Geschildert werden die abenteuerliche und beschwerliche, fünfmonatige Hinreise vom württembergischen Herrenberg über Köln und Rotterdam bis nach Philadelphia und weiter nach Charleston sowie die dreimonatige Rückreise der 39-Jährigen. Heftige Unwetter, verdorbenes Essen („Erbsen ohne Fett, mit Würmern“), Begegnungen mit Piraten oder Indianern (von ihr „Mohren“ genannt) in Charleston – all das will eine alleinreisende Frau erlebt haben?
Zweifel können aufkommen, denn es gab durchaus fingierte Reiseberichte in einer Zeit, in der die Leser nach unterhaltsamer Reiseliteratur gierten. Durch akribische Quellensuche weisen Katharina Beiergrößlein und Jürgen Lotterer jedoch nach, dass Eberhardine Lotter die Reise tatsächlich unternommen hat. Viele der geschilderten Einzelheiten können sie belegen, auch die genutzten Transportmittel: Postkutsche, Flussschiff, schließlich eine Brigantine. Erstaunen mag, dass Lotter sich das Abenteuer auf eigene Faust zutraute, doch es wird deutlich, dass sie geschickt unter den Mitreisenden erfahrenere Begleiter suchte. Dass sie dabei von einem Mitreisenden bedrängt wurde, zeigt die Gefahren, die sie als Alleinreisende zu bestehen hatte.
Doch was führte Eberhardine Lotter nach Amerika? Ihr Mann Thomas Gottlieb Lotter war als Geschäftsmann in Herrenberg glücklos geblieben, hatte Konkurs anmelden müssen und seine Frau als Bürgin für seine Schulden eingesetzt. Dann war er 1785 nach Charleston ausgewandert. Lotter gibt an, sie habe ihn mit den drei kleinen Kindern noch nicht begleiten wollen, doch allmählich trug sie Sorge, dass eine so weite Entfernung das Andenken an sie und die Kinder „verwischen möchte“. Mit anderen Worten, sie befürchtete, auf den Schulden sitzenzubleiben, und wollte sich durch die spektakuläre Aktion wieder in Erinnerung bringen. Ein dauerhaftes Zusammenleben ergab sich jedoch nie mehr: Sie kehrte nach Herrenberg zurück, während ihr Mann 1806 in Amerika verstarb.
Autorin: Dr. Heike Talkenberger





