Mit einer Reise durch die Zeit werben viele historische Einrichtungen. Unter diesen nimmt das unweit des Bodensees gelegene Museum Lindwurm eine gesonderte Stellung ein – denn es kann das Werbeversprechen halten. Dies liegt sicherlich an der Entstehungsgeschichte des Hauses: Während dessen heutige Form maßgeblich im 19. Jahrhundert entstand, wurde das Gebäude seit der Jahrhundertwende als eine Art Ferienhaus genutzt. Größere Umbauten blieben aus.
Durch eine Erbschaft kam das Haus in den Besitz von Jakob und Emma Windler. Vor allem für die Letztgenannte wurde Haus Lindwurm zu einer Gedenkstätte für ihre Vorfahren, und sie führte ihren Haushalt schon zu Lebzeiten fast wie ein Museum. Seit 1993 setzt die nach dem Ehepaar benannte „Jakob und Emma Windler-Stiftung“ diesen Auftrag fort.
Innerhalb der historischen Altstadtkulisse Steins am Rhein sticht das Museum durch seine erhaltene Empire-Fassade aus dem frühen 19. Jahrhundert hervor. Man betritt das Haus durch eine schwere Holztür mit Messingklinke – also den Eingang der ehemaligen Hausherren. Das Gesinde, die Hausbediensteten, hatte einen eigenen Nebeneingang; eine Zweiteilung, die den Komplex prägte und typisch für das vorgestellte Ackerbürgertum war – bürgerliches Wohnen und landwirtschaftliches Arbeiten unter einem Dach. Dem bürgerlichen Eingang gemäß, wird der Museumsbesucher zunächst durch das Leben früherer Hausherren und daher gezielt aus dem Erdgeschoss hinaus geführt – strukturell entspricht dieses eher einem heutigen Keller und war der Ort des Gesindes.
Das erste Obergeschoss wird dominiert von den privaten Räumlichkeiten der Hausherren: Das Wohnzimmer empfängt den Besucher mit gedeckten Tischen. Halbgeöffnete Schränke und Schubladen vermitteln den Eindruck, die hier lebende Familie sei nur kurz in einem Nebenraum beschäftigt. An diesem Punkt zeigt sich gleichzeitig der Charme des Museums: Exponate werden nicht nur in zu Vitrinen umgebauten Schränken präsentiert, sondern auch durch die authentische Raumgestaltung in ihren historischen Kontext gerückt – im genannten Raum etwa das Prunkgeschirr, in der Stube nebenan beispielsweise zahlreiche Holzspulen, die durch das dazugehörende Arrangement auf einem Klöppelkissen erst ihre eigentliche Funktion offenbaren.
Den Ausstellungskuratoren gelingt es auf diese Weise, die geringe Anzahl der Objekt- und Abteilungstexte, die meist lediglich die Raumfunktion umreißen, auszugleichen. Museumspädagogische Elemente treten dabei in den Hintergrund. Die Etage wird durch das Schlafzimmer des bürgerlichen Ehepaars und die rustikale Küche abgerundet.
Der Gang durch das Leben der Hausherren setzt sich im zweiten Obergeschoss fort: Über mehrere Vorräume gelangt der Besucher in den für Empfänge genutzten Empire-Salon. Dessen Nebenräume wurden zu modernen Ausstellungsräumen umfunktioniert. Diese stellen die Familie Gnehm, der das Haus seit 1853 gehörte und deren Lebenswelt im Museum präsentiert wird, näher vor. Neben einem Kinderzimmer beherbergt das Obergeschoss noch ein kleines, schlicht eingerichtetes Bügelzimmer: Das Gesinde hielt sich im Vorderhaus nur im Rahmen der zu erledigenden Arbeit und entsprechend meist in den Funktionsräumen auf – also im Bügelzimmer und in der bereits genannten Küche. An Drahtseilen gespannte Klingeln, mit denen die Bediensteten gerufen werden konnten, fügten beide Lebenswelten zusammen und hielten sie zugleich auf Distanz.





