Venedig: Kolonialmacht in der Levante - wissenschaft.de | DAMALS
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Kolonialmacht in der Levante
Während das Byzantinische Reich im späten Mittelalter zerfiel, baute Venedig sein Kolonialreich im östlichen Mittelmeer weiter aus. Auch auf dem Festland dehnte die Handelsmetropole ihren Einflussbereich aus. Einzelne Händler der Republik schafften es in dieser Zeit bis nach Ostasien.
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von ROMEDIO SCHMITZ-ESSER
Als er im Kerker von Genua weilte, erzählte er alle diese Dinge dem Herrn Rustichello von Pisa, der im selben Kerker weilte, zu der Zeit, als man das Jahr 1298 nach der Geburt Jesu Christi zählte.“ Es ist wohl mehr als ein ironischer Zufall der Geschichte, dass das Werk des wohl berühmtesten Venezianers seine Entstehung nicht nur der geschäftigen, global ausgerichteten Umtriebigkeit seines Autors, sondern mindestens ebenso einem harten Schicksalsschlag und der unerbittlichen Konkurrenz zwischen Venedig und Genua verdankte.
Nach Jahrzehnten aus China heimgekehrt, war Marco Polo (1254–1324) in einem der zahlreichen Scharmützel zwischen seiner Heimatstadt und der verfeindeten ligurischen Metropole gefangen genommen worden. In einem genuesischen Gefängnis lernte er 1298/99 den mitgefangenen Romanschriftsteller Rustichello da Pisa kennen, der Polos Reiseerfahrungen sogleich gekonnt zu einem Bestseller formte.
Als Verknüpfung von fast schon romanhaftem Aufstieg und harten politischen Rückschlägen verlief in dieser Zeit des ausgehenden Mittelalters auch die Entwicklung der Markusstadt hin zur dominierenden Seemacht im östlichen Mittelmeerraum. Der prosperierenden Handelstätigkeit der Venezianer standen im 14. und 15. Jahrhundert harte politische Konflikte gegenüber, die nicht selten den Bestand der Republik grundsätzlich in Frage stellten.
Das Spätmittelalter wird oft als Glanzzeit der Großmacht Venedigs betitelt, doch eine ruhige Phase war es für die Stadt und die sie umgebende Welt ganz sicher nicht.
Dauerrivalität mit der ligurischen Handelsmetropole Genua
Der Konflikt mit Genua, dem wir Marco Polos Reisebericht verdanken, flackerte immer wieder auf. Der Frieden von Mailand vom Mai 1298, in dessen Folge auch Marco Polo freigekommen war, stellte weder den ersten Friedensschluss dieser Art dar, noch hielt er lange.
Schon 1256 waren die beiden Seestädte über die Kirche St.Saba in Akkon (im heutigen Israel) in Streit geraten. Die Hafenstadt war damals ein zentraler Stützpunkt im Handel mit den in Auflösung begriffenen Kreuzfahrerstaaten gewesen. Über 100 Jahre später beendete 1381 der Frieden von Turin einen erneuten Krieg, in dem die Genuesen sogar das unmittelbar an der Lagune gelegene Chioggia eingenommen hatten. Venedig schien in dieser Situation militärisch bereits am Boden zu liegen, doch eine letzte Kraftanstrengung brachte letztlich den Sieg gegen Genua.
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Die Rolle der Seestadt in der Adria war damit gewahrt worden, ihr weiterer Aufstieg im 15. Jahrhundert konnte seinen Lauf nehmen. Mit Stolz erinnerte man sich noch zwei Jahrhunderte später an die Rückkehr des Dogen Andrea Contarini (1368–1382) vom Kriegsgeschehen in Chioggia, wie es das aus der Werkstatt Paolo Veroneses stammende, monumentale Bild im Saal des Großen Rates im Dogenpalast eindrucksvoll belegt.
Schon die Zeitgenossen fragten sich, warum Venedig in dieser langen Auseinandersetzung gegen Genua erfolgreich war. Sehr anschaulich formulierte das ein genuesischer Prediger während des Chioggia-Kriegs, als er seinen Landsleuten schonungslos den Spiegel vorhielt: „Ihr seid wie Esel. Die Natur des Esels ist die Folgende: Wenn viele von ihnen zusammen sind und man schlägt einen mit einem Stock, rennen alle auseinander und fliehen hierhin und dahin, so groß ist ihre Schändlichkeit – und das ist auch eure Natur. Die Venezianer sind gleich Schweinen und werden deshalb ‚venezianische Schweine‘ genannt, und wahrlich haben sie auch die Natur von Schweinen. Denn wenn eine große Anzahl von Schweinen zusammengebracht wird und eines von ihnen wird mit dem Stock geschlagen, dann rücken sie umso enger zusammen und eilen zu dem, das geschlagen wurde – und das ist ihre wahre Natur.“
Franco Sacchetti (um 1330–1400), ein humanistisch gebildeter Florentiner Kaufmannssohn, erzählt uns in seinen Schriften von dieser scharf ermahnenden Predigt. Zwar unterstreicht der Vergleich zu den Schweinen die Abneigung gegenüber den Venezianern – und doch würdigt der Vergleich ihre besondere Fähigkeit, zusammenzustehen und für das Wohl ihrer Republik einzutreten.
Vielleicht liegt hier, in der inneren Struktur und im Verhältnis zum Gemeinwesen, tatsächlich ein wesentlicher Unterschied in der Mentalität zwischen den beiden Seestädten. Noch heute sagt ein venezianisches Sprichwort über den Damm, der seit der österreichischen Herrschaft die Laguneninseln mit dem Festland verbindet: „Wenn der Ponte della Libertà nicht wäre, würde sich der Rest der Welt sehr isoliert vorkommen!“ Gerade die Lage auf Inseln in einer Lagune, auch physisch zwischen Wasser und Meer, stärkte (und stärkt bis heute) die Vorstellung von Gemeinschaft und Eigenheit der Venezianer.
Genua und Venedig verfügten im 13. und 14.Jahrhundert zunächst aber tatsächlich über sehr ähnliche Ausgangsbedingungen. Beide Städte hatten zudem die Konkurrenz anderer italienischer Seestädte – allen voran Pisa – längst abgeschüttelt. Jeweils am nördlichsten Punkt der Riviera bzw. der Adria gelegen, konnten die beiden Hafenstädte die Güter aus dem Fernhandel nahe ans Hinterland liefern: Von Genua aus ließen sich die Lombardei und der Südosten Frankreichs erreichen, von Venedig aus die nördlich der Alpen gelegenen Gebiete des Heiligen Römischen Reichs.
Ihre Interessen überschnitten sich damit aber auch, vor allem im östlichen Mittelmeerraum waren Genua und Venedig stets Konkurrentinnen. Zunächst schien es fast so, als hätten die Genuesen sogar die besseren Karten. Mit ihrer starken Stellung in Konstantinopel und im Schwarzen Meer dominierten sie einen wichtigen, direkten Handelsweg nach Zentralasien.
Erst als die venezianische Flotte unter Carlo Zeno (1333 –1418) 1403 vor dem Hafen von Modon (dem heutigen Methoni im Süden der Peloponnes) erneut gegen die Genuesen siegte, kündigte sich endgültig die Dominanz Venedigs an. Nach den vielen Krisen des zähen 14. Jahrhunderts dominierte die Lagunenstadt nun zur See immer klarer gegenüber Genua.
Indiens Reichtümer finden sich am Rialto wieder
Als Friedrich III. (römisch-deutscher König 1440 – 1493) im Anschluss an seine Kaiserkrönung in Rom im März 1452 auch Venedig besuchte, ließ er es sich zum Erstaunen seiner venezianischen Gastgeber nicht nehmen, wie ein normaler Mann gekleidet die Märkte am Rialto, beim Fondaco dei Tedeschi und in den Mercerie zu besuchen.
Friedrich liebte Schmuck und wertvolle Steine. Venedig war einer der besten Orte in Europa, um solche Waren zu erlangen. Insbesondere die Luxuswaren aus Asien machten eine Dominanz im östlichen Mittelmeer so lukrativ. Schon die Polos gehörten zu jenen abenteuerlustigen Familien, die den Aufstieg des mongolischen Großreichs seit Mitte des 13. Jahrhunderts genutzt hatten, um an Edelsteine aus Innerasien zu gelangen. Ihre Fernreisen führten sie bis in das China des mongolischen Großkahns Kublai (1260–1294, seit 1279 chinesischer Kaiser).
Seit der Spätantike war es das erste Mal, dass Ost- und Südasien tatsächlich durch direkte Reiseerfahrungen von Europäern erkundet wurden, und die Venezianer waren führend beteiligt. Leider behielten gerade die Kaufleute oftmals ihre Erkenntnisse für sich, schließlich ging es immer auch um den Wettbewerbsvorteil. Für Venedig erlaubt aber immerhin ein Prozess, der um das Erbe des Giovanni Loredan geführt wurde, einen genaueren Einblick, wie weit das Handelsnetzwerk reichte.
Loredan selbst war 1338 in Ghazni in Afghanistan auf dem Weg nach Indien gestorben, doch seine Begleiter – darunter ein Bruder – erreichten wie geplant den Sultan von Delhi und brachten eine große Menge wertvoller Perlen zurück nach Europa. Dass es auf der Expedition zu einer Begegnung mit mehreren venezianischen Kaufleuten einer anderen Gruppe kam, zeigt, dass viele Kaufleute der Lagunenstadt in Asien unterwegs waren, um exklusive Güter zu finden.
Doch der Zusammenbruch des mongolischen Großreichs seit der Mitte des 14. Jahrhunderts veränderte die Zugangsmöglichkeiten grundlegend. In der jüngeren Forschung wird deshalb die wichtige Rolle des Schwarzmeerraums stärker betrachtet. Nicht nur Gewürze, Stoffe und Edelsteine fanden die italienischen Händler hier, auch Getreide und Rohstoffe wie Häute wurden angeboten. Nicht zuletzt war dieser Raum ein bedeutender Markt für Sklaven, die gerade durch die unstabilen Verhältnisse in Zentralasien eines der wichtigsten Handelsgüter des östlichen Mittelmeerraumes ausmachten.
Hatte man noch im 13. Jahrhundert eine militärische Invasion der scheinbar unbesiegbaren Mongolen gefürchtet, bildeten tatarische Sklaven im Spätmittelalter das Rückgrat eines Dreieckshandels zwischen dem Schwarzmeerraum und den beiden Abnehmermärkten in Ägypten und Europa.
Entgegen der Vorstellung, Sklavenhandel sei vor allem ein Phänomen der frühen Neuzeit und des atlantischen Raums gewesen, blühten Sklaverei und Menschenhandel auch im Europa des Mittelalters: im spätmittelalterlichen Genua waren schätzungsweise rund fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung Haushaltssklaven. Auch im Testament Marco Polos wird die Freilassung seines tatarischen Sklaven angeordnet. 1328 erhielt dieser Pietro Tartaro sogar das venezianische Bürgerrecht.
Sein Fall sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine der wichtigsten ökonomischen Säulen der venezianischen Wirtschaft im Spätmittelalter im Sklavenhandel bestand. Wie wir sehen werden, nahm Venedig hier eine Vorreiterrolle ein, die dann im transatlantischen Dreieckshandel der frühen Neuzeit von anderen Akteuren weiter ausgebaut wurde. Bei aller Romantik, die mit der Lagunenstadt oft verbunden wird, ist auch diese abstoßende Seite Teil der Geschichte ihres Aufstiegs.
Tana (heute Asow in Russland), nahe dem Zufluss des Don am Nordostufer des Asowschen Meeres gelegen, wurde als zentraler Stützpunkt für Genuesen und Venezianer das Tor nach Zentralasien. Die Zerstörung der Stadt 1395 schadete besonders den Venezianern, denn die Genuesen verfügten noch über weitere wichtige Stützpunkte, vor allem Kaffa auf der Krim (das heutige Feodossija).
Allerdings brach der Handel auch der Venezianer im Bereich des Schwarzen Meeres im 15. Jahrhundert nicht grundsätzlich ab. Vielmehr kam es zu einem komplexen Mit- und Gegeneinander verschiedener Akteure in diesem Raum, um den Nachschub mit dem wichtigsten Handelsgut der Region, den Sklaven, zu sichern. Ihr Einsatz diente auch dazu, den Verlust an Arbeitskräften auszugleichen, den die schlimmste Pandemie der europäischen Geschichte ausgelöst hatte: die Pest.
Mit dem Schwarzmeerhandel kam auch die Pest nach Europa
Eine Belagerung der Stadt Kaffa auf der Krim 1347 scheint der Ausgangspunkt der europäischen Pandemie gewesen zu sein. Die hochansteckende Krankheit gelangte danach auf genuesischen Schiffen nach Westen. Viele der Maßnahmen, mit deren Hilfe man auch in Venedig die Ausbreitung der Pest verhindern wollte, kommen uns heute vertraut vor. So etwa die Praxis der Quarantäne, in die man die Schiffsbesatzungen schickte, wenn man einen Pestausbruch an Bord vermutete, im Fall Venedigs auf die Inseln Lazzaretto Vecchio und Lazzaretto Nuovo. Es wurde auch beschlossen, die Tavernen zu schließen, um Menschenansammlungen zu reduzieren.
Die Autoritäten versuchten die Strategie immer wieder anzupassen: War noch im Juni 1348 nur die Einreise von Kranken in die Stadt untersagt worden, folgte binnen weniger Wochen ein generelles Einreiseverbot für alle Fremden. Aber noch im selben Monat erließ man eine weitere Verordnung, die wiederum eine Erleichterung der Neuzuwanderung vorsah: Inzwischen waren so viele Menschen gestorben, dass man bemüht war, den Bevölkerungsverlust abzufangen.
Die Regulierungsflut stand dabei in krassem Gegensatz zu den begrenzten Möglichkeiten der spätmittelalterlichen Medizin, gegen die Katastrophe vorzugehen. Glaubt man dem Dogen Andrea Dandolo (1343–1354), so starb in der Lagunenstadt „el terzo deli habitadori“, also ein Drittel der Einwohner.
Der einige Jahrzehnte nach den Ereignissen verfasste Bericht des Lorenzo de Monacis (um 1351–1428) schildert die Verzweiflung während der Seuche: Die ganze Stadt habe sich in ein einziges Grab verwandelt. Plätze, Höfe und Friedhöfe hätten sich mit Leichen gefüllt, selbst auf den Straßen und unter den Häusern habe man sie bestatten müssen. Schließlich sei entschieden worden, einzelne Inseln in der Lagune zu Notfriedhöfen umzuwidmen. Zugleich musste der Große Rat sich im Juni 1348 aufgrund des Todes zahlreicher Mitglieder für nicht mehr handlungsfähig erklären.
Die dramatische Lage hatte sich in Venedig auch deshalb ergeben, weil eine Hungersnot auf dem Festland kurz zuvor dafür gesorgt hatte, dass sich viele in das durch Getreideimporte gut versorgte Venedig flüchteten. Gerade diese notleidenden Menschen wurden die ersten Opfer der Seuche.
Doch trotz der hohen Sterblichkeit sank die Einwohnerzahl in Venedig mittelfristig kaum, da es zu weiterem Zuzug kam. Zwar war das Bürgerrecht in Venedig schwieriger zu erreichen als beispielsweise in Genua, und unter normalen Umständen zählte eine 25-jährige Residenz in Venedig zu den Voraussetzungen, doch die Krise erforderte hier mehr Pragmatismus.
Ähnlich widersprüchlich ist das Bild in Bezug auf die Wirtschaft der Stadt: Ein Drittel Tote bedeutete ja zunächst auch ein Drittel weniger örtlichen Konsum. Dazu kamen die enormen Ausgaben für die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pest und den parallel geführten Krieg mit Genua. Allerdings fand sich zugleich aufgrund der Akkumulation von Erbfällen auch eine finanzkräftige Kundschaft, die die Nachfrage nach Luxusgütern eher steigen ließ. Da nun Arbeitskraft ein besonders knappes Gut war, gestaltete sich vor allem der Sklavenhandel sehr einträglich. Genuesen und Venezianer profitierten davon am meisten.
Durch den Zusammenbruch des mongolischen Großreichs musste der Handel mit den Gütern Asiens meistens über muslimische Zwischenhändler aus Ägypten und Syrien abgewickelt werden. Die großen Krisen der Mitte des 14. Jahrhunderts scheinen darüber hinaus einen grundlegenden Einschnitt in der Mentalität der Venezianer herbeigeführt zu haben, wie der Historiker Benjamin Kedar bemerkte. Die italienischen Kaufleute agierten nun weniger risikofreudig als noch im Jahrhundert zuvor. Die Zeiten der ungeahnten Möglichkeiten in Asien waren vorbei, so dass man den Handel konservativer anlegte.
In diesem Rahmen kann auch der zunehmende Fokus venezianischer Kaufleute auf Produkte aus der Landwirtschaft gesehen werden, der sowohl in der Plantagenwirtschaft (etwa auf Zypern) als auch in der agrarischen Erschließung des Festlandes im unmittelbaren Hinterland von Venedig resultierte. Zugleich veränderte sich der politische Rahmen im östlichen Mittelmeer ständig und wurde im Spätmittelalter nicht unbedingt übersichtlicher.
Venedig nutzt jede Schwäche seiner Gegner aus
Auch wenn laut dem venezianischen Gründungsmythos der Aufstieg der Stadt zur Seemacht aus eigener Kraft erfolgte, so war er doch das Resultat vieler Wechselbeziehungen zu den anderen politischen Akteuren der Zeit. So konnte sich Venedig erst durch den Niedergang des Byzantinischen Reiches von der kaiserlichen Herrschaft in Konstantinopel emanzipieren. In der Nachfolge von Byzanz baute Venedig auch sein Kolonialreich aus.
Durch dieses Machtvakuum gelangten aber auch andere Mächte im östlichen Mittelmeerraum zum Zug. In Sizilien und Unteritalien stritten sich die Anjou, eine Seitenlinie des französischen Königshauses, mit den Königen von Aragón um die Herrschaft. Als eine katalanische Söldnertruppe nach dem Konflikt ohne Auftraggeber dastand, begann diese katalanische Kompanie in die Auseinandersetzungen zwischen dem Byzantinischem Reich und den Osmanen einzugreifen.
Als der Einfluss der Anjou und des Hauses Aragón Ende des 14. Jahrhunderts nachließ, profitierte auch hier Venedig. Ein Beispiel bietet die Insel Korfu, die noch im 13. Jahrhundert an König Manfred von Sizilien gelangt war, aber 1383 venezianisch wurde und bis zum Ende der Republik 1797 im Besitz der Markusrepublik verblieb.
Zwar versuchten im 15. Jahrhundert auch andere Handelsmächte, im östlichen Mittelmeer selbst tätig zu werden, doch der Versuch etwa der Florentiner, das venezianische System regelmäßiger Schiffskonvois in das Schwarze Meer zu kopieren, blieben ohne durchschlagenden Erfolg.
Die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen dieser Zeit darf man sich dabei nicht zu unschuldig vorstellen: Gerade die Piraterie gehörte zu den Alltagserfahrungen aller Seiten, und es fiel schon den Zeitgenossen schwer, hier private von „staatlicher“ Piraterie zu unterscheiden.
Ein weiteres Konfliktpotential ergab sich zudem durch den raschen Aufstieg des Osmanischen Reichs. In den 1360er Jahren gelang es den Osmanen, im europäischen Teil des Byzantinischen Reichs Fuß zu fassen und damit Konstantinopel direkt zu bedrohen. Wichtige Städte wurden erobert, so Philippopel (das heutige Plowdiw in Bulgarien) und Adrianopel (Edirne in der Türkei), das nun auch Hauptstadt des Osmanischen Reiches wurde.
Zwar verzögerte die Niederlage Sultan Bajesids bei Ankara 1402 gegen den mongolischen Feldherrn Timur Lenk (gest. 1405) den Untergang des Byzantinischen Reiches, verhindern konnte er ihn aber nicht. Die Venezianer zeigten nur bedingtes Interesse daran, den byzantinischen Kaiser vor der osmanischen Expansion zu schützen. 1453 fiel schließlich Konstantinopel.
Doch die venezianische Politik, als lachender Dritter von den Streitigkeiten der anderen zu profitieren, führte zu neuen Problemen. Bald wurden die Osmanen in der Adria aktiv, etwa indem sie 1480 Otranto in Süditalien einnahmen. Das venezianische Kolonialreich im östlichen Mittelmeerraum geriet unter Druck.
Da Konstantinopel nun osmanisch war, blieb den venezianischen Schiffen erst einmal die Zufahrt zum Schwarzen Meer verwehrt. Bereits 1452 war die Handelsniederlassung in Trapezunt (heute Trabzon an der türkischen Schwarzmeerküste) verlorengegangen.
Doch zugleich blühte der Handel mit dem Mamlukenreich in Ägypten, das bis zur osmanischen Eroberung 1517/18 bestand. Die Afrika-Händler waren Mitglieder der bedeutenden Bruderschaft San Marco. Ihre Scuola, die heute zum Hospital der Lagunenstadt gehört, wurde mit Bildern aus der Werkstatt der Gebrüder Bellini ausgeschmückt. Eines davon zeigt die Predigt des heiligen Markus in Alexandria. Vor dem Apostel sind die Zuhörer in Gewänder gekleidet, die im 16. Jahrhundert in Ägypten in Mode waren. Hinter dem Evangelisten Markus sieht man die venezianischen Fernhändler aus der Bruderschaft stehen.
Die Märkte Asiens und Afrikas schienen aus venezianischer Sicht gleich vor der Haustüre zu liegen. Schließlich hatten Venezianer bereits viel fernere Regionen erkundet. Neben Marco Polo ist hier auch die Asien-Expedition des Franziskanerbruders Odorico da Pordenone (gest. 1331) zu nennen, dessen Reisebericht 1330 in Padua niedergeschrieben wurde. Ein weiterer Geistlicher, Fra Mauro (gest. 1459), fertigte in der Mitte des 15. Jahrhunderts eine Weltkarte an, die sich heute in der Biblioteca Marciana befindet. Am Rialto wurde also auch Wissen umgeschlagen, nicht nur Waren.
Die Inseln im östlichen Mittelmeer
Die Venezianer hatten aus dem arabischen Raum noch eine andere Luxusware übernommen: Zucker. In Europa noch kaum verbreitet, organisierte der venezianische Kaufmann Federigo Cornaro seit den 1360er Jahren den Anbau von Zuckerrohr auf seinen ausgedehnten Ländereien auf Zypern neu. Das Geschäft wurde so profitabel, dass er und seine Familie zu den reichsten und politisch einflussreichsten Figuren ihrer Zeit aufstiegen.
Venedig wurde zu einem der wichtigsten Lieferanten dieses Rohstoffes für Europa vor dem atlantischen Dreieckshandel der frühen Neuzeit; auch hier weist die venezianische Wirtschaft auf die Zukunft des europäischen Kolonialismus voraus.
Allerdings war Zypern zunächst keine Kolonie Venedigs, sondern ein Königreich, in dem die Genuesen eine weit bedeutendere politische Stellung einnahmen. Doch Mitte des 15. Jahrhunderts gelang es den Venezianern, die Genuesen zu verdrängen. Nach dem Tod des letzten Königs vermachte dessen Gattin Caterina Cornaro die Insel 1489 der Republik Venedig. Damit wurde Zypern für fast 100 Jahre venezianisch. Caterina selbst wurde zur Herrin vom auf der Terra ferma gelegenen Asolo ernannt. Sie verbrachte hier die letzten 20 Jahre ihres Lebens und führte einen humanistischen Hof, der insbesondere Literaten anzog und inspirierte.
Die Übernahme Zyperns galt als einer der Höhepunkte der Ambitionen Venedigs im östlichen Mittelmeerraum, und nicht nur die Familie Cornaro, sondern auch die Familie Barbarigo erinnerte sich noch Jahrhunderte später gerne an ihre wichtige Rolle bei diesem politischen Manöver. Ein monumentales Gemälde im Palazzo Barbarigo della Terrazza, dem heutigen Sitz des Deutschen Studienzentrums in Venedig, zeigt die Übergabe der Insel an den Dogen Agostino Barbarigo (1486–1501).
Als Zypern Teil des venezianischen Dominiums wurde, blickte man bereits auf eine längere Erfahrung als Kolonialmacht zurück. Der Vierte Kreuzzug hatte 1204 die Grundlage für die direkt aus Venedig verwalteten Gebiete im östlichen Mittelmeerraum gelegt. Als man 1211 die Herrschaft über Kreta erlangte, stand Venedig vor einer gewaltigen administrativen Herausforderung. Schließlich entspricht das Stadtgebiet Venedigs gerade mal rund einem halben Prozent der Landfläche Kretas.
Die Geschichte des venezianischen Kolonialreichs lässt sich in drei Phasen einteilen: Nach einer Expansion, die vor 1204 bereits an den Adriaküsten begonnen hatte, gelang es, neben mehreren Stützpunkten für die Flotten größere Landflächen auf Inseln zu besetzen, unter denen Euböa und Kreta aufgrund ihrer Größe herausragen. Doch erst im 14. Jahrhundert kam es zu einer strafferen, zentralisierten Organisation der Kolonien, die dann in einer dritten Phase seit dem 15. Jahrhundert durch die Konsolidierung des Osmanischen Reichs zunehmend militärisch bedroht waren und allmählich an dieses verlorengingen.
Ökonomisch zeigten sich auch hier die Vor- und Nachteile jedes kolonialen Systems. Die Kosten für die Erhaltung des Status quo waren nicht unwesentlich: Kriege mit Konkurrenten und äußeren Feinden wie Genua oder dem Osmanischen Reich, die ständige Bedrohung durch Piraterie, gegen die man sich ebenso militärisch behaupten musste, und auch die wiederkehrenden Spannungen mit der lokalen Bevölkerung waren letztlich ein Kostenfaktor.
Doch eine Besonderheit machte die Herrschaft auf den Inseln und den Küstenstädten des östlichen Mittelmeerraumes für Venedig so entscheidend: die zwingende Ausrichtung auf den Handel zur Sicherung des täglichen Überlebens. Nicht nur während des Chioggia-Kriegs schickte man Schiffe nach Modon, nach Euböa und Kreta, um den Lebensmittelnachschub in der Lagune zu sichern.
Zu den Gütern, die aus den Kolonien nach Venedig kamen, gehörten vor allem agrarische Produkte wie Getreide, Wein, Käse und Honig, aber auch Holz zum Bauen, Heizen und für den Schiffsbau, darüber hinaus etwa Alaun, Metalle und Baumwolle. Laut Schätzungen stammte im 13. und 14. Jahrhundert rund ein Drittel des in Venedig verbrauchten Getreides von der Insel Kreta.
Venedig war im Spätmittelalter eine der größten und bevölkerungsreichsten Städte Europas, verfügte aber über zu wenig landwirtschaftliche Nutzfläche. Eine Besonderheit existiert allerdings bis heute: Im namengebenden Weinberg der Kirche San Francesco della Vigna werden noch immer Trauben geerntet. Auch die Johanniterkommende in Castello baute früher in Venedig Wein an.
Die Insel Sant’Erasmo, etwas südlich zwischen Murano und Burano gelegen, wird bis heute für den Gemüseanbau genutzt. Auch besaßen viele Patrizier der Stadt schon früh Ländereien auf dem Festland, bei Mantua und Ferrara, die durchaus Lebensmittel für den städtischen Markt lieferten – doch all das konnte den Lebensmittelbedarf der Lagunenstadt nicht decken. Die Kolonien sicherten also ganz schlicht das Überleben der Bevölkerung der Stadt.
Die Produzenten in den Kolonien durften ihre Waren nicht direkt an Dritte verkaufen. Der Großteil musste zunächst nach Venedig geliefert werden. Die Zentralisierung des Handels unterstrich die Rolle der Markusstadt als Marktplatz. So mussten die Großgrundbesitzer auf Kreta ihr Getreide zu einem vom Senat festgelegten Preis an Venedig verkaufen und erhielten dazu Quoten, welche Mengen zu liefern waren.
Die Kolonien waren also nicht nur Punkte auf einer Schifffahrtsroute zwischen Venedig und der Levante, die den Handel für Venedig absicherten, sondern zugleich lebenswichtige Elemente in der Ökonomie der Stadt. Ein Vergleich der Warenwerte ergibt für das 14. Jahrhundert, dass aus Zypern allein ein größeres Volumen nach Venedig gehandelt wurde als aus Alexandria, über das der bedeutende Ägyptenhandel abgewickelt wurde.
Zugleich mit dieser entscheidenden ökonomischen Bedeutung war das Kolonialreich durch große, konfliktträchtige Ungleichheiten geprägt, den Einsatz von Sklaven, den Gegensatz von venezianischen Großgrundbesitzern, Kolonisten und der (zumeist griechischen) Lokalbevölkerung. Auch die Beziehung zum unmittelbaren Hinterland in Italien gestaltete sich für die Venezianer nicht wirklich konfliktfrei, weshalb man den Aufstieg der Stadt nur auf der ökonomisch-politischen Grundlage ihres Kolonialreiches verstehen kann.
„Terra ferma“: Die Republik festigt ihre Besitzungen auf dem Festland
Der berühmte Markuslöwe von Vittore Carpaccio (um 1465–1525/26), der, Anfang des 16. Jahrhunderts gemalt, heute im Dogenpalast gezeigt wird, entsteigt gerade dem Meer: Seine Hinterpfoten sind ins Wasser getaucht, während seine Vorderpfoten das feste Land und das Buch mit der Devise „Pax tibi Marce evangelista mei!“ (Friede dir, Markus, mein Evangelist!“) umkrallen. Passender kann man die neue Entwicklung der direkten venezianischen Einflusssphäre, die sich seit dem 14. Jahrhundert allmählich abzeichnete, nicht darstellen: Was einmal ein großes Kolonialreich entlang maritimer Stützpunkte auf Küsten und Inseln des östlichen Mittelmeeres von Dalmatien bis zum Asowschen Meer war, erhielt nun durch die „Terra ferma“ eine Ergänzung auf dem Festland. Aus Kaufleuten wurden Großgrundbesitzer.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig, und auch hier vermengten sich politische Möglichkeiten, konkrete Zwänge und akute Bedrohungslagen mit der Sicherung ökonomischer Grundlagen. Zunächst einmal war die Wirtschaft Venedigs traditionell durchaus nicht nur auf die Adria ausgerichtet. Eines der Produkte der Lagune, das Salz, das auch in Salinen an der dalmatinischen Küste gewonnen wurde, verschiffte man unter anderem über die Flüsse Brenta und Po nach Norditalien.
In Mailand konkurrierte das venezianische Produkt dabei einmal mehr mit dem Angebot des ewigen Widersachers Genua. Als sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts am norditalienischen Festland Signorien herausbildeten, das heißt einzelne Familien die Macht in den Städten übernahmen, strukturierte sich auch der Nordosten der Apenninen-Halbinsel neu. Unter Cangrande I. della Scala (1291–1329) gelang es den Scaligern in Verona, ein großes, bis an die Lagune heranreichendes Herrschaftsgebiet aufzubauen. Unter seinem Neffen Mastino II. verschlechterte sich dann das Verhältnis zu Venedig, da dieser den Po als Handelsweg für die Venezianer sperrte und Chioggia bedrohte.
Für die Venezianer, die schon in dieser Zeit sehr genau auf das Wassermanagement in der Lagune, ihre Absatzmärkte, die Lebensmittelversorgung und den Nachschub mit Holz für den Schiffsbau achteten, war damit ein bedrohlicher Zustand erreicht. Es musste gehandelt werden. Venedig schmiedete ein Bündnis gegen Verona und ging siegreich aus dem Krieg hervor. Die Markusrepublik gelangte dadurch 1339 in den Besitz von Treviso. Die Vordertatzen des Löwen begannen Land zu betreten.
Nach dem Tod Mastinos II. im Jahr 1353 unterstellte sich auch Verona der venezianischen Herrschaft, 20 Jahre später dann Padua. Damit hatte Venedig sich nicht nur die Handelswege nach Norden und reiche landwirtschaftliche Flächen gesichert, sondern mit Padua auch eine bedeutende Universität erworben, die zu den ältesten und wichtigsten Einrichtungen der höheren Bildung in Europa gehörte.
Die Universität wurde ein wichtiger Hort der Wissenschaften, der etwa mit seiner fortschrittlichen Ausbildung im Recht und in der Medizin auch unmittelbar für Venedig nützlich werden konnte, vom Prestigegewinn einmal ganz abgesehen. Immerhin zieren bis heute die Wappen der internationalen Studentenschaft des Spätmittelalters eindrucksvoll das Hauptgebäude der Paduaner Universität.
Mit dem neuen Engagement auf dem Festland reagierte Venedig jedoch nicht nur auf eine einmalige, akute Bedrohungslage, sondern provozierte zugleich auch eine Gegenreaktion der angrenzenden Mächte. An der dalmatinischen Küste, an der Venedig seit jeher seine Herrschaft durchzusetzen versuchte, um den Schiffsverkehr in der Adria dominieren zu können, meldete das Königreich Ungarn immer deutlicher Ansprüche an. Die Habsburger drangen von Nordosten her zur Adria vor und versuchten, sich mit Triest einen wichtigen Konkurrenzhafen zu sichern.
Kein Wunder, dass sich eine bedrohliche Situation ergab, als alle diese Gegner sich mit den Genuesen im eingangs bereits erwähnten Chioggia-Krieg verbündeten. Am Ende aber hatte das 14. Jahrhundert auch hier die Grundlagen der venezianischen Dominanz auf der Terra ferma bestätigt.
Aus ökonomischer Perspektive war das Engagement auf dem Festland zudem eine naheliegende Rückversicherung, falls andere Nachschubwege für die essentiellen Waren des täglichen Bedarfs aus den Kolonien des östlichen Mittelmeerraumes ausfallen sollten. Die Einnahme Chioggias und die Plünderung Mestres im Krieg gegen Genua hatten den Venezianern zudem deutlich vor Augen geführt, wie empfindlich ihre Stadt getroffen werden konnte, wenn sie ihre starke Position im Hinterland nicht auch durch direkte politische Dominanz absicherte.
Gerade das aber tat Venedig nun, indem es schon 1388 das zwischenzeitlich verlorene Treviso zurückeroberte und zugleich die Position in der Adria ausbaute durch den bereits zwei Jahre zuvor erfolgten Kauf von Korfu. Der venezianische Löwe hatte nun wie auf Carpaccios Gemälde mit den Hinterpfoten im Wasser und den Vorderpfoten auf dem Land einen stabilen Stand – auch deshalb gilt diese Zeit als goldenes Zeitalter der Stadt.
Die Kaufleute zeigen nun ihren Stolz und ihren Reichtum
Auch in den Palazzi zeigte sich der so umfangreich abgesicherte Reichtum der Stadt – oder vielmehr des Patriziats, aus dessen Reihen die eigentlichen Träger der Republik und die Profiteure ihrer Politik stammten. Bauten wie die Ca’ d’Oro (Baubeginn 1421) am Canal Grande entstanden zu dieser Zeit und setzten einzelnen Kaufleuten und ihren Familien dauerhafte Denkmäler in gotischer Schönheit. Dieser Baustil war so geschätzt, dass man auch den im 15. und 16. Jahrhundert mehrmals abgebrannten Dogenpalast nicht im Stil der modernen Renaissance, sondern historisierend in seiner älteren, gotischen Form wieder aufbaute.
Zu den Traditionen der Stadt gehörte auch, dass die Venezianer nicht auf die individuelle Initiative einzelner Kaufleute setzten, sondern von Anfang an ist der venezianische Handel stark durch gemeinschaftliche, meist staatlich dekretierte oder abgesegnete Formen geprägt. Politisch und ökonomisch entstand damit eine gewisse Kohäsion des Patriziats, und die gemeinschaftliche Ausrichtung der Handelsexpeditionen führte zu einer Versicherung der Kaufleute auf mehreren Ebenen: Da die Finanzierung durch eine Gemeinschaft von Händlern erfolgte, blieb das Risiko der einzelnen Handelsfahrt auf mehrere Schultern verteilt. Finanzkräftige, etablierte Kaufleute investierten, blieben aber zu Hause, junge, wagemutige Männer ohne größeren Besitz brachten ihre eigene Person auf der Reise in das Geschäft ein.
Die zentrale Organisation des Schiffsbaus und von größeren Konvois (sogenannter mude) durch den Senat senkte zudem auch das Risiko des Verlustes durch Piraterie. Die starke, regulierende Beteiligung der Kommune in allen diesen Bereichen gehört zu den Besonderheiten des venezianischen Handels, auch wenn man Vergleiche zur königlichen Förderung in Aragón oder gemeinsamen Handelsfahrten in Genua geltend machen kann.
Dazu gehört auch, dass die Venezianer konservativer agierten als ihre Konkurrenten in Genua: Die Ausprägung von Goldmünzen im 13. Jahrhundert, die Entwicklung von neuartigen Seekarten, die Einführung mechanischer Uhren und von Versicherungsverträgen im 14. Jahrhundert – immer gingen die Genuesen voran. Auch Christoph Kolumbus (1451– 1506) kam aus Genua, und bereits die Gebrüder Vivaldi hatten von hier aus eine Expedition in den Atlantik gewagt. Allerdings waren ihre Schiffe seit 1291 im Westen verschollen.
Doch folgten die Venezianer immer unmittelbar auf dem Fuß. Sebastiano Caboto (gest. 1557), der zumindest das Bürgerrecht in der Lagunenstadt besaß, erforschte die Küsten Kanadas und setzte damit im Dienst der englischen Krone noch vor 1500 entscheidende und zukunftsweisende Schritte für die Anfänge der europäischen Expansion. Heute erinnert in Venedig ein Monument an seinem Haus am Ausgang der Via Giuseppe Garibaldi zur Riva San Biasio an die Bedeutung, die Caboto noch immer für die kanadische Geschichte besitzt.
Ende des 15. Jahrhunderts war Venedig die zentrale Drehscheibe für den Handel im östlichen Mittelmeerraum, insbesondere mit dem Heiligen Römischen Reich. Venedig war zudem der wichtigste Ausgangsort für organisierte Pilgerfahrten ins Heilige Land. Diese Pilgerfahrten waren im Spätmittelalter bereits sehr gut organisiert und glichen eher Pauschalreisen. Man suchte sich einen Patron und ein Schiff, dabei gab es je nach Komfort und Reisegeschwindigkeit für jeden Geldbeutel ein Angebot. Die Verpflegung während der gesamten Reise war inklusive. Viele Pilger beschweren sich in ihren Reiseberichten über die Eintönigkeit der Überfahrt, die mehrere Monate dauerte.
Im Heiligen Land waren die Touren ebenfalls gut organisiert. Auf der Rückreise hielten die Schiffe wieder an den zentralen Punkten der venezianischen Herrschaft. So verwundert es wenig, dass ein deutscher Pilger wie der Konstanzer Patrizier Konrad Grünemberg, der 1486 aufbrach, in seinem Bericht Korfu, Modon auf der Peloponnes, Kreta und Zypern als wichtige Stationen nannte – alle gehörten zum venezianischen Dominium. Venedig war damit für die Menschen im spätmittelalterlichen Europa ein fester Begriff – schon jetzt war der Name der Stadt eine Verheißung.
Wer die republikanische Ordnung angriff, den traf das Beil des Henkers
Im Gefängnis haben wir diese Geschichte vom Aufstieg Venedigs im Spätmittelalter begannen; beenden wir sie mit dem Beil des Henkers. Dieses nämlich traf jene, die Venedigs republikanische Ordnung angriffen – und das waren insbesondere im 14. Jahrhundert nicht wenige. Die Versuchung, ähnlich wie in den Städten des Festlands eine Signoria mit einer dominanten Familie zu errichten, war auch in Venedig groß.
Mit der „Serrata del Maggior Consiglio“ legte man 1297 fest, wer zum Großen Rat als dem zentralen politischen Gremium zugelassen sein sollte. Die Abgrenzung war in den folgenden Jahrhunderten nie völlig strikt – es gab mehrere Erweiterungen –, aber dennoch war damit eine patrizische Oberschicht definiert, die kein alleiniges Oberhaupt der Stadt im Sinn einer Signoria anerkannte. Der Doge blieb gewählt und entschied nur gemeinsam mit den anderen Institutionen der Stadt in einem sensiblen Gleichgewicht.
Gerade das wollten einige Mitglieder der alten, einflussreichen Familien ändern. Am 15. Juni 1310 kam es zu ihrer Verschwörung rund um Baiamonte Tiepolo. Der Aufstand scheiterte, und ein Rat von zehn Richtern fällte die Urteile über die Verschwörer. Ein Teil der Beteiligten wurde hingerichtet, Baiamonte selbst musste ins Exil gehen und starb dort 1328. Der Rat der Zehn blieb bestehen und bildete seither ein eigenes Organ, das über die Verteidigung der republikanischen Ordnung wachte.
Die kommenden Krisen des 14.Jahrhunderts ließen den Rat tatsächlich rasch zu einem wichtigen Element der venezianischen Verfassung werden. Ein neuer Attentatsplan, der in der Nacht des 15.April 1355 zur Ausführung kommen sollte und die Ermordung eines Großteils des venezianischen Patriziats vorsah, um den Dogen Marino Falier zum alleinigen Herrn der Stadt zu machen, wurde vom Rat der Zehn knapp vor seiner Ausführung entdeckt und rigoros vereitelt. Marino Falier wurde vor den Stufen des Dogenpalastes enthauptet.
Es ist nicht klar, warum die Akten des Prozesses gegen ihn und seine Mitverschwörer verlorengegangen sind. Manche Forscher haben vermutet, sie könnten bereits zeitgenössisch absichtlich beseitigt worden sein, um keine unliebsamen Folgen in der patrizischen Welt Venedigs zu zeitigen. Schließlich verschworen sich hier bedeutsame Männer gegen die Republik, deren Familien auch nach dem Scheitern weiterhin wichtige Mitglieder der städtischen Gesellschaft waren. Das macht es auch heute schwierig, die genauen Ereignisse an jenem Apriltag des Jahres 1355 zu rekonstruieren.
Sicher aber ist, dass man aus Marino Falier ein Fanal der eigenen Geschichte machte: Die Reihe der Dogenporträts im Dogenpalast zeigen an seiner Stelle einen schwarzen Vorhang statt seines Gesichts. Eine Inschrift erinnert den Betrachter an die Hinrichtung des Dogen.
Ein mittelbarer Auslöser für die Verschwörung dürfte in der sieben Jahre zuvor so schrecklich aufgetauchten Pest zu suchen sein, denn gerade die venezianische Mittelschicht hatte im von den reichen Kaufleuten getragenen Fernhandel eine Ursache der Epidemie erkannt und ließ sich so gegen das aristokratisch-oligarchisch organisierte Stadtregiment aufwiegeln.
Zugleich bot sich die Möglichkeit der Angleichung an die politische Realität auf dem Festland an, wo dynastisch organisierte Signorien die früheren Stadtstaaten abgelöst hatten. Venedig aber blieb eine Republik, und gerade dieser Umsturzversuch wurde zum abschreckenden Beispiel gemacht, anhand dessen sich dieser Weg rechtfertigen und bestätigen ließ.
Ist diese ungewöhnliche Verfassung ein entscheidender Grund für die Erfolgsgeschichte Venedigs im Mittelalter? Die Verteidigung des Gemeinwohls nach innen und nach außen gehörte sicherlich zu den Stärken der Markusrepublik, gerade weil es eine bestimmte Schicht war, die vom Unternehmen Venedig profitierte. So gab es immer wieder die Möglichkeit, sich auf das Gemeinwohl zu verständigen. In seinem Bericht über den Krieg mit Verona von 1339 schloss der Geschichtsschreiber Jacopo Piacentino: „O ehrwürdige Stadt Venedig, der sich keine andere Stadt in Unabhängigkeit, Großzügigkeit, Freiheit und Beständigkeit vergleichen kann!“ Zumindest im Nachhinein erschien es den Venezianern, dass göttliche Vorhersehung und republikanische Verfassung gemeinsam ihren Aufstieg bewirkt hatten.
Der Stolz der Venezianer auf ihre Republik drückt sich auch in dem Ehrentitel aus, den sie ihrer unter dem Schutz des heiligen Markus stehenden Stadt verliehen – la Serenissima, die Durchlauchtigste.
Autor: Prof. Dr. Romedio Schmitz-Esser
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