Kinder werden auf vielfältige Weise zu Opfern im Krieg
Was bislang weniger untersucht wurde, war die Bedeutung, die Kindern in diesen frühneuzeitlichen Kriegen zukam. Kinder, auch das bringt sie in eine Kontinuität zur Gegenwart, wurden auf vielfältige Weise zu Opfern im Krieg: als Soldatenjungen, die einem erwachsenen Soldaten dienten, als Opfer von Krankheiten oder Gewalt, als Kinder, die in Gefangenschaft gerieten. Diesen wird in der jüngeren Forschung größere Aufmerksamkeit zuteil.
Frühneuzeitliche Kriege fanden im Tross statt, Frauen und Kinder gehörten dazu, die eigenen, aber auch viele mehr: Waisenkinder, Kinder, die ausgeschickt wurden, sich zu verdingen, um zu Hause als Esser wegzufallen und vielleicht sogar eine Ausbildung zu bekommen. Kinder wurden in frühneuzeitlichen Kriegen ebenso gefangen genommen wie Soldaten, andere Männer und Frauen. Und hier stellt sich die Frage, warum insbesondere Kinder als wertvolle Kriegsgefangene galten. Zum Beispiel Gottlieb. Gottlieb wurde 1686 in der Stadtkirche zu Oels in Schlesien getauft. Von dieser Taufe existiert eine opulente Taufpredigt, verfasst vom Pastor Benjamin Textor, der diese Taufe, die groß und mit außerordentlich vielen Taufpatinnen und Taufpaten gefeiert wurde, durchführte.
Doch wer war Gottlieb? Auf dem Titelblatt der Predigt wird Gottlieb als ein „heidnisches Kind“ bezeichnet, welches von einer „türkischen Sclavin“ der Fürstin Eleonora Charlotte „verehret“ worden sei. Beim Lesen der Schrift wird deutlich, dass Gottliebs Mutter, die „Sclavin Mera“, 1685 im Zuge der militärischen Auseinandersetzung zwischen dem Osmanischen und dem Heiligen Römischen Reich in der aufgrund ihrer Härte berühmt gewordenen Schlacht um Neuhäusel in Gefangenschaft genommen worden war. Männer, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, wurden häufig zum Freikauf angeboten – eine Vorgehensweise, die ein einträgliches Geschäft darstellte und in der Forschung auch unter dem Stichwort Menschenhandel diskutiert wird.
Gottlieb war zum Zeitpunkt der Gefangennahme seiner Mutter noch gar nicht geboren, doch war seine Mutter sichtbar schwanger. Zudem hatte sie bereits ein kleines Kind bei sich. Dieses Kind wird in der Predigt nur einmal erwähnt und scheint es nicht bis an den Hof der Eleonora Charlotte, Herzogin zu Württemberg Teck und Chastillon, Gräfin zu Montpelgard und Collygni, Frau zu Heidenheim, Sternberg, Medzibor und Festenberg geschafft zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde es weiterverkauft, denn je jünger die gefangen genommenen Kinder waren, desto wertvoller waren sie in den Augen derjenigen, die sie verkauften oder, wie im Fall von Gottlieb, verschenkten.





