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Neue Staaten – neue Probleme
Der Streit um die Sklaverei zog sich wie ein roter Faden durch die frühe Geschichte der USA – er wurde bereits im frühen 19. Jahrhundert viel erbitterter geführt, als dies allgemein bekannt ist. Mit jedem neuen Staat, der durch die Westexpansion dazukam, stellte sich wieder die Frage: Wird Sklaverei hier erlaubt oder nicht?
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von URSULA PRUTSCH
Sojourner Truth, heute als bedeutende Frauenrechtlerin der USA gewürdigt, erblickte um 1797 im Staat New York das Licht der Welt – als Sklavin. Weil sie einer Familie niederländischen Ursprungs gehörte, wuchs Isabella, wie man sie nannte, holländischsprachig auf. Dass Sklavenhalter die Identität afrikanischer Verschleppter brachen und ihnen europäische Namen aufzwangen, dass Sklaven aus Mangel an Mobilität oftmals nur die Sprache ihrer Besitzer redeten, war üblich. Hing im englischen Recht der Status eines Kindes vom Vater ab, so bestimmte ihn in den englischen Kolonien die Mutter. Denn die Väter waren nicht selten die Besitzer der Sklavinnen. So wuchs auch Isabella ausgebeutet auf und wurde mehrmals weiterverkauft.
Ihre Biographie teilte sie mit Millionen anderer Sklavinnen in Amerika, doch das Geburtsjahr und der Geburtsort im Staat New York mögen aus heutiger Sicht verwundern. Laut vielen Geschichtsbüchern schafften die Nordstaaten der jungen USA – New Hampshire, Massachusetts, New York, New Jersey, Rhode Island, Connecticut und Pennsylvania – nach dem erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien (1776–1783) die Sklaverei ab.
Die Südstaaten – damals Delaware, Maryland, Virginia, North und South Carolina sowie Georgia – hielten daran fest. Bis dahin war die Sklaverei ein integrativer Bestandteil der Kolonialgeschichte gewesen, und keineswegs nur in den Südstaaten.
New Yorks Wall Street war ebenso ein Werk von Sklaven wie Schiffe oder Docks in New Hampshire. Das Quäker-Paradies Pennsylvania galt als Ausnahme, wenngleich auch hier die menschenverachtende Praxis eine Zeitlang existierte. Doch die protestantischen Quäker gehörten zu den frühesten und vehementesten Sklaverei-Gegnern.
Die Verfassung toleriert die Sklaverei
Wie wir sehen werden, war die Institution der Sklaverei auch während der Phase der territorialen Ausdehnung der USA, also des Verschiebens der frontier, des Grenzraums zwischen „Zivilisation“ und „Wildnis“, nach Westen, ein bestimmender Faktor. Immer wieder stellten die Diskussionen darum die junge Republik auf die Probe.
Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung von 1776, hielt auf seinem Landsitz Monticello in Virginia etwa 600 Sklaven und Sklavinnen. Mit einer von ihnen, Sally Hamings, hatte er mindestens sechs Kinder. Wenngleich er diese Zweitfamilie per Testament in die Freiheit entließ, stand Sklaverei für den Gründervater der Republik nicht im Widerspruch zu seinen Postulaten von Freiheit, Gleichheit, unveräußerlichen Rechten und Glück. Denn damit meinte er materiellen Besitz, bestenfalls Wohlstand, der wiederum Freiheit brachte. Jefferson wünschte sich die USA als agrarische Republik zufriedener Kleinbauern, gelenkt von einer elitären Gruppe tugendhafter Männer, von denen einige eben menschliche “Waren” besaßen.
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Die im Jahr 1787 besiegelte und sukzessive von den 13 Bundestaaten ratifizierte Verfassung nahm die Sklaverei als gegeben hin. Die Wörter slave oder slave trade (Sklavenhandel) wird man jedoch im Text vergeblich suchen. Vielmehr ist im Artikel 1, Sektion 9, von „Migration oder dem Import“ von Personen über den Atlantik die Rede. Allerdings wird dessen Verbot für das Jahr 1808 in Aussicht gestellt.
Rassismus und das Selbstverständnis der Gründerväter-Generation, einer auserwählten Elite anzugehören, prägten die Politik über Jahrzehnte hinweg. Zwar schafften die Nordstaaten die Sklaverei nach und nach, wenn auch sehr zögerlich, ab, aber auch hier blieben „Rasse“, „Klasse“ und Geschlechterrollen miteinander verschränkt. So hatten etwa in New York, Massachusetts und New Hampshire vermögende Frauen zu Koloniezeiten und bis in die 1780er Jahre hinein noch das Wahlrecht. In New Jersey konnten sie und freie Schwarze bis zum Jahr 1807 wählen, wenn sie über Besitz verfügten, doch traditionelle männliche Eliten bereiteten diesen Wahlrechten nach und nach ein Ende.
Während noch heftig über das neue politische System der hochverschuldeten und politisch fragilen USA diskutiert wurde, skizzierte Thomas Jefferson schon 1784 Leitlinien für die Schaffung neuer Bundesstaaten im Nordwesten und Westen des Kontinents. Dass die ausgedehnten Gebiete jenseits des Gebirgszugs der Appalachen im Westen und im Gebiet der Großen Seen im Norden von den indigenen Stämmen der Irokesen, Mohawks, Shawnees, Muskogees, Yamassees, Cherokees und vielen anderen bewohnt war, stellte für Jefferson kein planerisches Hindernis dar.
Basierend auf seinen Skizzen, schuf der Bundeskongress 1785 und 1787 das Regelwerk der „Northwest Ordinances“. Ihr dreistufiges Schema, wie und wann aus einer Fläche Land ein Bundesstaat entstehen sollte, galt zunächst für das Gebiet des heutigen Mittleren Westens. Zuerst wurden Landstriche, die den indigenen Völkern geraubt, abgeschwatzt oder abgekauft worden waren, von Landvermessern abgesteckt und schachbrettartig in Parzellen aufgeteilt. In deren Mitte sollte ein Siedlungszentrum (township) liegen. Diese Parzellen wurden potentiellen Siedlern, Spekulanten oder Unternehmen aus den USA oder aus Europa zum Kauf angeboten. Die Minimalgröße sollte eine Quadratmeile (das heißt 2,6 Quadratkilometer) nicht unterschreiten, und der Mindestpreis dafür sollte nicht weniger als ein Dollar sein.
Wenn in einem Distrikt 5000 männliche weiße Erwachsene lebten – Frauen, Kinder, Indigene und Sklaven wurden nicht gezählt –, durfte die Siedlergemeinschaft in einem zweiten Schritt den Anspruch erheben, ein Territorium zu sein und eine lokale Verfassung zu schreiben. Wurde sie im Bundeskongress akzeptiert und wuchs die Bevölkerung des Territoriums auf 60000 Personen an, konnten ihre Vertreter in einem dritten Schritt im Bundeskongress den Status eines Bundesstaats beantragen.
Der Senat bestimmte darüber, ob der künftige Staat in das bestehende Gefüge kulturell, ethnisch und politisch passte. Dazu zählte etwa, ob die Bewohner die auf dem Gebiet lebende indigene Bevölkerung – zumindest theoretisch – respektierte, moralische Kriterien erfüllte (so war die Vielehe nicht erlaubt) und ob die Bevölkerung des neuen Staates allgemein frei sei. Denn die „Northwest Ordinances“ hatten – noch bevor die Verfassung 1791 endgültig ratifiziert wurde – idealistisch festgelegt, dass in den neuen Bundesstaaten weder Sklaverei noch unfreiwillige Arbeitsleistung bestehen durfte. Bei Vergehen drohten Strafen.
Allerdings wurde diese Regelung, wie die Praxis zeigte, ständig missachtet. Dank neuer Kanalsysteme und Eisenbahnlinien im Nordosten der USA wuchs die Anzahl der landhungrigen Siedlerfamilien im Ohio-Territorium und westlich der Appalachen rasch an. Auch aus den alten Südstaaten zogen Landsuchende nach Westen. Sie nahmen ihre Sklaven mit. Noch 1792 entstand der Staat Kentucky, 1796 Tennessee und 1803 Ohio. Alle diese Bundesstaaten erlaubten die Sklaverei, obwohl dies gemäß den „Northwest Ordinances“ nicht vorgesehen war.
Die Erklärung dafür ist vielschichtig: Erstens waren die lokalen politischen Eliten auch der sogenannten „freien“ Staaten sehr tolerant, wenn ihre Bürger Sklaven besaßen. Wer etwa aus dem Süden zusammen mit seinen Sklaven in den Westen migrierte und dieses „Investment“ aus finanziellen Gründen nicht freilassen wollte, dem wurde viel Zeit eingeräumt. So endete die Sklaverei im Nordstaat New York offiziell erst 1827, in Connecticut überhaupt erst 1848. Da diese Bundesstaaten aus geographisch-klimatischen Gründen keine Plantagen hatten, sondern die Sklaven für Haus- und Bauarbeiten eingesetzt wurden, fiel die Anzahl der Sklaven in der Gesamtbevölkerung kaum ins Gewicht. Der politische Druck, das System der Sklaverei in den Nordstaaten per Gesetz abzuschaffen, war dementsprechend gering.
Ein zweiter Grund für das Weiterbestehen der Sklaverei auch außerhalb der Plantagenregionen lag im Text der Verfassung begründet, die erst nach den „Northwest Ordinances“ ratifiziert wurde. Die Sklaverei wurde in der Verfassung an keiner Stelle als Institution in Zweifel gezogen, weshalb die Befürworter der Sklaverei den „Northwest Ordinances“ keine gesetzliche Verbindlichkeit zugestanden.
Als dritter Punkt kann die jeweilige Entscheidungspraxis der Wählerbevölkerung in den Territorien angeführt werden. Dort wurde in Form der popular sovereignty abgestimmt, ob Sklaven toleriert würden oder nicht. Da Sklaverei ohnehin durch die Verfassung nicht verboten war, propagierten Lokalpolitiker und manche US-Präsidenten deshalb die Referenden als legitime Formen der Entscheidungspraxis. Freilich mussten die Entwürfe der jeweiligen Staatsverfassungen die entscheidende Hürde im Bundeskongress nehmen, wo Repräsentanten und Senatoren der „freien“ Staaten mit jenen der Sklavenstaaten um die Verfasstheit jedes potentiell neuen Bundesstaates stritten – vom späten 18. Jahrhundert an bis zum Bürgerkrieg.
Dass die Sklaverei ein menschliches Übel war, wusste freilich auch Thomas Jefferson, der zwischen 1784 und 1789 als Gesandter der USA in Paris lebte und die ersten Wochen der Französischen Revolution miterlebte. Besonders britische und französische Philanthropen wie der Marquis de Lafayette artikulierten ihre Kritik an Sklaverei und Sklavenhandel immer deutlicher. Die am 26.August 1789 von der französischen Nationalversammlung verabschiedete Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte beeinflusste Debatten in Salons, Lesevereinen und Freimaurerlogen in Nord- und Südamerika. Rasch verbreitete sich ihr Inhalt unter den Sklaven in der transatlantischen Welt.
1789 veröffentlichte der aus Igbo im heutigen Nigeria stammende und in den USA lebende frühere Sklave Olaudah Equiano in London seine brillante Autobiographie „Interesting Narrative of the Life of Olaudah Equiano“. Zwei Jahre später, 1791, begannen schwarze Plantagensklaven mit weißen Tagelöhnern in der französischen Kolonie Saint-Domingue auf der Insel Hispaniola den weltweit einzigen erfolgreichen Sklavenaufstand und riefen schließlich die Republik Haiti aus. Die vorgeblich um die Menschenrechte besorgten Revolutionäre im französischen Mutterland hatten zuvor zu verhindern versucht, dass die Sklaven in der Karibik vom Umsturz in Paris erfuhren. Man fürchtete – wie sich zeigen sollte zu Recht –, dass der Freiheitsgedanke hier einen Sturm entfachen könnte.
Die in Haiti gelungene Revolution versetzte die Welt der Karibik, die US-Südstaaten und Teile des spanischen und portugiesischen Kolonialreichs in Angst und Schrecken. In den USA führte sie zur Verschärfung der sogenannten slave codes, eines Verhaltenskodexes für Sklaven und ihre Herren, die Fluchtversuche und Widerstand der Ersteren noch drakonischer bestraften, während Gewaltexzesse ihrer Besitzer meist nicht geahndet wurden.
Napoleon gibt die Großkolonie Louisiana ab
Haiti war also für die Franzosen verloren. Und Napoléon Bonaparte, der seit seinem Sprung an die Macht 1799 Unsummen für kriegerische Expansionen in Europa ausgab, nahm bald von der Utopie Abstand, die französischen Karibikinseln und Louisiana auf dem Festland als karibisches Imperium aufzubauen. Im Gegenteil: Recht überraschend bot er Louisiana der US-Regierung im Jahr 1803 zum Kauf an. Thomas Jefferson, mittlerweile dritter US-Präsident und theoretisch ein strenger Hüter der Verfassung, willigte sofort ein, ohne den Kongress zu befragen, und ließ dem Kaiser der Franzosen 15 Millionen Dollar bezahlen.
Es war ein äußerst lukratives Geschäft. Denn Louisiana war weit größer als der heutige Bundesstaat gleichen Namens. Das Gebiet umfasste 828000 Quadratmeilen und erstreckte sich vom Mississippi River bis zu den Rocky Mountains und vom Golf von Mexiko bis zur kanadischen Grenze. Mit einem Schlag hatten die USA ihr Territorium verdoppelt.
Den „Northwest Ordinances“ gemäß wurde die ehemalige französische Großkolonie schrittweise von einem unorganized territory, sprich vom Land der indigenen Einwohner, in Territorien und Bundesstaten wie Louisiana (1812), Indiana (1816), Mississippi (1817), Illinois (1818) und Alabama (1819) transformiert. Begleitet wurde der Prozess von den üblichen Debatten um die Sklaverei in den neuen Bundesstaaten. Um 1820 war noch immer ein beträchtlicher Teil des angekauften Louisiana-Territoriums unorganized.
Die zahlreichen indigenen Völker waren stets die Verlierer dieser Politik der Frontier. Während die Shawnees sich etwa kriegerisch gegen diese Landnahme wehrten, zogen andere Völker weiter nach Westen. Und der Druck stieg: Die scheinbar grenzenlose Verfügbarkeit von Land, das man unkompliziert und günstig erwerben konnte, machte die USA bald zu einem attraktiven Lebensraum für Millionen europäischer Immigranten. Im Gegensatz zu Lateinamerika entwickelte sich in den Vereinigten Staaten – so wie Jefferson es sich vorgestellt hatte – noch vor dem Ende der Leibeigenschaft in Europa eine breite Schicht selbständiger Bauern und Gewerbetreibender.
Im Jahr 1819 – die US-Regierung hatte den Spaniern gerade Florida abgekauft, deren Kolonialreich in Spanisch-Amerika in blutigen Unabhängigkeitskriegen zerfiel – verhärteten sich die Fronten zwischen Sklaverei-Befürwortern und -Gegnern im Bundeskongress im Fall des Missouri-Territoriums. Eine Lösung schien nicht in Sicht zu sein.
In jenem Jahr bestanden die USA aus 22 Bundesstaaten, elf „freien“ und elf Sklavenstaaten. Ein solcher wollte das Missouri-Territorium werden, was die Gegner der Sklaverei, die Abolitionisten, im Kongress ablehnten. Deshalb wurde der versierte und kompromissbereite Politiker Henry Clay (1777–1852) aus Kentucky um eine Lösung des Konflikts gebeten. Nach monatelangen, zähen Verhandlungen brachte Clay tatsächlich im Frühjahr 1820 den „Missouri Compromise“ zustande.
Um den Gleichstand bei den Staaten mit und ohne Sklaverei zu erhalten, wurde vom Bundesstaat New Hampshire kurzerhand Land abgetrennt, auf dem der neue „freie“ Staat Maine entstand. So konnte Missouri zu einem Staat mit Sklaverei werden.
Um zu verhindern, dass es in absehbarer Zukunft wieder zu einer ähnlichen Pattstellung kommen könnte, zogen die Verhandler die sogenannte „Missouri Compromise Line“. Sie verlief entlang der Südgrenze von Missouri auf 36,3 Grad nördlicher Breite bis zur Grenze des Vizekönigreichs Neuspanien, dem späteren Mexiko, im Westen. Optimistisch erklärte Clay, dass es im Territorium nördlich dieser „Südgrenze“ abgesehen von Missouri bis an die Grenze Kanadas keinen weiteren Sklavenstaat mehr geben sollte. Dass dieser Bundesbeschluss die Gemüter nur eine Zeitlang beruhigte, lag auf der Hand, führten doch seine Gegner sofort ins Feld, dass der „Missouri Compromise“ nicht verfassungskonform sei.
Auch unabhängig von der dominierenden Sklaven-Frage entwickelten sich die Nord- und die Südstaaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auseinander. Die Vision des ersten US-Schatzministers Alexander Hamilton (im Amt 1789–1795), die USA würden von Europa unabhängiger, wenn sie Manufakturen und Schutzzölle errichteten, trugen nun Früchte. Im Nordosten der USA entstanden Tausende Manufakturen, von denen die Textilfabriken von Waltham&Lowell in Massachusetts mit 8000 Arbeiterinnen (mill girls) zu den größten zählten. Neue Straßen, Kanäle und Eisenbahnlinien ließen Waren rasch zirkulieren und brachten neue Einwanderergruppen ins Land; der mechanische Pflug bot Erleichterungen in der Landwirtschaft, die nun auch für Europa produzierte. In den boomenden Städten wuchsen die Armenviertel ausgebeuteter Arbeitskräfte.
Geprägt durch die technologischen und ökonomischen Transformationen, verstanden sich die Nordstaaten-Eliten als modern, fortschrittlich, technokratisch, dynamisch und arbeitsam und blickten verächtlich Richtung Süden, der immer vehementer an der Sklaverei festhielt, je schärfer die Kritik aus dem Norden kam. Obgleich reiche Plantagenbesitzer, die mehr als 20 Sklaven hatten, in der Minderzahl waren, galt deren Besitz als Statussymbol. Selbst die große Mehrheit der Südstaaten-Bevölkerung, die sich keine Sklaven leisten konnte, verteidigte die peculiar institution.
Die Sklaverei wurde zynisch als „zivilisatorische“ Leistung für „niedere“ Menschen gepriesen, die zudem Arbeit im Freien, Kleidung und Nahrung bot, während die so moralisch argumentierenden Nordstaatler ihre „weißen Sklaven“ mit gefährlichen Maschinen in finsteren, lauten und ungelüfteten Werkhallen hantieren ließen, die trotz kümmerlicher Löhne für Wohnraum, Kleidung und Essen selbst sorgen mussten.
Diese Selbst- und Fremdzuschreibungen des Nordens und des Südens, die immer größer werdende Verachtung füreinander, je mehr die USA sich nach Westen ausdehnten, verdeutlichen, wie eng die Sklaven-Frage mit einer komplexen Identitätsfrage verbunden war – weit über ihre ökonomische Funktion hinaus.
US-Siedler in Mexiko fordern die Unabhängigkeit
Obgleich 1820 erst ein kleinerer Teil des „Louisiana Purchase“ in Bundesstaaten umgewandelt war, suchten expansionistische Politiker nach Möglichkeiten, um das US-Staatsgebiet selbst nach Süden und Südwesten hin auszuweiten. 1821, ein Jahr nach dem „Missouri Compromise“, ging die Republik Mexiko aus dem Vizekönigreich Neuspanien hervor.
Nach einem langen Unabhängigkeitskrieg verschuldet und dünn besiedelt, unterzeichnete die mexikanische Regierung gemeinsam mit dem Unternehmer Stephen Austin 1825 einen Vertrag über die Ansiedlung von US-Amerikanern im mexikanischen Texas. Die Siedler legten dort Baumwollfelder an.
Allerdings sollten die Neulinge Spanisch lernen, katholisch werden und sich – nachdem Mexiko 1829 ein entsprechendes Verbot ausgesprochen hatte – von ihren Sklaven trennen. Die US-Amerikaner ignorierten dies jedoch. Ständig kamen neue Siedler mit ihren Sklaven hinzu.
1835 war die Zahl der Zuzügler auf rund 5000 angewachsen. Sie beschlossen, sich von Mexiko loszulösen. Damals reiste gerade der Quäker und Abolitionist Benjamin Lundy (1789–1839) durch Texas, weil er auf der Suche nach billigem Land für befreite Schwarze war. Die mexikanische Regierung zeigte sich seinem Projekt gegenüber aufgeschlossen. Doch bevor Lundy es umsetzen konnte, riefen die migrantischen Unternehmer die Unabhängigkeit von Texas aus, formten eine paramilitärische Truppe und waren bereit, die Unabhängigkeit mit Waffengewalt zu verteidigen.
Nachdem die mexikanische Armee die Widerständigen in der texanischen Missionsstation Alamo im Frühjahr 1836 vernichtend geschlagen hatte, übte im Folgejahr der Texaner Sam Houston mit seinen Truppen Vergeltung. Das mexikanische Heer verlor die Schlacht. Texas erklärte sich als „Lone Star Republic“ unabhängig und legalisierte die Sklaverei.
Lundy, der Zeitzeuge, betonte 1836 in seinem Pamphlet „Der Krieg in Texas“, dass die Rebellion der Siedler gegen den mexikanischen Staat eine Verschwörung von Sklavenhaltern gewesen sei, die den USA nur einen weiteren Sklavenstaat bescheren wollten. Deshalb sprach er sich vehement gegen die Annexion von Texas durch die USA aus. Doch vergeblich. 1845 wurde Texas unter dem demokratischen Präsidenten James K. Polk (im Amt 1845 – 1849) als 28. Bundesstaat in die Union eingegliedert.
Es waren gerade Mitglieder der Demokraten, der ehemaligen Partei Thomas Jeffersons, die expansionistisch mit dem Argument agierten, dies sei eine natürliche Bestimmung der USA, ihren Lebensraum zum eigenen Nutzen und zum vermeintlich Besten anderer Kulturen auszuweiten. 1845 prägte der den Demokraten zuzurechnende Journalist John Louis O’Sullivan (1813–1895) den Begriff der Manifest Destiny. Er repräsentierte die Ideologie des Fortschritts, angetrieben vom Exzeptionalismus einer Nation, die glaubte, dass ihre Vorfahren im 17. Jahrhundert die in der Bergpredigt (Matthäus 5, 14) verheißene „City Upon a Hill“ („Stadt, die auf einem Berg liegt“) geschaffen hätten.
Diese Gemeinschaft sei das Neue Jerusalem, dort werde demokratischer Zusammenhalt, Fleiß und Tugendhaftigkeit gelebt. Deshalb wären die USA dazu bestimmt, diese Kultur anderen Menschen überzustülpen. Die Idee der Manifest Destiny war mit rassistischer Geringschätzung gegenüber nicht-weißen Gruppen verbunden. Die USA sollten die Vergangenheit, die von Schlachten geprägt war und Opfer forderte, einfach ruhen lassen, forderte O’Sullivan in seinem Essay „The Great Nation of Futurity“ (1839), der in der „United States Democratic Review“ erschienen war. Anders als die dekadenten, verschuldeten Aristokratien in Europa seien die Vereinigten Staaten die Nation der Zukunft, dies sei ihre natürliche Bestimmung.
So war es kein Wunder, dass gerade Präsident Polk zu einer Galionsfigur der Manifest Destiny wurde. Er fand einen Ausgleich mit den Briten um das lange gemeinsam verwaltete Oregon, das nun zwischen beiden Mächten geteilt wurde. Agenturen bezahlten Werbeannoncen in Zeitungen, damit diese künftigen Siedlern gutes Land und fischreiche Gewässer versprachen.
Zahlreiche Siedlertrecks waren mit ihren Planwagen, den „Conestoga Wagons“, monatelang auf dem sogenannten Oregon Trail unterwegs, einer 3500 Kilometer langen Route über die Rocky Mountains. Freilich wurden die Wagenburgen gelegentlich überfallen – ein klassisches Motiv in den Westernfilmen des 20. Jahrhunderts –, doch in der Praxis boten indigene Stämme den Siedlern oftmals gegen Bezahlung wichtige Informationen, wo etwa ein Flusslauf am besten zu überqueren war.
Präsident Polks Versuch, Kalifornien den Mexikanern abzukaufen, scheiterte, aber es gab einen nicht beigelegten Grenzkonflikt mit dem Nachbarland. Mexiko wollte den Fluss Nueces als Grenze zu Texas definieren, Polk wollte mehr, er beanspruchte auch das Gebiet bis zum Rio Grande. Zu Recht ahnend, dass Mexiko nicht nachgeben würde, ließ Polk eine US-Truppe die Grenze überschreiten und hoffte auf eine Erwiderung Mexikos, die nicht lange auf sich warten ließ. 1846 brach der Mexikanische Krieg aus.
Die US-Truppen waren besser gerüstet und mit Nahrung versorgt, ihre Generäle strategisch geschickter. Sie eroberten Veracruz und drangen im September 1847 bis Mexico City vor. In der Hymne des United States Marine Corps, dessen Truppen das Schloss von Chapultepec stürmten, werden heute noch „The Halls of Montezuma“ besungen. Nach einer weiteren Niederlage unterzeichnete die mexikanische Regierung am 2.Februar 1848 den Vertrag von Guadalupe Hidalgo. Mexiko verlor fast die Hälfte seines Territoriums an die USA.
Eigentlich hätte ganz Mexiko den USA einverleibt werden können. Aber es gab in den Vereinigten Staaten heftigen Widerstand dagegen. Seit Ende der napoleonischen Kriege waren aus den Staaten des losen Deutschen Bundes Tausende katholische Immigranten in die USA geströmt.
Samuel F. B. Morse (1791–1872), der Erfinder des gleichnamigen Telegraphie-Alphabets, hatte in seiner berühmten Schmähschrift „The Dangers of Immigration“ (1835) besonders vor Einwanderern aus dem multiethnischen, dominant katholischen Kaiserreich Österreich gewarnt, weil sie papsttreu seien und noch dazu von Staatskanzler Clemens von Metternich autoritär regiert worden wären. Ergo würden sie weder den US-Präsidenten als oberste Autorität noch die angelsächsisch geprägte Demokratie anerkennen.
Zudem wanderten seit 1845 binnen kurzem über eine Million gälischsprachiger, katholischer Iren ein. Würde nun auch noch ganz Mexiko mit seinen 7,6 Millionen Katholiken und Indigenen in die Union integriert, dann sei die Identität des Landes zerstört, befürchteten die Anhänger der Manifest Destiny.
Aus dem mexikanischen Kriegsgewinn erwuchsen zunächst die Territorien Arizona, Nevada und das begehrte Kalifornien. Dort wurde 1849 Gold entdeckt. Der Traum von der Ausdehnungen bis zum Pazifik hin war gelungen. Die politischen Gemüter beruhigte dies jedoch keineswegs.
Durch einen weiteren Kompromiss spitzt sich die Lage zu
Um 1850 engagierten sich Feministinnen, viele von ihnen waren Quäkerinnen, immer stärker für die Befreiung von Afroamerikanern, weil sie sich mit deren Emanzipation auch das Frauenwahlrecht erhofften. Harriet Beecher Stowe (1811–1896) schrieb mit „Uncle Tom’s Cabin“ („Onkel Toms Hütte“) 1852 einen weltweit rezipierten Bestseller gegen die Sklaverei. Der frühere Sklave Frederick Douglass (1817 –1895) war als rhetorisch brillanter Abolitionist nicht minder bekannt und zudem mit der deutschen Abolitionistin und Feministin Ottilie Assing (1819 – 1884) eng befreundet. Unterstützt wurde Douglass vom weißen Abolitionisten William Lloyd Garrison (1805 – 1879). Zahlreiche freie Schwarze wie Harriet Tubman (um 1820 – 1913) halfen Sklavinnen und Sklaven auf geheimen Fluchtwegen („Underground Railroad“) in die Nordstaaten, viele flohen nach Mexiko.
Dieser organisierte Widerstand des Nordens, die Literatur, Broschüren, Zeitungsartikel, die ständig abzufangen und zu zensieren waren, provozierte den Süden immens. Dazu kamen stete Debatten um die neuen Bundesstaaten, die aus dem verbliebenen „Louisiana Purchase“ und den von Mexiko abgetrennten Gebieten hervorgingen. Deshalb musste 1850 wieder ein Kompromiss ausgehandelt werden, der noch weniger tragfähig war als der „Missouri Compromise“ von 1820.
Auch mit dieser heiklen Aufgabe wurde Henry Clay betraut. Gemeinsam mit dem Demokraten Stephen A. Douglas aus Illinois und dessen Kollegen Daniel Webster aus New Hampshire legte Clay fest, dass Kalifornien als „freier Staat“ in die Union aufzunehmen sei. Dort hatten sich binnen kurzem so viele Goldschürfer aus Europa eingefunden, dass die Sklaverei als nicht nötig erachtet wurde.
Die damals noch nicht begrenzten Territorien des gewonnenen mexikanischen Staatslandes wurden in New Mexico und in Utah aufgeteilt, wohin auf dem Oregon Trail kurz zuvor eine Mormonen-Gemeinschaft unter der Führung von Brigham Young (1801– 1877) gekommen war. Beide Territorien erlaubten die Sklaverei. Der verbliebene Rest des territorialen Kriegsgewinns wurde später Wyoming und Colorado zugeschlagen.
Der Kompromiss von 1850 sah noch zwei weitere Maßnahmen vor. So wurde der Sklavenhandel in der Bundeshauptstadt Washington D.C., die zum Süden zählte, verboten. Anlass gaben die Beschwerde von europäischen Reisenden, die über die Sklaven-Versteigerungen in der Hauptstadt „der freien Welt“ schockiert waren.
Abgesehen davon wurde ein verschärftes Gesetz über geflohene Sklaven („Fugitive Slave Law“) beschlossen. Nordstaatler, die entflohenen Sklaven jegliche Hilfe wie Unterkunft, Geld oder Beratung zuteilwerden ließen, wurden mit hohen Geldstrafen belegt. Zudem durften Sklavenhalter Kommissäre nach Norden entsenden und die Rückkehr ihrer Sklaven, ihres Besitzes, erzwingen, selbst wenn diese in einem „freien Staat“ lebten. Diese Genugtuung für den Süden war eine Demütigung für den Norden, wurde dieses Gesetz doch rasch in die Praxis umgesetzt.
Die eingangs des Kapitels erwähnte ehemalige Sklavin Isabella Van Wagener, die sich mittlerweile Sojourner Truth nannte, hielt 1843 in Florence, Massachusetts, ihren ersten Vortrag zu den Themen Frauenrechte und Abolitionismus. 1850 erschien ihre Autobiographie, in der sie die doppelte Ausbeutung als schwarze Frau und Sklavin thematisierte. Historiker beschrieben dies inzwischen mit dem Begriff der Intersektionalität. 2009 wurde Sojourner Truth als erste Afroamerikanerin mit einer Büste im Kapitol geehrt.
Autorin: Prof. Dr. Ursula Prutsch
geb. 1965, ist Professorin für Amerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
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