Heimatliebe oder Zustimmung zum Sozialismus?
In den nächsten Jahren soll detailliert erforscht werden, mit welchen Vorstellungen und Praktiken Menschen sich ihre Heimat im Alltag herstellten (deshalb spreche ich auch von Heimatkonstruktionen) und wie sie die Heimatliebe an diese Vorstellungen und Praktiken banden. Indem die emotionale Bindung an Heimat offengelegt wird, lässt sich die Grundlage für vielfältiges Engagement und die Dauerhaftigkeit der Heimatkonstruktionen erklären, ohne diese mit einer umfassenden Zustimmung zur sozialistischen Ordnung zu verwechseln.
Dieses Programm ist Teil des Projekts „Polyphonie der Heimat: Konstruktionen von Gemeinschaft durch Imaginationen, Praktiken und Gefühle in Sachsen zwischen 1969 und 2000“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.
Betrachtet man das Verhältnis der Menschen zur staatlichen Ordnung, so ergibt sich eine eher einseitige „Liebesgeschichte“: Es finden sich zahlreiche Liebesbekenntnisse zum Staat, aber noch mehr Liebesbekundungen der Staatsführung selbst. Der Staat wünschte nichts mehr, als von seinen Bürgern geliebt zu werden. Immer wieder und fast überall hat er diese Liebe zum sozialistischen Vaterland ersehnt und erbeten, angemahnt und geradezu eingefordert – in der Schule, in den Betrieben, auf der Straße.
Da aber in der DDR nur ein kleinerer Teil der Menschen als überzeugte Sozialisten zu bezeichnen waren, lenkte der Staat seine Liebessehnsucht auf ein kleines Detail: Geradezu penetrant wurde seit den 1950er Jahren die Heimatliebe vom Staat entdeckt und besetzt. In der Erziehung ebenso wie in lokalen Heimatgruppen sollte Liebe zur nun sozialistischen Heimat und damit auch zum Staat DDR geweckt und etabliert werden. Diese staatliche Propaganda begleitete die DDR ihre ganze Existenz über.
Von diesen Forderungen lässt sich nicht auf die Gefühle der DDR-Bürger schließen. Dennoch zeigt sich, dass Heimatliebe ein wichtiger Grund für Menschen war, aktiv zu werden. Viele Ortschronisten sammelten in mühevoller Detailarbeit Material zur Gegenwart und Geschichte ihres Heimatorts; nicht selten veröffentlichten sie eine Ortsgeschichte oder ein Heimatbuch. Dabei bekannten sie ganz offen ihre Heimatliebe – wie zum Beispiel der Ortschronist von Burkau (westlich von Bautzen gelegen).
Sehr viel Zeit und Engagement brachten Menschen in der DDR für den Erhalt von Kulturdenkmälern auf: An vielen Stellen drohten historische Gebäude zu verfallen, und die staatliche Erinnerungskultur verbannte sie wegen Feudalismusverdachts aus dem kollektiven Gedächtnis. Trotz aller Schwierigkeiten – etwa wegen Materialmangels – sicherten ehrenamtliche Helfer die Bausubstanz und restaurierten marode Gebäude, etwa bei der Stadtkirche von Oschatz oder einem historischen Weingut in Weinböhla, das zum Heimatmuseum umfunktioniert wurde.





