"Reconstruction" des Südens: Eine unvollendete Revolution - wissenschaft.de | DAMALS
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Eine unvollendete Revolution
Die bis 1877 andauernde Periode der Wiedereingliederung der Südstaaten in die Union wird als „Reconstruction“ bezeichnet. Schnell zeigte sich, dass die weiße Elite des Südens keinesfalls gewillt war, die früheren Sklaven als gleichberechtigte Bürger – was sie laut Gesetz nun waren – zu akzeptieren.
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von MANFRED BERG
Seit Juni 2021 gibt es in den USA einen neuen bundesweiten Feiertag, an dem die Amerikaner des Endes der Sklaverei gedenken: der 19. Juni –„Juneteenth“, wie er in der afroamerikanischen Community heißt. Er geht zurück auf den 19. Juni 1865, den Tag, an dem US-Generalmajor Gordon Granger in Galveston, Texas, eintraf, um auch dort die Autorität der Vereinigten Staaten wiederherzustellen und die Emanzipation der Sklavenbevölkerung durchzusetzen. Granger erließ unverzüglich eine Anordnung, die alle Texaner darüber informierte, dass „alle Sklaven frei sind. Dies bedeutet die absolute Gleichheit der persönlichen Rechte wie der Eigentumsrechte zwischen den früheren Herren und den Sklaven“. Die freedmen („Freigelassenen“), wie die befreiten Schwarzen von den Zeitgenossen genannt wurden, forderte der Generalmajor auf, Ruhe zu bewahren und gegen Lohn weiter auf den Plantagen zu arbeiten.
Grangers Proklamation hatte nur lokale Bedeutung und setzte lediglich Präsident Abraham Lincolns am 1. Januar 1863 verkündete Emanzipationserklärung in Kraft. Gleichwohl entwickelte sich „Juneteenth“ zum inoffiziellen Feiertag der Afroamerikaner, die das Versprechen auf Freiheit und Gleichberechtigung einforderten, das sich mit diesem Tag verband. Mit seiner Unterschrift unter den „Juneteenth National Independence Day Act“ am 17. Juni 2021 bekräftigte Präsident Joseph Biden erneut das große Versprechen, das in den Jahren nach dem Bürgerkrieg die amerikanische Politik bestimmt hatte und dennoch folgenschwer gescheitert war.
Umsetzung des 13. Verfassungszusatzes
Die „Reconstruction“, also die Wiedereingliederung der besiegten Südstaaten in die Vereinigten Staaten, warf zwei zentrale Fragen auf, die untrennbar miteinander verbunden waren: Wie konnten die abtrünnigen Südstaaten wieder als gleichberechtigte Mitglieder in den Unionsverband zurückgeführt werden, ohne eine neue Rebellion zu riskieren? Und welche bürgerlichen und politischen Rechte sollten die freedmen erhalten? Bei Kriegsende gab es darauf keine klaren Antworten, nicht einmal die endgültige Abschaffung der Sklaverei war gesichert.
Erst im Dezember 1865, als er von einer ausreichenden Zahl von Staaten ratifiziert worden war, trat der 13.Verfassungszusatz in Kraft, der nun überall in den USA Sklaverei und Zwangsarbeit – außer als Strafe für verurteilte Verbrecher – verbot. Doch damit war noch nichts darüber gesagt, ob die befreiten Sklaven gleichberechtigte Bürger sein sollten. Für den Journalisten und Abolitionisten Frederick Douglass stand fest, dass der Krieg zu einer neuen Union der Gleichheit führen müsse, in der „jeder freie Mann das Wahlrecht“ erhält.
Auch der radikale Flügel der Republikanischen Partei um Thaddeus Stevens (1792–1868) und Charles Sumner (1811–1874) vertrat die Auffassung, dass nur die volle Gleichberechtigung und das Wahlrecht für schwarze Männer den Sieg auf dem Schlachtfeld politisch dauerhaft sichern konnten. Stevens erklärte, ohne eine „Revolution der Institutionen und Sitten“ des Südens hätten die Unionssoldaten ihr Blut umsonst vergossen.
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Die Mehrheit der Nordstaatler befürwortete zwar die Abschaffung der Sklaverei, stand der bürgerlichen Gleichberechtigung der freedmen jedoch skeptisch gegenüber. Ein langfristiges Zwangs- und Besatzungsregime widersprach zudem der föderalen Ordnung der USA. Vor allem die Demokraten und die konservativen Republikaner wünschten eine rasche Rückkehr zu den Vorkriegsverhältnissen, als sich die Staaten weitgehend selbst regiert hatten.
Bereits Lincoln hatte im Interesse der nationalen Versöhnung relativ milde Friedensbedingungen in Aussicht gestellt, war damit aber in der eigenen Partei auf Widerstand gestoßen. Sein Nachfolger Andrew Johnson, ein ehemaliger Demokrat und unionstreuer Südstaatler, hasste zwar die Pflanzer-Aristokratie des Südens, hegte aber wenig Sympathien für die freedmen. Johnsons politisches Kalkül zielte darauf, sich eine eigene Wählerbasis unter den einfachen weißen Südstaatlern zu schaffen.
Die Bedingungen, die er für die Wiederaufnahme in die Union stellte, fielen daher überaus großzügig aus. Mit Ausnahme der politischen und militärischen Führer der Konföderation sollten alle Südstaatler, die einen Eid auf die Union leisteten, in den Genuss einer Amnestie kommen und ihre staatsbürgerlichen Rechte zurückerhalten. Von einer Bestrafung der konföderierten Amtsträger, die sich immerhin des Hochverrats schuldig gemacht hatten, war keine Rede mehr. Die Südstaaten mussten lediglich die Sezession und die Kriegsschulden der Konföderation widerrufen sowie den 13.Verfassungszusatz ratifizieren, doch über die Abschaffung der Sklaverei hinaus verlangte der Präsident keinerlei Garantien für die Rechte der freedmen.
Die Südstaatler nahmen das Angebot einer raschen Rückkehr in die Union gerne an, aber bei den Wahlen, die Sommer und Herbst 1865 abgehalten wurden, gewannen fast überall ehemalige Repräsentanten und Offiziere der Konföderation. Zudem erließen die neugewählten Staatslegislativen unverzüglich sogenannte black codes, die offensichtlich das Ziel verfolgten, die befreiten Sklaven wieder auf den Status von Leibeigenen herabzudrücken. Die neuen Gesetze gestanden ihnen zwar das Recht auf Eheschließung und persönlichen Besitz zu, doch durften sie vor Gericht weiterhin nicht gegen Weiße aussagen oder als Geschworene dienen.
Insbesondere schrieben die „Black Codes“ vor, dass alle Schwarzen Arbeitsverträge schließen mussten; ansonsten konnten sie als Landstreicher festgenommen und zur Arbeit gezwungen werden. In mehreren Staaten erlaubten es die „Black Codes“, Afroamerikaner für kleinste Vergehen oder „aufrührerische Reden“ zur Zwangsarbeit zu verurteilen. Obwohl die US-Armee und das Kriegsministerium die meisten dieser Vorschriften erst einmal außer Kraft setzten, demonstrierten die „Black Codes“, dass der Süden eine strikt hierarchische Rassenhierarchie anstrebte, die der Sklaverei so ähnlich wie möglich sein sollte.
Die befürchtete Gewaltorgie der befreiten Sklaven bleibt aus
An eine Rückkehr zum sentimentalen Paternalismus der Vorkriegszeit war freilich nicht mehr zu denken, stattdessen beherrschte nun die Furcht vor dem „Rassenkrieg“ die Imagination des weißen Südens. Früher seien die Sklaven wie „sanfte Tiere“ gewesen, räsonierte ein Pflanzer aus Georgia, nun ist „der Neger instinktiv unser Feind“.
Tatsächlich aber war die von der konföderierten Greuelpropaganda für den Fall der Emanzipation prophezeite Gewaltorgie ausgeblieben. Die befürchteten Aufstände fanden nicht statt, und individuelle Racheakte waren seltene Ausnahmen. Die freedmen benahmen sich keineswegs wie „blutrünstige Wilde“, doch machten sie von ihrer neuen Freiheit Gebrauch und verließen in Scharen die Plantagen, um Familienangehörige oder bessere Arbeitsbedingungen zu suchen. Viele zog es auch in die Städte des Südens, aber nur wenige wanderten in den Norden.
Um ihnen den Übergang in die Freiheit zu erleichtern, hatte der Kongress schon im März 1865 das sogenannte Freedmen’s Bureau eingerichtet. Das Bureau unterstand dem Kriegsministerium und wurde von General Oliver Otis Howard geleitet. Die meisten seiner Mitarbeiter waren US-Offiziere sowie freiwillige zivile Helfer, von denen viele zuvor in der Abolitionsbewegung aktiv gewesen waren. Zu den Aufgaben der Agentur gehörte es, die befreiten Schwarzen mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen und ihnen bei der Suche nach Angehörigen und Arbeit zu helfen. Das „Bureau“ konnte zudem unfaire Arbeitsverträge annullieren. Da die früheren Sklavinnen und Sklaven fast alle Analphabeten waren, hatte der Aufbau von Schulen Priorität. Bis 1872 gründete das Freedmen’s Bureau Tausende Schulen im Süden, wo es zuvor überhaupt kein öffentliches Schulwesen gegeben hatte.
Eine afroamerikanische Zeitung nannte das „Bureau“ anerkennend „den ersten Freund der freedmen“, doch es hatte auch viele Feinde, darunter nicht zuletzt Präsident Johnson, der die Behörde schon 1866 durch ein präsidiales Veto zu kippen versuchte, damit aber am Kongress scheiterte. Die Eliten des Südens und die Demokratische Partei hetzten gegen die angebliche „Bevorzugung“ der Schwarzen, obwohl auch viele Weiße von den Maßnahmen, insbesondere vom Aufbau öffentlicher Schulen, profitierten. Nach nur sieben Jahren musste das Freedmen’s Bureau seine Tätigkeit einstellen, nachdem der Kongress eine weitere Verlängerung abgelehnt hatte.
Anfänglich sollte das „Bureau“ auch für die Verteilung von Land an die befreiten Sklaven zuständig sein. Viele radikale Republikaner hielten es für ein Gebot der Gerechtigkeit, die Macht der Pflanzer-Aristokratie durch Enteignung zu brechen und das Land denjenigen zu geben, die darauf im Schweiß ihres Angesichtes geschuftet hatten. Nur auf eigenem Land würden die freedmen in der Lage sein, sich unabhängige Existenzen aufzubauen und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Die bekannteste Landverteilung, die berühmte „Field Order No.15“ des Unionsgenerals William T. Sherman, war allerdings aus der Not geboren und hatte nur kurze Zeit Bestand. Im Januar 1865 befahl der General, der sich auf seinem Feldzug durch den Süden mit immer mehr hilfesuchenden Sklavinnen und Sklaven konfrontiert sah, die Konfiskation der von ihren Besitzern verlassenen Plantagen in den Küstengebieten von Florida, Georgia und South Carolina. Jede schwarze Familie erhielt 40 Acres (rund 16 Hektar) sowie ein Maultier oder ein Pferd.
Insgesamt kamen rund 40 000 freedmen in den Genuss der Maßnahmen, aber Präsident Johnson machte Shermans Anordnung bereits nach wenigen Monaten rückgängig und befahl die Rückerstattung der Plantagen an die früheren Eigentümer. Bis in unsere Gegenwart steht das Schlagwort „Forty Acres and a Mule“ nach Auffassung vieler Afroamerikaner für das gebrochene Versprechen der „Reconstruction“ auf Freiheit und Unabhängigkeit.
Ob eine Landreform den befreiten Sklaven tatsächlich eine tragfähige ökonomische Grundlage verschafft hätte, muss Spekulation bleiben, denn politisch war sie nicht durchsetzbar. Privateigentum war – und ist – der amerikanischen Gesellschaft heilig. Der Südstaaten-Aristokratie nach ihrem menschlichen Eigentum nun auch noch ihr Land zu nehmen und es an die ehemaligen Sklaven zu verteilen, schmeckte zu sehr nach radikaler sozialer Revolution.
Dass die Bundesregierung gleichzeitig rund 160 Millionen Acre (65 Millionen Hektar) Bundesland im Westen an weiße Siedler verteilte, störte dagegen niemanden. Die freedmen, so sahen es auch die meisten Republikaner, sollten sich erst einmal als freie Arbeiter verdingen. Auch General Howard ermahnte sie: „Ihr müsst die Leiter von unten hochsteigen!“
Die freedmen jedoch wollten nicht wieder, wie es in Zeiten der Sklaverei üblich war, in Kolonnen – gangs – auf den Plantagen arbeiten. In einer Gesellschaft, in der freie Farmer das soziale Ideal repräsentierten, strebten sie nach eigenem Land oder wenigstens nach etwas, das so ähnlich aussah. Auch die Pflanzer waren keine Freunde der Lohnarbeit, weil der nach dem Bürgerkrieg herrschende Arbeitskräftemangel schwarzen und weißen Landarbeitern eine günstige Verhandlungsposition verschaffte.
Innerhalb relativ kurzer Zeit entwickelte sich in der Landwirtschaft des Südens ein Pachtsystem, das sharecropping genannt wurde. Die Pflanzer teilten ihre Plantagen in Parzellen auf und verpachteten diese gegen einen Teil der Ernte an schwarze Familien, denen sie außerdem Saatgut, Nutztiere und Gerätschaften auf Kredit zur Verfügung stellten. Die freedmen gerieten so rasch in die Schuldenfalle. In der Praxis entwickelte sich das sharecropping zu einer neuen Form der unfreien Arbeit, denn solange sie ihre Schulden nicht bezahlt hatten, durften sie die Plantage nicht verlassen.
Das System zementierte die Abhängigkeit des Südens von der Baumwolle, aber im Unterschied zum Boom der Vorkriegszeit gingen Produktivität und die Nachfrage nach amerikanischer Baumwolle auf dem Weltmarkt merklich zurück. Der Süden wurde zum Armenhaus der USA, wo die schwarze Landbevölkerung nach dem Ende der „Reconstruction“ zum rechtlosen Agrarproletariat herabsank.
Gleichwohl dürfen die Umwälzungen, die Emanzipation und „Reconstruction“ im Leben der freedmen bewirkten, nicht kleingeredet werden. Als Sklaven waren sie das bewegliche Eigentum ihrer Herren und deren Willkür beinahe schutzlos ausgeliefert gewesen. Die Befreiung verschaffte ihnen nicht nur ein bis dahin unbekanntes Maß an persönlicher Autonomie, sondern auch die Chance, ein soziales Leben außerhalb weißer Kontrolle aufzubauen. So gründeten die früheren Sklavinnen und Sklaven relativ schnell stabile Familien, so dass bereits um 1870 80 Prozent aller schwarzen Kinder des Südens mit beiden Elternteilen zusammenlebten.
Den Kern der neuen Black Community bildeten die schwarzen Kirchen. Seit dem späten 18. Jahrhundert hatten fast alle Afroamerikaner, freie wie versklavte, das Christentum angenommen, aber dabei den evangelikalen Protestantismus mit afrikanischen Traditionen verschmolzen. Während die Sklavenhalter zu Gehorsam gegenüber Gott und der Obrigkeit mahnten, stellten die schwarzen Prediger der „unsichtbaren Kirche“ die prophetischen Botschaften des Alten und Neuen Testaments, die Befreiung und Erlösung verhießen, ins Zentrum.
In ihrem Streben nach religiöser Autonomie knüpften die neuen Kirchengemeinden an bestehende Strukturen wie die am Ende des 18. Jahrhunderts gegründete African Methodist Episcopal Church an, doch daneben entstanden zahlreiche unabhängige Baptistengemeinden. Die schwarzen Kirchen boten ihren Mitgliedern emotionalen Rückhalt und schufen Netzwerke für gegenseitige Hilfe. Niemand verfügte über mehr Einfluss und Respekt unter der afroamerikanischen Bevölkerung als der Reverend, der Gemeindeprediger.
Vor allem übernahmen die schwarzen Kirchen, zusammen mit dem Freedmen’s Bureau, die Führung beim Aufbau des Schulwesens. Vor dem Bürgerkrieg war es im Süden streng verboten gewesen, Sklaven das Lesen und Schreiben beizubringen, und auch nach der Emanzipation widersetzte sich die Pflanzer-Elite der Einrichtung öffentlicher Schulen. Die freedmen sollten billige und fügsame Arbeitskräfte bleiben, Bildung würde sie nur aufsässig machen.
Gegen das verbreitete rassistische Zerrbild, dem zufolge Schwarze nur für harte körperliche Arbeit, nicht aber für anspruchsvollere geistige Tätigkeiten geeignet seien, ermahnten die afroamerikanischen Führer unermüdlich, dass „Freiheit und Schulbuch“ zusammengehörten, wie es die Zeitung „Black Republican“ ausdrückte. Zwischen 1865 und 1872 gründete das Freedmen’s Bureau mehr als 4000 Schulen mit über 9000 Lehrerinnen und Lehrern. Unter dem Lehrpersonal fanden sich viele von Missionsgesellschaften entsandte Weiße aus dem Norden, aber auch Angehörige der kleinen afroamerikanischen Bildungsschicht.
Da die Gelder des Bundes und der Einzelstaaten nicht reichten, mussten die lokalen schwarzen Gemeinden selbst erhebliche Mittel für den Bau der Schulgebäude und die Lehrergehälter aufbringen. Doch trotz aller Widrigkeiten besuchte bereits 1870 jedes vierte schwarze Kind im Süden eine öffentliche Schule.
Dass die Schulen nach Rassen getrennt waren, stellten freilich nicht einmal die republikanischen Verbündeten der freedmen in Frage. Dasselbe gilt für die Gründungen der ersten höheren Bildungsanstalten, die ebenfalls vom Freedmen’s Bureau ausgingen und von Philanthropen aus dem Norden finanziert wurden. Zu diesen „Historically Black Colleges“, wie sie bis heute genannt werden, gehören das Hampton Institute in Virginia, die Atlanta University in Georgia, die Fisk University in Tennessee und die Howard University in der Hauptstadt Washington, D.C. – benannt nach General Oliver Otis Howard, der auch der erste Präsident der Universität wurde.
Das Besatzungsregime greift härter durch
Alle diese Errungenschaften der „Reconstruction“ waren nur möglich, weil der Kongress 1866 die von Präsident Johnson betriebene Politik der schnellen Versöhnung beendete und den Süden einem strengen Besatzungsregime unterwarf. Der Trotz, mit dem die Südstaatler sich weigerten, die Niederlage anzuerkennen, führte zu einem Umschwung der öffentlichen Meinung im Norden, die jetzt mehrheitlich drastische Maßnahmen befürwortete, um die Rebellen endlich zur Räson zu bringen.
Zu diesem Zweck verbündeten sich die radikalen und moderaten Republikaner gegen Johnson. Ende 1865 machte der mehrheitlich republikanische Kongress von seinem verfassungsmäßigen Recht Gebrauch und verweigerte den neugewählten Delegierten aus den Staaten der ehemaligen Konföderation die Sitze. Zudem verabschiedeten die Volksvertreter zahlreiche Gesetze zum Schutz der freedmen und ihrer Rechte.
Das bedeutendste Projekt war der 14. Verfassungszusatz, der alle in den Vereinigten Staaten geborenen Personen, also auch die ehemaligen Sklaven, zu US-Bürgern erklärte, die vor dem Gesetz gleich waren. Johnson legte gegen die Verfassungsänderung erfolglos sein Veto ein, und auch sein Versuch, bei den Kongresswahlen im November 1866 die republikanische Mehrheit zu brechen, scheiterte kläglich. Die Republikaner errangen einen Erdrutschsieg, der es ihnen erlaubte, den Südstaaten neue Bedingungen für die Wiederzulassung zur Union zu diktieren.
Der „Reconstruction Act“ vom März 1867 erklärte die unter Johnsons Plan gewählten Regierungen für abgesetzt und unterteilte die ehemaligen Konföderierten Staaten in fünf Militärbezirke unter dem Kommando von Militärgouverneuren. Die Staaten sollten so lange dem Besatzungsregime unterworfen sein, bis sie die Bedingungen für eine Rückkehr in die Union erfüllt hatten. Dazu gehörten die Ratifizierung des 14.Verfassungszusatzes und die Verabschiedung von Einzelstaatsverfassungen, die allen schwarzen Männern das gleiche Wahlrecht garantieren mussten.
Die Strategie der Republikaner zielte darauf ab, die alten Eliten des Südens vorerst aus dem politischen Leben auszuschalten und eine Koalition aus unionstreuen weißen Südstaatlern, zugewanderten Nordstaatlern und den freedmen zu schmieden, die gemeinsam ein Bollwerk gegen ein Wiederaufleben der Rebellion bilden sollten. Da Johnson seinen Widerstand gegen die Politik des Kongresses fortsetzte – unter anderem durch die Ernennung konservativer Militärs –, eröffnete die republikanische Mehrheit Anfang 1868 ein Amtsenthebungsverfahren.
Der Anlass für die Zuspitzung des Konflikts war ein Gesetz, das es dem Präsidenten untersagte, Kabinettsmitglieder ohne Zustimmung des Senats zu entlassen – konkret ging es um Kriegsminister Edwin Stanton, einen Sympathisanten der radikalen Republikaner. Johnson hielt das Gesetz für verfassungswidrig und entließ Stanton. Das Impeachment scheiterte allerdings knapp, weil mehrere republikanische Senatoren sich weigerten, den Präsidenten wegen einer politischen Meinungsverschiedenheit abzusetzen anstatt wegen der in der Verfassung bestimmten Tatbestände des „Verrats, der Bestechung oder anderer Verbrechen und Vergehen“.
Politisch war Johnson dennoch erledigt. Bei den Präsidentschaftswahlen im November 1868 siegte der ehemalige Oberbefehlshaber der Unionsstreitkräfte und Kriegsheld Ulysses S. Grant, der für die Republikaner antrat, mit breiter Mehrheit.
So dominant die Republikanische Partei in der nationalen Politik war, so prekär blieb ihre Machtstellung im Süden. Bei der großen Mehrheit der weißen Südstaatler war sie als Partei der Yankees und der zugewanderten Kriegsgewinnler – carpetbaggers genannt – verhasst. Die Zahl der unionstreuen Südstaatler war zu gering, um ihr dauerhaft eine Basis zu geben. Ihr Rückgrat bildeten die freedmen, die schätzungsweise vier Fünftel aller republikanischen Wähler im Süden stellten und die Partei der Emanzipation loyal unterstützten.
Doch stand das Wahlrecht der Schwarzen auf tönernen Füßen, solange es allein auf Bundesgesetzen beruhte, die eine neue Kongressmehrheit jederzeit annullieren konnte. Außerdem ließ sich kaum begründen, dass der Norden dem Süden das Wahlrecht für schwarze Männer oktroyierte, die meisten Nordstaaten Afroamerikaner jedoch vom Wählen ausschlossen.
Den Ausweg aus diesem Dilemma sollte ein weiterer Verfassungszusatz eröffnen. Das 15.Amendment, das im Februar 1869 den Kongress passierte und ein Jahr später in Kraft trat, nachdem es drei Viertel der Bundesstaaten ratifiziert hatten, untersagte überall in den USA die Verweigerung oder Beschränkung des Wahlrechts aufgrund von „Rassenzugehörigkeit, Hautfarbe oder früherem Sklavenstatus“. Die Nordstaatler akzeptierten die Verfassungsänderung, weil im Norden afroamerikanische Wähler zahlenmäßig kaum ins Gewicht fielen und weil das Amendment als politischer Schutz für die freedmen unverzichtbar schien. Ohne den Stimmzettel, argumentierten deren Wortführer, „ist der Neger tot“.
Der Wortlaut des Artikels war allerdings eng gefasst und sprach lediglich ein spezifisches Diskriminierungsverbot aus. Nach dem Ende der „Reconstruction“ ersannen die Südstaaten zahlreiche Wahlrechtsqualifikationen, etwa Lese- und Schreibtest, die es ihnen erlaubten, Schwarze vom Wählen auszuschließen, ohne einen Buchstaben des 15.Verfassungszusatzes zu verletzen.
Solange die Südstaaten von republikanischen Administrationen regiert wurden und die US-Armee und das Freedmen’s Bureau das Wahlrecht der Afroamerikaner schützte, nahmen diese enthusiastischen Anteil an der Politik. Auch wenn den meisten die Erfahrung und das Wissen fehlten, verstanden sie sehr wohl, dass der Stimmzettel eine Waffe war, um sich gegen neue Unterdrückung zu schützen. In vielen lokalen Gemeinden gründeten sie „Unionsbünde“, die sowohl der politischen Mobilisierung als auch dem Selbstschutz dienten. Die Führung übernahmen oft Veteranen der Unionsarmee, die stolz darauf waren, die Einheit der Nation auf dem Schlachtfeld verteidigt zu haben, und nun als Bürger Mitsprache einforderten. Wer als Soldat für die Union gekämpft habe, so hieß es in unzähligen Petitionen, auf den sei auch als Bürger und Wähler Verlass.
Da die Gesetze der „Reconstruction“ zahlreiche ehemalige Konföderierte vorerst von den Urnen ausschlossen, übten schwarze Wähler und Kandidaten besonders dort, wo Afroamerikaner die Bevölkerungsmehrheit stellten, erheblichen Einfluss aus. Insgesamt wurden fast 2000 Afroamerikaner während der „Reconstruction“ in politische Ämter gewählt, die meisten auf lokaler Ebene, aber immerhin 22 auch in den US-Kongress, darunter zwei US-Senatoren. Die Legislative von South Carolina hatte zeitweilig eine schwarze Mehrheit, und in Mississippi lag der Anteil der schwarzen Abgeordneten bei 50 Prozent. Auch in den republikanisch dominierten Administrationen der Südstaaten bekleideten Afroamerikaner hohe Posten. Die politische Welt des Südens stand auf dem Kopf. Das Gespenst der „Negerherrschaft“, das die Weißen dort seit langem verfolgte, schien Wirklichkeit geworden zu sein.
Rassistische Gewaltexzesse verbreiten Angst und Schrecken
Die Eliten des Südens dachten freilich nicht daran, sich kampflos mit ihrem Machtverlust abzufinden. „Ich werde fast alles tun und mich jedem Regiment unterwerfen, um der Niggerherrschaft zu entgehen“, gelobte ein Pflanzer aus Alabama. Auch nach der militärischen Kapitulation der Konföderation herrschte im Süden kein Frieden. Die „Reconstruction“ war vielmehr eine Zeit extremer Gewalt, die im Grunde eine Fortsetzung des Bürgerkrieges darstellte. Wie nach der Sezession 1860/61 konnte die alte Sklavenhalter-Oligarchie weiterhin auf die Solidarität der großen Mehrheit der weißen Südstaatler zählen, die eine soziale Revolution, die sie mit den Ex-Sklaven auf eine Stufe stellte, strikt ablehnte.
Zudem fürchteten weiße Farmer, Pächter und Tagelöhner die freedmen als Konkurrenten um Land und Arbeitsplätze. Der Schlachtruf der „weißen Vorherrschaft“ – white supremacy – kaschierte die Klassengegensätze des Südens und gab den weißen Unterschichten das Gefühl, zur „herrschenden Rasse“ zu gehören.
Rassistische Mobgewalt richtete sich oft gezielt gegen die Symbole der Emanzipation. Neuerrichtete Schulen für die freedmen gingen in Flammen auf, und ehemalige Sklaven, die es geschafft hatten, Land zu erwerben, wurden mit Gewalt von ihren Farmen vertrieben. Bei den „Unruhen“, die im Mai 1866 in Memphis, Tennessee, fast 50 Todesopfer unter der schwarzen Bevölkerung forderten, versuchten die Angreifer, möglichst viele Afroamerikaner aus der Stadt zu jagen.
Diese sogenannten race riots („Rassenunruhen“) waren in Wirklichkeit pogromartige Attacken weißer Mobs auf schwarze Wohnviertel und hatten häufig einen politischen Hintergrund. Im Juli 1866 attackierten in New Orleans mehr als 1000 bewaffnete weiße Demokraten die von schwarzen und weißen Republikanern einberufene Staatsversammlung, die Louisiana eine neue Verfassung geben sollte. Die Polizei machte keinerlei Anstalten, den Konvent zu schützen, sondern schoss wahllos auf die Delegierten. Mindestens 40 Menschen wurden getötet und Hunderte verletzt. Der race riot in New Orleans markierte einen ersten Höhepunkt des konterrevolutionären Terrors, dessen blutige Spur die „Reconstruction“ bis zu ihrem Ende durchzog.
Die Propaganda der Südstaaten-Demokraten behauptete, dass es sich bei solchen Gewaltaktionen um legitime Selbstverteidigung des Südens handle, weil ihn rachsüchtige Yankees der „Negerherrschaft“ unterwerfen wollten. Der Appell, die Ehre des Südens und die weiße Vorherrschaft mit allen Mitteln zu schützen, fand breiten Widerhall. Unter den Vigilantengruppen, die sich nach dem Bürgerkrieg überall im Süden bildeten, ragte der bis heute existierende Ku-Klux-Klan heraus. Gegründet wurde der Klan 1866 von konföderierten Veteranen in Tennessee. Der Name war vermutlich dem griechischen Wort für Kreis, kuklos, nachempfunden und sollte geheimnisvoll klingen. Nächtliche Initiationsrituale und Maskeraden verstärkten die geheimbündlerische Aura, die besonders junge Männer anzog, denen der Frieden zu langweilig war.
Bis Anfang 1868 breitete sich der Ku-Klux-Klan in allen Südstaaten aus und wurde de facto zum paramilitärischen Arm der Demokratischen Partei. Grandiose Titel wie „Grand Wizard“ und „Grand Cyclop“ und die Selbstbezeichnung als „Invisible Empire“ erweckten den Eindruck, es handle sich um eine straff geführte Organisation, die jedoch niemals existierte. Dennoch gelang es dem Klan Ende der 1860er Jahre, in weiten Teilen des Südens Angst und Schrecken zu verbreiten. Sein Terror sollte Unionisten einschüchtern und die befreiten Afroamerikaner auf „ihren Platz“ verweisen.
Afroamerikaner, die als Aktivisten der Republikaner bekannt waren, mussten stets auf Besuche des Klans gefasst sein. Schätzungen zufolge ermordete der Klan zwischen 1868 und 1871 bis zu 20000 Afroamerikaner. Wer nur „zur Warnung“ ausgepeitscht wurde, konnte sich glücklich schätzen.
In Georgia kastrierten Klan-Terroristen den schwarzen Republikaner Henry Lowther. Die Botschaft war unmissverständlich: Politik war das Privileg weißer Männer. Indem sie ihr Opfer entmannten, stießen sie Lowther symbolisch wieder auf „seinen Platz“. Dadurch, dass schwarze Männer soziale und politische Gleichheit beanspruchten, weckten sie zugleich sexuelle Ängste.
Die rassistische Propaganda malte genüsslich das Gespenst des „schwarzen Vergewaltigers“ an die Wand, der die Tugend weißer Frauen und die Integrität der „weißen Rasse“ bedrohe. Lynchmorde an Afroamerikanern wurden oft mit angeblichen sexuellen Übergriffen gerechtfertigt, auch wenn die wahren Motive ganz andere waren.
Die schwarzen Gemeinden des Südens nahmen Klan-Terror und Mobgewalt keineswegs widerstandslos hin. Vielerorts formierten sich Selbstschutzkompanien, die den night riders und Lynchmobs die Stirn boten. Aber auf Dauer hatten sie gegen die Übermacht der Rassisten keine Chance. Die in den Südstaaten stationierten Besatzungstruppen bemühten sich zwar ernsthaft, die politische Gewalt einzudämmen, waren aber zahlenmäßig schwach und verfügten nur über eingeschränkte Befugnisse. So durfte das US-Militär keine Zivilisten aburteilen, sondern musste Klan-Männer an ordentliche Gerichte überstellen, wo weiße Geschworene sie regelmäßig freisprachen. Die Zukunft der freedmen hing davon ab, wie lang der Norden und die Bundesregierung gewillt waren, ihre Rechte zu schützen.
Vor allem Demokraten und konservative Republikaner wünschten Versöhnung und ein rasches Ende des Besatzungsregimes. Nachdem ein Untersuchungsausschuss schockierende Einzelheiten über die Gewalttaten des Klans zutage gebracht hatte, gelang es der republikanischen Mehrheit im Kongress jedoch, zwischen März 1870 und April 1871 drei sogenannte „Enforcement Acts“ zu verabschieden, die den Militärbehörden vor Ort größere Befugnisse gaben und den Präsidenten autorisierten, über einzelne Gebiete den Ausnahmezustand zu verhängen.
Vor allem in den Carolinas und in Mississippi erfolgten Massenverhaftungen, und Bundesgerichte verurteilten zahlreiche Klan-Männer zu Haftstrafen, die sie im Bundesgefängnis von Albany, New York, verbüßen mussten. Auch wenn die Erfolge begrenzt blieben, stiftete das härtere Durchgreifen Verwirrung in den Reihen des Klans und trug dazu bei, dass die nächtlichen Überfälle und Lynchmorde deutlich zurückgingen.
Die Wirtschaftskrise lenkt den Fokus auf andere Themen
Letztlich verzögerten diese Maßnahmen jedoch nur den Triumph der Konterrevolution, denn den Norden plagten zunehmend andere Sorgen als die leidige „Reconstruction“. Ein als „Panik von 1873“ bekannter Bankenkrach stürzte die USA in eine langanhaltende wirtschaftliche Depression mit Massenarbeitslosigkeit, Streik- und Pleitewellen. Die Grant-Administration machte vor allem durch Korruption von sich reden, so dass ihr Teile der Republikanischen Partei die Gefolgschaft aufkündigten. Die Demokraten denunzierten die republikanischen Regierungen des Südens als Selbstbedienungsläden für Kriegsgewinnler und ihre schwarzen Günstlinge, die angeblich die Staatskassen plünderten, während die Bürger im ganzen Land unter hohen Steuern ächzten. Vor diesem Hintergrund verloren immer mehr Nordstaatler die Lust daran, den Süden auf unbeschränkte Zeit mit vorgehaltenem Bajonett zu regieren. Der Horrorgeschichten über Gewalt und Massaker überdrüssig, zogen sie die Konsequenz, dass die „Negerfrage“ der nationalen Versöhnung nicht länger im Weg stehen dürfe.
Mit dem politischen Rückhalt für die „Reconstruction“ in Washington schwand auch die Wirkung der „Enforcement Acts“. Obwohl der Terror gegen schwarze und weiße Republikaner weiterging, reduzierte die Bundesregierung die Zahl der Besatzungstruppen. Nur noch wenige Vigilanten wurden angeklagt, Amnestie dafür umso großzügiger gewährt. Im Jahr 1876 erklärte der Oberste Gerichtshof der USA schließlich Teile der Gesetze für verfassungswidrig, weil die Bundesregierung nicht befugt sei, Privatpersonen für Straftaten in den Einzelstaaten anzuklagen.
So gab das Gericht etwa der Klage dreier weißer Männer statt, die für ihre Beteiligung am berüchtigten Massaker von Colfax, Louisiana, verurteilt worden waren, wo 1873 eine Parteiarmee der Demokraten eine schwarze Miliz überwältigt und Dutzende wehrlose Gefangene abgeschlachtet hatte.
Auf der politischen Ebene führte eine vom Kongress gewährte Generalamnestie dazu, dass alle ehemaligen konföderierten Amtsträger das aktive und passive Wahlrecht zurückbekamen. Die Zeichen der Zeit waren unübersehbar. Viele der republikanischen Nordstaatler, die nach dem Krieg in den Süden gekommen waren, kehrten heim, und viele weiße Südstaatler, die sich während der „Reconstruction“ aus Überzeugung oder Opportunismus den Republikanern angeschlossen hatten, erkannten, dass sie die Seiten wechseln mussten.
Aus Sicht der alten Führungsschichten des Südens war die Zeit gekommen, die Heimat endgültig vom Joch der Yankees zu befreien. Die Wahlerfolge der „Erlöser“ – redeemers, wie sie sich selbst nannten – wurden fast überall von Wahlbetrug und Gewalt begleitet. Zwar spielte der Klan keine größere Rolle mehr, doch Parteiarmeen, die als „Weißer Bund“ oder „Rothemden“ bekannt waren, sprengten vielerorts Versammlungen der Republikaner, bedrohten Wähler und besetzten Wahllokale.
Trotz ihres zähen Widerstandes und ihrer Loyalität gegenüber der Union fehlten der afroamerikanischen Bevölkerung die Mittel, um die Gegenrevolution des weißen Südens verhindern zu können. „Diese Feiglinge fallen über uns her, weil wir in der Minderheit sind und weil wir treu zu dem Staat stehen, der die Rebellen unterworfen und triumphal die Flagge unserer Nation auf den Ruinen der südlichen Konföderation errichtet hat“, schrieb ein verbitterter afroamerikanischer Journalist. Bis 1875 hatten die Südstaaten-Demokraten in fast allen Staaten der ehemaligen Konföderation die Macht zurückerobert.
Das endgültige Aus für die „Reconstruction“ kam im Gefolge der Präsidentschaftswahlen von 1876, die zu den korruptesten der US-Geschichte zählen. Weder der republikanische Kandidat Rutherford B. Hayes noch der Demokrat Samuel Tilden hatten eine Mehrheit im Wahlmännerkollegium, weil der Wahlausgang in South Carolina, Florida und Louisiana, den drei Südstaaten, die noch republikanisch regiert wurden, heftig umstritten war. Nach langem Tauziehen einigten sich die Parteien schließlich darauf, dass die ausstehenden Stimmen an Hayes fallen sollten, der so ins Weiße Haus einziehen konnte. Im Gegenzug gestand er den Abzug der letzten Besatzungstruppen zu.
Damit hatte der Süden freie Hand in der „Negerfrage“, auch wenn die Südstaatler versprachen, die Rechte der freedmen zu achten. Viele der schwarzen Republikaner fühlten sich verraten. „Wir sind durch Blut gewatet, um ihn dahin zu bringen, wo er jetzt ist“, kommentierte einer von ihnen den Handel, den Hayes mit dem Süden geschlossen hatte.
Afroamerikaner sterben durch Terroraktionen zu Tausenden
Der weiße Süden feierte das Ende der „Reconstruction“ als „Erlösung“. Zwar ließen sich weder die Niederlage im Krieg noch die Abschaffung der Sklaverei ungeschehen machen, aber wenigstens war es gelungen, Selbstregierung – home rule – und weiße Vorherrschaft wiederherzustellen. In den folgenden Jahrzehnten glorifizierten Propagandisten des Südens den Ku-Klux-Klan und die „Erlöser“ als edle Streiter für die „weiße Zivilisation“, während die Gewaltexzesse der „Reconstruction“ den radikalen Republikanern und den „blutrünstigen Wilden“ angelastet wurden.
In Wirklichkeit war die „Befreiung“ des Südens das Ergebnis einer Terrorkampagne, die in der amerikanischen Geschichte ohne Parallele ist. Verlässliche Zahlen, wie viele Menschen ihr zum Opfer fielen, existieren nicht, doch vermutlich waren es Zehntausende. Unbestritten ist, dass die Afroamerikaner bei weitem den höchsten Blutzoll entrichteten und dass sie nach dem Ende der „Reconstruction“ ihre hart erkämpften Rechte wieder einbüßten.
Dass innerhalb eines Jahrzehnts knapp vier Millionen rechtlose Sklaven zumindest nach dem Gesetz zu gleichberechtigten Staatsbürgern wurden, kam, so sehen es heute viele Historiker, einer „zweiten amerikanischen Revolution“ gleich. Aber warum blieb die „Reconstruction“ „Amerikas unvollendete Revolution“, wie Eric Foner sein Meisterwerk betitelt hat? Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts dominierte die Auffassung, die Bürgerrechtsrevolution zugunsten der Afroamerikaner nach dem Bürgerkrieg sei ein aus Rachsucht und Ignoranz geborener tragischer Irrtum gewesen, der den Süden in Chaos und Anarchie gestürzt habe. Es habe den ehemaligen Sklaven schlicht an der „Reife“ für ihre neue Rolle als Staatsbürger gemangelt.
Moderne Historiker wie Foner argumentieren dagegen, die „Reconstruction“ sei nicht radikal genug gewesen, weil es dem Norden an Entschlossenheit fehlte, die Macht der ehemaligen Sklavenhalter durch eine echte soziale Revolution zu brechen, so wie es die radikalen Republikaner um Thaddeus Stevens und schwarze Abolitionisten wie Frederick Douglass forderten. Für die große Mehrheit der weißen Nordstaatler jedoch hatte nationale Versöhnung Vorrang vor Gerechtigkeit.
In der Tat waren das Schicksal und die Rechte der freedmen immer nur Mittel zum Zweck gewesen. Der Norden führte den Krieg zur Rettung der Union und nicht für die Abschaffung der Sklaverei; die Emanzipationserklärung erfolgte als „Kriegsmaßnahme“, um den Feind zu schwächen. Auch die drei Verfassungszusätze, die während der „Reconstruction“ in Kraft traten, zielten primär darauf ab, Sicherungen gegen ein Wiederaufleben der Rebellion zu schaffen.
Sobald sich die Mehrheit der Nordstaatler davon überzeugt hatte, dass der Süden den Ausgang des Krieges akzeptierte und keine Gefahr einer neuen Sezession mehr bestand, wuchs die Bereitschaft, zur hergebrachten föderalen Ordnung zurückzukehren und die freedmen „dem Furor ihrer früheren Herren“ zu überlassen, wie Frederick Douglass klagte.
Der Preis für das Scheitern der „Reconstruction“ war hoch. Das Experiment einer farbenblinden Demokratie, wie halbherzig es auch gewesen sein mag, machte einer neuen rassistischen Kastenordnung Platz, die erst durch die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre überwunden werden konnte. Auch daran sollte sich Amerika am „Juneteenth“ erinnern.
Autor: Prof. Dr. Manfred Berg
geb. 1959, ist Inhaber des Curt-Engelhorn-Lehrstuhls für Amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg. Er ist ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
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