Venedig und das Osmanische Reich: Glorreicher Sieg ohne Nutzen - wissenschaft.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Glorreicher Sieg ohne Nutzen
Am Streit um die Insel Zypern entzündeten sich 1571 die Spannungen zwischen Venedig und dem Osmanischen Reich. Der Sieg bei Lepanto war zwar ein Höhepunkt der venezianischen Militärgeschichte, doch politisch und wirtschaftlich hatte die Markusrepublik ihren Zenit überschritten.
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
von ARNE KARSTEN
Am Morgen des 7.Oktober 1571 standen sich im Golf von Patras, nördlich der Peloponnes gelegen, zwei Kriegsflotten gegenüber, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Auf der einen Seite die Geschwader des Osmanischen Reiches, dessen Streitkräfte im furchterregenden Ruf der Unbesiegbarkeit standen. Auf der anderen Seite die Schiffe der „Heiligen Liga“, eines Bündnisses der Republik Venedig mit dem Königreich Spanien und dem Kirchenstaat.
Im Hinblick auf die reine Zahl der Schiffe waren die Streitkräfte der Kontrahenten annähernd gleich stark. Die osmanische Flotte, von Osten kommend, konnte auf den ersten Blick sogar leicht überlegen erscheinen. Von den etwa 230 Einheiten, über die ihr Oberbefehlshaber Ali Pascha gebot, zählten allerdings nur 170 bis 180 zum Typus der großen, geruderten Kriegsgaleere, hinzu kamen einige Dutzend leichtere Schiffe, die im Einzelkampf mit Galeeren chancenlos waren. Die christliche Streitmacht dagegen bestand aus 204 großen Galeeren, jenen etwa 30 Meter langen und von 30 Riemen mit je drei Ruderern auf jeder Seite angetriebenen Schiffen, die den nautischen Bedingungen des Mittelmeers optimal angepasst waren.
Die Schiffe der „Heiligen Liga“ verfügen über mehr Feuerkraft
Entscheidend für den Ausgang der Schlacht aber war nicht die Zahl der Schiffe, sondern die ungleiche Kampfkraft der beiden Flotten. Denn den rund 36000 Soldaten auf Seiten der „Heiligen Liga“ standen kaum 20000 osmanische Gegner gegenüber, und die verfügten zum überwiegenden Teil nicht über den in dieser Zeit verwendeten Vorläufer des Gewehrs, die Arkebuse, sondern lediglich über Kompositbögen als Distanzwaffen. Auch im Bereich der Schiffsartillerie sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache: Mehr als 1500 schweren Kanonen auf den Schiffen der christlichen Flotte konnten die Osmanen nur etwa 750 Geschütze großen Kalibers entgegenstellen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Ausgang der Schlacht, der überwältigende Sieg der christlichen Flotte, anders, als in späteren Zeiten immer wieder behauptet wurde, durchaus nicht als ein Wunder.
Einem Wunder nahe jedoch kommt die Tatsache, dass am 7.Oktober überhaupt eine christliche Flotte in den Golf von Patras ruderte und sich dort mit grimmiger Entschlossenheit zur Schlacht stellte. Und zwar gleich in zweifacher Hinsicht: zum einen aus politischer, zum anderen aus militärischer Perspektive. Um diese beiden Quasi-Wunder zu verstehen, ist es nötig, einen Blick auf die Vorgeschichte der berühmten Seeschlacht bei Lepanto zu werfen.
Die Vorgeschichte im engeren Sinn könnte man am 29. Januar 1570 beginnen lassen. An diesem Tag nämlich erhielt Marcantonio Barbaro, der venezianische Botschafter in Konstantinopel, unerwarteten Besuch des Chefdolmetschers der Hohen Pforte, der ihm die nicht weiter diplomatisch verklausulierte Botschaft überbrachte, sein Herr, Sultan Selim II. (1566–1575), fordere die Republik Venedig auf, ihm Zypern zu überlassen. Die Insel, so die Argumentation der Hohen Pforte, habe bereits in früheren Zeiten einmal zum Herrschaftsbereich der Sultane gehört, sie böte zudem unerträglicherweise christlichen Kaperschiffen Unterschlupf, die türkische Schiffe überfielen.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Einer der produktivsten Vertreter der Aufklärung war der Publizist Adolph Freiherr von Knigge. Neben seinen Hauptwerken schrieb er zahllose Rezensionen und…
Das Fazit der Botschaft: Wenn die Venezianer Wert auf den Fortbestand der guten Handelsbeziehungen zum Osmanischen Reich legten und einen Krieg vermeiden wollten, dann sollten sie die Insel räumen. Andernfalls werde man sie sich mit Gewalt nehmen.
Doch die Hinweise auf alte Herrschaftsansprüche und lästige Piratenschiffe dienten nur der Bemäntelung viel grundlegenderer politischer Motive. Mit dem Osmanischen Reich war seit der Mitte des 14. Jahrhunderts in nicht einmal 200 Jahren im Osten des Mittelmeers eine Großmacht entstanden, die ihren rasanten Aufstieg einem überaus erfolgreichen Expansionsdrang verdankte. So gelang dem Turkvolk der Osmanen nach seiner Einwanderung in Kleinasien im frühen 13. Jahrhundert rasch die Unterwerfung weiter Gebiete, vor allem aufgrund der Schwäche des Oströmischen Reichs, der einstigen Vormacht im östlichen Mittelmeerraum.
Die Basis der osmanischen Expansion stellte das Militärwesen dar, die Vielzahl kampfkräftiger, gut gerüsteter Krieger. Eine besondere Rolle spielte die Elitetruppe der Sultane, die rund 10000 in Konstantinopel stationierten Janitscharen. Sie bildeten das erste „stehende Heer“ der nachantiken Militärgeschichte, zu einer Zeit, als christliche Fürsten von einem solch effizienten Instrument zur Durchsetzung ihrer Herrschaftsansprüche nur träumen konnten.
Um den Luxus einer derartigen Truppe zu finanzieren, bedurfte es kräftiger Tributzahlungen unterworfener Feinde. Überhaupt war der Haushalt der Sultane auf solche Tribute angewiesen. Nicht zuletzt deswegen sahen sich die Herren der Hohen Pforte ihrem Selbstverständnis nach zunächst und zuallererst als Feldherren. Auf siegreichen Kriegszügen beruhte ihr persönlicher Ruhm ebenso wie ihr politischer Handlungsspielraum.
Das Kolonialreich Venedigs gerät ins Visier der Osmanen
Der Vater des seit 1566 regierenden Sultans Selim II., Suleiman (1520–1566), mit dem sprechenden Beinamen „der Prächtige“, war in den langen Jahren seiner Herrschaft diesen Ansprüchen überreich gerecht geworden. Nicht weniger als 13 große Feldzüge hatte er geführt und dabei unter anderem 1523 den Johanniter-Ritterorden von der Insel Rhodos vertrieben, 1526 bei Mohács das Heer des Ungarn-Königs Ludwig II. vernichtet, große Teile Ungarns dauerhaft unterworfen und 1529 (wenn auch am Ende erfolglos) Wien belagert.
Durch sein Ausgreifen geriet das Osmanische Reich unvermeidlich in Konflikt mit der Republik Venedig, die bereits im Hochmittelalter nach und nach eine Vielzahl von Häfen und Inseln an der Adriaküste und in der Ägäis unter ihre Herrschaft gebracht hatte. Nach der Eroberung Konstantinopels 1204 durch ein christliches Kreuzfahrerheer kam unter anderem Kreta hinzu. Den Höhepunkt seiner Ausdehnung erreichte der stato da mar, das venezianische Seereich, durch den Erwerb Zyperns 1469.
Rein flächenmäßig nahm sich dieses Musterbeispiel eines seaborn empire gar nicht einmal spektakulär aus: ein paar Küstenregionen mit Hafenstädten, zwei große und viele kleine Inseln. Aber als Kaufleute dachten die Venezianer nicht in Quadratkilometern, sondern in Handelsrouten. Für den Fernhandel mit dem Orient, der die wichtigste Quelle von Reichtum, Macht und Ansehen der Serenissima bildete, bedurfte es einer Vielzahl von Stützpunkten, in denen die nicht auf Fahrten über große Distanzen ausgelegten Galeeren immer wieder ihre Vorräte an Nahrungsmitteln und Trinkwasser ergänzen konnten.
Genau diese Besitzungen des venezianischen Seereichs gerieten mehr und mehr ins Visier der osmanischen Sultane, seit diese 1453 Konstantinopel erobert und damit die rund 1000-jährige Existenz des Oströmischen Reiches beendet hatten. Als nach dem Tod Suleimans des Prächtigen sein Sohn Selim II. der Forderung seiner politischen und religiösen Berater nach einem prestigeträchtigen militärischen Erfolg nachzukommen suchte, fiel sein Blick bald auf Zypern. Ein buchstäblich naheliegendes Ziel, befindet sich die Insel doch nur rund 70 Seemeilen vor der kleinasiatischen Küste.
Im März 1570 schickte der Sultan einen Sonderbotschafter nach Venedig, um nun auch direkt den venezianischen Senat, der über die außenpolitischen Fragen entschied, von der Forderung, die Insel kampflos abzutreten, zu informieren. Die venezianischen Patrizier antworteten kategorisch: Kein Fürst habe jemals eine Provinz seines Reiches einfach abgetreten, ohne zu kämpfen.
So entschieden, ja entrüstet die Politiker im Dogenpalast das Ansinnen des Sultans auch zurückwiesen, vorangegangen waren dieser Absage, von der alle wussten, dass sie Krieg bedeutete, lange und quälende Diskussionen innerhalb der venezianischen Führungsschicht. Und auch bei der einfachen Bevölkerung war die Aussicht auf Krieg zunächst keineswegs populär. Man wusste in der Lagune seit jeher um die existentielle Bedeutung guter Handelsbeziehungen mit den Osmanen und suchte durch politische Zugeständnisse und „Geschenke“ aller Art an den Sultan und seine Berater, den Frieden zu erhalten.
Letztlich ging es um die Ehre der stolzen Republik
Auch in der Krise des Frühjahrs 1570 gab es unter den venezianischen Politikern nicht wenige, die dazu rieten, es zunächst einmal ganz traditionell mit Bestechung der türkischen Würdenträger zu versuchen – und im äußersten Fall eben auf Zypern zu verzichten. Aus wirtschaftlichen Gründen war diese Argumentation vollkommen verständlich: Nicht nur würden die Kriegsrüstungen gewaltige Summen verschlingen, ruinöser noch mussten sich die gestörten Handelsbeziehungen auswirken. Der Verlust der Insel erschien aus dieser Perspektive eher verschmerzbar.
Doch spielten wirtschaftliche Überlegungen im Europa des 16. Jahrhunderts noch nicht entfernt jene Rolle, die ihnen spätere Zeiten zuschreiben sollten. Die „Falken“ unter den venezianischen Politikern argumentierten staatstragend: Gäbe man einem so einzigartigen Fall politischer Erpressung nach und trete die Insel widerstandslos an die Osmanen ab – wer garantierte, dass der Sultan nicht morgen Kreta und übermorgen, wer könne es wissen, Venedig selbst fordern würde?
Vor allem aber führten sie die Ehre ins Feld, die man durch kampfloses Nachgeben verliere. Denn die kampflose Aufgabe Zyperns müsse unweigerlich dazu führen, dass die stolze Republik in ganz Europa zum Gespött werde, mit katastrophalen Folgen für den politischen Handlungsspielraum – wer schließt schon Bündnisse mit einem Partner, den er verachtet? Und dieses Argument konnte keine noch so besorgte Aussicht auf die Entwicklung der Handelsbilanz entkräften.
So galt es, den Krieg vorzubereiten, und das hieß nach Lage der Dinge, eine Flotte auszurüsten. Bereits Ende Januar 1570 hatte der venezianische Senat den Beschluss gefasst, 100 neue Galeeren bauen zu lassen, und zwar binnen zweier Monate. Ein ehrgeiziges Ziel, an dessen Realisierung überhaupt nur zu denken war, weil die Venezianer über die bei weitem größte und bestorganisierte Schiffswerft des damaligen Europa verfügten: das Arsenal. Dieses hatte bereits beim Bau der Flotte des Vierten Kreuzzugs (1202–1204) seine Leistungsfähigkeit bewiesen.
Auf dem im Lauf der Zeit mehrfach kräftig erweiterten Areal am östlichen Stadtrand Venedigs wurden nicht nur Schiffe gebaut und repariert, sondern hergestellt, was immer man zu ihrer Ausrüstung benötigte. Hinter den mächtigen Mauern, die das Arsenal vor neugierigen Blicken schützte, gingen Zimmerleute, Riemenschneider, Kanonengießer, Seiler, Tuchmacher und Kalfaterer ihrer Tätigkeit nach. Bis zu 3000 Handwerker arbeiteten um die Mitte des 16. Jahrhunderts in dieser Stadt in der Stadt.
Um im Ernstfall die Kriegsschiffe im Akkord produzieren zu können, verfügte das venezianische Arsenal über eine „Reserve“ von 100 Galeeren, die nach der Art von Bausätzen aus durchnumerierten Einzelteilen nur zusammengezimmert werden mussten. So konnten, zumindest theoretisch, jeden Tag zwei Schiffe die Werft verlassen.
Der Bau und die Ausrüstung der Flotte stellten eine enorme organisatorische Leistung dar, auf die die Venezianer zu Recht stolz waren, und zwar um so mehr, als es mit der Bereitstellung der Schiffe ja nicht getan war. Die Galeeren mussten auch bemannt und mit Kriegs- und Lebensmitteln ausgerüstet werden, und das war mit noch größeren Mühen verbunden, als sie zu bauen. Es galt, binnen weniger Wochen Zehntausende von Ruderknechten, Matrosen und Soldaten anzuwerben und deren Versorgung sicherzustellen.
Die Grundlage der Verpflegung von Seeleuten stellte Schiffszwieback dar, und genau daran mangelte es nach der schlechten Ernte des Jahres 1569 in Oberitalien. Oder besser gesagt, die venezianischen Kornvorräte des Frühjahrs 1570 hätten zwar gereicht, um den nötigen Schiffszwieback für die Ausrüstung der Galeeren zu backen, dann aber wäre nichts mehr für die Versorgung der ohnehin schon unruhigen Bevölkerung geblieben.
In den Berichten, die etwa der päpstliche Botschafter in Venedig im Frühjahr 1570 nach Rom sandte, wiederholten sich die Hinweise auf die prekäre Versorgungslage in Venedig fast schon gebetsmühlenartig: „…hier wartet man darauf, zu rüsten, aber angesichts des Brotmangels steht die Abfahrt nicht zu erwarten“; „…hier herrscht ein ungeheurer Mangel, und es findet sich kein Getreide“; „die Regierung ist ratlos, wie sie die Flotte erhalten soll, wenn sie nicht Unterstützung durch Kornlieferungen erhält“.
Als schließlich nach langwierigen Verhandlungen über Kornlieferungen aus den italienischen Nachbarstaaten auch dieses Problem gelöst war, sammelte sich die Flotte im Juni 1570 im dalmatinischen Hafen Zara (das heutige Zadar in Kroatien), um hier auf Verstärkung durch ein auf Kreta stationiertes Geschwader zu warten. Und während man wartete, brach an Bord der Schiffe eine verheerende Typhus-Epidemie aus.
Die Hoffnung, der feindlichen Invasion Zyperns dadurch zuvorzukommen, dass man den Gegner in einer Seeschlacht zerstreute, hatte sich in Luft aufgelöst. Am 1.Juli 1570 landeten osmanische Truppen auf Zypern und drangen schnell in das Innere der Insel vor. Gegen Ende des Jahres hielt sich nur noch die Hafenfestung Famagusta, und die venezianischen Verluste allein durch Seuchen und Stürme, ohne dass irgendeine größere Schlacht stattgefunden hätte, betrugen an die 40000 Mann.
Unter diesen Umständen sahen sich die Venezianer genötigt, die bisher eher zurückhaltend betriebene Suche nach Verbündeten zu intensivieren. Man fand sie schließlich nach mühsamen Verhandlungen in König Philipp II. (1556–1598) von Spanien und Papst Pius V. (1566 –1572). Es ging in diesen Verhandlungen, natürlich, um Schiffe und Soldaten; es ging um Geld, um sehr viel Geld, um Einsatzpläne und strategisch-militärische Ziele. Aber verhandelt wurde auch über Fragen der Ehre und des Zeremoniells, etwa darum, wer denn den Oberbefehl über die vereinigte Flotte der „Lega Santa“, der „Heiligen Liga“, wenn sie denn je zustande käme, erhalten sollte.
In zähen, von abgründigem gegenseitigem Misstrauen geprägten Gesprächen suchten die Diplomaten nach Kompromissen. Mehrfach standen die Verhandlungen kurz vor dem Scheitern, ehe schließlich im Mai 1571 der Vertrag über den Abschluss der Liga doch zustande kam. Die Verbündeten vereinbarten darin, noch im laufenden Jahr eine Armada von 200 Galeeren auszurüsten. Unter dem Oberbefehl des jugendlichen Don Juan d’Austria (1547–1578), eines unehelichen Sohns Kaiser Karls V. und Stiefbruders König Philipps II., sollte diese Flotte so schnell wie möglich den türkischen Feind angreifen und zur Schlacht stellen. Und das gelang schließlich am 7.Oktober 1571 im Golf von Patras vor der Hafenfestung Lepanto.
Die darauffolgende Schlacht wurde auf beiden Seiten mit äußerster Verbissenheit und Brutalität geführt. Das blutige Ringen erreichte seinen Höhepunkt in der Mittagszeit, als die Geschwader der Oberbefehlshaber beider Seiten im Zentrum des Geschehens aufeinandertrafen. Da deren Schiffe mit ausgewählten Elitetruppen bemannt waren, entwickelte sich hier der Brennpunkt der Auseinandersetzung. Die Galeeren von Don Juan d’Austria und Ali Pascha verkeilten sich ineinander. Dadurch entwickelten sie sich, manövrierunfähig, wie sie nunmehr waren, zum Schauplatz eines erbitterten Nahkampfs, in dem beide Seiten versuchten, die Schiffe des Feindes zu entern.
Unter schweren Verlusten wogte der Kampf Mann gegen Mann hin und her, da Galeeren der Reservegeschwader immer wieder frische Kämpfer heranführten. An eine koordinierte Leitung der Schlacht war nicht mehr zu denken. Auf beiden Seiten griffen nun auch die Kommandeure persönlich in das Gefecht ein. Augenzeugen berichten sowohl von der Ausdauer, mit der sich Ali Pascha als Bogenschütze betätigte, wie von der grimmigen Entschlossenheit, mit welcher etwa der über 70-jährige venezianische Admiral Sebastiano Venier seine Armbrust handhabte, die er immer wieder aufs Neue von einem Gehilfen spannen ließ.
Der abgeschlagene Kopf des Ali Pascha als Trophäe der Sieger
Die Entscheidung bahnte sich an, als es der Mannschaft um den Kommandanten des päpstlichen Flottenkontingents, Marc’Antonio Colonna, gegen ein Uhr am Nachmittag schließlich gelang, eine an Backbord des osmanischen Flaggschiffs befindliche Galeere zu kapern. Dem darauffolgenden Angriff von zwei Seiten war die erschöpfte und dezimierte osmanische Besatzung der „Sultana“ nicht mehr gewachsen und wurde bis auf den letzten Mann niedergemacht. Unter den Toten befand sich auch der osmanische Oberbefehlshaber Ali Pascha, dessen abgeschlagener Kopf auf einer Pike den jubelnden Liga-Soldaten gezeigt wurde.
Der Kampf hatte von Anfang an mit erbitterter Härte getobt, Gefangene wurden auf beiden Seiten nicht gemacht. Dies lag aber nicht nur an den Glaubensgegensätzen und den sich im Handgemenge entwickelnden Blutrausch, sondern auch am ganz praktischen Problem, was mit etwaigen Gefangenen zu tun sei: Solange der Kampf währte, konnte man keine wertvollen Kämpfer zu ihrer Bewachung abstellen, der Abtransport war ebenso wenig praktikabel.
Eine halbe Stunde nach der Kaperung des Flaggschiffs Ali Paschas brach der osmanische Widerstand im Zentrum zusammen. Was nun folgte, war nur mehr ein gnadenloses Abschlachten von Wehrlosen und endete mit der vollständigen Niederlage der Osmanen, deren Verluste auf mehr als 30000 Mann geschätzt werden. Am Abend des 7.Oktober hatte die stolze Kriegsflotte Sultan Selims aufgehört zu existieren, nur wenigen ihrer Galeeren war es gelungen, der Versenkung oder Kaperung zu entgehen.
Doch auch auf Seiten der christlichen Liga gab es rund 7500 Tote zu beklagen und ungefähr ebenso viele Verwundete, von denen in den nächsten Tagen angesichts der miserablen medizinischen Versorgung und hygienischen Verhältnisse an Bord der Galeeren noch viele starben. Die Nachricht vom Triumph über den Glaubensfeind führte in Venedig zu Jubelfeiern und Dankprozessionen bisher ungekannten Ausmaßes und verbreitete sich im christlichen Abendland wie ein Lauffeuer.
Schon sehr bald jedoch erwies sich der militärische Triumph bei Lepanto als politisch folgenlos. Während man in Konstantinopel mit aller Energie daranging, eine neue Flotte zu bauen, vermochten es die in der Liga verbündeten Mächte nicht, sich im folgenden Jahr auf eine energische gemeinsame Offensive zu einigen. Keine zwei Jahre später schloss die erschöpfte Republik Venedig einen Separatfrieden mit der Hohen Pforte, in dem sie auf Zypern verzichtete. Der Großwesir Sultan Selims II. kommentierte die Ereignisse gegenüber dem venezianischen Botschafter in Konstantinopel höhnisch, aber zutreffend: „Ihr habt uns bei Lepanto den Bart geschoren. Wir haben euch mit Zypern einen Arm abgehauen. Ein Bart wächst nach.“
Dennoch sollte die Schlacht bei Lepanto im kulturellen Gedächtnis Europas präsent bleiben wie kaum ein anderes militärisches Ereignis dieser Epoche, ja, es dürfte nicht zu weit gehen, sie als eines der größten Medienereignisse der frühen Neuzeit überhaupt zu bezeichnen. Sofort nach der Schlacht gab der venezianische Senat ein Gemälde für den Dogenpalast in Auftrag, auf dem der Maler Jacopo Tintoretto den Triumph bei Lepanto festhielt. Auch Tintorettos Konkurrent Paolo Veronese schuf eine Darstellung der Schlacht, die in zeittypischer Weise die religiöse Deutung des Siegs anschaulich werden lässt: Während in der unteren Bildhälfte das unübersichtliche Getümmel der ineinander verkeilten Schiffe zu erkennen ist, zeigt die obere Bildhälfte die Intervention der Heiligen Petrus, Jakobus und Markus als der Schutzheiligen von Papsttum, Spanien und Venedig bei der Gottesmutter Maria, um deren Beistand für die christliche Flotte zu erflehen.
Auf zahllosen Flugblättern verbreitete sich die Nachricht vom Sieg über den Glaubensfeind in ganz Europa. Noch im 17. und 18. Jahrhundert entstanden großformatige Gemälde zur Erinnerung an Lepanto in süddeutschen Barockkirchen, und hier und da erinnert in katholischen Regionen Europas das Lepanto-Läuten der Kirchenglocken bis heute an die Schlacht.
Großbritannien und die Niederlande dominieren nun den Gewürzhandel
In machtpolitischer Hinsicht stellte die Abtretung Zyperns für die Serenissima zweifellos einen Prestigeverlust dar, doch aus wirtschaftlicher Perspektive war er zu verschmerzen. Wenn es in den auf Lepanto folgenden Jahrzehnten mit dem venezianischen Handel dennoch bergab ging, so lag das an anderen Faktoren, und zwar vor allem an solchen, die sich von den Politikern im Dogenpalast nicht beeinflussen ließen. Problematisch für Venedig war die Konkurrenz durch die neuen Seemächte England und die Vereinigten Niederlande, die nicht nur den Fernhandel über den Atlantik dominierten, sondern auch im Mittelmeer eine zunehmende Präsenz entwickelten.
Der so traditionsreiche Gewürzhandel Venedigs fiel in diesen Jahrzehnten nahezu vollständig in die Hände der Engländer und Holländer. Die Gründung der Ostindien-Kompanien in England (1600) und den Niederlanden (1602) sowie der in der Folgezeit immer besser organisierte Handel mit Indien und dem Fernen Osten über das Kap der Guten Hoffnung ruinierte den Orienthandel der Mittelmeer-Anrainer.
Seit Beginn des 17. Jahrhunderts war der Niedergang Venedigs als Handelsgroßmacht nicht mehr zu übersehen, und diese wirtschaftliche Entwicklung ging einher mit einem rapiden politischen Bedeutungsverlust. Unübersehbar waren die Zeiten vorbei, in denen die Serenissima im Stil einer Großmacht agieren konnte und man in ganz Europa auf die politische Haltung von „San Marco“ achtete, wie Venedig nach seinem Stadtheiligen weithin genannt wurde.
Zwei große Pest-Epidemien trugen das ihre dazu bei, die Probleme Venedigs noch zu verschärfen. 1576/ 77 und dann nochmals in den Jahren 1630/31 traf der Schwarze Tod die Lagunenstadt mit furchtbarer Wucht. Beide Male kam rund ein Drittel der Einwohner ums Leben. Angesichts des Massensterbens gelobte der Senat am 22.Oktober 1630, zum Dank für die Befreiung von der Pest eine große Kirche zu errichten, die der Gottesmutter Maria geweiht sein sollte.
Nach dem Abklingen der Seuche begannen 1632 in der Tat sogleich die Planungen, aus denen nach jahrzehntelanger Bauzeit die vermutlich nach San Marco berühmteste Kirche Venedigs hervorging: Santa Maria della Salute. Das malerisch am östlichen Ende des Canal Grande gelegene Meisterwerk des Architekten Baldassare Longhena (1598–1682) ist ein Höhepunkt der Barockarchitektur nicht nur Venedigs. Bei der Innenausstattung dieser Kirche sollten dann militärische Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich noch einmal eine Rolle spielen.
Nach dem Verlust Zyperns 1573 hatte sich eine lange Phase friedlicher Koexistenz Venedigs mit der Hohen Pforte eingestellt, die erst ein Dreivierteljahrhundert später ihr Ende finden sollte. Der Anlass für den dann ausbrechenden „Candia-Krieg“ war an sich alles andere als spektakulär. Am 26.September 1644 hatten sechs Galeeren des auf Malta ansässigen Johanniter-Ordens vor der Küste der Insel Rhodos einen osmanischen Geleitzug auf dem Weg nach Konstantinopel gekapert.
Derartige Überfälle zur See standen während des 17. Jahrhunderts im Mittelmeer auf der Tagesordnung. Doch diesmal befand sich an Bord eines der gekaperten Schiffe eine Gattin des regierenden Sultans mit ihrem Sohn. So entwickelte das Ereignis bald erhebliche politische Sprengkraft. An der Hohen Pforte war man gesinnt, Kapital daraus zu schlagen. Die Tatsache, dass die Ordensritter auf ihrer Rückfahrt mehrere venezianische Häfen angelaufen hatten, genügte als Vorwand, am 24. Juni 1645 eine Invasionsarmee von über 50000 Soldaten auf Kreta an Land zu setzen, der letzten großen Insel, die vom einstmals so stolzen stato da mar der Markusrepublik Mitte des 17. Jahrhunderts noch verblieben war.
Jahrelanges blutiges Ringen um die Stadt Candia
Schon bald befand sich die Insel in der Hand der Osmanen, mit einer Ausnahme: der durch modernste Festungsanlagen geschützten Hauptstadt Candia (dem heutigen Iraklion). Um diese entspann sich in der Folgezeit ein erbitterter Belagerungskrieg. In Venedig war man entschlossen, Kreta um jeden Preis zu behaupten. Nicht, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Kolonie diese Entschlossenheit erzwungen hätte, ganz im Gegenteil, die Insel stellte für den Haushalt der Serenissima seit langem ein permanentes Zuschussgeschäft dar. 1621 etwa standen Einnahmen aus Zöllen, Verpachtungen, Mieten, Steuern, Gebühren und Strafen von rund 96000 Dukaten Ausgaben in der Höhe von mehr als dem Anderthalbfachen, nämlich etwa 240 000 Dukaten, gegenüber. Doch die Behauptung der Insel, so viel war dem Senat von Beginn des Kampfes an bewusst, stellte mehr dar als eine Wirtschaftsfrage. Hier ging es um ein Symbol, ging es um den Status Venedigs als politische Macht, gerade in Zeiten des Niedergangs.
Nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, mit welcher Verbissenheit die Kämpfe in den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten tobten. Nicht nur auf Kreta im Übrigen. In Dalmatien verteidigte sich die Serenissima gegen eine parallel entwickelte Offensive der Osmanen mit Glück und Geschick. Flottenexpeditionen unter dem Kommando der Admiräle Lazzaro Mocenigo und Lorenzo Marcello sollten den Nachschub der Osmanen unterbinden und die Verteidiger entlasten, was ihnen phasenweise auch gelang. Doch das änderte nichts daran, dass sich der eigentliche Krieg in all seiner verbissenen Grausamkeit auf und vor den Wällen und Gräben, den Ravelins und Halbmonden der noch im letzten Moment nach allen Regeln der modernen Festungsbaukunst verstärkten Zitadelle von Candia abspielte.
Es war ein zäher und mühsamer, über lange Phasen scheinbar träge vor sich hin schwelender Krieg. Da den Osmanen die nötige Überlegenheit auf See fehlte, konnten sie die eingeschlossenen Verteidiger nicht aushungern. Über den Hafen gelangten immer wieder frische Truppen, Nahrungsmittel, Waffen und Munition in die Festung Candia. Und nicht zuletzt Arbeiter, die sich daranmachten, die zusammengeschossenen Wälle auszubessern und immer wieder aufs Neue die von der osmanischen Artillerie geschossenen Breschen zu schließen.
So entstand eine Pattsituation, für die Angreifer kaum weniger unerfreulich als für die Eingeschlossenen. Der Kampf verlagerte sich unter die Erde. Durch die Anlage von unterirdischen Stollen näherten sich die osmanischen Krieger den Wällen, an deren Ende sie Minen anlegten, mit Sprengpulver gefüllte Kammern, die mit Hilfe von Lunten gezündet wurden und ganze Bastionen in die Luft jagen konnten – eine tödliche Gefahr für die Venezianer.
Die suchten sich nach Kräften zu schützen, errichteten Horchposten, um auf verdächtige Geräusche im Untergrund zu achten, gruben Gegenminen, mit denen sie die Stollen des Feindes ihrerseits sprengten oder aber mit Wasser volllaufen ließen. Ein Maulwurfskrieg, dunkel, schmutzig und gnadenlos, der sich da abspielte. Ein neuer Krieg zudem, wie er in der Folgezeit Schule machen sollte. Der Kampf um Wien wenige Jahrzehnte später verlief in ähnlicher Weise.
Lange Zeit zog sich die Belagerung unentschieden hin. Im November 1666 dann übernahm der energische Großwesir Ahmed Köprülü in eigener Person den Oberbefehl über die Belagerungstruppen. Der venezianische Senat übertrug wenig später das Kommando über die ermatteten Verteidiger seinem renommiertesten Militär, Francesco Morosini, seit dem 2. Januar 1667 capitan da mar. Allein in den nun folgenden zwei Jahren reihten sich 69 Sturmangriffe der Türken und 80 Ausfälle der Verteidiger aneinander, 1400 Minen wurden zur Explosion gebracht. Die Verluste bei den Türken betrugen 100000 Menschen, auf Seiten der Venezianer waren es 30000. Der für Venedig kämpfende französische Offizier Alexandre de Montbrun kommentierte entsetzt, was er je in seinem bald 60-jährigen Kriegerdasein gesehen habe, sei ein Kinderspiel gegen das, was in Candia vorgehe.
Das Eingreifen der europäischen Mächte kommt zu spät
Die Verteidiger erhielten in ihrer wachsenden Bedrängnis endlich Unterstützung durch andere christliche Mächte, die lange die kriegerischen Ereignisse auf der abgelegenen Mittelmeerinsel lediglich mit distanziertem Interesse verfolgt hatten. Papst Clemens IX. (1667–1669) schickte die päpstliche Flotte nach Kreta und, wichtiger noch, gewann auf diplomatischem Weg auch Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. (1643 –1715) dafür, den Venezianern Hilfstruppen zu schicken.
Außerdem gestattete es die finanzielle Unterstützung des Pontifex, neue Einheiten in Deutschland zu werben, vor allem im Territorium der Herzöge von Braunschweig. So machten sich an die 3300 „Lüneburger“ unter dem Befehl des kriegserfahrenen Grafen Josias von Waldeck auf den langen Marsch nach Venedig, um dann nach feierlichem Empfang an der Lagune gen Candia verschifft zu werden.
Dort trafen sie im Augenblick höchster Bedrängnis ein, wurden sofort an den besonders bedrohten Abschnitten der Festung ins Gefecht geworfen, schlugen sich überaus tapfer – und erlitten grausame Verluste. Als am 8. Juli 1669, kaum einen Monat nach der Ankunft, ihr Befehlshaber Graf Waldeck einer an sich harmlosen Kniewunde erlag, war nur noch ein Bruchteil seiner „Lüneburger“ kampffähig.
Zur selben Zeit räumten nach einem misslungenen Ausfall am 29. Juni 1669, bei dem mit dem Herzog von Beaufort auch ein Verwandter des französischen Königs fiel, die Franzosen angesichts der hoffnungslosen Lage das Feld, die Festung ihrem Schicksal überlassend, das damit besiegelt war. Am 6. September 1669 unterzeichnete der venezianische Oberbefehlshaber Francesco Morosini die Kapitulation, ohne auch nur die Autorisierung von Seiten des venezianischen Senats abzuwarten. Der Kampf um Kreta war verloren.
Dessen Spuren sind bis heute zu betrachten, nicht nur auf Kreta, sondern ebenso in Venedig selbst, und zwar in der „Pestkirche“ Santa Maria della Salute, in Gestalt des Antonius-Altares, den zu stiften der Senat 1652 beschlossen hatte, um „den gerechten Zorn der göttlichen Majestät zu besänftigen und zur Unterstützung der Streiter für die Sache des Glaubens“ zu bewegen. Der Maler Pietro Liberi (1605 –1687) schuf das Altargemälde, auf dem die Allegorie Venedigs dargestellt ist, wie sie den heiligen Antonius um Fürsprache bei der Heiligen Dreifaltigkeit bittet, um die Belagerung Candias zu beenden.
Nachdem dann der Krieg beendet und Kreta verloren war, entschloss man sich, das Ausstattungsprogramm von Santa Maria della Salute einer grundlegenden Revision zu unterziehen. Statt wie zunächst vorgesehen das Ende der furchtbaren Pest-Epidemie zu feiern, wurde der Hauptaltar schließlich mit einer Ikone geschmückt, die man aus der Kathedrale von Candia gerettet hatte. Was vermutlich als Sinnbild weiterhin verteidigter Rechtsansprüche gemeint war, nimmt freilich vor dem Hintergrund der weiteren Entwicklung Venedigs den Charakter einer melancholisch-resignativen Geste an.
Der erbitterte Kampf um Kreta stellte einen tiefen Einschnitt in der Geschichte Venedigs dar. Eine der wichtigsten langfristigen Folgen bestand in einem Ausbluten des Patriziats, dessen männliche Angehörige in den zwei Jahrzehnten, die der Candia-Krieg dauerte, einen hohen Blutzoll zahlten: Insgesamt fielen über 280 Patrizier im Kampf um Kreta, weit über zehn Prozent der Angehörigen des Großen Rats.
Auf der anderen Seite erwiesen sich die finanziellen und allgemein wirtschaftlichen Konsequenzen als ruinös. Die enormen Kosten, die der Krieg verursachte, mussten von einer Volkswirtschaft finanziert werden, die durch ebendiesen Krieg ohnehin schwer getroffen war. Im Unterschied zu späteren Zeiten wirkte sich Krieg in der frühen Neuzeit nicht produktivitätssteigernd, sondern -lähmend aus, der Dreißigjährige Krieg bietet ein Beispiel im Großen für das, was auch im Fall der Verteidigung Kretas geschah. Die venezianische Staatsschuld stieg in den Jahren zwischen 1641 und 1669 von acht auf über 21 Millionen Dukaten.
Für 100 000 Dukaten gibt es Zutritt zur adligen Elite der Stadt
Angesichts der wachsenden Ausgaben bei gleichzeitig rapide sinkenden Einnahmen erwies es sich bald als unvermeidlich, nach neuen Finanzquellen zu suchen. Und um solche zu erschließen, zeigte sich das Patriziat zu einer nachgerade revolutionären Entscheidung bereit: Es öffnete den seit Jahrhunderten rigide abgeschlossenen Zugang in das venezianische Patriziat für zahlungskräftige Aufsteigerfamilien.
1646 beschloss der Große Rat die Aufnahme der Familie Labia in das Goldene Buch der Stadt, nachdem der steinreiche Kaufmann Giovanni Francesco Labia sich erkundigt hatte, ob er „dem Vaterland 100 000 Dukaten schenken dürfe“ – ohne auf irgendeine Gegenleistung für diese großzügige Geste anzuspielen. Damit wurde der Weg ins Patriziat frei. Zwischen 1646 und 1718 kauften sich insgesamt 128 famiglie nuove in die venezianische Aristokratie ein. Der Fixpreis betrug 100000 Dukaten, von denen 60000 ein „freiwilliges Geschenk“ darstellten und 40000 als Kredit der zecca, der venezianischen Münze, zur Verfügung gestellt wurden.
Wer waren diese „neuen“ Familien, denen der ruinöse Candia-Krieg den langersehnten Zutritt in die bisher so exklusive Oberschicht der Markusrepublik ermöglichte? Zum Teil handelte es sich um Adlige aus den Provinzen der Terra ferma, andere Familien hatten als cittadini seit langem ihren Wohnsitz in Venedig und waren mitunter über Jahrhunderte in den Verwaltungsgremien und Notariatsstuben der Serenissima tätig gewesen.
Hinzu kam eine Reihe von Kaufleuten, die ihren immensen Reichtum in kurzer Zeit erworben hatten und kaum über die Umgangsformen verfügten, welche die Angehörigen des alten Patriziats pflegten. Es ist daher wenig überraschend, dass einige dieser Sozialaufsteiger, von denen es hieß, sie seien von bemerkenswerter Ignoranz allen Dingen gegenüber, die nicht ihr Geschäft beträfen, mit aggressivem Spott bedacht wurden.
Ein Mann wie Vincenzo Fini etwa, dessen Porträtbüste die Venedigbesucher bis heute in prominenter Position an der Kirchenfassade von San Moisè betrachten können, verkündete gern, er sei zu seinem immensen Reichtum gelangt, indem sich der Schweiß auf seiner Stirn in Geld verwandelt habe. Trotz aller Selbstironie dürfte ein solches Bild bei seinen nunmehrigen Standesgenossen aus den traditionsreichen Patrizierfamilien nicht gut angekommen sein.
Andere, wie etwa die aus Como stammenden, 1687 aggregierten Rezzonico, suchten ihren prekären Status als Neureiche durch eine intensive Kunstpatronage zu verklären. So erwarben die Rezzonico im Jahr 1750 die Bauruine des Palazzo Bon am Canal Grande, der aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten des Bauherrn nicht über das Erd- bzw. Wassergeschoss hinausgewachsen war. Sie ließen an dieser Stelle einen der glanzvollsten Barockpaläste der Stadt errichten. Für dessen Ausmalung engagierten sie keinen Geringeren als Giovanni Battista Tiepolo (1696–1770), den letzten venezianischen Maler, der es zu europäischem Ruhm bringen sollte (siehe Kapitel Seite 95). Nur wenige der alten Adelsklans hätten mit einer solchen suggestiven Prachtentfaltung wetteifern können.
Die künstlerische Spätblüte, wie sie die Paläste der Labia und Rezzonico oder die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts errichtete Ca’Pesaro verkörperten, entwickelte sich jedoch vor einem immer mehr verdüsterten politischen Horizont. In den Jahren 1684 bis 1699 kam es erneut zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich, dem sogenannten siebten venezianischen Türkenkrieg.
Unter dem Kommando Francesco Morosinis, der einige Jahre zuvor die bittere Kapitulation von Candia hatte unterzeichnen müssen, konnte die Serenissima noch einmal militärische Erfolge feiern, die ihrem siegreichen Feldherrn Morosini nach antikem Vorbild den Ehrentitel „Peleponnesiacus“ sowie am 3.April 1688 sogar die Wahl zum Dogen eintrugen. Im Frieden von Karlowitz wurde Venedig 1699 die Herrschaft über die Peloponnes zugesprochen.
Doch erwiesen sich die Ansätze zu einem rollback der Besitzungen im östlichen Mittelmeerraum zugunsten Venedigs schon bald als Strohfeuer, als die Republik 1714 an der Seite der Habsburger erneut, und nun zum letzten Mal, in einen militärischen Konflikt mit den Osmanen eintrat. Längst hatten diese ihre einstmals gefürchtete militärische Schlagkraft, die ihnen in den Glanzzeiten Suleimans des Prächtigen den Nimbus der Unbesiegbarkeit eingetragen hatte, verloren. Unter der brillanten militärischen Führung des Prinzen Eugen von Savoyen (1663–1736) gelang der Habsburgermonarchie 1717 mit der Eroberung Belgrads ein in ganz Europa vielbeachteter Triumph, folgenreich für die sich wandelnden Machtverhältnisse auf dem Balkan.
Venedig ist nicht mehr als der Juniorpartner Habsburgs
Doch als es dann 1718 in Passarowitz zu Friedensverhandlungen kam, führten die bescheidenen militärischen Leistungen Venedigs und die übermächtige Position der Habsburger am Ende dazu, dass Venedig als Juniorpartner des Bündnisses nicht nur keine Territorialgewinne verzeichnen konnte, sondern sogar die wenige Jahrzehnte zuvor gewonnene Peloponnes wieder an die Hohe Pforte abtreten musste. Das war eine politische Demütigung, die den Bedeutungsverlust Venedigs auch dem begriffsstutzigsten Zeitgenossen unübersehbar vor Augen führte.
Kein Wunder, dass der politisch begabte spätere Doge Marco Foscarini (1696 –1763) voll Bitterkeit die „Ungerechtigkeit der Zeitläufte“ und „Unberechenbarkeit des Glücks“ beklagte. Er zog aus seinen Erfahrungen die Konsequenz, die Standesgenossen des venezianischen Patriziats zu ermahnen, in Zukunft eine vorsichtige Friedenspolitik zu betreiben, die denn auch für die letzten 80 Jahre der Serenissima charakteristisch werden sollte. Es war mehr und mehr eine Friedenspolitik ohne Alternative, angesichts der Übermacht seiner Nachbarn, vor allem des habsburgischen Österreich, das sich im Lauf des 18. Jahrhunderts zu so etwas wie dem informellen Kolonialherrn Venedigs entwickelte.
Die einst so stolze Serenissima war nur mehr darauf bedacht, Konflikte mit dem Kaiserhof in Wien sorgfältig zu vermeiden, und verbrauchte viel Energie für die Bemühungen, die Erfüllung von dessen „Wünschen“ so zu verpacken, dass wenigstens der Schein der Souveränität gewahrt blieb. Nach den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich brachte das 18. Jahrhundert eine lange Phase der Ruhe an dieser Front, doch es war die Ruhe vor dem Sturm, der schließlich 1797 zum Untergang der Republik führen sollte und nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen kam.
Autor: PD Dr. Arne Karsten
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Die Milch der Muttergottes macht’s
30. Juni 2026
Marienmilch war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ein gefragtes Wundermittel. Eine Studie beleuchtet den Kult um das Sekret aus Marias Busen.
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Als der Fußball heimkehrte
30. Juni 2026
Rund 400 Millionen Menschen sahen am 30. Juli 1966 das WM-Finale zwischen England und Deutschland im Londoner Wembley-Stadion – und ein Tor, das in die…
Geschichte & Archäologie
Wo die Millionäre des Deutschen Kaiserreichs wohnten
30. Juni 2026
Auch vor 100 Jahren gab es in Deutschland Millionäre. Ein Beamter listete ihre Namen, Wohnorte und Berufe auf. Aus diesen Daten sind nun interaktive Karten…