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Ertüchtigung für die Freiheit
Nachdem Napoleon Bonaparte die deutschen Länder unterworfen hatte, gewann unter den Besiegten die Idee einer deutschen Nation schnell an Popularität. Auch ein Hilfslehrer namens Friedrich Ludwig Jahn (1778 –1852) war davon begeistert. In Berlin rief er 1811 die Turnerbewegung ins Leben, die den Sport mit der nationalen Ideologie verband und bald großen Einfluss entwickelte.
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Am 13. Juli 1819 wurde der 41-jährige Friedrich Ludwig Jahn in Berlin verhaftet. Der als „Turnvater“ bekannte Jahn, den die preußische Regierung wenige Jahre zuvor durchaus geschätzt hatte, wurde der Anstiftung zum Mord beschuldigt. Am Tag nach der Verhaftung stand in der „Berliner Zeitung“, Jahn habe sich als „Demagoge“ betätigt und die Jugend zum Widerstand gegen den Staat aufgefordert. Bei seinen Reden habe er auch „Meuchelmorde“ gerechtfertigt und die Zuhörer ermuntert, einen Dolch bei sich zu tragen. Eine Woche später wurde Jahn
in Ketten auf die Festung Küstrin gebracht – angeklagt, in hochverräterischer Absicht eine geheime Vereinigung gegründet zu haben.
Zusammenstöße mit Autoritäten waren Jahn nicht fremd. Seine ganze Studienzeit war von Konflikten geprägt gewesen. Neunmal hatte er nach Auseinandersetzungen mit Studenten und Professoren die Universität gewechselt, ohne am Ende irgendeinen Abschluss vorweisen zu können. In Greifswald, der letzten Station seiner studentischen Laufbahn, lernte er 1802 Ernst Moritz Arndt (1769–1860) kennen, der zu dieser Zeit Privatdozent war. Dessen Vorlesungen zur Geschichte von 1500 bis 1800 und zur deutschen Literatur begeisterten Jahn für die Idee einer geeinten deutschen Nation.
Den Nationalstaat befördern: Ein verkrachter Student findet seine neue Mission
Nachdem Jahn sein Studium zunächst nach 13 Semestern abgebrochen hatte, betätigte er sich eine Weile als Hauslehrer. Offenbar beschäftigte er sich schon zu dieser Zeit mit pädagogischen Schriften, die sich für die Rückkehr des Sportunterrichts in die Schule einsetzten, denn er ließ seine Schüler schwimmen, laufen, kämpfen und springen – ganz so, wie er es später auf der großen politischen Bühne propagieren würde. Sicherlich wurde Jahn vom Konzept der „philanthropischen Gymnastik“ beeinflusst, entwickelt von Pädagogen um Johann Bernhard Basedow (1724 –1790) und Christian Gotthilf Salzmann (1744 –1811). In ihren Schriften war der Sportunterricht nicht einfach eine Anleitung zur Ertüchtigung, sondern Teil der bürgerlichen Charakterbildung. Es wurde nicht geritten, sondern gelaufen und getragen – ein Gegenentwurf zur Lebenswelt des Adels.
Noch einmal versuchte Jahn, seine akademische Karriere fortzusetzen. Er immatrikulierte sich in Göttingen und veröffentlichte einen Kommentar zu zeitgenössischen deutschen Wörterbüchern. Doch Vorlesungen belegte er nicht. Die Politik hatte für ihn alle anderen Themen in den Hintergrund gedrängt. Wieder einmal wurde er einer Universität verwiesen. Dennoch hätte er seine akademischen Ambitionen wohl aufrechterhalten, wäre nicht der Vierte Koalitionskrieg (1806/07) ausgebrochen.
Als die preußischen Truppen der Armee Napoleons entgegenzogen, reiste ihnen Jahn hinterher. Als Zuschauer war er dabei, als Preußen in der Schlacht bei Jena und Auerstedt (14. Oktober 1806) vernichtend geschlagen wurde. Tief erschüttert verließ Jahn den Ort der Niederlage. Die Idee eines deutschen Nationalstaates, die ihn schon zuvor überzeugt hatte, wurde nun treibende Kraft seines Handelns. Er begann mit der Arbeit an seiner wichtigsten Schrift: „Deutsches Volkstum“.
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Was steckte dahinter? Jahn hatte beschlossen, aktiv den Zusammenschluss der deutschen Staaten zu befördern. Sein Buch, so hoffte er, würde dieser Sache dienen. Und das hoffte nicht nur er: „Deutsches Volkstum“ entstand unter der Schirmherrschaft des ehemaligen preußischen Ministers Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein (1757–1831). Damit war Jahn einer von mehreren Gleichgesinnten, die der Freiherr nutzte, um Unterstützung für seine Reformentwürfe aufzubauen.
Bald treiben Hunderte Männer in der Hasenheide Sport und pflegen zugleich das „Volkstum“
Was Jahn unter „Volkstum“ verstand, war der gemeinsame Charakter eines Volkes, den dieses durch klimatische und geographische Bedingungen, seine Geschichte und seine Sprache erworben habe. Dieses „Volkstum“ gelte es zu fördern und zu schützen. Schädlich sei daher jede Vermischung mit anderen Völkern. Ganz besonders dachte Jahn dabei an Frankreich, auf das er seinen ganzen Hass richtete.
Mit Frankreich als Feindbild stand Jahn nicht allein da. Besonders in Berlin hatte sich Wut aufgestaut. Preußen war nach seiner Niederlage annähernd halbiert worden. Aus einer aufstrebenden Macht war eine unbedeutende Erscheinung am Rand des napoleonischen Reichs geworden. Und so bildeten sich innerhalb weniger Jahre zahlreiche geheime Vereinigungen, in denen die preußische Elite ihre nationalen Ideen entwickelte.
Im Jahr 1810 kam Jahn nach Berlin, wo er als Hilfslehrer an mehreren Schulen arbeitete und dabei in Kontakt mit den national gesinnten Geheimgesellschaften kam, zu denen auch viele Lehrer gehörten. Jahn gründete bald ebenfalls eine geheime Vereinigung – ebenjene, die neun Jahr später von der Polizei als „hochverräterisch“ bezeichnet werden sollte. Sie blieb ohne großen Einfluss.
Ganz anders stand es um seine Turnervereinigung, die er zur selben Zeit aufbaute. Regelmäßig zog er mit seinen Schülern in die Hasenheide südlich der Berliner Stadtmauern und ließ sie dort Sport treiben. Aktivitäten dieser Art waren zwar längst üblich an Jahns Schule, richteten sich nun jedoch ausdrücklich auch an Interessierte aus der ganzen Stadt.
Natürlich ging es Jahn um mehr als nur Sport. Er hielt die Turner dazu an, maßvoll zu essen und zu trinken. Standesgrenzen sollten ignoriert werden. Turner duzten einander. Jahn wollte die Turner im Sinn seines „Volkstums“ erziehen. Schon nach einem Jahr kamen um die 300 Teilnehmer regelmäßig in die Hasenheide. Mehr und mehr stießen hinzu. Die Berliner Presse berichtete über das neue Phänomen, und schon bald gab es auch eine wachsende Menge von Zuschauern, welche die Turnübungen verfolgten.
Dann, im Juni 1812, zog Napoleons Grande Armée nach Russland. Der Feldzug endete in einem Desaster. In den besetzten Gebieten wuchs die Hoffnung auf ein baldiges Ende der französischen Herrschaft – so auch in Berlin. Jahn warb bei der preußischen Regierung für die Aufstellung eines Freikorps aus begeisterten Freiwilligen. Als Preußen sich dann offiziell von Frankreich lossagte, zogen Jahn und viele andere Turner nach Breslau, wo ein solches Freikorps ins Leben gerufen wurde.
Kampf gegen Napoleon: Jahn und seine Jünger ziehen ins Feld
Jahn selbst wurde das Kommando über ein Bataillon übertragen – eine Funktion, die er nutzte, um die Idee seines „Volkstums“ unter den Kämpfern zu verbreiten. So zog das Freikorps in den Befreiungskrieg, der mit der „Völkerschlacht bei Leipzig“ (16. bis 19. Oktober 1813) entschieden wurde. An dieser nahm das Freikorps allerdings nicht teil. Als Napoleon bei Leipzig besiegt wurde, waren die Freiwilligen gerade dabei, Bremen einzunehmen.
Für Jahn bot der Krieg die Möglichkeit, sich der preußischen Regierung als Berater anzudienen. In dieser Funktion begleitete er Karl August Fürst von Hardenberg (1750 –1822) zum Wiener Kongress. Dort fiel er vor allem durch seine ungehobelte Art auf. Er war laut und wirkte ungepflegt. Das Haar trug er lang, und seine Kleidung war altdeutsch – so wie er sich die Mode ausmalte, die in einem Deutschland getragen werden würde, welches den Idealen seines „Volkstums“ entsprach.
Doch sein Betragen schadete ihm zu dieser Zeit keineswegs. Zurück in Berlin, konnte er sich von Anfang an auf die Unterstützung der Regierung verlassen. Sein Sportplatz wurde ausgebaut, und Woche um Woche erschienen mehr Turner vor den Toren Berlins. Die Tatsache, dass Jahn und zahlreiche seiner Anhänger als Freiwillige in den Krieg gezogen waren, tat ihr Übriges. Die Turnerbewegung hatte den Sprung zur einflussreichen politischen Vereinigung geschafft. Seit 1815 breitete sie sich, von der Hasenheide ausgehend, im ganzen Land aus.
Das bedeutete allerdings auch, dass sie kein Werkzeug der preußischen Regierung bleiben konnte. Solange französische Truppen in Berlin stationiert gewesen waren, hatte es einen gemeinsamen Feind gegeben, auf den sich alle Anstrengungen konzentrierten. Doch nun war Napoleon fort. Preußen war zufriedengestellt und hatte keine Verwendung für nationale Utopien. Wie die Burschenschaften wurden die Turnervereinigungen deshalb zu einem Sammelbecken für all jene, die ein vereintes Deutschland anstrebten.
Der Quertreiber wird für Preußen zum Problem
Bis 1817 setzte sich Jahns Aufstieg fort. Von der Regierung zum „Turninspektor“ ernannt, konnte er seinem Programm zu einer weiten Verbreitung verhelfen. Doch allmählich sorgten seine öffentlichen Äußerungen für Stirnrunzeln. Was er sagte und forderte, war keineswegs neu. Aber was vor und im Verlauf der Befreiungskriege ganz im Sinn der preußischen Regierung gewesen war, hörte sich nun verdächtig nach Opposition an.
Mit dem 1815 gegründeten Deutschen Bund konnte Jahn wenig anfangen. Er hielt Vorträge, in denen er unter anderem forderte, dass Preußen eine Verfassung bekommen solle. Auch seine Tiraden gegen Frankreich setzte er fort. Dabei war in Paris die Restauration in vollem Gang. Frankreich sollte schrittweise wieder in das System der europäischen Monarchien eingeführt werden – „Volkstum“ hin oder her.
Die preußische Regierung war zwar weiterhin davon überzeugt, dass das Turnen Teil der staatlichen Erziehung bleiben sollte, um Disziplin und Kampftauglichkeit der Bürger zu gewährleisten, doch die politische Dimension, für die Jahn und seine Anhänger standen, sorgte zunehmend für Ablehnung. Die Verzahnung von Turnvereinigungen mit republikanischen Burschenschaften tat ihr Übriges.
Es war Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich (1773 –1859) – der seit dem Wiener Kongress für die Restauration stand wie kein anderer –, welcher dafür sorgte, dass die Turnerveranstaltungen auf der Hasenheide verboten wurden. In den Augen der Monarchisten um Metternich war der Sieg über Frankreich nur der erste Schritt. In einem zweiten Schritt sollten alle liberalen Bewegungen in ihre Schranken gewiesen werden. Figuren wie Jahn waren hilfreich gewesen, solange man sich in der Defensive befunden hatte. Nun waren sie im Weg.
Als am 23. März 1819 der Dramatiker und russische Generalkonsul August von Kotzebue in Mannheim erstochen wurde, hatten die Monarchisten einen hinreichenden Vorwand gefunden, gegen jedwede Opposition vorzugehen. Kotzebue war von einem Burschenschafter ermordet worden. Man konnte nun also davon ausgehen, dass aufgepeitschte Aktivisten auch vor bewaffneten Aktionen gegen den Staat nicht zurückschrecken würden. Die sogenannte Demagogenverfolgung wurde eingeleitet – und der „Turnvater“ kam in Haft.
Jahn, so ließ die Polizei verlauten, habe seine Anhänger zur Gewalt angestiftet. Das gehe aus den Notizen eines Studenten hervor. Sofort wandte sich Jahns Frau Helene an das Kammergericht in Berlin. Und tatsächlich schrieb das Gericht an den Justizminister, der Fall Jahn müsse so schnell wie möglich verhandelt werden. Eine Gefangenschaft ohne Gerichtsverfahren komme nicht in Frage. Doch die Regierung blieb hart. In der Überzeugung, der Staat müsse sich gegen politische Aufwiegler verteidigen, wurden die Einwände des Kammergerichts als Spitzfindigkeiten abgetan.
Inhaftiert, drangsaliert, verbannt – und erst 1840 rehabilitiert
Jahn wehrte sich. Er verklagte Polizeidirektor Karl Albert von Kamptz wegen des Artikels, den die Polizei nach der Verhaftung in der „Berliner Zeitung“ lanciert hatte. Nichts war bewiesen. Folglich, so Jahn, sei der Artikel verleumderisch. Normalerweise wäre Jahns Klage wohl abgeschmettert worden, doch zur Empörung der Polizei wurde wirklich ein Verfahren eingeleitet. Der zuständige Richter, der es wagte, der Polizei und der preußischen Regierung die Stirn zu bieten, war kein Geringerer als E. T. A. Hoffmann (1776 –1822), der schon zu Lebzeiten berühmte Jurist und Schriftsteller. Er hatte wenig Sympathie für Jahn und seinesgleichen. Aber Gesetz war Gesetz – und wenn die Polizei es brach, musste sie zur Rechenschaft gezogen werden, meinte Hoffmann.
Die Regierung forderte das Kammergericht auf, Jahns Klage abzuweisen. Doch Hoffmann und seine Kollegen fügten sich nicht. Erst als der König selbst eingriff, mussten sie nachgeben. Zu diesem Zeitpunkt war die Kommission, die im September 1819 auf den Protest des Gerichts hin gebildet worden war, zu einem Ergebnis gelangt. Auch hier war Hoffmann federführend. Er schrieb, die Anschuldigungen, welche die Polizei gegen Jahn vorgebracht habe, seien haltlos, Jahns Haft sei daher nicht zu rechtfertigen.
Beendet war Jahns Gefangenschaft damit aber nicht. Er wurde in die Festung Kolberg verlegt. Dort konnte er zwar mit seiner Familie zusammenleben, doch frei bewegen durfte er sich nicht – von einer Rückkehr nach Berlin und einer Wiederaufnahme seiner Tätigkeit ganz zu schweigen.
Erst im Jahr 1825, sechs Jahre nach seiner Verhaftung, wurde Jahn freigesprochen. Hoffmanns Einschätzung des Falls wurde recht gegeben. Jahn konnte die Festung verlassen. Doch noch immer war er kein gänzlich freier Mann. Es war ihm verboten, nach Berlin zurückzukehren. Universitätsstädte waren ihm ebenfalls verboten – so wie jedweder Kontakt zu Studenten und Gymnasiasten. Er ließ sich deshalb mit seiner Familie in Freyburg an der Unstrut nieder, wo ihm politischer Aktivismus unmöglich war.
Erst im Jahr 1840 wurde Jahn rehabilitiert. Nun konnte er wieder zu Turnerfesten reisen und sich Gehör verschaffen. Doch obwohl er als „Turnvater“ noch immer großen Respekt unter den Turnern genoss, kam ihm keine Führungsrolle mehr zu. Die Bewegung hatte sich in verschiedene Strömungen geteilt – und gerade zwischen demokratisch gesinnten Turnern und Jahn gab es kaum noch Berührungspunkte.
1848: Die Demokratisierung ist nicht Jahns Sache
Im Jahr 1848 erschien Jahn ein letztes Mal auf der großen politischen Bühne. Überall in den deutschen Staaten war es zu Unruhen gekommen. Die Regierungen hatten sich gezwungen gesehen, Wahlen abzuhalten. Als die neue Nationalversammlung am 18. Mai 1848 in der Paulskirche in Frankfurt zusammenkam, war Jahn einer der Abgeordneten. Doch sein Auftritt verhalf ihm nicht zu erneutem Ruhm. Die deutsche Nation, über die man in Frankfurt debattierte, hatte wenig mit jenem Deutschland zu tun, das Jahn sich in seinem „Volkstum“ erträumt hatte. Er wollte ein Kaiserreich mit einer Hauptstadt Teutonia, nicht eine Demokratie in Frankfurt.
Wegen seines Plädoyers für eine erbliche Kaiserherrschaft wurde er angegangen und verspottet. Turner, die schon Jahre zuvor auf Distanz zu Jahn gegangen waren, versagten ihm nun ausdrücklich die Gefolgschaft. Jahn wiederum verurteilte die Demokratisierung der Turnerbewegung. Der Turnvater und seine Schöpfung hatten einander nichts mehr zu sagen.
Jahn starb im Jahr 1852. Die Reichsgründung, zu der es 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg kam, hätte sicherlich eher seine Zustimmung gefunden als das, was 1848 in Frankfurt vor sich gegangen war. Er hatte die Idee eines deutschen Kaiserreichs stets befördert – gemeinsam mit vielen anderen, darunter Ernst Moritz Arndt, Jakob Fries und Friedrich Rühs. Ihnen allen gemeinsam waren liberale, anti-feudale Ideen und der Hass auf alles Französische oder überhaupt auf alles, was sie als „Ausländerei“ bezeichneten. Jahn glaubte, dass sich das „Volkstum“, von dem er schrieb, am besten in erbitterter Abgrenzung nach außen erhalten und pflegen ließ: „Haß alles Fremden ist des Deutschen Pflicht“. „Völkervermischung“ sei dagegen der Tod des „Volkstums“. Vereinzelte anti-jüdische Aussagen zeigen außerdem, dass er die Juden zur Gruppe jener „Fremden“ zählte, von denen sich ein Deutschland, wie er es sich vorstellte, abgrenzen müsse. Er sah die Juden als Nutznießer der napoleonischen Herrschaft. Seine Turner rief er zum Vorgehen gegen „Franzosen, Junker, Pfaffen und Juden“ auf.
Diese Äußerungen sorgten dafür, dass Jahn ein düsteres Nachleben bevorstand. Während man ihn bis in die 1860er Jahre als Vorkämpfer der deutschen Einheit verehrt hatte, entwickelte sich nach der Reichsgründung eine kriegerische und zutiefst nationalistische Jahn-Verehrung. In den 1920er Jahren kehrte dann auch die Sportbegeisterung nach Deutschland zurück. In der Folge lebten all jene Vereinigungen wieder auf, die Politik als Sport betrieben. In diesen Kreisen wurde Jahn nicht nur als der Vater des Turnens, sondern auch als Vater des Nationalismus gefeiert. Unter all den Vertretern des Frühnationalismus war es Jahn, der zur Symbolfigur wurde, weil er das Turnen als politischen Sport erschaffen hatte. Die Kombination aus Sport und Ideologie hatte im besetzten Berlin der 1810er Jahre funktioniert – und sie funktionierte über 100 Jahre danach noch immer.
Autor: David Neuhäuser
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