbunden. Darüber hinaus greifen die Decksteine auch noch durch eine vertikale Spundung an ihren Schmalseiten ineinander.
Der Transport der Steine sowie die Errichtung des Steinkreises und der Steine in seinem Innern war zweifellos mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden, den man mit Hilfe der experimentellen Archäologie heute nur unvollkommen nachvollziehen kann. Da dieser Aufwand weit über das hinausging, was eine praktische Nutzung der Anlage gerechtfertigt hätte, erscheint die Frage unvermeidlich, mit welchen religiösen Vorstellungen ihre Errichtung verbunden war.
Hier ist zunächst davon auszugehen, dass religiöse Handlungen in der Vor- und Frühgeschichte einen ausgeprägten Gemeinschaftscharakter trugen. Religion war in vieler Hinsicht eine Sache nicht des Einzelnen, sondern der Gesellschaft insgesamt, denn sie diente nicht zuletzt der Demonstration und Stärkung der Gruppensolidarität.
Auch ging es in den Religionen der Vorgeschichte in der Regel nicht – wie etwa im Buddhismus oder im frühen Christentum – um die Erlösung im Sinn einer Überwindung dieser unvollkommenen Welt, sondern umgekehrt um eine Bestätigung der bestehenden Verhältnisse. Im Mittelpunkt des Kults stand die Sicherung der Lebensgrundlagen durch eine Stärkung der gesellschaftlichen und kosmischen Ordnung.
Wie man seit langem gesehen hat, bezeichnen der Scheitelpunkt und die Öffnung des Hufeisens aus fünf Trilithen im Innern des Steinkreises die axiale Ausrichtung der gesamten Anlage, die entweder nach Nordosten in Richtung des Sonnenaufgangs zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende oder aber nach Südwesten in Richtung des Sonnenuntergangs zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende hin orientiert war.
Es steht zu vermuten, dass diese Ausrichtung mit der zentralen Bedeutung zusammenhängt, die dem Kreislauf der Jahreszeiten mit seinem beständigen Wechsel von Aussaat und Ernte, Entstehen und Vergehen im Weltbild der vorgeschichtlichen Ackerbauern und Viehzüchter zukam. Denn wenn man auch zur Bemessung kleinerer Zeiteinheiten auf die Beobachtung des Mondes zurückgriff, so orientierte man sich zur Ermittlung des richtigen Zeitpunkts für die jeweils anstehenden landwirtschaftlichen Aktivitäten doch zweifellos am Sonnenlauf.
Mythologische Vorstellungen von einem Sonnengott oder einer Sonnengöttin sind aus der europäischen Vorgeschichte wegen des Fehlens schriftlicher Quellen zwar nicht unmittelbar bezeugt, aus dem Alten Ägypten, dem Zweistromland, Altkleinasien und dem frühen Indien aber gut bekannt.
Geht man davon aus, dass die axiale Ausrichtung hin zu den Sonnenwenden im Zusammenhang mit einem zyklischen Zeitverständnis und einer religiösen Symbolik des Werdens und Vergehens stand, erscheint eine Orientierung der Anlage am Sonnenuntergang zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende wohl am plausibelsten.
Beobachtung der Sonne am kürzesten Tag des Jahres
Vielleicht war Stonehenge der Schauplatz von Riten, bei denen die Beteiligten am kürzesten Tag des Jahres aus nordöstlicher Richtung kommend das Innere der Anlage betraten und das Versinken der Sonne am südwestlichen Horizont beobachteten. Durch religiöse Handlungen verliehen sie ihrer Überzeugung oder Hoffnung Ausdruck, dass nun die Zeit der fortschreitenden Dunkelheit vorüber sei und die Finsternis dem Licht und der Winter dem Frühling weichen würden.
Gleichwohl ist angesichts der komplexen Entstehungsgeschichte und jahrhundertelangen Nutzung der Anlage nicht davon auszugehen, dass Stonehenge aus einer einzigen Motivation heraus angelegt wurde oder einem einzigen festumrissenen Zweck diente. Tatsächlich sind die lange Nutzungsdauer, die ungewöhnlich weiten Transportwege der verwendeten Steine sowie die Nachahmung der Holzbauweise im Rahmen der uns bekannten jungsteinzeitlichen Denkmäler nicht nur untypisch, sondern absolut einmalig.
Vielleicht haben wir es hier also mit einem Zusammentreffen sehr außergewöhnlicher Umstände zu tun, das sich heute nur noch ansatzweise rekonstruieren lässt. Einige Hinweise auf die Komplexität der religiösen Vorstellungen, die einst mit Stonehenge verbunden waren, gewährt immerhin eine nähere Betrachtung der anderen vorgeschichtlichen Denkmäler in seiner Umgebung. Ergebnisse neuerer archäologischer Ausgrabungen und nicht zuletzt unsere bessere Kenntnis der Lebensweise am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit legen nahe, dass es hier eine Verbindung gibt (siehe Artikel Seite 28).
Autor: Prof. Dr. Bernhard Maier
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