Das Allerheiligste ist ein Tresorraum im zweiten Obergeschoss des Ausstellungstrakts, das uralte Pergament und Papier ist hier vor Tageslicht, Diebstahl oder Feuer geschützt. Tonnenschwer die Tür, besetzt mit einer Reihe klobiger Edelstahlbolzen, die am Abend die Kammer wieder verriegeln.
Hier werden Pergamentbände aus dem 11. Jahrhundert verwahrt, illuminierte Handschriften der Gotik und die weltweit ersten gedruckten Bibeln. Gutenberg hatte 180 Exemplare hergestellt, 49 sind heute noch vorhanden, zwei liegen in diesem Raum: ein Band des Neuen Testaments, erworben 1925, und eine komplette zweibändige Ausgabe, die 1978 in New York ersteigert wurde.
Es sind die Preziosen des nach Gutenberg benannten Mainzer „Weltmuseums der Druckkunst“, Herzstücke einer Sammlung von mittlerweile rund 500 000 Objekten, darunter allein 100 Druckpressen und -maschinen aus dem 18. bis 20. Jahrhundert und etwa 3000 Inkunabeln, „Wiegendrucke“, aus der Zeit vor 1500. Untergebracht ist die Dauerausstellung seit 60 Jahren in einem viergeschossigen quaderförmigen Bau hinter dem Haus „Zum Römischen Kaiser“. Das frühbarocke Palais von 1664 beherbergte Voltaire und Goethe, war Schauplatz zweier Konzerte des siebenjährigen Mozart. Heute dient es unter anderem als Verwaltungstrakt des Museums.
Entstanden ist es aus der Gutenberg-Begeisterung des Jahres 1900, als Mainzer Bürger den mutmaßlich 500. Geburtstag des Erfinders feierten. Im Juni 1901 wurde das Museum zunächst in zwei Räumen des Kurfürstlichen Schlosses eröffnet, zog 1912 in die damals neue Stadtbibliothek und 1927 ins Haus „Zum Römischen Kaiser“. Zur 2000-Jahr-Feier der Stadt 1962 wurde es nach Zerstörung und Wiederaufbau an diesem Standort neu eingeweiht. Ein weiterer Umzug steht bevor, diesmal in ein Provisorium. Der Ausstellungstrakt, der heutigen Anforderungen an Brandschutz und Energieeffizienz nicht mehr genügt, soll
bis 2026 einem Neubau weichen.
Wir wissen nicht viel Persönliches von Gutenberg. Was sich unserer Vorstellung eingeprägt hat, verdanken wir der Phantasie einer erinnerungsbedürftigen Nachwelt. Die ältesten fiktiven Porträts, die einen würdigen Herrn mit Bart und pelzbesetzter Kappe zeigen, finden sich in einem Baseler Druck von 1565 und einer französischen Darstellung von 1584, entstanden also ein gutes Jahrhundert nach dem Tod des Erfinders. Angehörige der Buchdruckerzunft feierten 1740 in mehreren deutschen Städten das 300-jährige Bestehen ihres Gewerbes.
Im frühen 19. Jahrhundert beflügelte die Erinnerung an Gutenberg auch das nach dem Sieg über Napoleon kräftig aufwallende Nationalbewusstsein. „Was sowohl Griechen als Römern verborgen blieb, hat das kunstfertige Talent eines Deutschen zustande gebracht“, verkündet in goldenen Lettern und lateinischen Distichen (zweizeilige Strophenform) eine Inschrift am Sockel des 1837 errichteten Mainzer Gutenberg-Standbildes.





