Das Gegenüber beider Personen durchzieht die Darstellung, eine kompositorische Absicht des Autors. Es sei damit möglich, das Bild des Kaisers aus der parteiisch-konfessionellen Deutung der Geschichtsschreibung des 19.und frühen 20. Jahrhunderts herauszulösen. Das ist informativ zu lesen und regt zur Auseinandersetzung an.
Eindrücklich knapp wird formuliert: Das in Gott gefangene Gewissen des Reformators steht dem in der Tradition und dem Glauben der Vorfahren gefangenen Gewissen des Kaisers gegenüber. Daraus erwuchsen persönliche und politische Spannungen, in denen der tiefgläubige und ernsthaft agierende Kaiser stand; sie bilden den roten Faden der Darstellung.
Die Kernfrage nach dem politischen Anspruch, den Karl V. umzusetzen versuchte, sein Bild also von seinen Aufgaben und Pflichten als weltliches Oberhaupt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, als spanischer König und damit zugleich als Herrscher über wachsende außereuropäische Gebiete, wird in der Forschung bis heute kontrovers beantwortet. Sie bildet auch bei Schilling den Grundton; mit Erfolg spielt er verschiedene Perspektiven durch.
So misst er dem Charakter des Kaisers als individuelle Voraussetzung für das Amt eine große Bedeutung zu, ebenso werden seine Einbindung in die zeitgenössischen Familienbande und Klientelverhältnisse, seine machtpolitischen Ambitionen, seine strategisch durchdachten Planungen zum Erhalt der Machtbalance im zeitgenössischen Europa und seine selbstbewusste Innenpolitik in Spanien skizziert.
Andererseits war der Kaiser gegenüber den auf Teilhabe pochenden Reichsständen im Alten Reich sehr zurückhaltend, insbesondere im Zusammenhang mit seinem engagierten Bemühen um die Bewahrung der kirchlichen Einheit angesichts des reformatorischen Sturms.
Karl V. war, so Schilling, weder rückwärtsgewandter Bewahrer mittelalterlicher Ordnungsideen noch der weitsichtige Former eines „frühmodernen Absolutismus“, der alle Teilhabe-Forderungen des Adels und/oder Stadtbürgertums zunichtezumachen gewillt war. Vielmehr sei es ihm um die Bewahrung dessen gegangen, was des Bewahrens wert war, um damit Veränderungen zu ermöglichen. Er sah die monarchia universalis als einigendes Band in der Konfrontation mit den – so Schilling – aufrührerischen regionalen Kräften.
Etliche Historiker und Historikerinnen sehen in diesen Kräften aber gerade keine Aufrührer, sondern Vertreter legitimer Reformforderungen mit dem Ziel einer Mischverfassung (monarchia mixta). Es zeichnet die gegenwärtige historische Forschung aus, beide Deutungen belegen und akzeptieren zu können. Schillings Fazit: Karl V. konnte seinem Anspruch nicht gerecht werden, die Dynamik des Jahrhunderts war zu stark: Ihm ist seine Welt zerbrochen.





