Emerich Rath, ein Allround-Sportler aus Prag, gewann am 3. Dezember 1905 einen Langstreckenmarsch, den der Berliner Sportverein SC Komet initiiert hatte. Rath dokumentierte seinen sportlichen Erfolg in einem Büchlein mit dem Titel „Der Gepäckmarsch über 50 Kilometer und warum ich siegte“, in dem er nicht nur den Wettkampf, sondern auch seine Lebensweise und Trainingsroutine beschrieb. In vielerlei Hinsicht waren der Dauermarsch, der Athlet Rath und sein Buch Ausdruck einer wachsenden Begeisterung für den modernen, wettkampf- und leistungsorientierten Sport, der zunächst in Großbritannien und um die Jahrhundertwende auch in Deutschland Fuß fasste.
Die Ernährungsgewohnheiten des Sportlers überraschen
Ein Detail unterschied Rath jedoch von den meisten anderen Sportlern: Er war seit seinem 16. Lebensjahr Vegetarier und brachte diese Ernährungsweise unmittelbar mit seinen sportlichen Erfolgen in Verbindung. Für seine Zeitgenossen war das ein bemerkenswerter Aspekt, der in den zahlreichen Presseberichten über den Wettkampf immer wieder hervorgehoben wurde. Denn Rath stellte sich damit gegen den wissenschaftlichen Konsens seiner Zeit, der Fleisch für einen unverzichtbaren Bestandteil einer gesundheits- und leistungsfördernden Ernährung hielt.
Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ist Raths Selbstdarstellung ebenso bemerkenswert. Sie gibt nicht nur Einblicke in die Frühphase des modernen Vegetarismus, sondern steht für einen viel breiteren Prozess: die Herausbildung des modernen Leistungsbegriffs und der Vorstellung, dass die Leistungsfähigkeit durch die Ernährungsweise unmittelbar beeinflusst werden kann. Das Nahrungsmittel Fleisch und die oft hitzigen Debatten, die sich daran entzündeten, spielten für diesen Prozess eine entscheidende Rolle.
Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Leistung erscheint uns heute selbstverständlich. Zahlreiche Ernährungsratgeber, Kochbücher und „functional foods“ werben mit dem Versprechen, die körperliche Kraft und Ausdauer durch die richtige Nahrung zu optimieren. Aus historischer Sicht handelt es sich dabei jedoch um ein recht junges Phänomen, dessen Ursprünge im 19. Jahrhundert liegen. In diesem Zeitraum wandelte sich das Verständnis von Leistung und von Ernährung grundlegend. Inspiriert von der immer weiter voranschreitenden Mechanisierung im Rahmen der Industriellen Revolution wurde der Körper als Maschine interpretiert, die zum einen vermess- und zum anderen optimierbar wurde: Wissenschaftler untersuchten den „Treibstoff“ für die Körpermaschine – die Nahrung – ebenso wie ihren „Output“ und versuchten, beides miteinander in Verbindung zu bringen.
In den 1840er Jahren entwarf der Chemiker Justus von Liebig ein Modell, das sich schnell verbreitete. Er verstand Nahrungsmittel als Stoffkonglomerate, die im Wesentlichen aus den drei Makronährstoffen bestanden: Proteine waren Liebig zufolge der wichtigste Nährstoff, zuständig für Muskelaufbau und -kraft, während Fette und Kohlenhydrate Atmung und Körperwärme regulierten. Das proteinreiche Fleisch erschien im Kontext dieses neuen Modells als besonders wertvolles Nahrungsmittel, das Antworten auf viele Probleme der jungen Industriegesellschaften versprach: Es sollte dabei helfen, Hunger und Unterernährung zu besiegen, die Produktivität von Fabrikarbeitern und die Wehrtüchtigkeit von Soldaten zu erhöhen – und so für politische Stabilität und Erfolge im „Wettkampf der Nationen“ sorgen. Ernährung wurde also zu einem Instrument, mit dem sich nicht nur die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit von Individuen, sondern die politische und die soziale Ordnung ganzer Gesellschaften steuern ließen.





