von WINFRIED DOLDERER
Sohlen, Sandalen, Kinderschühchen, von 2000-jähriger Patina geschwärzt, zwei Vitrinen voll. Drei Dutzend mögen es schon sein, die hier liegen, unterschiedliche Größen, unterschiedliche Erhaltungszustände, und das sind längst nicht alle. Das Magazin birgt noch bis zu 800 weitere, mehr oder weniger ramponiert. „Wir haben“, sagt Anna Langgartner, „wahrscheinlich die größte römische Schuhsammlung der Welt.“
Würde man das hier vermuten? Inmitten von Buchenwäldern, gut sieben Kilometer vor Bad Homburg? Es ist ein Idyll. Und doch auch ein Ort zum Staunen: Die Saalburg ist das am weitesten wiederaufgebaute Grenzkastell nicht nur am obergermanisch-rätischen Limes in Deutschland, sondern auf dem gesamten Gebiet des einstigen Römischen Reiches. Das Museum, das die Archäologin und Kunsthistorikerin Langgartner als Digitalkuratorin betreut, beherbergt eine der weltweit größten Kollektionen nachgebauter antiker Geschütze, Katapulte, Ballisten, manche älter als ein Jahrhundert, aber funktionstüchtig.
Die reiche Hinterlassenschaft römischen Schuhwerks verdankt sich speziellen Konservierungsbedingungen. Viele Objekte wurden aus den mehr als 100 Brunnenschächten geborgen, die sich auf dem Gelände fanden. Dort unten in feuchter Tiefe unter Luftabschluss hält sich organisches Material, Leder, Textilfetzen, auch Holz. So sind in den Ausstellungsräumen intakte Wagenräder aus der Römerzeit zu sehen, Holzeimer, Fässer.
Gut eineinhalb Jahrhunderte lang hielt eine Kohorte, 500 Mann aus der zwischen Donau und Alpen gelegenen Provinz Rätien, auf der Saalburg die Wacht am Limes. Dann zogen sich um das Jahr 260 die Römer auf die linke Rheinseite zurück. Das einstige Kastell lag verlassen im Wald, diente als Steinbruch, erfuhr ansonsten wenig Beachtung. Von einem Ort namens Saalburg war erstmals 1613 die Rede. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Gemäuer Gegenstand gelehrten Interesses, doch erst um 1820 versuchten die Landgrafen von Hessen-Homburg, auf deren winzigem Staatsgebiet die Ruinenstätte damals lag, dem Steinraub Einhalt zu gebieten.
Nach dem Krieg von 1866 fiel das einstige Hessen-Homburg an Preußen, und das Homburger Schloss wurde eine bevorzugte Sommerresidenz der Hohenzollern. Hier begeisterte sich der damalige Kronprinz Wilhelm bei Besuchen der Ausgrabungen für die Archäologie. Als Kaiser (seit 1888) machte Wilhelm die Saalburg zu seinem persönlichen Projekt. Im Oktober des Jahres 1897 verkündete er seinen Entschluss, das Kastell wieder aufzubauen. Bei der Grundsteinlegung drei Jahre später erklärte er, er denke dabei insbesondere an die deutsche Jugend, „die hier in dem neu erstehenden Museum lernen möge, was ein Weltreich bedeutet“.





