Allein die Architektur dieses Museums ist eine Besonderheit: ein wuchtiger, mehrstöckiger Rundbau, den der Wiener Volksmund abschätzig „Narrenturm“ nennt. Die Bezeichnung geht auf die „k. k. Irrenanstalt zu Wien“ zurück, die erste Europas, die Kaiser Joseph II. 1784 errichten ließ. Der für seinen Reformeifer bekannte Sohn Maria Theresias finanzierte das Projekt aus seiner Privatschatulle, der Wiener Architekt Josef Gerl setzte es um.
So konnten in der Habsburgermonarchie erstmals psychisch Kranke systematisch behandelt und betreut werden. Allerdings war damit auch beabsichtigt, diese Menschen von den anderen zu trennen. Jährlich wurden im Narrenturm rund 600 Patienten (überwiegend Männer) aufgenommen und in 139 Zellen zu je 13 Quadratmetern untergebracht. Sie konnten sich in dem weitläufigen Gebäude frei bewegen. Nur „Tobsüchtige“ sperrte man ein, manche wurden auch angekettet. Beruhigungsmittel gab es damals nicht.
Die Förderung der Medizinwissenschaft war Joseph II. ein großes Anliegen, auf Reisen nach Italien und Frankreich informierte er sich über den Stand der Forschung. Erste Ankäufe von Präparaten und Wachsfiguren, die ihn damals viel Geld kosteten, bildeten den Grundstock für die pathologisch-anatomische Sammlung, die nach rund 200 Jahren mit rund 50 000 Objekten als die weltweit größte ihrer Art gilt.
1869 hatte der originelle Bau als Heilanstalt ausgedient, die Patienten wurden in der neuen Psychiatrie untergebracht. Vom Abriss des Gebäudes war hin und wieder die Rede, doch bot der Narrenturm noch jahrzehntelang Unterkunft für Krankenhauspersonal und dessen Ausbildung. Auch gab es schon damals ein hauseigenes Museum für Forschungen und Schulungen. Der wissenschaftliche Fundus ist bereits seit 1974 auch einem interessierten Laienpublikum zugänglich.
Doch erst die Generalsanierung des längst unter Denkmalschutz stehenden Narrenturms seit 2012 ermöglichte es, unter der Bezeichnung „Pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm“ ein modernes Museum einzurichten, das Teil des Naturhistorischen Museums (NHM) ist. Architekten, Kuratoren und Fachärzte konzipierten es gemeinsam. Der Rundbau mit den Zellen habe sich, so Kurator Eduard Winter, „als geradezu ideal für die Gestaltung der 19 Schauräume im Parterre erwiesen“. Jedoch musste die eigentlich für Mai 2020 geplante Eröffnung wegen der Covid-Pandemie auf September 2021 verschoben werden.
Erzählt wird in den Schauräumen die Geschichte der Wiener Pathologie-Sammlung bis zur Molekularpathologie des 21. Jahrhunderts. Zwangsläufig kämen die meisten der jährlich 35 000 Besucher, so Winter, aus „einschlägigen Kreisen“, sind also Pathologen und Anatomen sowie Studentinnen und Studenten dieser Disziplinen. Ihnen stehen zudem Bibliotheken mit Tausenden Bänden und umfangreiche Archive zur Verfügung.





