Diese These versucht der Autor im ersten Teil durch systematische Analyse der wissenschaftlichen Literatur zu Krieg und Rittertum im Mittelalter zu belegen. Dabei geht er von einem „Tugendsystem“ (unter anderem vermittelt durch Literatur) aus, das bei der Kriegführung von Rittern wirksam wurde. Diese kontrastiert er mit der „unethischen“ Kampfweise von Spezialtruppen, die wegen ihrer Methoden (Mord, Verrat, Bestechung) vom Ritterheer zu unterscheiden seien.
Anschließend behandelt Harari die Zusammensetzung der Kommandos, ihre jeweiligen Ziele (etwa Infrastruktur, Orte, Personen) und deren Darstellungen zumeist in historiographischen Zeugnissen. Zweifel sind jedoch – bedenkt man die Kriegsrealität – bezüglich Hararis idealisierender Sichtweise von Rittern und ihrem angeblich ethisch bestimmten Verhalten im Krieg angebracht.
Seine Thesen konkretisiert der Autor im zweiten Teil des Werks, in dem er anhand von sechs Beispielen die Aktivitäten von Kommandos schildert – von den Kämpfen um Antiochia (1098) über die Ermordung König Konrads (1192), die Belagerung von Calais (1350) bis zu den Machtkämpfen zwischen Kaiser Karl V. und Franz I. von Frankreich (1536). Hier entfaltet Harari sein erzählerisches Talent, indem er den Verlauf der Kampfhandlungen darstellt. Diese großen Kapitel sind höchst unterhaltsam, elegant geschrieben und zudem sachlich informativ.
Auch werden Neuinterpretationen angeboten: Viele der verwendeten Berichte von Zeitgenossen über Kommandos (unter anderer Bezeichnung) sind schon bekannt, wurden jedoch
in der Forschung oftmals als fiktional bzw. als unglaubwürdig abgetan. Dies betrifft etwa die „Heldentaten“ einzelner Kampfgruppen beim Sturm von Festungen oder die Aktivitäten von Mineuren bei Belagerungen.
Diese Gruppen unterschieden sich nach Harari nicht von den übrigen Kriegern durch besondere Ausbildung, spezielle Bewaffnung oder eigene Organisation. Vielmehr agierten sie in ihrem jeweiligen Verband, geprägt durch persönliche Bindung an den Führer, und wurden aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten für spezielle Aufgaben eingesetzt. Die Spezialtrupps – wie etwa die Assassinen – wandten oftmals unkonventionelle Mittel an. Doch auch „normalen“ Rittern waren diese nicht fremd. Insgesamt eröffnet Harari mit seinen Studien eine innovative, neue Blickweise auf längst bekannte historiographische Zeugnisse.
Rezension: Prof. Dr. Dieter Berg
Yuval Noah Harari
Fürsten im Fadenkreuz
Geheimoperationen im Zeitalter der Ritter 1100–1550
Verlag C. H. Beck, München 2020, 347 Seiten, € 26,95





