Simone de Beauvoir schrieb preisgekrönte Romane und philosophische Essays, politische Kommentare, Reiseberichte und eine Autobiographie. Berühmt aber wurde sie nicht nur dadurch, sondern vor allem durch ihre sehr besondere Beziehung zu dem Philosophen Jean-Paul Sartre. Sie und Sartre galten vielen Zeitgenossen als das paradigmatische Liebespaar des 20. Jahrhunderts, das in einem „Liebespakt“ eine freie, gleichberechtigte Beziehung führen wollte.
Die enge Verbindung zu Sartre ist es jedoch auch, die den Blick verstellt, so Kate Kirkpatrick in ihrer glänzenden Biographie. Immer wieder galt de Beauvoir als bloße Gefährtin Sartres, die dessen geniale Philosophie lediglich popularisiert habe. Dass die Schriftstellerin dieser Sicht durch eigene Äußerungen selbst Vorschub leistete, macht die Sache nicht einfacher. Andere sahen sie dagegen als Opfer Sartres und von dessen Unentschiedenheit. Wie dem auch sei – angegriffen wurde sie heftig, denn mit ihrem Leben wie mit ihren Texten stellte sie die herrschenden Geschlechterhierarchien massiv in Frage.
In Kirkpatricks lebhaft geschriebenem Buch tritt Simone de Beauvoir aus dem Schatten Sartres. Gestützt auf Tagebücher und Briefe, die erst in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, entwirft die in Oxford lehrende Philosophin ein facettenreiches Bild ihrer Protagonistin, indem sie fragt: Wer war Simone de Beauvoir? Wie wurde sie zu dem, was sie war?
Ihr Leben jedenfalls war voller Umbrüche und Abenteuer. Wir sehen die rebellische „Tochter aus gutem Hause“ als Philosophie-Lehrerin, als Mitglied einer Widerstandsgruppe gegen die Nazis und im berühmten Pariser „Café de Flore“ inmitten anderer Intellektueller wie Albert Camus, wir erleben ihre Reisen rund um den Globus, ihre politischen Aktivitäten, ihre leidenschaftlichen Beziehungen zu Frauen wie Männern und schließlich ihre letzten Jahre bis zu ihrem Tod 1986. Bemerkenswert ist zudem, wie es Kirkpatrick gelingt, Simone de Beauvoir als durchaus eigenständige Philosophin zu charakterisieren, für die Lieben, Leben, Schreiben und Denken stets eins war.
Rezension: Dr. Heike Talkenberger
Kate Kirkpatrick
Simone de Beauvoir
Ein modernes Leben
Piper Verlag, München 2020, 523 Seiten, € 25,–





