Kirchen prägten die mittelalterliche Stadt nicht nur durch ihre Architektur, sondern auch als akustische Räume. Im Rahmen einer Soundgeschichte hat dies der Göttinger Historiker Arnd Reitemeier untersucht. Da waren zunächst einmal die Kirchenglocken der Stadtpfarrkirchen; sie dominierten die Lautwahrnehmung, weil deren Türme besonders hoch und deren Glocken besonders groß waren. Ihr Geläut rief die Gläubigen schon seit der Karolingerzeit zur Messe und zeigte im Lauf des Mittelalters immer häufiger Seelmessen an, die für einzelne Verstorbene gehalten wurden. Dazu signalisierte es Brand, nahende Feinde oder Gewitter. Das Sturm- und Wetterläuten wurde allerdings in den späteren lutherischen Kirchenordnungen eingeschränkt, da man es mit dem Wirken des Teufels in Verbindung brachte. Die Stundenglocken verkündeten die Uhrzeit. Dazu kam noch das Totengeläut, das beim Auftreten der Pest jedoch wohl aus psychologischen Gründen deutlich eingeschränkt wurde. Akustisch deutlich in der Stadt wahrnehmbar waren zudem Prozessionen, die von den Stadtpfarrkirchen oder dem Kirchhof ihren Ausgang nahmen und von liturgischen Gesängen, oft auch von Spielleuten, Stadtpfeifern oder Lautenschlägern begleitet wurden. Betrafen diese Phänomene eher den Außenraum, so spielte sich auch im Innenraum ein differenziertes Lautgeschehen ab. Neben die Bestandteile der Messe wie Predigt, Liturgie, Gebet, Lesung und Chorgesang trat im Spätmittelalter vermehrt das Orgelspiel. In den lutherischen Kirchen kam später der Gemeindegesang hinzu. Eigentlich sollte ansonsten Stille herrschen, doch das war graue Theorie, denn mittelalterliche Kirchenräume waren Orte der Geschäftigkeit: Hier wurden während der Messe Rechtsgeschäfte abgeschlossen, Heiratsvereinbarungen getroffen, Bettler baten um Gaben, Marktleute wählten den Gang durchs Kirchenschiff als Abkürzung, käufliche Damen boten gar ihre Dienste an. Der eigentlich intendierte Wechsel von sakralem Ritus und Kontemplation wurde so immer wieder durchbrochen. Erst striktere Kirchenordnungen schufen hier Abhilfe.





