Politische Zuspitzung und Kriegsausbruch: High Noon - wissenschaft.de | DAMALS
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High Noon
Der Austritt eines Staates aus der Union stand innerhalb der USA erstmals 1832 im Raum. Nach der Wahl Lincolns machten die Südstaaten die Drohung mit der Sezession wahr. Kurz darauf standen sich die beiden Parteien auf dem Schlachtfeld gegenüber.
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von GEORG SCHILD
In der Rückschau mag der Amerikanische Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865 als unvermeidbare Folge der Koexistenz zweier unterschiedlicher Wirtschafts- und Sozialsysteme innerhalb eines Landes erscheinen. Auch nachdem die nördlichen Bundesstaaten Sklaverei gegen Ende des 18. Jahrhunderts als ökonomisch rückständig und moralisch verwerflich aufgegeben hatten, hielten die Südstaaten weiterhin daran fest.
Aber warum sollte dieses Nebeneinander unterschiedlicher Wirtschaftssysteme zu einem Konflikt und sogar zu einem Krieg führen? In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kooperierten beide Landesteile überaus erfolgreich miteinander. Die Arbeitsteilung zwischen mit Sklaven produzierenden Plantagen, die preisgünstig Rohbaumwolle anbauten und schließlich drei Viertel des Weltmarktes bedienten, und einem sich rasch entwickelnden Textilmanufaktursystem im Norden, das diese Baumwolle verarbeitete und über seine Häfen nach Europa exportierte, hatte maßgeblichen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der USA im frühen 19. Jahrhundert.
Auch wenn man es dort nicht wahrhaben wollte, profitierte der Norden erheblich von südstaatlicher Sklaverei. Erst allmählich wurde im Norden vereinzelt Kritik an der Sklaverei geübt. Der Publizist William Lloyd Garrison warf dem Süden Verrat an den Zielen der amerikanischen Revolution vor und forderte in seiner Zeitung „The Liberator“ seit 1831 eine unverzügliche Befreiung der Sklaven. Die öffentliche Resonanz auf diese Sklaverei-Kritik blieb einstweilen jedoch verhalten.
Eine erste abolitionistische Partei, die „Liberty Party“, schnitt bei den Wahlen 1840 und 1844 enttäuschend ab. Wie das vorausgegangene Kapitel gezeigt hat, wurde die Sklaverei erst im Verlauf der 1850er Jahre zum alles bestimmenden Thema der US-Politik.
Der „Fugitive Slave Act“ von 1850, der es erlaubte, dass entflohene Sklaven auch in den Nordstaaten verfolgt und zu ihren „Herren“ im Süden zurückgebracht werden konnten, degradierte die Vorstellung, dass die USA halb frei und halb sklavenhaltend sein könnten, zu einer Illusion. So wurde etwa der in Virginia entflohene Sklave Anthony Burns, der im Norden seine Freiheit gesucht hatte, in Boston aufgespürt und verhaftet. Am 2. Juni 1854 wurde Burns gefesselt zum Hafen gebracht und zurück in die Unfreiheit zu seinem Besitzer verschifft.
In den immer bitterer geführten Diskussionen wurde auch wiederholt die Möglichkeit einer Sezession, also des Austritts der Südstaaten aus dem Bund, laut. John C. Calhoun (1782–1850), von 1825 bis 1832 Vizepräsident und später Senator für South Carolina, war seit den 1830er Jahren ein radikaler Verfechter der sogenannten Nullifikationsdoktrin. Nach dieser Theorie sollte es einzelnen Staaten möglich sein, Beschlüsse der Bundesgesetzgebung auf ihrem eigenen Territorium für nichtig zu erklären.
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1832 lehnte South Carolina auf dieser Basis ein Bundesgesetz zur Anpassung von Zöllen ab. Der damalige Präsident Andrew Jackson (1829–1837), dessen Vizepräsident Calhoun war, sah darin eine Bedrohung der Einheit der USA. Für den Fall, dass das Gesetz nicht umgesetzt werde, ordnete er den Einsatz von Truppen des Bundes an. Bevor es jedoch zu einer militärischen Eskalation kommen konnte, wurde ein Kompromiss gefunden, der das Zoll-Gesetz für South Carolina akzeptabler machte.
Für Calhoun, der im Zuge des Disputs als Vizepräsident zurücktrat, war der Streit um die Zölle nur ein Testballon für das, was aus seiner Sicht die Einheit der Union tatsächlich bald in Frage stellen könnte: ein Versuch des Nordens, die Sklaverei zu verbieten. Calhoun beklagte die zunehmende Sklaverei-Kritik des Nordens. Er sprach von Banden, die den Norden und den Süden zusammenhielten, die geistiger, politischer und spiritueller Art seien. Viele Bande seien jedoch wegen der nordstaatlichen Kritik an der Sklaverei bereits gerissen. Die Union bestand für Calhoun nicht um der Durchsetzung von Freiheit und Demokratie willen, sondern einzig, um den Interessen der Sklavenhalter des Südens zu dienen. Wenn es dem Süden nicht mehr gelingen würde, diese Interessen innerhalb der Union durchzusetzen, wäre es an der Zeit, sie zu verlassen.
Der New Yorker Senator William H. Seward (1801–1872) antwortete Calhoun und erklärte im März 1850 im Senat, dass alle gesetzlichen Bestimmungen über Sklaverei einem „höheren Gesetz als der Verfassung“ zuwiderliefen („there is a higher law than the constitution“). Keine christliche Nation würde Sklaverei heute noch einführen; Großbritannien, Frankreich und Mexiko hätten sie bereits abgeschafft, und alle anderen europäischen Staaten bereiteten dies vor. Sklaverei widerspreche den Prinzipien eines demokratischen Staates, so Seward, und würde den Boden für Aristokratie und Despotismus bereiten. Für ihn standen den USA nur zwei Wege offen: eine graduelle Beseitigung der Sklaverei oder ein Krieg zwischen Nord und Süd, der zur sofortigen und vollständigen Emanzipation der Sklaven führen würde. John C. Calhoun war wenige Tage nach der Replik Sewards im März 1850 gestorben. „Süden! Der arme Süden!“, sollen seine letzten Worte gewesen sein. Seward sah die Auseinandersetzung zwischen Nord und Süd 1858 als nicht länger beherrschbar an („irrepressible conflict“).
Die Radikalisierung der politischen Positionen in den Vereinigten Staaten hatte Folgen für das politische System des Landes. Die beiden bis dahin dominierenden Parteien – Demokraten und Whigs – verloren an Einfluss. 1854 gründeten sklavereikritische Whigs die Republikanische Partei. Zwei Jahre später trat die Partei mit dem Kandidaten John C. Frémont (1813–1890) bei den Präsidentschaftswahlen an und gewann elf von 16 Staaten im Norden.
Mitte der 1850er Jahre waren weitere Parteien wie die American Party und die Free Soilers im Repräsentantenhaus vertreten. Entsprechend schwierig gestaltete sich dort die politische Willensbildung. Bei der Wahl zum Sprecher für das Repräsentantenhaus für den 34. Kongress (1855–1857) setzte sich der Abgeordnete Nathaniel Banks (1816–1894) von der American Party erst nach Wochen im 133.Wahlgang durch.
In dieser Zeit meldeten sich auch Publizisten und Schriftsteller immer häufiger mit sklavereikritischen Beiträgen zu Wort. Am 5. Juli 1852 hielt Frederick Douglass, ein ehemaliger Sklave und führender Abolitionist seiner Zeit, in Rochester eine Rede, in der er das moralische Versagen der US-Gesellschaft in der Sklaverei-Frage anprangerte. Der 4. Juli, auf den die Amerikaner so stolz seien, sei nur der nationale Feiertag der Weißen; für Schwarze sei es ein Tag der Trauer. Alle Freiheitsbekundungen der Unabhängigkeitserklärung erschienen als leere Versprechen und belegten nur die Ungerechtigkeit, der die Schwarzen ausgesetzt seien.
Ein weiteres Kennzeichen der amerikanischen Politik der 1850er Jahre war die wachsende Bereitschaft zu offener Gewaltanwendung auch in höchsten politischen Kreisen. Ende Januar 1856 griff der Abgeordnete Albert Rust (1818–1870), ein Demokrat aus Arkansas, den Sklaverei-Kritiker und Herausgeber der Zeitung „New York Tribune“ Horace Greeley (1818–1872) auf offener Straße an und verletzte ihn am Kopf. Im Mai attackierte der demokratische Abgeordnete Preston Brooks (1819–1857) aus South Carolina den abolitionistischen Senator Charles Sumner (1811–1874) aus Massachusetts, nachdem dieser in einer Rede im Kongress Sklaverei verurteilt hatte. Sumner konnte erst drei Jahre später wieder in den Senat zurückkehren. Der Staat Massachusetts ließ den Senatssitz in der Zwischenzeit zur Erinnerung an die Brutalität der Südstaatler vakant.
John Brown wird mit seiner Attacke zum Märtyrer
Auch Sklaverei-Gegner griffen nun zur Gewalt, um die Schwarzen aus ihrer Knechtschaft zu befreien. Der bekannteste von ihnen war John Brown, der einen göttlichen Auftrag verspürte, die Sklaverei zu beseitigen. 1856 kämpfte er in der Stadt Osawatomie, Kansas, gegen Sklaverei-Befürworter. Im folgenden Jahr war er an einem Massaker am Pottowatomie Creek beteiligt, bei dem fünf sklavereifreundliche Siedler getötet wurden. Im Oktober 1859 überfiel er mit einer Reihe Gleichgesinnter ein Waffenarsenal der Armee in der Stadt Harper’s Ferry in Virginia. Brown glaubte, dass sich die Sklaven der Umgebung erheben und mit den erbeuteten Waffen ihre Freiheit erkämpfen würden. Der Plan scheiterte jedoch auf ganzer Linie. Eine Militäreinheit unter dem Befehl von Oberst Robert E. Lee, dem späteren General der Konföderierten-Armee, beendete die Besetzung des Arsenals mit Gewalt.
Brown wurde verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Seine letzten Worte im Gerichtssaal am 2.November 1859 zeugen davon, dass er bis zuletzt ungebrochen war: „Wenn es nötig ist, dass ich mein Leben dafür gebe, dass der Sache der Gerechtigkeit gedient wird, … so soll dies geschehen.“ Der Schriftsteller Henry Wadsworth Longfellow (1807–1882) schrieb am Tag der Exekution Browns, dass dieser Tag den Beginn einer Revolution markiere. Der Schriftsteller Ralph Waldo Emerson (1803–1882) fügte einige Tage später hinzu, dass der Galgen mit Browns Tod die gleiche Bedeutung erhalte wie das Kreuz Christi.
Der Überfall Browns fand ein enormes mediales Echo. Im Norden, wo er vielen als Märtyrer galt, wurde die Brutalität der Sklavenhaltergesellschaft des Südens verurteilt. Im Süden gab man dem Norden eine Mitschuld am Überfall auf das Waffendepot. Brown sei von Sympathisanten angestachelt und finanziell unterstützt worden und habe nur das ausgeführt, was Politiker wie William H. Seward in ihren Reden gepredigt hatten, so Senator James Chesnut (1815–1885) aus South Carolina. Der spätere Präsident der Konföderierten Staaten, Jefferson Davis, schrieb, dass es nach Browns Überfall keine Möglichkeit mehr zu einer Übereinkunft mit dem Norden gebe: „Es gibt keinen Standpunkt mehr, von dem ein Kompromiss ausgehen könnte“.
Nichts verdeutlichte die Spaltung des Landes so nachdrücklich wie Abraham Lincolns Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im November 1860. Er gewann in allen Nordstaaten, aber nur dort. Der Süden hatte geschlossen gegen ihn votiert. Insgesamt hatte er nicht einmal 40 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten.
Zeitungen des Südens überschlugen sich mit Warnungen vor dem, was nun bevorstehe: Sklaven würden bewaffnet und gegen die Weißen aufgestachelt werden. Für den Süden war es eine bittere Erkenntnis, dass der bevölkerungsreichere Norden von nun an allein die politischen Geschicke des Landes bestimmen konnte. Auch wenn der Sklaverei dadurch kurzfristig keine Gefahr drohte, war jedoch klar, dass die Zeit südstaatlicher politischer Vormacht vorüber war. In Zukunft konnten wichtige Entscheidungen ohne Zustimmung und sogar gegen den ausdrücklichen Willen der Südstaaten getroffen werden.
South Carolina reagierte unmittelbar auf die neue Lage mit der Loslösung aus der Union. Am 20.Dezember beschloss eine speziell einberufene Versammlung einmütig, dass der Staat nicht länger Teil der amerikanischen Union sei. Stattdessen wurde mit einer an die Unabhängigkeitserklärung von 1776 erinnernden Erklärung die Independent Republic of South Carolina ausgerufen: „Wir, die Bürger von South Carolina, appellieren an den obersten Richter dieser Welt, die Rechtschaffenheit unserer Absichten anzuerkennen, und erklären die Union, die zwischen diesem Staat und den anderen Staaten von Nordamerika existiert hat, für aufgelöst.“
South Carolina rechtfertigte sein Vorgehen mit einem inhaltlichen und einem formalen Argument. Inhaltlich wurde argumentiert, dass die amerikanische Verfassung von 1791 eine Regierung mit klar definierten und begrenzten Rechten geschaffen habe. Mit ihrer Kritik an der Sklaverei hätten Politiker des Nordens die Rechtsetzungsansprüche des Bundes in unzulässiger Weise ausgedehnt und damit in die inneren Angelegenheiten der Südstaaten eingegriffen. Formal wurde die Teilung damit gerechtfertigt, dass die Union ein freiwilliger Zusammenschluss souveräner Staaten sei (compact theory of the Union). Als Folge des Unabhängigkeitskrieges gegen Großbritannien seien aus den englischen Kolonien souveräne Staaten entstanden, die ihren Staatscharakter nie verloren, sondern nur bis zum Widerruf an die Zentralregierung delegiert hätten.
Bei genauerer Betrachtung der Sezessionsdokumente wird jedoch deutlich, dass alle Hinweise auf vermeintliche Verletzungen von Rechten der Einzelstaaten nur Hilfskonstruktionen waren, um die Sklaverei beibehalten zu können. Das war nicht nur im Fall von South Carolina so, auch die Sezessionserklärung von Texas etwa kritisierte, dass der Norden die Südstaaten in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung behindern würde, indem die Ausweitung der Sklaverei bis an die Pazifikgrenze verhindert werde. In der Erklärung von Mississippi hieß es: „Wir identifizieren uns vollständig mit der Institution der Sklaverei.“ Mit Sklavenarbeit werde das mit Abstand wichtigste Gut des Welthandels geschaffen. „Wir müssen uns entweder erniedrigen lassen und dem Verlust von Eigentum im Wert von vier Milliarden [Dollar] zustimmen, oder wir müssen uns von der Union lossagen.
Bis Ende Januar 1861 hatten mit Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana und Texas sechs weitere Bundesstaaten ihren Austritt aus der Union erklärt. In vier weiteren Staaten galt die Wahl Lincolns noch nicht als ausreichender Grund für einen derart weitreichenden Schritt. Diese Staaten waren wirtschaftlich stärker mit dem Norden verflochten und sahen Nachteile in einer Abspaltung.
Anfang Februar 1861 trafen sich Delegierte der abtrünnigen Staaten in Montgomery, Alabama, und gründeten die Konföderierten Staaten von Amerika. Sie verabschiedeten eine Verfassung, die sich am Modell der Unionsverfassung orientierte. Sklaverei genoss Verfassungsrang: „Kein … Gesetz, das das Recht auf Besitz an schwarzen Sklaven zurückweist oder beeinträchtigt, soll verabschiedet werden.“ Noch radikalere Vorschläge, etwa nach der Wiederaufnahme des Sklavenimports aus Afrika, wurden jedoch abgelehnt. Die Konföderation stand auch freien Staaten zum Beitritt offen. Sie mussten die Sklaverei nicht annehmen, jedoch anerkennen, dass der Süden das Recht hatte, seine bisherige Lebensweise fortzusetzen.
Zum Präsidenten der Konföderierten Staaten wurde Jefferson Davis (1808–1889) gewählt, der wie Lincoln aus Kentucky stammte. Davis hatte an der Militärakademie von West Point studiert und war Offizier geworden. 1845 wurde er Kongress-Abgeordneter, von 1847 bis 1851 war er Senator und von 1853 bis 1857 Kriegsminister im Kabinett von Präsident Franklin Pierce gewesen. 1857 wurde Davis erneut in den Senat gewählt, trat jedoch von seinem Amt zurück, als der Staat Mississippi aus der Union austrat.
Trennung der „Rassen“ wird zum Staatsziel
Der Vizepräsident der Konföderierten Staaten, Alexander H. Stephens (1812–1883), erklärte in einer programmatischen Rede am 21.März 1861, dass die Verfassung der Vereinigten Staaten auf der falschen Vorstellung der Gleichheit aller Rassen beruhe. Die neue Regierung des Südens vertrete exakt die gegenteilige Auffassung. Der Eckpfeiler des südlichen Staatsverständnisses sei die Vorstellung, dass die Schwarzen den Weißen nicht ebenbürtig seien. Sklaverei, das heißt die Unterordnung der Schwarzen unter die „überlegene“ weiße Rasse, sei der natürliche Zustand. Die neue Regierung der Südstaaten sei die erste in der Weltgeschichte, die auf dieser Wahrheit beruhe.
Nach dem Ausbruch von Kampfhandlungen zwischen Truppen des Nordens und des Südens im Frühjahr 1861 mussten sich die bisher in der Union verbliebenen Sklavenhalterstaaten entscheiden, ob sie Soldaten zur Niederwerfung der Sezession oder zum Kampf für die Eigenständigkeit des Südens stellen würden. Nun stimmten auch Virginia, Arkansas, Tennessee und North Carolina für eine Sezession. Fünf weitere sklavenhaltende Staaten – Maryland, Delaware, Kentucky, Missouri und das neugegründete West Virginia (die Landkreise des nordwestlichen Teils von Virginia, die sich gegen die Sezession ausgesprochen hatten) – traten den Konföderierten nicht bei. Die Plantagenwirtschaft war dort nur eine von mehreren Produktionsformen, und die Wirtschaftsbeziehungen zum Norden waren enger als die zum Süden.
Einen Monat nach der Gründung der Konföderierten Staaten trat Abraham Lincoln sein Amt als Präsident an. In seiner Rede zur Amtsübernahme äußerte er sich sehr zurückhaltend zum Sklaverei-Problem. Sein Interesse galt einzig und allein der Frage der Einheit der Union. Er nannte die Sezession „rechtlich ungültig“ (legally void) und erklärte, dass die Union unauflöslich sei. Dann sprach er offen über die Gefahr eines Bürgerkrieges. Sollte es dazu kommen, trügen die Bürger der Südstaaten die Verantwortung: „In euren Händen, meine unzufriedenen Landsleute, und nicht in meinen liegt die bedeutende Frage des Bürgerkrieges. Die Regierung wird euch nicht angreifen. Ihr werdet keinen Konflikt haben, ohne selbst der Aggressor zu sein.“ Zum Abschluss der Rede beschwor Lincoln die Südstaaten noch einmal, ihre Entscheidung rückgängig zu machen: „Wir sind keine Feinde, sondern Freunde. Wir sollten keine Feinde sein.“
Die Südstaaten gingen auf Lincolns flehentliche Beteuerungen nicht ein und bemächtigten sich stattdessen zu Beginn des Jahres 1861 aller in ihren Staaten gelegenen Regierungseinrichtungen, einschließlich der militärischen Festungsanlagen und Waffenarsenale. Lincoln machte deutlich, dass es nur eine einzige rechtmäßige Regierung gab und dass er diesen Anspruch nicht nur in Reden beschwören, sondern auch durch Taten unter Beweis stellen werde. Wenn er akzeptieren würde, dass Unionssoldaten die Festungen im Süden räumten, hieße das, den Anspruch auf nationale Einheit aufzugeben.
Der Präsident erklärte deshalb, dass die Bundesregierung auch weiterhin Einfuhrzölle in allen Häfen des Landes erheben werde. Wenn der Süden dies verweigere, sei ein Konflikt unausweichlich. Lincoln kündigte außerdem an, dass die noch verbliebenen Forts der Union im Süden mit Lebensmitteln versorgt und militärisch verteidigt werden sollten. Er hoffe allerdings, dass es zu keinem unmittelbaren Konflikt um diese Festungsanlagen kommen werde.
Die Südstaaten argumentierten analog. Wenn man sich für souverän hielt, konnte man keine fremden militärischen Einrichtungen auf dem eigenen Staatsgebiet dulden. Die Regierung von Präsident Davis erklärte deshalb, dass eine Belieferung der Festungen mit Munition und Lebensmitteln als feindlicher Akt aufgefasst würde.
Zur Krise kam es einen Monat nach Lincolns Amtsübernahme. Major Robert Anderson, der Kommandant von Fort Sumter, einer Festungsanlage im Hafen von Charleston, South Carolina, teilte dem Präsidenten mit, dass seine Vorräte zur Neige gingen. Das Fort müsse versorgt oder die dort stationierten Soldaten müssten evakuiert werden. Lincoln beriet über diese Frage Mitte März mit seinem Kabinett. Die meisten Regierungsmitglieder wollten das Fort aufgeben, um eine militärische Konfrontation mit dem Süden zu vermeiden. Generalstabschef Winfield Scott warnte, dass eine direkte militärische Konfrontation für den Norden einstweilen nicht zu gewinnen sei. Dazu bräuchte man 5000 Soldaten. Diese ständen jedoch nicht zur Verfügung.
Lincoln wollte das Fort auf keinen Fall aufgeben und entsandte ein Schiff, um Proviant zu liefern. Am 6.April 1861 informierte er den Gouverneur von South Carolina, Francis W. Pickens (1805/1807–1869), dass ein unbewaffnetes Versorgungsschiff auf dem Weg nach Charleston sei. Historiker bewerten dies als genialen Schachzug Lincolns. Indem er ankündigte, dass ein unbewaffnetes Schiff unterwegs sei, zwang er den Süden, den nächsten Schritt zu unternehmen. Hätte der Süden nicht reagiert, wäre die rechtliche Position des Nordens gestärkt worden. Wenn der Süden Gewalt anwenden würde, hätte er den ersten Schuss abgegeben und wäre für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gewesen.
Bei Fort Sumter fallen die ersten Schüsse
Am 9. April entschied das Südstaaten-Kabinett unter Leitung von Präsident Davis, dass dem Norden die Versorgung des Forts nicht gestattet werden dürfe. Zwei Tage später forderte der Südstaaten-General Pierre G. T. Beauregard (1818 –1893) den Festungskommandanten Anderson zur Kapitulation auf. Anderson lehnte dies ab. Im Morgengrauen des folgenden Tages begann der Beschuss des Forts, der über 30 Stunden andauerte; am 14.April holte Anderson die Flagge ein und übergab die Festung.
Lincoln reagierte auf diese Ereignisse mit der Feststellung, dass sich der Süden im Aufstand gegen die Regierung befinde. Der Präsident benutzte bewusst den Begriff rebellion, weil es sich für ihn nicht um einen „Krieg“ handelte. Ein Krieg ist die Auseinandersetzung zwischen zwei Staaten. Der Norden sprach dem Süden jedoch die Staatsqualität ab. Da die Sezession rechtlich ungültig war, gab es auch keine Konföderierten Staaten. Die Südstaaten waren dieser Auffassung nach abtrünnige Provinzen. Der Krieg wird deshalb als Bürgerkrieg bezeichnet. Der Süden, der seine Abspaltung für rechtens und für vollzogen erachtete, sprach hingegen von einem Krieg zwischen Staaten, „the war between the states“.
Ohne die offene Gewaltanwendung der Südstaaten auf Fort Sumter im April 1861 hätte Lincoln nur schwer eine breite Unterstützung im Kongress und in der Bevölkerung für ein militärisches Vorgehen gegen die Konföderierten erhalten. In den ersten Monaten des Jahres 1861 gab es keine Kriegsbegeisterung im Norden. Der britische Journalist William Howard Russell (1827–1907), der in dieser Zeit Amerika bereiste, notierte einen Monat vor dem Beschuss von Fort Sumter, dass der frühere Gouverneur von New York, Horatio Seymour, ihm gesagt habe, dass die Regierung in Washington nicht militärisch gegen die Sezession vorgehen könne, weil dies verfassungsrechtlich unzulässig sei und die Bevölkerung dies nicht wolle. Erst der Angriff auf Fort Sumter führte in den Nordstaaten zu einem engen Schulterschluss und zu einer emotionalen Reaktion.
Das „Markesan Journal“ aus Wisconsin schrieb am 15.April, dass jedermann, der das Land liebe, sich zutiefst schämen müsse, dass ein paar Rebellen und Verräter die Armee dazu gezwungen hätten, das Fort aufzugeben. Vier Tage später forderte die Zeitung die Männer der Stadt dazu auf, sich zum Militärdienst zu melden. Die „New York World“ schrieb am 19.April, dass „patriotische Hingabe“ das vorherrschende Gefühl sei. Es gebe endlich einen „vereinten Norden“, so die Zeitung. Die „New York Times“ erschien am 21.April mit den Überschriften „Union Forever – Riesige Demonstration in der Stadt – Die gesamte Bevölkerung ist auf den Straßen – Mehr als einhunderttausend Menschen am Union Square – Die Metropole glänzt mit Bannern und Fahnen.“
Der Journalist Russell, der auch den Süden bereiste, erlebte in South Carolina eine ähnliche Stimmung wie im Norden und schrieb: „Die allgemeine Verachtung und der Ekel für die ehrwürdigen Stars and Stripes, der Abscheu für die Worte Vereinigte Staaten, der immense Hass auf die Yankees von diesen Menschen ist für jeden unvorstellbar, der es nicht selbst miterlebt hat.“ Die Zeitung „Richmond Dispatch“ erklärte am 15.April, dass die Nachrichten von der Einnahme von Fort Sumter in der Hauptstadt von Virginia unbeschreibliche Freude ausgelöst hätten: „Über nichts anderes als den großen Triumph der heldenhaften Truppen der ehrenhaften südstaatlichen Konföderation wurde gesprochen, denen es gelungen sei, eine der akuten Bedrohungen des Affen aus Illinois gegen die Wahrnehmung der südstaatlichen Rechte und der Gleichberechtigung zu beseitigen.“
Nachdem der Staat Virginia aus der Union ausgetreten war, versammelte sich in der Hauptstadt Richmond eine große Menschenmenge, die mit ansah, wie die amerikanische Flagge vom State House entfernt und durch die Fahne der Südstaaten ersetzt wurde. Ein Student der University of Virginia schrieb am 17.April in sein Tagebuch: „Heute wird nicht gelernt. Die Neuigkeiten über Virginias Abspaltung kamen hier um 10 Uhr an und wurden von Hurrarufen begleitet. … ,Krieg!‘ ,Krieg!‘ ,Krieg!‘“ Aus Nashville schrieb ein junger Rekrut: „Über nichts anderes wird gesprochen als Krieg, Krieg.“ Er erwartete, dass der Konflikt nicht lange dauern werde, „weil der Abschaum des Nordens dem ritterlichen Geist des Südens nicht die Stirn bieten kann.“
Als die Nachrichten von der Beschießung von Fort Sumter und der Kapitulation von Major Anderson am 14.April im Weißen Haus eintrafen, versammelte Lincoln sein Kabinett und seine Militärberater um sich. An diesem Tag wurde die Entscheidung getroffen, den Konflikt als Rebellion zu bekämpfen. Lincoln orientierte sich dabei am Beispiel der Niederschlagung eines Aufstandes Ende des 18. Jahrhunderts. Im Sommer 1794 stand Präsident George Washington einer Rebellion von Farmern in Pennsylvania gegenüber, die eine Erhöhung der Steuern auf Whiskey abgelehnt und Steuereinnehmer mit Gewalt an der Ausübung ihrer Tätigkeit gehindert hatten. Washington war damals mit Milizsoldaten gegen die Rebellen vorgegangen.
Nach dieser „Whiskey-Rebellion“ hatte der Kongress den „Militia Act“ verabschiedet, der dem Präsidenten die Einberufung der Miliz für die Dauer von 90 Tage gestattete, wenn Gesetze des Bundes in einer bestimmten Region des Landes auf andere Weise nicht zur Durchführung gebracht werden konnten. Entsprechend rief Lincoln in einer Proklamation am 15.April zur Niederschlagung der Rebellion auf und ordnete die Aufstellung eines Milizverbandes im Umfang von 75000 Mann für 90 Tage an. Der Kongress wurde erst zum 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, zu einer Sondersitzung einberufen, um die finanziellen Mittel zur Führung des Krieges zu bewilligen und eine Erhöhung der Zahl der regulären Soldaten zu beschließen.
Kritiker haben dem Präsidenten vorgeworfen, dass er den Konflikt in den ersten Wochen ohne Beteiligung des Kongresses quasi diktatorisch geführt habe. Nichts habe ihn daran gehindert, den Kongress bereits früher einzuberufen. Zweifelsfrei steht nur dem Kongress das Recht zu, den Kriegszustand auszurufen und die Zahl der regulären Soldaten zu erhöhen. Aber es stand auch außer Frage, dass der Präsident gemäß der Bestimmung des „Militia Acts“ das Recht hatte, Milizen einzuberufen und den Aufstand niederzuschlagen. In diesem Sinn nutzte Lincoln nur seinen politischen und verfassungsrechtlichen Spielraum aus.
Auch über die Zahl von (nur) 75000 einberufenen Milizsoldaten ist unter Historikern debattiert worden. Vor dem Hintergrund der drei Millionen Mann, die später auf beiden Seiten im Bürgerkrieg kämpften, muss die Zahl als sehr gering angesehen werden. Lincoln hat die Zahl der zur Niederschlagung der Rebellion notwendigen Truppen vermutlich unterschätzt und mit einem recht kurzen Konflikt gerechnet. Eine solchermaßen begrenzte erste Einberufung mag jedoch auch pragmatische Gründe gehabt haben. Im Vergleich zur Größe der damaligen regulären Armee von weniger als 20000 Mann stellte die Einberufung von 75 000 weiteren Milizionären eine Vervielfachung der bisherigen Truppenstärke dar. Hätten kurzfristig überhaupt mehr als 75000 geeignete junge Männer zur Verfügung gestanden?
Gemischte Reaktionen auf den Ausbruch des Kriegs
Nach der ersten Schlacht am Bull Run am 21. Juli 1861 (siehe Kapitel Seite 51), bei der die Bundestruppen keine gute Figur abgegeben hatten, waren die unmittelbaren Reaktionen im Norden und Süden höchst unterschiedlich. Im Norden sprach man von einem schwarzen Tag. Der Herausgeber der „New York Tribune“, Horace Greeley, forderte eine sofortige Einstellung der Kampfhandlungen: „Wenn es das Beste für das Land und für die Menschheit ist, dass wir mit den Rebellen Frieden schließen, sogar auf ihre Forderungen eingehen, sollten wir davor nicht zurückschrecken.“
Der Kongress sah dies anders und verabschiedete am 22. Juli mit überwältigender Mehrheit von 117 zu zwei Stimmen eine Resolution, die vom Abgeordneten John J. Crittenden aus Kentucky eingebracht worden war. Darin wurde die Fortsetzung des Krieges gefordert. Das Ziel des Konfliktes sei die Wiederherstellung der Union. Weitergehende Ziele wie die Beseitigung der Sklaverei wurden ausdrücklich verworfen: „Dieser Krieg wird weder im Geiste der Unterdrückung geführt, noch mit der Absicht, Rechte und etablierte Institutionen der Staaten [des Südens] zu beseitigen.“
Für einige Abolitionisten wie William Lloyd Garrison (1805 –1879) stellte diese Beschränkung des Kriegsziels auf die Wiederherstellung der Union einstweilen kein Problem dar, weil ein Krieg gegen die Sklavenhalter-Aristokratie des Südens ohnehin Auswirkungen auf die Sklaverei selbst haben würde. Der Abolitionist Frederick Douglass forderte hingegen schon früh, dass der Kampf gegen die Sklaverei explizit betont werden müsse. Er erklärte im Sommer 1861, dass es ein halbherziger Konflikt sei, wenn man gegen Sklavenhalter kämpfe, aber die Sklaverei unangetastet lasse: „Dem Krieg [des Südens] für die Zerstörung der Freiheit muss [der Norden] mit dem Krieg zur Vernichtung der Sklaverei begegnen.“
Die Forderung nach Befreiung der Sklaven war in den ersten Monaten nach Ausbruch des Krieges heikel. Der Süden würde sich in seiner Kritik an Lincoln bestätigt sehen und noch entschlossener kämpfen; die noch in der Union verbliebenen Sklavenhalterstaaten könnten sich den Konföderierten anschließen. Auch im Norden traf die Forderung nach Emanzipation der Sklaven nicht auf ungeteilte Zustimmung. Der Abgeordnete Samuel Cox aus Ohio warnte den Präsidenten, dass Soldaten aus seinem Staat nicht für das Ziel kämpfen würden, dass Millionen Schwarze in den Norden kämen, um den Arbeitern dort die Arbeitsplätze streitig zu machen. Auch Senator Lyman Trumbull aus Illinois warnte den Präsidenten: „Es gibt eine große Aversion dagegen, dass freie Schwarze unter uns leben sollen. Unsere Leute wollen mit den Schwarzen nichts zu tun haben.“
Die Konföderierten feierten den Sieg am Bull Run hingegen überschwänglich und erklärten, dass der Konflikt nun recht bald erfolgreich beendet werden könne. Zeitungen sahen sich in ihren Vorurteilen gegenüber den Yankees als inneffektive Kämpfer bestärkt. Gleichzeitig wurde Lincoln vorgeworfen, für den Tod der dort gefallenen Soldaten verantwortlich zu sein: „Der Mörder dieser Menschen ist Abraham Lincoln“, so der „Richmond Enquirer“ am 25. Juli 1861.
Übrigens ist die genaue Herkunft des Begriffs „Yankee“, der sich im Verlauf des Konflikts als Spitzname für die Nordstaatler durchsetzte, nicht eindeutig geklärt. Erstmals aufgetaucht ist er bereits im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783), damals wurden noch alle abtrünnigen Kolonisten von den Briten so bezeichnet. Sprachlich könnte Yankee auf „Jan Kaas“ zurückgehen; mit diesem Spottnamen bedachte man niederländische Siedler in Nordamerika.
Der frühe Erfolg in der Schlacht am Bull Run bestärkte den Süden in einer trügerischen Vorstellung, dem Norden überlegen zu sein. Zu den wenigen Südstaatlern, die dies erkannten, gehörte Mary Chesnut (1823–1886), die Frau von Senator James Chesnut(1815–1885) aus South Carolina, der im Bürgerkrieg als General und Berater von Präsident Davis tätig war. Mary Chesnut führte in den Kriegsjahren ein ausführliches Tagebuch und notierte unter dem Datum des 27. Juli 1861, dass der Erfolg vom Bull Run den Niedergang des Südens eingeläutet habe. Der Sieg habe den Süden zur Illusion einer überlegenen Tapferkeit verleitet und zu einem „Paradies der Narren“ („fool’s paradise“) gemacht. In Wirklichkeit jedoch sei damit nur der Kampfeswillen des Nordens angestachelt worden. Bull Run sei „genau die Philippika“ gewesen, die der Norden gebraucht hatte. Also ein Aufruf zum Krieg, wie dies einst der Athener Demosthenes in seinen Reden gegen den Makedonen Philipp II. getan hatte.
Warum kommt es 1860/61 nicht zum Kompromiss?
85 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der englischen Kolonien stand das Experiment der amerikanischen Republik vor dem Scheitern. Armeen des Nordens und des Südens schossen aufeinander. Die Sklaverei – genauer gesagt der Machtkampf zwischen freien und sklavenhaltenden Staaten über die Deutungshoheit darüber, wofür Amerika politisch, philosophisch und wirtschaftlich stand – hatte das Land gespalten. Warum gelang 1860/61 nicht noch einmal, was beim Verfassungskonvent 1787 und in den Jahren 1820 und 1850 gelungen war? Warum konnten Gegensätze zwischen Nord und Süd nicht noch einmal durch Kompromisse beigelegt werden?
Die Antwort liegt in einer grundlegenden Änderung der Machtverhältnisse zwischen Nord und Süd im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Der Süden war seit Gründung des Landes an eine herausgehobene Position gewöhnt. 1850 hatte Senator Calhoun angesichts der abnehmenden Bedeutung des Südens ein Gleichgewicht zwischen dem Süden und dem Rest des Landes gefordert. Diesen Anspruch konnte der Süden zehn Jahre später nicht mehr durchsetzen. Der Norden befand sich demographisch und wirtschaftlich auf einem wesentlich dynamischeren Kurs.
Nicht aus einer Position der Stärke heraus, sondern in Kenntnis der eigenen Schwäche und um die archaische Wirtschaftsform der Sklaverei langfristig bewahren zu können, erklärte der Süden die Sezession. Hätte Lincoln auf die Sezessionsbeschlüsse anders reagieren können? Was war eine Union wert, die mit Gewalt zusammengehalten werden musste? Lincoln ging von der Fiktion aus, dass nicht „der Süden“, sondern eine
kleine Gruppe von Abtrünnigen innerhalb der Südstaaten für die Sezession verantwortlich sei. Er war
dem Süden entgegengekommen und hatte der Sklaverei wiederholt eine Bestandsgarantie gegeben. Aber es
gab kein Recht auf Loslösung von der Union.
Die USA waren für Lincoln mehr als ein bloßer Zusammenschluss von Staaten, sondern das Land, das der Demokratie in der Neuzeit zum endgültigen Durchbruch verholfen hatte. Die Sezession anzuerkennen war gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass Demokratien nicht in der Lage seien, Probleme ihrer Sozialordnung friedlich zu lösen. Das kam für ihn nicht in Frage.
Autor: Prof. Dr. Georg Schild
geb. 1961, lehrt Nordamerikanische Geschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen.
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