Im Jahr 1906 erhielt die jiddischsprachige Zeitung „Forwerts“ in New York den folgenden Leserbrief: „Ich bin ein russischer Revolutionär und Freidenker. Hier in Amerika habe ich ein Mädchen kennengelernt, das auch eine Freidenkerin ist. Wir haben uns entschlossen, zu heiraten, aber das Mädchen hat orthodoxe Eltern und um deren Willen müssen wir die Heirat in einer religiösen Zeremonie durchführen. Wenn wir uns weigern, verstoßen sie uns für immer. Ihre Eltern verlangen außerdem, dass ich vor der Hochzeit mit ihnen in die Synagoge gehe. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Daher bitte ich um Ihren Ratschlag.“
Tatsächlich gingen bei der Zeitung Tausende solcher Anfragen von Lesern ein, die zu einem Großteil erst wenige Jahre zuvor aus Osteuropa eingewandert waren. Solche Anfragen veröffentlichte der „Forwerts“ über mehrere Jahrzehnte in einer eigenen Rubrik mit dem Titel „A Bintel Brief“ („Ein Bündel Briefe“). Wie im Fall des russischen Freidenkers brachten die Leser darin ihre Sorgen und Nöte zum Ausdruck und baten um Ratschlag. Zahlreiche dieser Zusendungen zeugen von Anpassungsschwierigkeiten in der Neuen Welt, vom Umgang mit neugewonnenen Freiheiten, von Liebesproblemen oder auch von der Sorge um in Europa zurückgebliebene Verwandte.
Der Herausgeber des „Forwerts“, Abraham Cahan, beantwortete diese Briefe meist in nüchterner und pragmatischer Form. Unserem verliebten Freidenker etwa riet Cahan dazu, auf die Forderungen der künftigen Schwiegereltern einzugehen. Und das, obwohl die sozialistisch ausgerichtete Zeitung gewiss die Einstellungen des jungen Mannes in Sachen jüdischer Religion teilte. „Wenn man gute Beziehungen zu den Eltern pflegen kann“, beendete Cahan seine Antwort, „ist es besser, diese nicht abzubrechen“.
„A Bintel Brief“ ist Zeugnis eines Phänomens, das im letzten Jahrhundert des 19. Jahrhunderts zentralen Einfluss auf das Leben vieler osteuropäischer Juden gewinnen sollte: Migration. Schätzungen zufolge lebten in Russland im Jahr 1881 rund 4,1 Millionen Juden. Mehr als die Hälfte davon sollten in den nächsten Jahrzehnten das Zarenreich verlassen. Vor allem in die Neue Welt und insbesondere in die USA zog es die Auswanderer.
Andere strebten in westeuropäische Großstädte oder richteten sich dort ein, oft mit dem Vorsatz, irgendwann die Reise über den Atlantik anzutreten. Und ein paar tausend machten sich auf den Weg in die neuen jüdischen Siedlungen in Palästina.
Nach der Ermordung Zar Alexanders II. wendet sich die Stimmung endgültig gegen die Juden
Welche Faktoren aber führten zu dieser enormen Wanderungsbewegung osteuropäischer Juden zwischen den 1880er Jahren und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Wichtig waren zweifelsohne die restriktive politische und gesellschaftliche Situation und insbesondere ein sich stetig aggressiver äußernder Antisemitismus. Am 13. März 1881 wurde Zar Alexander II. bei einem Anschlag der sozialrevolutionären Gruppe „Narodnaja Wolja“ („Volkswille“ oder „Volksfreiheit“) in St. Petersburg getötet. Das Attentat stürzte das Land ins Chaos. Schließlich folgte eine Welle von gewalttätigen Ausschreitungen an der jüdischen Bevölkerung: Wütende Horden plünderten jüdische Geschäfte, Wirtshäuser und private Wohnungen. Zahlreiche Menschen wurden vergewaltigt oder ermordet. Während der folgenden Jahrzehnte druckten antisemitische Agitatoren Tausende von Pamphleten und verbreiteten diese unter der Bevölkerung.





