Sklaven- und Plantagenwirtschaft: Eine tickende Zeitbombe - wissenschaft.de | DAMALS
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Eine tickende Zeitbombe
Bereits kurz nach der Gründung der britischen Kolonie in Virginia kamen dort die ersten Sklaven an. Mit dem massiven Ausbau der Plantagenwirtschaft seit dem späten 18. Jahrhundert entwickelte sich die brutale Ausbeutung von Menschen zum Kern der Gesellschaft in den Südstaaten der jungen USA.
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von MICHAEL HOCHGESCHWENDER
Im späten August 1619, so berichtet es John Rolfe, der Chronist der britischen Kolonie Jamestown im heutigen Bundesstaat Virginia, landete ein englisches Kaperschiff namens „White Lion“ im noch recht kümmerlichen Hafen der 1605 gerade erst gegründeten Siedlung. Jamestown hatte zu diesem Zeitpunkt gleich mehrere verheerende Hungerkrisen und schwere Verluste durch allerlei Ausbrüche infektiöser Krankheiten nur dank der Hilfe der indigenen Stämme der Powhatan-Konföderation überstanden.
Rolfe hatte maßgeblich zum Überleben beigetragen, indem er Pocahontas, die Tochter des obersten Häuptlings, geheiratet hatte, was die durchaus militärisch aggressiven und expansionistischen Powhatan gegenüber den Siedlern versöhnlich stimmte. Pocahontas reiste sogar mit Rolfe nach England, wo sie eine Attraktion am Hof König Jakobs I. wurde. Allerdings erlag sie in England 1617 einer schweren Infektionskrankheit.
Auch wenn Jamestown das Gröbste wohl hinter sich hatte, war die Kolonie noch lange nicht über den Berg. Ihre Gründung war schlecht geplant gewesen. Insbesondere fehlte es an Bauern, Handwerkern und Frauen. Überdies war noch nicht ganz klar, auf welcher wirtschaftlichen Grundlage das Experiment überhaupt glücken sollte.
Vom Gold, das man zu finden hoffte, gab es keine Spur. Der Anbau von Zucker, der den englischen Karibikkolonien Jamaika, Bermudas und Bahamas reiche Gewinne bescherte, lohnte sich im kühleren Virginia nur bedingt. Auch mit dem Pelzhandel, die Stärke der Franzosen, die weiter nördlich, im heutigen Kanada, agierten, war das wirtschaftliche Überleben der Kolonie nicht wirklich zu sichern.
Tabakanbau bringt den wirtschaftlichen Durchbruch
Doch eine von den ansässigen Indigenen gehegte Pflanze, der Tabak, verhieß Profite, da sich das Rauchen, Inhalieren, Kauen und Schnupfen der nikotinhaltigen Pflanze mit hoher Geschwindigkeit über Europa ausbreitete. Hierin sahen die Kapitalgeber der Virginia Company, einer unter königlichem Privileg agierenden Handelsgesellschaft von merchant adventurers, einer Risikokapitalgesellschaft für den Fernhandel, neben dem Anbau von Reis und Indigo ihre Chance.
Nur an Arbeitskräften mangelte es. Zwar kannte die englische Rechtstradition in Form der indentured servants ein geeignetes Instrument, aber bislang reichte deren Zahl nur bedingt aus. Bei den indentured servants handelte es sich um Arbeiter und Arbeiterinnen, die sich nach offizieller Lesart freiwillig einem Dienstherrn in der Neuen Welt für fünf bis sieben Jahre als Leibeigene verpflichteten. Sie bekamen dafür die Überfahrt bezahlt und nach Beendigung ihrer Dienstpflicht das Recht auf eigenes Land in der jeweiligen Kolonie eingeräumt.
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Allerdings starb ein großer Teil dieser hörigen Leibeigenen vor dem Ende ihrer Dienstpflicht an Krankheiten, Erschöpfung oder Misshandlungen. Frauen, die während der Schwangerschaft nicht arbeiten konnten, mussten diesen Ausfall nacharbeiten, und die Kinder blieben bis zum Ende der Dienstzeit faktisch Eigentum des Dienstherrn.
Gerade in den karibischen Zuckerkolonien unterschied sich das Los dieser Leibeigenen oft nur unwesentlich von demjenigen der Sklaven. Zumal viele der Leibeigenen aus Sicht der englischen Plantagenbesitzer als sozial deklassiert galten – schließlich zählten dazu verurteilte Verbrecher, Prostituierte, Waliser, Schotten oder gar Iren. Letztere hielt man in England für minderwertige Wilde, auf deren Leben man keinerlei Rücksicht nehmen musste.
Gerade vor dem Hintergrund des Mangels an Arbeitskräften war die Landung der „White Lion“ für die Obrigkeiten von Jamestown von höchster Bedeutung. Der britische Kaperfahrer zählte zu den vielen englischen, holländischen oder französischen Schiffen, die praktisch als offiziell legitimierte Piraten in den bislang nur von Spaniern und Portugiesen befahrenen Gewässern unterwegs waren.
Dabei war es auch zweitrangig, dass die „White Lion“ diesmal unter holländischer Flagge fuhr. John Rolfe notierte, warum die Ankunft des Schiffs für die Kolonie so bedeutend war: Es waren mehr als 20 Sklaven aus Schwarzafrika an Bord. Allerdings war dies nur ein Bruchteil der rund 320 Schwarzafrikaner, die in Angola gezwungen worden waren, an Bord des portugiesischen Schiffs zu gehen. Die Hälfte war bereits während der Überfahrt gestorben, das Gros der Überlebenden hatten die Portugiesen nach Neuspanien im heutigen Mexiko verkauft.
Die englischen Kaperfahrer nahmen bei ihrem Überfall die verbliebenen Schwarzafrikaner an Bord. Da es ihnen an Platz und an Nahrungsmitteln mangelte, fuhren sie danach rasch Jamestown an, um die Sklaven gegen Proviant einzutauschen. Die Siedler sahen in den Schwarzafrikanern willkommene Arbeitskräfte.
Heute gilt der August 1619 oft als Beginn der schwarzafrikanischen Sklaverei auf dem nordamerikanischen Kontinent. Die „New York Times“ hat diesem Datum 2019 zum 400. Jahrestag sogar eine aufwendige erinnerungspolitische Initiative gewidmet. Mit „The 1619 Project“ will die Zeitung publizistisch auf die zentrale Bedeutung der Sklaverei für die Geschichte der USA aufmerksam machen.
Historisch betrachtet, ist diese Einschätzung jedoch gleich in mehrerlei Hinsicht wenn nicht falsch, so doch einseitig. Zum einen werden die schwarzen Sklaven ausgeblendet, die bereits 1536 dem spanischen Konquistadoren Lucas Vázquez de Ayllón dabei halfen, Florida zu erforschen. Zudem diente, die Halbinsel zu besiedeln, so viele Sklaven dabei, dass es zu einer Revolte kam und die Afrikaner zu den umliegenden Indianerstämmen flohen.
Überdies hatten die englischen Zuckerbarone auf den Bermudas einige Zeit zuvor gleichfalls afrikanische Sklaven importiert. Aus Sicht der 13 Gründerstaaten der USA aus dem Jahr 1776 lagen all diese Gebiete aber außerhalb der Vereinigten Staaten, weswegen sie bis heute nur zu gern ausgeblendet werden.
Die Sklaverei war nie wirklich verschwunden
Interessant ist die Frage, wie es beim Thema Sklaverei überhaupt zu der Situation, wie wir sie Anfang des 17. Jahrhunderts vorfinden, gekommen war. Die Vorstellung, der Aufstieg des Christentums seit der Spätantike und dessen ablehnende Haltung zur Sklaverei hätten dazu geführt, dass diese Praxis im mittelalterlichen Europa weitgehend verdrängt wurde, ist falsch. Zwar wurde die Sklaverei unter Christen um 1000 verboten, dennoch war auch in christlichen Staaten–besonders auf der italienischen Halbinsel– die Haussklaverei weiter gängig. Zur Fortführung des römischen Instituts der Sklaverei in großem Maßstab trug allerdings der Islam bei. So wurde etwa die Sklaverei in den arabischen Besitzungen auf der Iberischen Halbinsel wieder eingeführt.
Seit dem Hochmittelalter wurden Jahr um Jahr Hunderte christlicher Sklaven als Tribut nach Nordafrika verschifft. Muslimische Sklavenjäger machten das gesamte Mittelmeer und Ostafrika unsicher und raubten bis in das 19. Jahrhundert Europäer und Afrikaner, um sie auf den Sklavenmärkten in Algier, Tunis, Kairo oder Rabat zu verkaufen. Umgekehrt versklavten Spanier und Portugiesen mit Duldung des römischen Papstes kriegsgefangene Muslime.
Als sie im 15. Jahrhundert die Kanarischen Inseln erreichten, wurden die dort lebenden Guanchen, nun gegen den Widerstand Roms, ebenfalls versklavt. In der Folge trugen die katholischen Staaten der Iberischen Halbinsel ihren Kreuzzug gegen den Islam, die reconquista, nach Afrika, wo sie gleichfalls Jagd auf Sklaven machten. In England und Westeuropa dienten Iren oder Slawen als Sklaven, in Italien Griechen. Auch die oströmischen Byzantiner kannten durchaus die Sklaverei.
Sklaven galten wie in der Antike als Sachen, nicht als Personen, waren also weitgehend rechtlos. Allerdings gründete die Sklaverei bis ins 17. Jahrhundert hinein noch nicht auf dem Denken in Rassenkategorien. Zudem konnten Sklaven einen ganz unterschiedlichen Status in der Gesellschaft einnehmen. In den islamischen Gesellschaften etwa, wo man, wie in Byzanz, das Erbe der Antike in besonderem Maß pflegte, konnten versklavte Soldaten, wie die ägyptischen Mamelucken, sogar zu Herrschern aufsteigen.
Aber all diese mittelalterlichen Gesellschaften waren Gesellschaften mit Sklaven und keine Sklavenhaltergesellschaften, das heißt, ihre Wirtschaft gründete nicht auf der Sklaverei, sondern auf anderen, sehr differenzierten Formen von Unfreiheit beziehungsweise bedingter Freiheit.
Dies galt auch für Jamestown und die Kolonie Virginia, wo die Statuten der Virginia Company eigentlich keine Sklaverei vorsahen. Daher kann man annehmen, die eingehandelten Afrikaner seien erst einmal als indentured servants eingestuft worden. Für diese Auffassung spricht die Quellenlage, da einige dieser Schwarzen sowie weitere, die mit dem nächsten Kaperschiff, der „Treasurer“, an Land kamen, einige Jahre später als Freie und als Landbesitzer galten. Darüber hinaus sind reguläre, gesetzlich legitimierte Mischehen zwischen Engländern und Schwarzafrikanern in der frühen Virginia-Kolonie belegt, was wiederum gegen die Vorstellung spricht, 1619 habe dort die Rassensklaverei begonnen.
Erst 1705 setzte sich im Kolonialrecht endgültig die Vorstellung durch, die Afrikaner seien Sklaven, weil sie schwarz und minderwertig seien. Insofern entstand die nordamerikanische Rassensklaverei mit den Profiten, die auf den Plantagen im Süden des nordamerikanischen Festlands erwirtschaftet wurden.
Sie war ein Produkt des frühen, ethisch enthemmten Kapitalismus. Und ihr Rassismus war tiefer verwurzelt als in den spanischen und portugiesischen Kolonien, die, ebenso wie die Franzosen, im Lauf der Zeit ein höchst diffiziles und komplexes System abgestufter Zugehörigkeit zur weißen oder schwarzen „Rasse“ entwickelten. Je nach dem Anteil schwarzer und weißer Vorfahren konnten Mulatten, also Mischlinge, in der gesellschaftlichen Stufenleiter einige Sprossen emporsteigen, nie aber nach ganz oben an die Spitze der Pyramide.
Dieses römisch-rechtliche Kastensystem unterschied sich von der englischen Lesart, wonach lediglich ein Tropfen schwarzen Bluts angeblich ausreichte, um eine Person zum Schwarzen zu machen. Einzig bei Iren und im 19. Jahrhundert bei Juden und Slawen fragten sich die Amerikaner, ob deren weiße Hautfarbe wirklich die Zugehörigkeit zur weißen „Rasse“ konstituierte. Radikale Nativisten sprachen in diesem Fall gern abfällig von den white niggers.
Diese Willkür wird beim Blick auf die verschiedenen Formen, rassische Unterschiede zu begründen, noch deutlicher. Anfangs beriefen südstaatliche Sklavenhalter sich gern auf die Verfluchung Hams und der Hamiten durch Noah im Buch Genesis (9, 24), wobei die Hamiten als Ahnherren der Afrikaner galten. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden daneben säkular-naturwissenschaftliche Begründungsparadigmen aus dem Umfeld protodarwinistischer und später sozialdarwinistischer Evolutionstheorien benutzt.
Bedeutend war hier die These von der Polygenese, wonach faktisch zu verschiedenen Zeiten in der Urgeschichte unterschiedlich wertvolle Formen der Menschheit entstanden seien. Gleichzeitig war man sich unsicher, ob die rassischen Unterschiede essentialistisch, also in Gestalt unveränderbarer Rassencharakteristika, gedacht werden müssten oder im Sinn der Aufklärung als durch Erziehung veränderbare kulturelle Unterschiede.
In den späteren USA trat die aus dieser Konfusion allmählich entwickelte Vorstellung von der one drop rule als sozial restriktiver und exklusiver color line an die Stelle der im Mutterland so ungemein wichtigen Klassengrenze zwischen Arm und Reich oder zwischen Bürgertum und Adel.
Das Gleichheitsdenken der englischen Siedler in den nordamerikanischen Festlandskolonien und in den USA basierte mithin auf der fest etablierten Gewissheit, winzige Relikte „schwarzen Bluts“ würden Menschen von jeder politischen und sozialen Teilhabe ausschließen. Deswegen galt seit dem 18.Jahrhundert in den englischen Kolonien ein oft unausgesprochenes, aber dennoch überwiegend beachtetes Verbot der Mischehen mit Schwarzen, was die sexuelle Ausbeutung schwarzer Sklavinnen freilich keineswegs ausschloss.
Selbst wenn 1619 also rein rechtlich gesehen nicht die Sklaverei in Nordamerika eingeführt wurde, handelte es sich dennoch um ein zentral bedeutsames Datum, denn von nun an führte die Entwicklung zielgerichtet zur Entstehung der kapitalistischen Rassensklaverei, der chattel slavery. Bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein rivalisierte jedoch noch die auf Eigentum gegründete Ordnung des britischen Mutterlandes mit der später so genannten Herrenvolk democracy der Kolonialisten, bei der eine aus eigener Sicht rassisch überlegene Gruppe alle anderen beherrscht. Solange letzteres Konzept sich noch nicht durchgesetzt hatte, verfügte die durchaus vorhandene Gruppe freier Schwarzer sowohl über ökonomische Teilhaberechte als auch das Wahlrecht.
Erst in den 1810er Jahren wurde sämtlichen freien Schwarzen das Wahlrecht zugunsten der eigentumslosen weißen Unterschichten entzogen, was den Aufstieg der Demokratischen Partei gegen ihre nationalliberalen Widersacher, die Federalists und Whigs, zwischen 1810 und 1830 maßgeblich begünstigte.
Während in den nördlichen Kolonien, vor allem in New York und Pennsylvania, schwarze Sklaven zumeist als Haussklaven fungierten, nicht zuletzt bei Geschäftsleuten, die vom Sklavenhandel in erheblichem Ausmaß profitierten – New York etwa entwickelte sich zum häufig frequentierten Umschlagsplatz im Sklavenhandel –, herrschten im Süden die Plantagensklaverei, die Sklaverei in Kleinbauernbetrieben und die städtische Sklaverei mit schwarzen Hausdienern und Handwerkern vor.
Diese Unterschiede in der Gesellschaftsordnung von Norden und Westen einerseits und dem Süden andererseits bildeten sich bereits in der Kolonialzeit heraus und wurden dann in der Revolution und der frühen Republik bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1861 zur tickenden Zeitbombe für die junge Union.
All diese Entwicklungen waren nur möglich, weil die Sklavenwirtschaft unter den klimatischen Bedingungen des Südens produktiv und profitabel war. Dort wuchsen mit Reis, Zucker, Indigo, Tabak und seit dem 18. Jahrhundert der Baumwolle Produkte, die nicht nur auf dem imperialen Markt Großbritanniens reißenden Absatz fanden.
Im Gegensatz zu den nördlichen Kolonien, deren Wirtschaft lange auf kleinbäuerlichen Subsistenzbetrieben, Handwerk, Handel, Walfang und Schmuggel beruhte, waren die Sklavenhalter des Südens früh in den globalen Handel der Briten eingebunden, und sie blieben es bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1861. Seit 1720 konnten sie zunehmend mit den Zuckerkolonien in der Karibik konkurrieren. Um 1770 nahmen viele in den englischen Kolonien in Nordamerika an, sie würden innerhalb der kommenden Jahrzehnte selbst das Mutterland überholen.
Seit den 1790er Jahren lohnte sich dann der Anbau der hochprofitablen, in Europa sehr geschätzten Baumwolle dank der Erfindung der cotton gin, einer Maschine zum Entkernen von Baumwolle. Zusammen mit dem Baumwollanbau verlagerte die Sklaverei ihren Schwerpunkt nun vom oberen Süden (Virginia, Maryland, Kentucky, Tennessee, North Carolina) mehr und mehr in den tiefen Süden (Louisiana, South Carolina, Mississippi, Alabama und Arkansas).
In der Folge wurden die großen Plantagenbesitzer des Südens zu einer auch politisch mächtigen, wenn auch insgesamt sehr kleinen Gesellschaftsschicht, deren Mitglieder zu den reichsten Menschen der Welt zählten, obwohl das Gros ihres finanziellen Kapitals in Landbesitz und Sklaven gebunden war.
Millionen Menschen werden als Sklaven verschleppt
Die britische Handelsflotte sorgte dann seit dem 18. Jahrhundert, der Zeit der höchsten Ausdehnung des Sklavenhandels – ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung –, für beständigen Nachschub an Schwarzafrikanern. Den Briten war es im späten 17. Jahrhundert gelungen, die Spanier und Portugiesen, die bis dahin den Sklavenhandel beherrscht hatten, aus ihren zwischen Senegambien im Norden und Angola im Süden gelegenen etablierten Handelsnetzwerken mit afrikanischen Händlern und Herrschern zu vertreiben. Denn die eigentliche Sklavenjagd lag nicht in den Händen der Europäer, sondern in denen der afrikanischen Küstenstämme, die in Kriegen mit den im Hinterland gelegenen Stämmen Sklaven erbeuteten und diese gegen Geld, Waffen, Munition und andere Güter eintauschten.
Die transatlantische Passage wurde, finanziert von den aufgeklärten Eliten Europas, nunmehr vornehmlich von Engländern, Niederländern und Franzosen übernommen. Inwieweit die Kontrolle über die sogenannte middle passage und die Ausbeutung der Kolonien zum europäischen Wohlstand beitrugen und damit auch eine wirtschaftliche Grundlage für den technologischen Fortschritt seit dem 18. Jahrhundert (Industrialisierung) waren, wird bis heute höchst kontrovers diskutiert.
Aus humanitärer Sicht war der transatlantische Sklavenhandel eine Katastrophe. Schätzungsweise zehn bis 20 Prozent der vermutlich rund zwölf Millionen versklavten Afrikaner starben bereits auf der Überfahrt. Auch auf den Plantagen war die Sterberate aufgrund der harten Arbeit unter tropischen Klimabedingungen außerordentlich hoch. Doch aufgrund der hohen Profite bei den erzeugten Produkten lohnte sich das Geschäft dennoch.
Die nordamerikanische Sklaverei unterschied sich allerdings in vielerlei Hinsicht von der Sklaverei in den eigentlichen Zentren, der Karibik und Brasilien. Plantagenwirtschaft mit 100 und mehr Sklaven war in Nordamerika eher die Ausnahme, wenn man von den Küstenregionen in South Carolina und Louisiana einmal absieht. Louisiana war bis 1803 französisch und zählte wie South Carolina eher zur Karibik, deren Sozialstruktur in beiden Gebieten übernommen wurde. Mehr noch: In Louisiana galt bis weit in die 1850er Jahre die kontinentaleuropäische Kastenordnung mit einem speziellen gesellschaftlichen Status freier Schwarzer und Mulatten, die über eine eigene Miliz verfügten und teilweise selbst Sklavenhalter waren.
Schwarze Sklavenhalter fand man, allerdings als seltene Ausnahmen, auch in Virginia, oft Nachfahren der indentured servants von 1619 und den Jahren danach, und in South Carolina, wo relativ viele französische Plantagenbesitzer lebten.
Ansonsten herrschte in Nordamerika die Kleinsklaverei mit zwei bis acht Sklaven vor. Dies hatte auch kulturelle Folgen. Nur in den Großplantagen konnten, vor allem in den Nächten, schwarze Sklaven ihre eigenen kulturellen und religiösen Traditionen pflegen oder ihre eigenen Sprachen sprechen. Daher überlebten etwa westafrikanische Religionsformen wie Voodoo in Nordamerika nur in Louisiana und bei den afrikanischen Gullah in South Carolina als kulturelle Relikte. In der Karibik und in Brasilien dagegen nahmen sie – trotz katholisierender Einflüsse – eine dominante Rolle ein.
Insbesondere ein Aspekt aber war wichtig: Die Kleinsklaverei verhinderte Massenaufstände, wie sie in der Karibik und Brasilien an der Tagesordnung waren. Zwar gab es hin und wieder auch in Nordamerika Aufstandsversuche, man denke an Nat Turner (1831), Denmark Vesey (1822) oder den Aufstand an der sogenannten German Coast in Louisiana (1811). Auch in der Kolonialzeit hatte es mit der Stono Rebellion (1739) und dem Sklavenaufstand in New York (1712) bereits solche Versuche gegeben, die aber meist relativ rasch und gewaltsam unterdrückt werden.
Fast alle bedeutenden Erhebungen spielten sich in Regionen mit großen Gemeinschaften von Plantagensklaven ab. Mit den Massenaufständen in Brasilien, wo sogar eigene, unabhängige Gemeinschaften ehemaliger Sklaven oft für Jahrzehnte im Hinterland existieren konnten, oder dem erfolgreichen großen Sklavenaufstand auf Saint-Domingue in den 1790er Jahren, der zur Gründung Haitis führte, lassen sie sich nicht vergleichen.
Wegen der Angst, die der haitianische Aufstand im US-amerikanischen Süden ausgelöst hatte, wurde der Staat Haiti bis 1863 nicht völkerrechtlich anerkannt, und selbst das Wort Haiti durfte in den USA nicht ausgesprochen werden. In Brasilien wiederum existierten auf den riesigen Plantagen oft Gemeinschaften mit Kriegern eines Stammes, was in Nordamerika nicht vorkam. Dennoch gab es Widerstand und Widerständigkeit bei nordamerikanischen Sklaven, etwa in Gestalt von Brandstiftung, Vergiftung, Sabotage, Dienst nach Vorschrift, Flucht und der bei schwangeren Sklavinnen weitverbreiteten Abtreibung.
Misshandlungen der Sklaven bis hin zum Tod
Diese Widerständigkeit legitimierte in den Augen der Sklavenhalter wiederum die Anwendung von zum Teil komplett entgrenzter Gewalt. Mehrheitlich sahen sich die Sklavenhalter zwar als paternalistische Erzieher kindlich-rückständiger Menschen zweiter Klasse, die sie gern rhetorisch der eigenen Familie zuordneten, in Gestalt der family black and white. Viele verzichteten demnach auch auf die Anwendung der Peitsche, andere aber ließen sich selbst durch sozialen Druck nicht davon abbringen, Sklaven jeglichen Geschlechts und Alters auszupeitschen, in Ketten zu legen, mit Brandzeichen zu verstümmeln oder – trotz des damit verbundenen finanziellen Verlusts – sogar zu töten.
Wieder andere bemühten sich um ihre Sklaven, desinfizierten die Sklavenhütten, um Cholera, Typhus und weitere Krankheiten zu vermeiden. Evangelikale Plantagenbesitzer brachten ihnen sogar das Lesen und Schreiben bei, um durch die Bibellektüre die Seelen dieser Menschen zu retten. Das aber waren Ausnahmen. Insgesamt war allen zeitgenössischen Beobachtern klar, wie brutal und inhuman das Plantagenleben sein konnte. In einer Gesellschaft, in der Freiheit als Höchstwert galt, musste dies auf Dauer zu Opposition führen. Der Unmut regte sich gleichwohl nur bei einer winzigen Minderheit und nahm erst in den 1840er Jahren ein größeres Ausmaß an.
Vorerst blieb die Sklavenwirtschaft für die Ökonomie der 13 Festlandskolonien und der jungen USA unabdingbar. Eine Mehrheit der Bevölkerung profitierte direkt oder indirekt davon. Dennoch stand man vor dem Problem, wie sich das System aufrechterhalten ließ, obwohl nur ein winziger Bruchteil des transatlantischen Sklavenhandels mit Nordamerika abgewickelt wurde.
Während zwischen etwa 1600 und 1830 über eine Million Afrikaner allein nach Jamaika verschleppt wurden, weitere 1,8 Millionen in den Rest der Karibik und rund fünf Millionen ins heutige Brasilien, gelangten nur rund 360000 Sklaven nach Nordamerika, davon 27000 in den Norden. Dies hing mit der bis 1770 marginalen ökonomischen Bedeutung der britischen Festlandskolonien zusammen, die zudem nur über wenig Bargeld verfügten, da die Krone ihnen das Münzrecht vorenthielt. Auch nach der Unabhängigkeit blieben die USA ein an Finanzkapital armes Land, das rundum von britischen Geldgebern, besonders der 1762 in London gegründeten Barings Bank, abhängig blieb.
Aus diesem Grund vermieden es nordamerikanische Sklavenhalter in der Regel, ihre Sklaven sich zu Tode schuften zu lassen, denn obwohl Versicherungen dann bezahlten, fehlte es im Gegensatz zu Brasilien oder der Karibik an kostengünstigem Nachschub. Ganz im Gegenteil war man bemüht, die Sklaven dazu zu bringen, möglichst viel Nachwuchs zu zeugen – oder man vergewaltigte die Sklavinnen, um selbst für Nachwuchs zu sorgen.
Solche Maßnahmen wurden noch wichtiger, als im späten 18. Jahrhundert in Großbritannien der Abolitionismus, die Anti-Sklaverei-Bewegung, getragen von Quäkern, Evangelikalen und einigen aufgeklärten Philanthropen, politisch an Einfluss gewann. 1807 verboten die Briten dann endgültig den globalen Sklavenhandel. Die Royal Navy, die königliche Marine, brachte nun von ihren afrikanischen Stützpunkten aus spanische und portugiesische Sklaventransporte auf.
Die USA fügten sich dem britischen Druck und verboten ihrerseits 1808 den transatlantischen Sklavenhandel. Zu diesem Zeitpunkt waren die USA aber bereits, trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen und der hohen Abtreibungsquote unter den Sklavinnen, die weltweit einzige Sklavenhaltergesellschaft mit einer sich selbst reproduzierenden und sogar wachsenden Sklavenpopulation.
Dieser Schritt wurde in erster Linie möglich, weil man sorgsamer als zuvor mit der Arbeitskraft der Sklaven umging, gleichzeitig aber die Freilassung (Manumission) von Sklaven auf legalem Weg nahezu unmöglich machte. Auf diese Weise konnte die Sklaverei überleben. Aus 360000 importierten Sklaven wurden bis 1860 über vier Millionen, das heißt, die Zahl der Sklaven hatte sich – bei relativ wenigen Importen nach 1808 – aus sich heraus mehr als verzehnfacht.
Mit der Sklaverei war im Süden der USA nicht allein eine Wirtschafts-, sondern auch eine Gesellschaftsordnung und eine ganz eigenständige Kultur verknüpft. Die Sklavenhalter sahen sich selbst als aristokratische Klasse von Gentlemen, die wiederum mit besonders schönen und edlen Frauen, den southern belles, verheiratet waren. In diesem aristokratischen Selbstverständnis wurzelte zum einen der literarisch aufbereitete Mondschein-und-Magnolien-Mythos, wonach schöne Frauen und edle, tapfere Kavaliere auf großen, prachtvollen Plantagen, umgeben von loyalen, hingebungsvollen Sklavinnen und Sklaven einem Lebensstil huldigten, der sich dramatisch von der kapitalistischen Geldgier bürgerlicher Yankees im Norden unterschied.
Zu dieser aristokratischen Kultur zählte auch das Duell – der ritterliche Zweikampf – als Bewährungsprobe männlicher Tugend und Tapferkeit. Diese kulturellen Muster entnahm man gern den Ritterromanen von Sir Walter Scott, die sich im Süden größter Beliebtheit erfreuten. Man sah sich als Nachfahren keltischer, vornehmlich schottischer und irisch-schottischer Helden.
Zum anderen gründeten die Südstaaten-Aristokraten auf ihre Tugend, Tapferkeit und Ritterlichkeit ihren Anspruch, die amerikanische Republik dauerhaft politisch zu führen. Den Nordstaatlern unterstellte
man Gier, schnöde Bürgerlichkeit und Egalitarismus, sich selbst dagegen die Tugendhaftigkeit des über allen Parteien stehenden, aufgeklärten, vernunfthaften Gentleman, den die – sowieso oft aus dem Süden stammenden – Gründerväter bei der Grundlegung der Republik im Auge gehabt hätten.
Häufig wurde dabei auf die „Virginia-Dynastie“ verwiesen, denn es stammten bis 1824 mit Ausnahme von John Adams sämtliche Präsidenten der USA aus der Sklavenhalter-Elite Virginias. Und nicht zuletzt berief man sich auf die wichtige Rolle, die Virginia, neben Massachusetts und New York, in der Revolution und in der frühen Republik gespielt hätte.Diese Erzählung hatte einen großen Nachteil: Sie war in weiten Teilen schlicht falsch. Schon am aristokratischen Habitus mangelte es. Der Pflanzer-Elite fehlte es in einer hochmobilen Gesellschaft an Stabilität. Kaum einer Familie gelang es, sich über mehr als drei Generationen an der Spitze zu halten. Das amerikanische Duellwesen war außerdem demokratisch legitimiert und Bestandteil der Leistungsgesellschaft, es hatte rein gar nichts mit der adligen Duelltradition im protestantischen Europa zu tun.
Selbst über die Schönheit der Plantagenherrinnen ließ sich trefflich streiten, um vom vorgeblich Glück der Sklaven gar nicht erst zu reden. Am ehesten traf der Mythos noch auf die Großgrundbesitzer in Louisiana und South Carolina zu, die sich ja immer schon an den karibischen Zuckerkolonien ausgerichtet hatten.
Vor allem aber waren die südstaatlichen Plantagenbesitzer erheblich kapitalistischer als selbst die Fabrikbesitzer des Nordens, da sie ganz und gar, auf Gedeih und Verderb, mit dem imperialen Markt Großbritannien verbunden waren, weswegen sie über Jahrzehnte politisch massiv für Freihandel eintraten, während sich die Kapitalisten im Norden, um ihre eigenen Industrien vor billiger britischer Konkurrenz zu schützen, für hohe Schutzzölle einsetzten.
Schon früh gelang es den Sklavenhaltern, obwohl sie nur eine Minderheit der weißen Südstaatler darstellten, ihr kulturelles Narrativ in politische Macht umzusetzen. In den südlichen Kolonien hatten sie aufgrund ihrer wirtschaftlichen Potenz ohnehin das Sagen. Insofern war es besonders wichtig, dass sich diese Kolonien seit 1765 an den von Massachusetts ausgehenden Protesten gegen die Steuergesetzgebung des imperialen Parlaments in Westminster beteiligen.
Dennoch blieb der Süden lange eine Hochburg der monarchistischen Torys, die für Loyalität zu Großbritannien standen. Das änderte sich jedoch, als der britische Lord-Oberrichter, selbst ein Tory, 1772 die Einfuhr von Sklaven in das Mutterland verbot und 1774 der „Quebec Act“ sowohl eine katholische Hierarchie für Kanada etablierte als auch die Bodenspekulation in den Indianergebieten des Westens unterband. Letztere war etwa für George Washington und Thomas Jefferson ein attraktives Geschäftsfeld gewesen. Zahlreiche südstaatliche Großgrundbesitzer aus den Küstenregionen schlossen sich nun der Revolution an.
Demgegenüber blieb eine starke Minderheit der nicht-sklavenhaltenden Kleinbauern in den Mittelgebirgen monarchistisch. Dies galt ebenfalls für die Mehrheit der indigenen Stämme und der schwarzen Sklaven, die beide von der Revolution der kolonialen Oligarchen nichts zu erwarten hatten.
Großbritannien lockt mit „Freiheit für alle“
Im Herbst 1775 erklärte der königliche Gouverneur von Virginia, Lord Dunmore, die Sklaven aller revolutionären Großgrundbesitzer für frei, was ihm den bis heute währenden Hass der kolonialen Südstaatler eintrug. Die Reaktion der Revolutionäre, darunter etwa der Radikale Patrick Henry, die allesamt Dunmore den Tod wünschten und ihn regelrecht dämonisierten, lässt die Erklärung der Kolonialversammlung von Virginia vom Juli 1774, in der ein Boykott britischer Waren beschlossen und der britische Sklavenhandel verurteilt wurde, in einem etwas sonderbaren Licht erscheinen. Massen von Sklaven verließen daraufhin die Plantagen und schlossen sich in einer eigenen „äthiopischen Legion“ unter dem Wahlspruch „Freiheit für alle“ der Krone an.
Auch der Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee George Washington büßte auf diese Weise einige seiner Sklaven ein, die nach dem Ende des Revolutionskriegs von den Briten nach Kanada verschifft und seinem Einfluss entzogen wurden. Die Sklaven-Frage war demnach für das revolutionäre Engagement der südlichen Eliten durchaus ausschlaggebend.
Demgegenüber war im Norden ein gewisses Unbehagen gegenüber der peculiar institution, der „sonderbaren Einrichtung“, des Südens unverkennbar. 1778 etwa verbot New Hampshire die Sklaverei, andere nördliche Staaten folgten. Von einer generell sklavereifeindlichen Haltung kann man indes nicht sprechen, da im Norden nicht allein viele Händler von der Sklaverei enorm profitierten. Das allmähliche Verbot der Sklaverei verfestigte allerdings die Bedeutung der nach zwei Landvermessern benannten Mason-Dixon-Linie, die 1769 von der Krone als endgültige Grenze zwischen Virginia und Pennsylvania bestätigt worden war und nun schrittweise den Charakter einer symbolischen Kulturgrenze zwischen Sklavenstaaten und Freistaaten annahm.
Am Ende der amerikanischen Revolution gelang es den Südstaaten-Eliten zunächst, ihre Vormachtstellung in der neugegründeten Republik auch legal abzusichern. Die „Articles of Confederation“ von 1775 hatten den Einzelstaaten ein derartiges Maß an Souveränität belassen, dass die Sklaverei durch sie in keiner Weise bedroht werden konnte. In den 1780er Jahren wurde jedoch deutlich, wie wenig praktikabel diese Praxis war.
Zwischen 1787 und 1791 ging es darum, eine neue Verfassung auszuarbeiten, welche die USA von einer lockeren Konföderation in eine föderalistische Union überführen sollte. Offen blieb dabei, ob aus den USA dadurch ein nationaler Bundesstaat oder ein eher loser Staatenbund werden würde. Im Süden und Teilen des Westens sah man eine bundesstaatliche Zentralregierung als problematisch an.
Im Süden war für diese Position die Sklaven-Frage entscheidend. Im ebenfalls mit einer Zentralisierung der Macht fremdelnden Westen gab es dagegen viele Kritiker der Sklaverei, die sich vornehmlich vor dem unlauteren Wettbewerb zwischen kleinen Freibauern mit bezahlten Erntehelfern und Großgrundbesitzern mit unbezahlten Sklaven fürchteten. Die Sklavenhalter wiesen darauf hin, sie müssten ja auch für Kinder, arbeitsunfähige alte Sklaven und Kranke bezahlen, was in der freien Wirtschaft nicht nötig sei, aber das war aus Sicht der Kleinbauern kein überzeugendes Argument.
Letztlich aber gelang es den Sklavenhaltern, ihre Position durchzusetzen. Vor allem wurde ihnen zugestanden, drei Fünftel ihrer Sklaven als Wähler ohne Wahlrecht zu zählen, wobei nicht explizit von Sklaven, sondern verschämt von „Personen in einem befristeten Dienstverhältnis“ die Rede war, obwohl indentured servants seit Jahrzehnten in der amerikanischen Gesellschaft nicht mehr vorhanden waren. In der Folge war der Süden im Repräsentantenhaus deutlich überproportional vertreten. Da sich dort überdies ein faktisches Einparteiensystem herausbildete und in den Kongress-Ausschüssen der Vorsitzende durch Anciennität, also entsprechend der Länge der Mitgliedschaft im Parlament, bestimmt wurde, waren Südstaatler dort auch überproportional mächtig. Denn sie hatten in ihren Staaten kaum Opposition zu befürchten, wurden regelmäßig wiedergewählt und waren damit oft die dienstältesten Abgeordneten. Als Ausschussvorsitzende hatten sie dann zu entscheiden, über welche Anträge überhaupt diskutiert und abgestimmt werden durfte.
In einer weiteren Passage verbot die Verfassung in erneut höchst verklausulierten Worten die Aufnahme geflohener Sklaven, was allerdings in der politischen Realität der USA meist unbeachtet blieb. Im Gegenzug gestand der Süden das ohnehin angesichts britischen Drucks unvermeidbare Verbot des transatlantischen Sklavenhandels zu.
Sklaven werden für frei erklärt: Die Bewegung des Abolitionismus nimmt Fahrt auf
Die bald erkennbar werdende Machtstellung der Sklavenstaaten im politischen Gefüge der Union sorgte indes in wachsendem Maß für Unruhe. Die Opposition gegen die Sklaverei nahm gegen Ende des 18. Jahrhunderts von einem gewissen moralischen Unbehagen ihren Ausgang, Menschen, selbst dann, wenn man sie für rassisch minderwertig hielt, in dauerhafter Unfreiheit zu halten. Die Freiheitsrhetorik der Revolution verfehlte selbst bei Sklavenhaltern mitnichten ihre Wirkung.
Seinen Ausgang hatte der Abolitionismus (englisch abolition = Abschaffung) in Großbritannien genommen. Es handelte sich nämlich um eine transatlantische Bewegung, deren zentrale Akteure erst einmal die Quäker, eine radikale, pazifistische christliche Minderheit, waren. Zu ihnen gesellten sich freie Schwarze, vor allem Journalisten und Pastoren der schwarzen Methodisten- und Baptistengemeinschaften. Sie alle waren anfangs Gradualisten, befürworteten also eine lediglich schrittweise erfolgende Emanzipation der Sklaven und plädierten mehrheitlich dafür, die Eigentümer zu entschädigen.
Einige wollten die befreiten Sklaven nach Afrika zurückschicken, womit sie dem britischen Beispiel in Sierra Leone folgten. Die American Colonization Society, der viele Sklavenhalter angehörten, erwarb zu diesem Zweck Land im heutigen Liberia. Erst in den 1820er Jahren radikalisierte sich der Abolitionismus in die immediatistische Richtung, die für eine sofortige und entschädigungslose Emanzipation eintrat. Federführend waren dabei evangelikale Christen, die in der Sklaverei eine Sünde wider den Willen Gottes sahen, und liberale Philanthropen sowie radikale demokratische Freigeister.
Auch wenn selbst viele Immediatisten durchaus rassistisch gesinnt waren und den freien Schwarzen keine politische Mitbestimmung in den USA einzuräumen bereit waren, so sorgte allein ihr Auftreten für eine tiefe Spaltung der Gesellschaft. Schätzungsweise sympathisierten in den 1820er Jahren rund zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung, vor allem im Norden, mit dem Abolitionismus, womit sie, nach der evangelikalen Bewegung der Sabbat-Observanz zur Sonntagsheiligung, die größte gesellschaftliche Aktivistengruppe darstellten. Allein schon ihr Aktivismus beförderte die sektionalen Konflikte zwischen Nord und Süd. Großbritannien verbot die Sklaverei in allen Teilen des Empires 1834. In den Vereinigten Staaten sollte dazu ein Bürgerkrieg nötig sein.
Autor: Prof. Dr. Michael Hochgeschwender
geb. 1961, ist Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
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