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Expansion als Stresstest
Mit dem Namen Servius Sulpicius Galba verknüpft sich eines der grausamsten Kriegsverbrechen der römischen Geschichte. 151 v. Chr. bekleidete der Spross eines patrizischen Adelsgeschlechts die Prätur und erhielt das Oberkommando in der Provinz Hispania Citerior. Der Westen der Iberischen Halbinsel war seit rund 50 Jahren Kriegsgebiet. Nur höchst widerwillig fügten sich die Stämme dem Herrschaftsanspruch Roms. Immer wieder erschütterten Aufstände das Land, die nur mühsam und unter großen Verlusten niedergerungen werden konnten.
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Einer der vielen Fehlschläge, die Iberiens Weg ins römische Imperium säumten, war der Feldzug, mit dem Galba einen verbündeten Stamm gegen die rebellierenden Lusitanier im heutigen Portugal unterstützen wollte. Der Ehrgeiz des Oberkommandierenden, der nach einem ersten, siegreichen Gefecht mit seinem erschöpften Heer dem zahlenmäßig überlegenen Gegner nachsetzte, kostete 7000 römische Legionäre das Leben.
Der Niederlage zum Trotz behielt Galba auch im kommenden Jahr als Proprätor sein Kommando. Als er abermals mit einem Heer gegen die Lusitanier marschierte, schickte der Stamm Gesandte, die sich dafür entschuldigten, dass man vertragsbrüchig geworden war. Künftig wolle man die Konditionen einhalten. Galba ging zum Schein darauf ein und stimmte einem Waffenstillstand zu. Er ordnete an, die Stammeskrieger sollten ihre Waffen ablegen und sich mitsamt ihren Frauen und Kindern an drei vorher festgelegten Orten versammeln. Dort werde er ihnen mitteilen, wo sie sich ansiedeln könnten. Er versprach ihnen fruchtbares Land.
Die arglosen Lusitanier folgten dem Befehl des Proprätors. Als die Familien sich an den Sammelplätzen einfanden, befahl Galba, die wehrlosen Krieger zu töten und ihre Frauen und Kinder gefangen zu nehmen. Er ließ die Unglücklichen als Sklaven nach Gallien verkaufen und strich selbst den größten Teil des Erlöses ein.
Das Massaker hatte ein doppeltes Nachspiel. In Iberien erschütterte wenig später ein großer Aufstand die römische Herrschaft, dessen Anführer ein Lusitanier namens Viriathus war. Er gehörte zu den Wenigen, die dem Massenmord entkommen waren. Entsprechend tief saß der Hass, den er auf die Eroberer hegte. Er zahlte es den Römern mit gleicher Münze heim und vernichtete mehrfach ganze Heere, bevor er von Mörderhand starb.
In der Provinz kann man leicht zum Heldwerden – oder seine Karriere riskieren
In Rom wurde Galba wegen des Massakers der Prozess gemacht. Eine Gruppe von Senatoren um den hochbetagten Cato forderte, die versklavten Iberer auf Staatskosten auszulösen und Galba als den Verantwortlichen zu bestrafen. Ausgerechnet der brutale Ex-Prätor appellierte nun an das Mitgefühl seiner Landsleute, denen er seine kleinen Söhne vorführte: Im Fall einer Verurteilung stünden die Armen ohne Vater da. Die Strategie ging auf, Galba verließ das Gericht als freier Mann. Obwohl bei dem Freispruch wohl auch Bestechungsgelder im Spiel waren, brachte Galba es 144 v. Chr. noch zum höchsten Staatsamt, dem Konsulat.
In der Episode aus dem Jahr 150 v. Chr. bündeln sich brennglasartig die Probleme der Expansion Roms im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. Vier Jahre nach dem Massaker, 146 v. Chr., eroberte und zerstörte Scipio Aemilianus Karthago, jene Stadt in Nordafrika, die jahrhundertelang Zentrum eines maritimen Imperiums gewesen war, mit dem Rom 264 v. Chr. über Sizilien aneinandergeraten war.
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Bis 241 v. Chr. wütete der Erste Punische Krieg, und er endete mit Karthagos Niederlage, von der sich die Stadt jedoch alsbald wieder erholte. Im zweiten Anlauf, von 218 bis 201 v. Chr., kämpften beide Mächte zeitweise um die nackte Existenz. Abermals unterlag die nordafrikanische Stadt, und diesmal war es mit ihrer Herrlichkeit vorbei. Karthago wurde geschont, verlor aber alle Besitzungen außer seinem direkten Umland.
Die Römer waren jetzt die Herren im westlichen Mittelmeer. Sizilien, Sardinien und Korsika waren ihnen nach dem Ersten, Iberien nach dem Zweiten Punischen Krieg zugefallen. Doch war es leichter, Spanien den Karthagern wegzunehmen, als es selbst zu erobern. Rom verstrickte sich in zähe Kleinkriege mit den Stämmen. Beute winkte kaum, aber unzählige italische Bauernsöhne fanden den Tod. Der Kriegsschauplatz war bei den Soldaten genauso unbeliebt wie bei den Vertretern der senatorischen Elite, die hier wenig Ruhm und Ehre erwerben, sich aber – siehe Galba – bis aufs Hemd blamieren konnten.
Ganz anders sah es da mit den Schlachtfeldern im hellenistischen Osten aus, wo Rom sich Stück für Stück die Bruchstücke des ehemaligen Alexanderreichs einverleibte. Hier lockten ungeheure Reichtümer. Im selben Jahr wie Karthago, 146 v. Chr., zerstörten die Römer Korinth und vollendeten so die Eroberung Griechenlands, die rund ein halbes Jahrhundert zuvor der Zweite Makedonische Krieg eingeläutet hatte (200 –197 v. Chr.).
188 v. Chr. hatte der Friede von Apameia die Hegemonie des riesigen Seleukidenreiches gebrochen, das vom Mittelmeer bis nach Indien gereicht hatte. Und wiederum 20 Jahre später konnte ein römischer Senator dem Seleukidenkönig Antiochos IV. am sogenannten Tag von Eleusis diktieren, sich aus dem gerade eroberten Ägypten zurückzuziehen, ohne dass ein einziger römischer Legionär aufmarschieren musste.
Roms Ausgreifen verändert den Mittelmeerraum radikal
Die Mittelmeerwelt hatte in dem guten Jahrhundert zwischen 264 und 146 v. Chr. vollständig ihr Gesicht verwandelt. Aus einem multipolaren Geflecht mit einer Handvoll großer Machtzentren – Seleukidenreich, Makedonien, Ägypten, Karthago, Rom – und unzähligen kleinen Akteuren war ein riesiges, monolithisches Imperium geworden. Rückgrat dieses Herrschaftsraumes war das Mittelmeer, das die Römer mit Fug und Recht mare nostrum nannten: unser Meer.
Wie alle Gründer großer Imperien betrachteten auch die Römer die Provinzen, die ihnen durch die Eroberungen in Übersee zuwuchsen, als ein Gebiet, das zum Plündern freigegeben war. Auf Roms Soldaten, die soviel Beute wegschleppten, wie sie nur tragen konnten, folgten Roms Landvermesser, die Sorge dafür trugen, dass genau vermerkt wurde, wer wieviel Land besaß. Außerdem eignete sich der römische Staat große Parzellen an.
Dann kamen die Verwalter, an der Spitze die senatorischen Statthalter, die, bevor sie ein Spitzenamt in den Provinzen erhielten, eine kostspielige politische Ochsentour absolviert hatten und sich nun an ihrer Provinz schadlos hielten. Auch wenn diese Herren nicht korrupt waren, was nur allzu häufig vorkam, traten sie ihr Statthalteramt meist als arme Leute an, um es Jahre später steinreich an ihren Nachfolger weiterzugeben.
Die wahre Geißel der Provinzen jedoch waren die Steuerpächter, die publicani. Weil der römische Staat keine Mittel hatte, seine Steuern selbst einzutreiben, verpachtete er die Provinzen an Privatleute, die dem Fiskus die veranschlagten Steuern vorstreckten und dann in die Provinzen ausschwärmten, um ihre Auslagen samt Rendite wieder hereinzuholen.
Die Steuerpacht war ein riskantes Geschäft, das den publicani immer wieder durch Missernten und eine zur Widerspenstigkeit neigende lokale Bevölkerung verhagelt wurde. Um dennoch auf ihre Kosten zu kommen, versahen die in Gesellschaften organisierten Steuerpächter die von den Provinzialen zu zahlenden Abgaben mit einem üppigen Aufschlag.
Viel Kapital fließt von den Provinzen in die Hauptstadt
Große Kapitalmengen strömten so aus der Peripherie ins Zentrum: nach Italien und vor allem nach Rom. Die ungeheure Dividende des Imperiums sorgte dafür, dass auch in der Kapitale politisch und gesellschaftlich kaum ein Stein auf dem andern blieb. Zwar kamen die einfachen Soldaten oft genug beutebeladen von der Schlacht nach Hause, doch strichen den Großteil des Ertrags die Senatoren ein, die ihre Ämter in klingende Münze verwandelten und obendrein den Großteil des vom römischen Staat reklamierten Landes ihren Gütern einverleibten.
Die Praxis, öffentliches Land abgabenfrei Privatleuten zur Bewirtschaftung freizugeben, war gang und gäbe, kam aber praktisch nur denen zugute, die ohnehin viel hatten. So arrondierten die Senatoren ihren Grundbesitz, ohne einen einzigen Sesterz dafür zu bezahlen.
Ebenfalls auf der Gewinnerseite standen die Ritter, die zweite Ebene der römischen Elite, die zwar keine politischen Ämter anstrebten, aber hinter den Senatoren in puncto wirtschaftlicher Potenz nicht zurückstanden. Viele von ihnen investierten ihr Geld in die Steuerpacht oder in den Fernhandel, zu dessen Belebung Roms Expansion ebenfalls beigetragen hatte.
Im Ersten Punischen Krieg, als der römische Staat praktisch pleite war und sich die dringend benötigte Flotte nicht leisten konnte, waren diese Männer mit ihren Vermögen eingesprungen und hatten Schiffe gebaut. Selbstverständlich erwarteten sie nach Kriegsende das verauslagte Kapital samt Zins und Zinseszins zurück. Auch der Krieg konnte ein dividendenträchtiges Investment sein.
Er war allerdings auch riskant. Nicht jeder kehrte vom Schlachtfeld an den heimischen Herd zurück. Blieb ein Senator im Krieg, dann erbte den Großgrundbesitz mitsamt Gutsverwalter und einem Heer von Sklaven sein Sohn oder ein anderer Verwandter, der sich dann in der Regel um sein wirtschaftliches Überleben keine Sorgen mehr zu machen brauchte.
Wartete indes eine Bauernfamilie vergebens auf ihren Ernährer, dann brach für sie eine Welt zusammen. Mit bestenfalls ein oder zwei Sklaven und einer hungrigen Kinderschar konnte die Bauersfrau den heimischen Betrieb nur selten über die Runden bringen. Deshalb sanken in den Jahrzenten des fast permanenten Krieges im 2. Jahrhundert v. Chr. ungezählte Bauernfamilien in Armut ab. Ihnen blieb oft keine andere Wahl, als das Heer der Landlosen in der Hauptstadt zu verstärken, die kein Eigentum hatten als ihren Nachwuchs, proles, und darum proletarii genannt wurden.
Die Misere auf dem Land zeigt die Schattenseiten des Imperiums
Der im 2. Jahrhundert n. Chr. schreibende Historiograph Appian von Alexandria zeichnet das düstere Bild einer sich öffnenden sozialen Schere: Die Großgrundbesitzer hätten ihre Latifundien stetig vergrößert, indem sie „Parzellen angrenzenden Landes und benachbarte Höfe, teils durch Kauf, teils gewaltsam“ in ihren Besitz gebracht und dann mit einem Großaufgebot an unfreier Arbeit bewirtschaftet hätten. Während die Sklaven sicher angelegtes Kapital gewesen seien, weil sie nicht zum Militär eingezogen werden konnten, hätten die italischen Kleinbauern, „die unter Armut, Steuern und Heeresdienst litten, an Zahl und Stärke“ immer weiter abgenommen.
War am Ende das Imperium für Rom mehr Fluch als Segen? Driftete die Republik, gerade weil sie von Sieg zu Sieg eilte, in eine soziale Krise, aus der es keine Rettung zu geben schien? Womöglich ist der Grundton von Appians Darstellung zu pessimistisch. In der Kaiserzeit, in der Appian schrieb, hatte sich längst das romantische Bild von Rom als einer Nation etabliert, die ihre Tugenden und Stärken dem bäuerlichen Herkommen verdankte.
Das Imperium und der Reichtum, den es nach Rom spülte, galten als Ursache moralischer Verkommenheit, denn sie hatten die Römer ihren Wurzeln entfremdet. Ein gehöriger Schuss Sozialromantik hat auch Appian bei seinem Abgesang auf das italische Bauerntum die Feder geführt.
Inzwischen verfügen wir über archäologische Daten, mit denen wir Appians Schilderung abgleichen können. Sie vermitteln ein differenziertes Bild: Die Befunde stützen Appian insofern, als die Zahl landwirtschaftlicher Großbetriebe in Italien im 2. Jahrhundert v. Chr. signifikant zunahm. Allerdings waren Latifundien auch im 1. Jahrhundert v. Chr. keineswegs flurprägend. Kleinbauern machten nach wie vor den größten Anteil an der Bevölkerung Italiens aus, wobei das Bild von Region zu Region geringfügig schwankt.
Unverkennbar ist der Aderlass, den erst die Punischen Kriege und dann auch die Kriege in Spanien und im hellenistischen Osten der italischen Bevölkerung bescherten. Offenbar litt die gesamte Halbinsel im 2. Jahrhundert v. Chr. unter Menschenmangel, und gerade deshalb war die von Appian geschilderte Okkupation freien Landes durch mit Sklaven wirtschaftende Agrarunternehmer womöglich ohne echte Alternative.
Rom und Italien befanden sich Ende des Jahrhunderts keineswegs in einer allgemeinen sozialen oder auch nur in einer Agrarkrise. Der Graben zwischen arm und reich war tiefer geworden, das Heer der Landlosen größer. Doch trotzten die meisten bäuerlichen Betriebe dem Niedergang, die von Appian beschriebene Apokalypse blieb aus. Wenn die Staatsordnung dennoch in politische Schieflage geriet, müssen die Ursachen woanders gesucht werden: Der Republik liefen die Republikaner davon.
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