Erinnern Sie sich noch, wann Sie zum ersten Mal von Ascher gehört haben?
Gerhard Henschel: Im Oktober 1989 veröffentlichte der Schriftsteller Peter Hacks in der Zeitschrift „konkret“ einen Aufsatz über den sogenannten Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, der im frühen 19. Jahrhundert in wüster Form die Deutschtümelei betrieben hatte. Für Jahn war selbst der Französischunterricht für deutsche Mädchen eine Erziehung zur „Hurerei“. In diesem Aufsatz ging Hacks auch auf Ascher ein, der Jahns Vernunfthass, Franzosenhass und Judenhass entgegengetreten war.
Was hat Sie an Ascher beeindruckt?
Seine Klarsicht und seine Angriffslust. 1793 billigte der Philosoph Johann Gottlieb Fichte den Juden zwar Menschenrechte zu, nicht aber Bürgerrechte. Dies wäre nach Fichtes Ansicht nur dann möglich, wenn man ihnen, wie er schrieb, in einer Nacht allen die Köpfe abschneiden und andere aufsetzen könnte, „in denen auch nicht eine jüdische Idee sei“. Daraufhin veröffentlichte Ascher eine Polemik gegen Fichte und beschrieb darin mit erstaunlicher Genauigkeit, wie sich die althergebrachte Judenfeindschaft damals verwandelte und radikalisierte. Hätten die Juden bislang politische und religiöse Gegner gehabt, seien es jetzt moralische Gegner. Es war unerhört, dass ein Jude es wagte, sich so kühn in die öffentliche Debatte einzumischen. Wägt man die Argumente heute gegeneinander ab, kann man nur zu dem Schluss gelangen, dass Fichte ein reaktionärer Wirrkopf war und Ascher ein grundvernünftiger Vertreter der Aufklärung.
Sollten wir uns heute wieder vertieft mit ihm beschäftigen?
Die Deutschtümelei lebt ja aktuell mächtig auf, und für Juden ist es in Deutschland mancherorts lebensgefährlich, sich in der Öffentlichkeit mit einer Kippa zu zeigen. Ich habe keinen Einfluss darauf, was in den Schulen gelesen wird, aber Saul Aschers Streitschrift „Die Germanomanie“ von 1815 ist noch immer aktuell.
Worum geht es darin?
Während der Befreiungskriege gegen die Franzosen erblühte in allen deutschen Provinzen ein wütender Nationalstolz, der keine historische Grundlage besaß. Man musste bis zu Hermann dem Cherusker und den alten Germanen zurückgehen, um etwas Würdiges aus der Besenkammer herausholen zu können. Über diese „Germanomanie“ machte Ascher sich lustig. Er goss seinen Spott über ihre Propheten aus.





