Als die Radiostationen in Saigon am Morgen des 29. April 1975 überraschend das Lied „White Christmas“ spielten, wussten viele Hörer, was dies bedeutete: den Beginn der Operation „Frequent Wind“ – der Evakuierung der südvietnamesischen Hauptstadt. Piloten der U. S. Air Force und des Marine Corps flogen in den nächsten Stunden 1373 Amerikaner und 5595 Vietnamesen, deren Leben als akut gefährdet („at-risk“) eingestuft wurde, per Helikopter auf Schiffe vor der Küste aus.
In weiteren Operationen wurden per Flugzeug und Schiff darüber hinaus Zehntausende Menschen außer Landes gebracht, größtenteils ehemalige Angestellte der US-Armee und ihre Familien. Wesentlich mehr Südvietnamesen – Beamte, Soldaten, buddhistische Mönche, katholische Nonnen, Intellektuelle und Unternehmer, aber auch einfache Arbeiter, Bauern, Fischer und ihre Familien – verließen das Land auf eigene Faust auf dem See- oder Landweg.
Parallel zu den Ereignissen in Vietnam eroberten die Roten Khmer am 17. April Phnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas. Als am 24. August desselben Jahres auch in Laos ein kommunistisches Regime errichtet wurde, war das Chaos perfekt. Eine riesige Fluchtlawine war ins Rollen geraten. Mehr als drei Millionen Menschen verließen in den folgenden Jahren Südostasien.
Seit 1946 hatte der Krieg in Vietnam getobt. Seit 1959 operierten nordvietnamesische Truppen in Laos, und von Mitte der 1960er an waren alle Kriegsparteien in Kambodscha aktiv. Mit der Intensität der Kampfhandlungen stieg die Zahl derer, die ihre Heimat verließen. Mit jedem Kriegsjahr wurden es mehr.
Im Oktober 1974 eröffnete das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR), zu jener Zeit eine Organisation mit wenigen hundert Angestellten, in Anbetracht Hunderttausender „Displaced Persons“ in ganz Südostasien – also von Zivilisten, die kriegsbedingt ihre Heimat verlassen hatten – ein Büro in der laotischen Hauptstadt Vientiane. Einen Monat später folgte eine Zweigstelle in Hanoi in Nordvietnam. Mit der Geschwindigkeit der politischen Entwicklungen im Folgejahr waren die wenigen Mitarbeiter gleichwohl überfordert.
Am 4. Mai 1975, weniger als eine Woche nach dem Ende der Kampfhandlungen in Vietnam, lief das dänische Containerschiff „Clara Maersk“ im Hafen von Hongkong ein. An Bord: 3743 schiffbrüchige Vietnamesen, die der Frachter aus dem Südchinesischen Meer gefischt hatte. Am selben Tag landeten 47 Menschen auf der malaiischen Insel Pulau Perhentian. Bald darauf trafen Boote voller Flüchtlinge in Singapur, in Indonesien und auf den Philippinen ein.





