Am 19. Juni 1991 stellte sich der berühmt-berüchtigte Drogenbaron Pablo Escobar der kolumbianischen Justiz – wenige Stunden zuvor hatte die Regierung das Gesetz abgeschafft, wonach Escobar und andere Kriminelle seines Kalibers an die USA ausgeliefert werden konnten. Escobars einzige Bedingung: Er würde sein eigenes, selbstentworfenes Gefängnis beziehen.
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In den 1980er Jahren zählte Pablo Emilio Escobar Gaviria, das Oberhaupt des Medellín-Kartells, zu den reichsten und mächtigsten Menschen der Welt. Er richtete über Leben und Tod, über Sieg und Niederlage, im Leben – und auf dem Fußballplatz. Dass der Sieger des wichtigsten südamerikanischen Vereinspokals, der Copa Libertadores, im Jahr 1989 Atlético Nacional aus Medellín hieß, war kein Zufall – sondern der finanziellen Unterstützung Escobars zu verdanken.
Er war nicht der einzige Drogenhändler mit eigenem Fußballteam: Der Millonarios FC aus Bogotá gehörte „El Mexicano“ José Gonzalo Rodríguez Gacha, und América de Cali wurde von „El Señor“ Miguel Rodríguez Orejuela, dem Chef des Cali-Kartells, gesponsert. Die Fans sprachen von „Narco-fútbol“ (Drogenfußball).
Das Drogengeld machte den kolumbianischen Fußball international wettbewerbsfähig. Die Nationalmannschaft um René Higuita, Freddy Rincón und Carlos Valderrama erreichte bei der WM 1990 gegen den späteren Weltmeister Deutschland ein 1 : 1. Im Achtelfinale schied das Team in der Verlängerung aus, nachdem Torwart Higuita versucht hatte, Kameruns Star Roger Milla auszudribbeln. Milla nahm ihm den Ball ab und schob ihn ins leere Tor.
Das legendärste Fußballspiel in der Geschichte Kolumbiens fand jedoch nicht bei der WM in Italien, sondern am 24. September 1991 in Escobars Anwesen „La Catedral“ statt. Die Libertadores-Sieger von Atlético Nacional trafen auf eine Auswahl des Medellín-Kartells, die in den Farben der deutschen Nationalmannschaft antrat. Das Spiel endete 5 : 5, das Kartell siegte im Elfmeterschießen. Escobar selbst verwandelte den entscheidenden Elfmeter gegen Nationaltorwart Higuita. Ein Fußballspiel des Copa-Siegers gegen einen Drogenbaron und seine „Sicarios“ – noch dazu auf einem luxuriösen Landsitz, der eigentlich ein Gefängnis sein sollte – wie hatte es so weit kommen können?
„Anfangs stahl er Grabsteine, dann wurde er Autodieb, dann Auftragskiller, dann Schmuggler und dann Drogenschmuggler. Danach wurde er Kongressabgeordneter – ein Politiker, das sind die Schlimmsten.“ So fasste Edgar „El Chino“ Jiménez die Karriere seines Schulfreundes zusammen. Tatsächlich verdingte sich Escobar nach der Schule als Kleinkrimineller mit Diebstählen, steigerte sich dann zu Überfällen und wurde schließlich Spezialist für Entführungen. Bald baute er ein Team aus „Sicarios“ auf, brutalen Handlangern, die ihm bei größeren Projekten wie der Entführung und Ermordung des reichen Industriellen Diego Echavarría Misas halfen.
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Entführungen blieben auch dann noch Escobars bevorzugtes Geschäftsfeld, als er in den lukrativeren Drogenhandel eingestiegen war. Seit den späten 1970ern boomte Kokain als Partydroge in den US-amerikanischen Clubs und Diskotheken. Der Import war lange eine Angelegenheit für Draufgänger und Amateure gewesen, bis der Autohehler Carlos Lehder in das Geschäft einstieg. 1978 kaufte Lehder ein Anwesen auf den Bahamas und baute dort eine 1000 Meter lange Start- und Landebahn. Flugzeuge flogen das Kokain von Kolumbien ein, und Lehder verlud die Ware in Schnellboote, die sie weiter nach Florida transportierten. Lehder verstand sich nicht als Dealer, sondern als Logistikdienstleister – und kassierte bei jeder Lieferung mit.
Escobar baute sein Geschäft nach dem Vorbild Lehders auf. Nur war er wesentlich ambitionierter und brutaler: Er übernahm mit Gewalt die Routen anderer Schmuggler und zwang sie, ihm den Großteil des Profits zu überlassen. 1984 kontrollierte das Medellín-Kartell um Pablo Escobar nach Schätzungen der US-amerikanischen Drug Enforcement Agency (DEA) rund 80 Prozent des globalen Kokainhandels.
Dank Filmen wie „Scarface“ (1983) und der Erfolgsserie „Miami Vice“ (1984 –1989) blickte in den 1980ern die ganze Welt auf den Drogenhandel zwischen Kolumbien und Miami. Im Zentrum der Spekulationen stand die Hacienda Nápoles, jenes Anwesen, das Escobar 1979 für angeblich 63 Millionen Dollar gekauft hatte und das mit mehreren Villen, einem Zoo und einem kleinen Flughafen mit zwei Start- und Landebahnen ausgestattet war. Das Eingangstor zur ehemaligen Residenz des Drogenbarons ziert noch heute der Nachbau einer Piper PA-18 Super Cub – mit Flugzeugen dieses Typs hatte Escobar Drogen in die USA geschmuggelt. Von der Hacienda aus hoben Mitte der 1980er täglich drei bis vier Maschinen voller Kokain Richtung Florida ab – und kehrten mit Taschen voller Dollars zurück.
Doch 1982 machte der erfolgreiche Gangster Escobar einen Fehler: Er beschloss, für den Kongress zu kandidieren. Escobars Wahlkampf war für sich genommen ein großer Erfolg. Er besuchte die Armenviertel der Stadt, organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen, ließ Bäume pflanzen, Fußballplätze modernisieren und 400 Häuser für arme Einwohner der Stadt bauen, die bis dahin auf einer Müllkippe gehaust hatten. Und er wurde gewählt.
Für viele Politiker war es jedoch eine Sache gewesen, unter der Hand Geld von Escobar anzunehmen, um seine Interessen zu wahren. Es war aber etwas völlig anderes, dass er nun offen versuchte, politischen Einfluss auszuüben. Mit seinen politischen Ambitionen hatte Escobar eine Grundregel seines Geschäfts verletzt. Er verstand es nicht, seine Millionen still zu genießen, sondern drängte in die Öffentlichkeit. Und je bekannter er wurde, desto dringender musste das Land ihn loswerden.
Immerhin hatte das Amt des Kongressabgeordneten einen ganz praktischen Vorteil: Immunität. 1979 hatte Kolumbien ein Auslieferungsabkommen mit den USA geschlossen, dass 1981 in Kraft trat. Falls Escobar jedoch gehofft hatte, sich durch den Gang in die Politik dem Zugriff des amerikanischen DEA entziehen zu können, so lag er falsch.
Zu seinem Gegenspieler avancierte Justizminister Rodrigo Lara Bonilla, der 1983 zum ersten Zug in einem langen und komplizierten Schachspiel ansetzte. Er ließ den Privatzoo Escobars beschlagnahmen und verhängte eine Geldstrafe wegen des illegalen Imports exotischer Tiere. Gleichzeitig meldete die wichtige Zeitung „El Espectador“, dass Escobar 1976 wegen Drogenschmuggels verhaftet worden sei, und schädigte damit seine Reputation als Kongressabgeordneter.
Bald darauf gelang Bonilla ein weiterer Schlag gegen Escobar: Im März 1984 hob die Antidrogenpolizei, in deren Chef Oberst Jaime Ramírez Gómez der Justizminister einen entschlossenen Verbündeten gefunden hatte, eine Reihe von Drogenlaboren in Tranquilanda im Südosten Kolumbiens aus und beschlagnahmte Kokain im Wert von 200 Millionen Dollar (das war der Großhandelspreis).
Zwei Monate später wurde Bonilla von Killern des Kartells erschossen. Es war der Beginn eines beispiellosen Krieges zwischen dem kolumbianischen Staat und den „Extraditables“ – „denen, die ausgeliefert werden können“ – einer Gruppe führender Drogenbarone um Escobar. Unter dem Vorwand eines politischen Ziels – der Abschaffung des Auslieferungsgesetzes – überzogen sie Kolumbien mit Terror und Gewalt.
Die Kampagne der „Extraditables“ richtete sich vor allem gegen Richter, die sich für die Auslieferung stark- machten. Auf sie wurden Kopfgelder ausgesetzt, sie wurden bedroht, eingeschüchtert, angegriffen und ermordet. Am 6. November 1985 besetzten dann 50 Guerilleros der linken „M-19“-Bewegung den Justizpalast und nahmen rund 300 Geiseln. Bei der Erstürmung des Gebäudes durch Einheiten der kolumbianischen Armee starben auch zwölf der 25 Verfassungsrichter. Und bald war klar, dass Escobar hinter der Aktion stehen musste: Offenbar waren zahlreiche Akten, die sich mit den „Extraditables“ befassten, von den Guerilleros gezielt verbrannt worden.
Escobar und seinen „Sicarios“ gelangen in den folgenden Jahren weitere Schläge gegen den kolumbianischen Staat. Am 17. November 1986 wurde der Chef der Antidrogenpolizei Ramírez Gómez ermordet, und genau einen Monat später starb der Verleger Guillermo Cano vor dem Gebäude seiner Zeitung „El Espectador“ in der Haupt-stadt Bogotá im Kugelhagel, nachdem die Zeitung wiederholt brisante Artikel über Escobar veröffentlicht hatte. Im September 1989 zerstörte eine 100-Kilogramm-Bombe die Redaktionsbüros nahezu vollständig. Einen Monat zuvor war auch Ramírez’ Nachfolger Colonel Waldemar Franklin Quintero in Medellín erschossen worden.
Im Präsidentschaftswahlkampf 1990 wurden drei der vier Kandidaten ermordet. Der vierte Kandidat, César Gaviria, sollte eigentlich am 27. November 1989 mit dem Avianca-Flug 203 von Bogotá nach Cali fliegen. Doch er war nicht an Bord, als eine Bombe die Maschine in der Luft zerriss. Alle 107 Menschen an Bord starben. Escobar lebte unterdessen unangetastet auf seiner Hacienda. Während im Land Krieg herrschte, lud er die Profis von Atlético Nacional nach ihrem Copa-Sieg im Mai 1989 zum Grillfest ein.
Parallel zum Krieg gegen den Staat führte Escobar einen zweiten Konflikt gegen das Cali-Kartell. Die Gewalt in den Straßen nahm unvorstellbare Dimensionen an. 1986 war Medellín mit mehr als 3500 Morden weltweit die Stadt mit den meisten Tötungsdelikten. Zwei Jahre später wagte ein Boss des Cali-Kartells, Gilberto „Der Schachspieler“ Rodríguez Orejuela, einen direkten Angriff auf Escobar. Die Autobombe tötete zwei Leibwächter, Escobar jedoch blieb unversehrt – und attackierte im Gegenzug die Filialen der Apothekenkette „La Rebaja“, die legale Front der Geschäfte Orejuelas. Innerhalb von vier Monaten wurden 85 Bombenanschläge verübt. 27 Menschen kamen zu Tode.
Der neue Feind Nr. 1 aber war General Miguel Maza Márquez, der Chef des Inlandgeheimdienstes DAS (Departamento Administrativo de Seguridad). Escobar setzte einen Preis von fünf Millionen Dollar auf Mazas Kopf aus. Im Mai 1989 starben bei einem Anschlag auf sein Fahrzeug sieben Leibwächter. Der zweite Versuch galt dem Hauptquartier des DAS in Bogotá. Ein mit Sprengstoff beladener Bus raste ins Gebäude. Es gab 89 Tote, Maza überlebte.
Escobar änderte nun seine Strategie und setzte einen Preis auf den Kopf jedes einzelnen Polizisten im Land aus: Eine Million Pesos für einen einfachen Polizisten, zwei Millionen für einen Korporal, drei Millionen für einen Feldwebel usw. Freiberufliche Killer, trainiert von britischen Söldnern und Terroristen der baskischen Untergrundorganisation ETA, zogen nun durch die Straßen Medellíns. Die Zahl der in der Stadt verübten Morde stieg weiter bis auf über 7000 pro Jahr.
Parallel dazu setzte Escobar auf sein altes Spezialgebiet: Entführungen. Für Aufsehen sorgte das Kidnapping von Álvaro Diego Montoya, dem Sohn des Privatsekretärs von Staatspräsident Virgilio Barco Varga. Hinter den Kulissen fanden brisante Verhandlungen statt, in denen es nicht nur um das Schicksal Montoyas ging: Die „Extraditables“ boten an, ihre Geschäfte aufzugeben, wenn die Auslieferungen ein Ende hätten.
Montoya wurde schließlich gegen ein Lösegeld freigelassen. Die nächsten prominenten Opfer waren die Journalistin Diana Turbay und Montoyas Schwester Marina. Diese hatte weniger Glück als ihr Bruder und wurde am 24. Januar 1991 ermordet. Am Folgetag starb Diana Turbay bei einem gescheiterten Befreiungsversuch.
Barcos Nachfolger César Gaviria kapitulierte schließlich: Am 19. Juni 1991 wurde das Auslieferungsgesetz abgeschafft. Wenige Stunden später stellte sich Escobar der Justiz und begann seinen „Urlaub“: In „La Catedral“ gab es eine Bar, einen Fitnessklub, eine Diskothek. Escobar bekam Besuch von Freunden, Verwandten, Geschäftspartnern und Prostituierten.
Der Krieg Escobars gegen den Staat war vorbei. Doch der Krieg gegen seine Konkurrenten ging unterdessen weiter. Schließlich wurde der Regierung das Treiben in „La Catedral“ zu bunt. Am 21. Juli 1992 ordnete Präsident Gaviria die Verlegung Escobars in ein anderes Gefängnis an. Postwendend entschied der Drogenboss, sein Privatgefängnis zu verlassen. „Man kann es nicht einmal Flucht nennen“, kommentierte der damalige Justizminister Enrique Parejo González später.
Die Leichtigkeit, mit der Escobar entkommen war, stand im Gegensatz zu dem, was nun folgte. Bis auf die Knochen blamiert, rief der kolumbianische Staat die US-amerikanische DEA zu Hilfe. Diese war von Präsident George Bush Sr. für den „War on Drugs“ mit einem riesigen Budget ausgestattet worden. Bald kreisten mit der neuesten Abhörtechnik ausgestattete US-Flugzeuge über Medellín. Am 2. Dezember 1993, um 14.56 Uhr, wurde ein Telefonat Escobars abgefangen – sein letztes. Denn damit war er lokalisiert. Minuten später wurde er von Soldaten einer Spezialeinheit erschossen.
Autor: Felix Melching
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