Venedig im 19. Jahrhundert - wissenschaft.de | DAMALS
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Der Charme des Morbiden
Das Habsburgerreich, das von 1814 bis 1866 das Sagen über Venedig hatte, konnte den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt nicht aufhalten. Doch der verblassende Glanz übte immer mehr Anziehungskraft auf Besucher aus. Erst kamen Intellektuelle und Künstler, dann ganz normale Touristen.
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von ARNE KARSTEN
„Leg ihn weg, ich werde ihn nicht mehr brauchen!“ Der Kontrast zwischen dem Ruhm und Glanz des Staatswesens und der Lakonik, mit der sich der Untergang dieses Staats vollzog, hätte nicht größer sein können. Ludovico Manin (1726 –1802), das letzte Oberhaupt der Serenissima Repubblica di Venezia, setzte den corno ducale, die traditionsreiche Kopfbedeckung der venezianischen Dogen, ohne Pathos, wenn auch nicht ohne Tränen ab und reichte die Kappe einem Diener. Damit endete die letzte Sitzung des Maggior Consiglio, des Großen Rats, in dem die Angehörigen des venezianischen Patriziats, der kleinen aristokratischen Führungsschicht, Sitz und Stimme hatten, nachdem ebendieser Rat seine Selbstauflösung beschlossen hatte. Es war der 12.Mai 1797.
Eigentlich hatte die Serenissima im Konflikt zwischen Frankreich und Österreich mit ängstlich-penibler Sorgfalt auf eine demonstrative Wahrung der Neutralität geachtet. Doch durch seine militärische Schwäche wurde Venedig dennoch sehr rasch zum Spielball der napoleonischen Machtpolitik.
Angesichts der leeren Kassen in Paris und der unzulänglichen Versorgung seiner Truppen erblickte Napoleon in der immer noch wohlhabenden Handelsmetropole in der Lagune mit ihrem überwältigend reichen Erbe an über die Jahrhunderte hinweg akkumulierten Kunstschätzen eine willkommene Beute. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren gelang es ihm, mit Hilfe einer geschickt abgemischten Strategie von Provokationen, Ultimaten, militärischen Maßnahmen und Beeinflussung der öffentlichen Meinung den längst angeknacksten Selbstbehauptungswillen des venezianischen Patriziats zu brechen. An die Stelle der bald 1000-jährigen Ständerepublik trat eine neue Republik nach französisch-revolutionärem Vorbild.
Nach wirren Jahren fällt die Stadt 1814 wieder an Österreich
Sie erwies sich allerdings im Vergleich zu ihrer Vorgängerin als weniger haltbar. Kaum ein halbes Jahr später, nach dem Friedensschluss von Campoformio am 17.Oktober 1797, endete ihre schattenhafte Existenz schon wieder, weil Frankreich Venedig und seine einstigen Besitzungen auf dem oberitalienischen Festland und an der adriatischen Küste wieder an Österreich abtrat.
1805 fiel die Stadt dann an das von Napoleons Gnaden neugegründete Königreich Italien, 1814 dann erneut zurück an Österreich. Wirre Jahre also, die knapp zwei Jahrzehnte von 1796 bis 1815. Das waren sie nicht nur für Venedig, sondern für ganz Europa, und wirtschaftlich ruinös verliefen sie ebenfalls vielerorts. In kaum einer anderen Stadt Europas jedoch verband sich politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Niedergang zu so katastrophalen Folgen wie in Venedig.
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Einige Zahlen mögen das veranschaulichen: Gegenüber den knapp 11 000 im Jahr 1796 in Venedig registrierten Händlern aller Art gab es 1825 nur mehr 3628, von den 49 Glasbläsereien auf der Insel Murano hatten 1814 lediglich vier überlebt. Am eindrucksvollsten verdeutlicht den Niedergang der Stadt vielleicht der Bestand an Gondeln: Deren Zahl, an die 10000, von denen wir gegen Ende des 16. Jahrhunderts wissen, war zwar schon in der Spätphase der Republik auf rund 3000 zurückgegangen, doch diese immer noch stattliche Menge schrumpfte danach bis 1824 auf gerade noch 200.
Den sinkenden Einnahmen in allen Bereichen der Wirtschaft und des Handels stand eine rapide wachsende Steuerlast gegenüber, da auch Venedig seinen Beitrag zur Finanzierung der napoleonischen Kriege zu leisten hatte. Im Vergleich zu den letzten Jahren der Markusrepublik stieg die Steuerbelastung auf annähernd das Zehnfache. Die Bevölkerungszahl hingegen sank in den anderthalb Jahrzehnten zwischen 1795 und 1810 von gut 140 000 auf 106 000 Einwohner.
Die einstige „Stadt der Vergnügungen“, wie Venedig im 18. Jahrhundert in ganz Europa genannt wurde, entwickelte sich binnen weniger Jahre zur Stadt der Bettler. Als der einstige Mozart-Librettist Lorenzo Da Ponte (1749–1838) kurze Zeit nach dem Untergang der Republik seine Heimatstadt besuchte, kam er ins Gespräch mit einem Angehörigen des ehemaligen Patriziats, der nunmehr seinen Lebensunterhalt als Fischverkäufer fristete: „Um Gottes Willen, Herr Da Ponte, verlassen sie bald diese Stadt. … Dies ist nicht mehr das Venedig, in dem Sie gelebt haben.“ An die Stelle der alten Aristokratie sei „… ein Heer von Kreaturen [getreten], die aus Neid und Haß unseren Handel zugrunde richten, ganze Manufakturen vernichten, den Mangel und die Not auf die Spitze treiben und alle Hilfsmaßnahmen vereiteln, tausenderlei Meinung verbreiten und die Bürger zur Rivalität, zu heimlichem Mißtrauen und Haß aufreizen … Um dem Elend die Krone aufzusetzen, muß die gesunde, kräftige Jugend, die allein noch imstande wäre, die Familien durch fleißige, angestrengte Arbeit zu unterstützen, schon im frühesten Alter in den Militärdienst treten und in weit vom Vaterland entfernten Baracken sterben… Die bei uns Zurückbleibenden sind Frauen, Kinder, Kranke und Greise. Hier haben Sie ein getreues Bild von Venedig, wie es heute ist.“
Natürlich, es war nicht nur ein „getreues“ Bild, es war zugleich ein Bild aus der Perspektive eines der historischen Verlierer, das Lorenzo Da Ponte hier wiedergibt. Doch die weitere Entwicklung der Stadt lässt, wie schon angedeutet, auch beim Blick auf die „harten“ Wirtschaftsdaten erkennen, dass es davon in Venedig nach dem Untergang der Serenissima eine ganze Menge gab.
Man muss diese Vorgeschichte kennen, um die Entwicklung Venedigs im 19. Jahrhundert zu verstehen. Überall in Europa hatten die Folgen der Französischen Revolution für Unruhe und Umsturz gesorgt. Nirgendwo jedoch waren die Auswirkungen des Umsturzes so tiefgreifend und langfristig wie in Venedig. Den Angehörigen der einflussreichen Patrizierfamilien, über die Jahrhunderte hinweg an eine konsensuelle Herrschaftsausübung auf der Basis ständischer Privilegien gewöhnt, fehlte es nach dem Ende dieser Privilegien und dem damit verbundenen Verlust politischer und wirtschaftlicher Ressourcen an der mentalen Biegsamkeit, sich mit den neuen Verhältnissen und den neuen Machthabern zu arrangieren.
Innerhalb nur einer Generation, zwischen 1797 und 1820, mussten rund 700 von 1100 Patrizierfamilien ihre Besitzungen auf der Terra ferma und ihre Palazzi in Venedig verkaufen. Die Zerstörung der traditionellen Strukturen war endgültig; und damit wurde die Bühne frei für die Gäste, die zu Besuch kamen.
Die Schönheit einer Stadt auf dem Sterbebett
Keine Stadt Europas bot ihren Besuchern eine Bühne von vergleichbarer künstlerischer Pracht, und nirgendwo wurde diese Pracht zusätzlich noch so kontrastreich unterstrichen durch das Elend der einheimischen Komparsen. Die eigenartig ambivalenten Empfindungen, die dieser Gegensatz bei vielen Reisenden hervorrief, brachte in plastischer Weise der österreichische Dichter Franz Grillparzer zur Sprache. Kurz nach seiner Ankunft in der Lagune am 29. März 1819 notierte er in seinem Tagebuch: „Der erste Eindruck, den Venedig auf mich machte, war befremdend, einengend, unangenehm. Diese morastige Lagune, diese stinkenden Kanäle, der Schmutz und das Geschrei des unverschämten, betrügerischen Volkes geben einen verdrießlichen Kontrast mit dem kaum verlassenen, heiteren Triest.“
Doch nur wenige Tage später äußerte er sich dann in einem Brief an eine Wiener Freundin geradezu euphorisch: „Venedig übertrifft alles, was ich bisher an Herrlichem gesehen habe, selbst Rom, ja selbst das ewige Rom, was nämlich die Macht des ersten Eindrucks betrifft. Dieser Markusplatz, diese Markuskirche, dieser Markuspalast, diese Denkmäler einer Größe, die zwar auf dem Sterbebett liegt, aber doch noch in den letzten Zügen die Riesenglieder dehnt und streckt, indes Rom ganz tot und unbeweglich daliegt. Bei Gott, gnädige Frau! Reisen Sie nach Italien! Tun Sie’s nicht, so begehen Sie ein Verbrechen an sich selbst!“
Worauf die Besucher Venedigs bei ihren Berichten den Schwerpunkt legten: den Glanz der Vergangenheit oder das Elend der Gegenwart, hing von ihrem Geschmack ab, und natürlich auch von ihrer politischen Einstellung. Eine gehässige Stimmung spricht etwa aus einem Brief des fortschrittsfromm-linksliberalen Journalisten Gustav Ferdinand Kühne, der 1841 geradezu mit Genugtuung Venedig für die „Sünden seiner Vergangenheit“ büßen sah: „Wir waren von Triest gekommen. Der Unterschied zwischen Triest und Venedig ist ebenfalls ein gewaltsamer. Dort lauter Gegenwart, hier die morsche Pracht vergangener Größe. Dort die lebendige Kraftentwicklung des Augenblicks, leidenschaftlich, lebensgierig, ohne Gewissensbisse, ohne Rückblicke, ohne Reminiszenzen. Hier eine Welt von ungeheurer Qual, jeder Stein Erinnerung, jeder Schritt über Gräber zitternd, ein eingesargtes Leben, eine prachtvoll beigesetzte Königsleiche, die der Fluch getroffen: Das Maß deiner Sünden, lautete der Fluch des Schicksals, war übervoll, der Geruch deiner Verwesung bei lebendigem Leibe stieg gen Himmel; darum sollst du wach bleiben, obwohl du schon tot bist, sollst, eine starre Mumie mit blinzelndem Auge, zusehen, wie dein Tod sich ausnimmt, dein Glanz verfällt und alle deine Herrlichkeit versinkt!“
Kühnes Vergleich zwischen dem morbiden Venedig und der aufstrebenden Hafenstadt Triest an der anderen Adria-Küste ist offensichtlich tendenziös, aber dennoch aufschlussreich. Denn die Bemühungen der österreichischen Verwaltung, die Wunden der napoleonischen Ära zum Vernarben zu bringen, waren in ihrer Wirksamkeit stark behindert durch die Rücksichten, die man auf die Entwicklung Triests zu nehmen hatte. Dessen Aufstieg zu einer bedeutenden Handelsdrehscheibe, zum „Tor zur Welt“ der Habsburgermonarchie, hatte erst im 18. Jahrhundert begonnen, dank massiver Förderung durch die Wiener Politik und in massivem Gegensatz zur traditionellen Handelsvormacht in der Adria, eben Venedigs.
Von daher glich die Aufgabe, die beiden Hafenstädte nunmehr gleichzeitig zu stärken, der Quadratur des Kreises. Es spricht für die Ernsthaftigkeit der österreichischen Anstrengungen, dem grassierenden Elend in Venedig abzuhelfen (noch in den 1820er Jahren war rund die Hälfte der Bevölkerung auf staatliche Armenfürsorge angewiesen), dass Venedig 1829 der Status eines Freihafens zuerkannt wurde. Die Handelsverbindungen zum oberitalienischen Festland dagegen wurden auf geradezu revolutionäre Weise verbessert, als am 4. Januar 1846 der erste Zug den in knapp fünfjähriger Bauzeit errichteten Bahndamm durch die Lagune überquerte und die Bahnlinie Venedig–Mailand eröffnete.
Doch unabhängig vom praktischen Wirken der österreichischen Verwaltung führte der sich im 19. Jahrhundert auch in Italien mehr und mehr ausbreitende Nationalismus zu wachsender Unzufriedenheit mit der von vielen Bewohnern der Apenninen-Halbinsel als Fremdherrschaft empfundenen Präsenz der Österreicher. Sie äußerte sich nicht zuletzt im folgenreichen Kampf um die Deutungshoheit über die venezianische Geschichte. 1819 hatte der Franzose Pierre Daru in seiner „Histoire de la République de Venise“ dem lange Zeit übermächtigen Mythos von der idealen Staatsform, wie sie die einstige Markusrepublik verkörpert hatte, den neuen, schwarzen Mythos eines prätotalitären Überwachungsstaats entgegengestellt.
Die Zustände in der späten Republik trugen zum Untergang bei
Ihm zufolge war der Untergang der Republik 1797 das unvermeidliche Ergebnis eines langen Verfallsprozesses, an dessen Ende die Venezianer von einer dekadenten, korrupten und vergnügungssüchtigen Adelskaste mit den perfiden Mitteln der Spionage und Denunziation beherrscht wurden. Daru, der unter Napoleon als Militärfachmann in Venedig tätig gewesen war, erzielte mit seinem Buch einen enormen Erfolg – und bot späteren italienischen Historikern eine wunderbare Angriffsfläche, um das Selbstbewusstsein der Venezianer durch eine Vielzahl von Gegenschriften, welche die positiven Aspekte der untergegangenen Serenissima herausstrichen, wiederzubeleben.
In den Jahren der österreichischen Herrschaft entwickelte sich der Kult der Markusrepublik für viele Einheimische zu einer Art Zufluchtsort aus einer als bedrückend, ja demütigend empfundenen Gegenwart. Österreichischerseits versuchte man, den Venezianern auch auf dem Gebiet des „kulturellen Gedächtnisses“ entgegenzukommen, wie noch heute jeder Besucher der gewaltigen Frari-Kirche feststellen kann: Hier entstand im Auftrag Kaiser Ferdinands I. (1835–1848) ein monumentales Ehrenmal für Tizian, den berühmtesten Maler der Stadt.
Doch änderten derartige Erinnerungen an die kulturellen Glanzzeiten der Vergangenheit nichts am Verdruss der Venezianer über die Gegenwart. Nicht zuletzt die Verbitterung über die Pressezensur und die Verhaftung nationalliberaler Kritiker führten nach Missernten in den Jahren 1846 und 1847 im Frühjahr 1848 zu Unruhen, die bald ganz Norditalien erfassten. Die große Mehrheit der Bevölkerung des Veneto wünschte den Anschluss an das Königreich Sardinien-Piemont unter Führung des savoyischen Herrscherhauses. Auf die Nachricht von revolutionären Ereignissen in Wien hin brach in Venedig am 22.März 1848 die Revolution aus.
Eine provisorische Regierung unter der Führung des Rechtsanwalts Daniele Manin (1804–1857) proklamierte die „Demokratische Republik Venetien“. Sie verkündete am 3. Juli den Anschluss an das Königreich Piemont, das sich zu diesem Zeitpunkt im Krieg mit Österreich um die oberitalienischen Provinzen befand. Die habsburgischen Beamten erwiesen sich als mit der Lage vollkommen überfordert, so dass die Revolutionäre zunächst leichtes Spiel hatten, die Macht an sich zu reißen.
In Wien zeigte man sich jedoch keineswegs willens, die oberitalienischen Besitzungen kampflos aufzugeben. Österreichische Truppen schlossen die Lagunenstadt im Herbst 1848 ein. Am 29. Juli 1849 begann eine 24 Tage dauernde Beschießung der Stadt, am 22.August kapitulierte sie. Erst 1854 wurde das Kriegsrecht in Venedig aufgehoben.
Im Jahr darauf stattete Kaiser Franz Joseph mit seiner Gattin Elisabeth, der berühmten Sisi, der Stadt einen Besuch ab, doch trotz solcher huldvoller Gesten endete ein Jahrzehnt später Venedigs Zeit unter österreichischer Herrschaft. Der erfolglose Revolutionär Daniele Manin brachte es auf den Punkt, als er im französischen Exil lapidar verkündete: „Wir verlangen von den Österreichern nicht, dass sie sich liberal und human benehmen. Wir verlangen, dass sie verschwinden.“
Bereits 1859 musste Österreich nach der Niederlage bei Solferino gegen eine französisch-piemontesische Armee im Frieden von Villafranca die Lombardei an Piemont abtreten. Damit schien es nicht nur in den Augen der italienischen Nationalisten lediglich eine Frage der Zeit zu sein, bis auch das Veneto aus habsburgischem in savoyischen Besitz übergehen würde.
1866 wird die Lagunenstadt ans Königreich Italien angeschlossen
Das Jahr 1866 sah dann das erst am 17.März 1861 ausgerufene Königreich Italien unter Viktor Emanuel II. als Verbündeten Preußens, das mit Österreich um die Vorherrschaft im Deutschen Bund rang. Die Gelegenheit schien günstig, die Habsburgermonarchie in einem Zwei-Fronten-Krieg ohne größeres militärisches Risiko zu besiegen und danach Gebietsabtretungen zu erzwingen. Das österreichische Angebot, Venetien kampflos abzutreten, wenn Italien sich nur bereit erkläre, nicht in den Krieg einzugreifen, lehnte die italienische Regierung ab, denn man wollte mehr: Auch Trient und Südtirol, die Hafenstadt Triest und ausgedehnte Besitzungen an der dalmatinischen Küste sollten zu Provinzen des neuen Königreichs werden.
Allerdings scheiterten die hochfliegenden Ambitionen der italienischen Nationalisten an der Leistungsfähigkeit des italienischen Militärs. Bereits zwei Tage nach Beginn der Feindseligkeiten wurde die italienische Armee am 25. Juni von den zahlenmäßig weit unterlegenen Österreichern bei Custoza geschlagen. Vier Wochen später fügte dann die ihrem Gegner auf dem Papier ebenfalls nicht entfernt gewachsene österreichische Flotte unter der brillanten Führung des Konteradmirals Wilhelm von Tegetthoff dem italienischen Adria-Geschwader am 20. Juli 1866 in der Seeschlacht bei Lissa eine demütigende Niederlage zu. Entschieden jedoch wurde der Krieg durch den preußischen Sieg am 3. Juli bei Königgrätz. Um den verlorenen Krieg zu beenden, sah sich Kaiser Franz Joseph unter anderem gezwungen, Venedig und das Veneto abzutreten.
Alle nun einsetzenden Bemühungen der italienischen Regierung, Venedig zum Anschluss an die Moderne zu verhelfen, etwa durch die schon 1868 erfolgte Einrichtung einer Universität, durch wirtschaftsfördernde Maßnahmen und städtebauliche Planungen stießen an enge Grenzen, jene Grenzen, welche die Lage der Stadt inmitten der Lagune zog.
Und so überrascht es nicht, dass der venezianische Lokalpolitiker und spätere römische Senator Pietro Manfrin schon in den 1870er Jahren ein Konzept zur Trockenlegung der Lagune entwickelte. In der Vergangenheit habe das Wasser Venedig geschützt, gestand Manfrin zu, aber nun entspreche die Lage der Stadt nicht mehr den Anforderungen der Moderne, im Gegenteil: Sie behindere den Fortschritt, sie mache ihn nachgerade unmöglich. Es werde Platz für das Wachstum der Stadt benötigt, und dieser Platz sei nur zu beschaffen, wenn die überflüssigen Kanäle endlich modernen Straßen wichen. Nur ein Hafen müsse erhalten bleiben, dann könne Venedig bald wieder mit dem alten Rivalen Genua um den Rang der führenden Handelsmetropole auf der Apenninen-Halbinsel konkurrieren.
In dieselbe Richtung gingen einige Jahrzehnte später die Forderungen der „Futuristen“ um Filippo Tommaso Marinetti, Umberto Boccioni und Carlo Carrà. 1910 verteilten sie in der von ihnen als die „Größte Kloake des Passatismus“ (womit sie eine fortschrittsskeptisch-reaktionäre Geisteshaltung meinten) charakterisierten Lagunenstadt Flugblätter, in denen sie sich entschlossen erklärten, die Venezianer endlich aus ihrem „großen nostalgischen Traum“ zu wecken, um der Stadt den längst überfälligen Anschluss an das Industriezeitalter zu ermöglichen. Der Weg dahin sei klar: „Beeilen wir uns, die kleinen stinkenden Kanäle mit dem Schutt der alten, zerbröselnden und leprösen Paläste zu füllen. Verbrennen wir die Gondeln, Schaukelsitze für Idioten, und erheben stattdessen bis zum Himmel die eindrucksvolle Geometrie der Metallbrücken.“ Dann entstehe schon bald jenes „industrielle und militärische Venedig, das die Adria, den großen italienischen See, beherrschen kann.“
Intellektuelle ergötzen sich an der Schönheit des Morbiden
Solche Töne und Ideen mochten in Intellektuellenkreisen Anklang finden, mehrheitsfähig waren sie nicht. Allerdings lassen sie ein Problem erkennen, das seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts kontinuierlich an Bedeutung gewonnen hatte, nämlich das Auseinanderfallen des Venedigs der Venezianer auf der einen Seite und des Venedigs der Besucher auf der anderen Seite.
Bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts hatten vor allem Künstler und Intellektuelle die morbide Schönheit vergangenen Glanzes gesucht, hatte Lord Byron (1788 –1824) Venedig in seinen Versen gefeiert, der französische Schriftsteller Alfred de Musset (1810–1857) 1833 beim Anblick der verfallenden Renaissancepaläste darüber sinniert, dass „unser Jahrhundert das genaue Gegenteil eines heroischen Jahrhunderts“ sei. Ein Gedanke, dem wenige Jahre zuvor auch der deutsche Dichter August von Platen (1796–1835) Ausdruck verliehen hatte: „Venedig liegt nur noch im Land der Träume /Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen/Es liegt der Leu der Republik erschlagen,/Und öde feiern seines Kerkers Räume./Wo ist das Volk von Königen geblieben,/Die diese Marmorhäuser durften bauen,/Die nun zerfallen und gemach zerstieben?“
Die melancholischen Gedanken Platens fanden Eingang in eine Lithographie, in welcher der Künstler Caspar Scheuren 1863 den so faszinierenden Gegensatz zwischen einstiger Größe und gegenwärtigem Verfall sinnfällig vor Augen führte und die er denn auch mit einem Vers aus Platens Gedicht betitelte: „Venedig liegt nur noch im Land der Träume“.
Und als der Schriftsteller Adolf Stahr (1805–1876) Venedig besuchte, berichtete er 1846 zwar von der trotzigen Behauptung der Venezianer, dass der Markuslöwe wohl schlafe, aber nicht tot sei, um dann freilich ganz andere Überlegungen zu notieren: „Venedig gleicht einer Schönheit, deren gealterte Reize nur noch jenes magische Halbdunkel vertragen, dessen mildes Zittern die Spuren der Störungen sanft verschleiert, welche die Zeit in dem einst so holden Angesichte zurückgelassen hat. Nur im sanften Lichte der Mondnacht blüht es mir wieder auf, das alte Venedig, in der ganzen Märchenpracht seiner Zauberpaläste und ihrer hohen Balkone und breiten Marmorstufen, mit deren Quadern die zitternden Meereswellen ihr nächtliches Zwiegespräch führen … Aber heute, im ‚frechen Lichte‘ des Tages, wie erschien mir da alles so anders! Brettervernagelte Portale und Fensterhöhlen an den Fassaden der herrlichsten Paläste, deren Fundamente einst königlicher Reichtum auf Wäldern von Cedernstämmen errichtet! Ihre verwitterten Stufen mit Moos und Wasserkräutern überzogen, die stolzen Marmorsteine zerbröckelnd und von Rissen durchfurcht, die schlanken Säulen zerborsten, die Kronen zersprungen. Aus den Fenstern hangen hier und da die Lumpen der Bewohner zum Trocknen an Stangen hervor.“
Beginn des Massentourismus bereits um 1900
Nach der Jahrhundertmitte und mehr noch nach der Eingliederung Italiens in den jungen italienischen Nationalstaat wuchsen dann die Besucherzahlen geradezu explosionsartig, von etwa 50000 im Jahr 1850 auf 160000 im Jahr 1883, und 1907 wurden bereits 3,5 Millionen Touristen gezählt.
Mit dem beginnenden Massentourismus einher ging eine oftmals satirische Kritik an den Touristenhorden durch die schöngeistigen Intellektuellen, die voller Verbitterung den Kontrast zwischen der verfallenden Größe einer heroischen Vergangenheit und den ignoranten Massenmenschen der Moderne beobachteten.
Noch vergleichsweise zurückhaltend, ja sogar leise positiv, wenn auch vor trübem Hintergrund sinnierte der deutsche Archäologe Ludwig Curtius (1874– 1954): „In Venedig war ein unermesslicher Fremdenstrom unterwegs. Denn auch das ist ein Kulturphänomen, dass sämtliche Metzgermeister, Bäckerkönige und Fahrradhändler mit ihren Weibern aus der Schweiz, aus Tirol, und auch aus den kleinen Städten Italiens nach Venedig und an die Riviera reisen. Tausende und Tausende. Manche finden das widerwärtig, aber ich in meinem Optimistengemüt nicht. Denn wenn sich diese Leute auch etwas merkwürdig gebärden, so dringt doch ein Schimmer des Schönen in ihre dumpfen Seelen ein und keiner kann berechnen, was da in ihren Kindern einmal herauskommt.“
Eine solche recht gelassene Sicht auf die als stilwidrig empfundenen plebejischen Banausen aus aller Welt, die mit viel Lärm und wenig Kunstsinn die Stadt durchstreiften, war eher die Ausnahme. Gerhart Hauptmann urteilte 1897 ungleich schärfer: „Da strömen die Leute nach Italien, jeder Barbier und jeder Schlachter tut es: Die ganze zähe, träge Masse des deutschen Philistertums wälzt sich über die Berge, jahraus, jahrein, und als dieselbe träge und zähe Masse wieder zurück. Nichts kann der Philister lernen.“
Woher die aus diesen Zeilen sprechende Abneigung rührte und wogegen sie sich richtete, wird verständlicher, wenn man etwa die Schilderungen Mark Twains liest, der die Lagunenstadt im Rahmen einer Europareise 1866 besucht hatte und die dabei gewonnenen Eindrücke in einem Buch mit dem programmatischen Titel „The innocents abroad“ („Die Arglosen im Ausland“) seinem amerikanischen Publikum vorstellte. Seine mit selbstironischer Ehrlichkeit inszenierte, gutgelaunte Ignoranz des bekennenden Barbaren schreckte angesichts der vielen unverständlichen alten Gemälde in Venedig nicht vor der Frage an einen einheimischen Fremdenführer zurück, wer denn nun eigentlich dieser eigenartige Maler namens „Renaissance“ gewesen sei, dem man gestattet habe, „die ganze Stadt mit seinen abscheulichen Schmierereien vollzustopfen“?
Freilich blieben solche Ausbrüche ehrlichen Banausentums in Form schriftlich publizierter Bekenntnisse die Ausnahme. Die Regel war hingegen das Sinnieren über die rauschhaft-irrationale Faszination, welche die Lagunenstadt in der Spätphase des bürgerlichen Zeitalters gerade auf sensiblere Gemüter ausübte.
Niemand hat diese Faszination so publikumswirksam thematisiert wie Thomas Mann (1875–1955) in seiner wohl berühmtesten Novelle. Der „Tod in Venedig“ (1912) ereilt hier in der Person des Schriftstellers Gustav von Aschenbach bekanntlich den vollkommenen Repräsentanten einer Gesellschaft, die sich dem zunehmenden Auseinanderfallen von Sein und Schein, innerem Wesen und äußerer Rolle nicht länger gewachsen zeigt. Wohl gerade deshalb empfindet er das Erscheinungsbild Venedigs mit den melancholisch stimmenden Relikten einer grandiosen Vergangenheit, aus denen die Lebenssubstanz unwiderruflich entschwunden ist, als so überaus reizvoll.
Der Soziologe Georg Simmel (1858 –1918) wies wenige Jahre vor der Entstehung des „Tod in Venedig“ nachdrücklich auf diesen Aspekt des Erscheinungsbilds der Lagunenstadt hin: „Fährt man den Canal Grande entlang, so weiß man: wie das Leben auch sei – so jedenfalls kann es nicht sein. … Indem aber hinter der Kunst, so vollendet sie in sich sei, der Lebenssinn verschwunden ist oder in entgegengesetzter Richtung läuft, wird sie zur Künstlichkeit. … Denn dies ist das Tragische an Venedig …: dass die Oberfläche, die ihr Grund verlassen hat, der Schein, in dem kein Sein mehr lebt, sich dennoch als ein Vollständiges und Substantielles gibt, als der Inhalt eines wirklich zu erlebenden Lebens.“
Thomas Mann hat dieses Spannungsverhältnis in seiner Novelle atmosphärisch meisterhaft verdichtet, als er den vergeblichen Versuch seines Protagonisten, der unheilschwangeren Traumwirklichkeit zu entkommen, schildert: „Am nächsten Gondel-Halteplatz nahm er ein Fahrzeug und ließ sich durch das trübe Labyrinth der Kanäle unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die von Löwenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an trauernden Palastfassaden, die große Firmenschilder im Abfall schaukelnden Wassers spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Mühe, dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabrikanten und Glasbläsern im Bunde stand, versuchte überall, ihn zu Besichtigungen und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig ihren Zauber zu üben begann, so tat der beutelschneiderische Geschäftsgeist der gesunkenen Königin das Seine, den Sinn wieder verdrießlich zu ernüchtern.“
Ernüchterung war allerdings das Allerletzte, was sich die Besucher der einzigartigen Stadt in der Lagune erhofften, „denn der Leidenschaft ist, wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags nicht gemäß, und jede Verwirrung und Heimsuchung der Welt muß ihr willkommen sein, weil sie ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann“, wie der Erzähler des „Tod in Venedig“ nüchtern konstatiert. Den Traum, den Rausch, und sei es mit tödlichen Folgen, in jedem Fall die Flucht aus einer als unerträglich prosaisch und banal empfundenen Gegenwart sollte das Eintauchen in die Schattenwelt der verblichenen großen europäischen Vergangenheit ermöglichen.
John Ruskin fordert die Rettung „einer einzigartigen Kostbarkeit“
Niemand hat diese, die Sehnsucht nach Exzess und Abenteuer so abgründig anziehende Sicht auf Venedig stärker geprägt als der englische Gelehrte John Ruskin (1819–1900), dessen Hauptwerk „Stones of Venice“ nicht nur den Verfall der Stadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt, sondern daraus ein leidenschaftliches Plädoyer für die Rettung der langsam verfallenden historischen Bausubstanz entwickelt. Denn Venedig sei „eine einzigartige Kostbarkeit – ein Wunder, das niemals wieder entstehen, ein Traum, der niemals von Neuem geträumt werden kann.“ Zugleich jedoch erscheine es seinen Besuchern als „ein Gespenst am Gestade der See, so schwach, so still, so beraubt allen Besitzes, nur nicht ihrer Lieblichkeit, dass man im Zweifel sein kann, wenn man ihr mattes Abbild in der Spiegelung der Lagune erblickt, welches die Stadt und welches der Schatten ist.“
Ruskins romantische Venedig-Verklärung wurde in ganz Europa eifrig rezipiert, naheliegenderweise aber nirgendwo so intensiv wie in England. Die Aristokratin Diana Manners (1892–1986), die nach dem Ersten Weltkrieg den britischen Politiker und späteren Minister Duff Cooper heiratete, erinnerte sich in ihren Memoiren an einen Aufenthalt just in jenem letzten Sommer vor Kriegsausbruch, in dem sie bei Freunden in einem der prächtigen Palazzi am Canal Grande Unterkunft fanden: „Dort war die Jugend, dort gab es weder Autorität noch gesetzte Nüchternheit. Dort gab es Tanzereien, Extravaganzen, Scharaden, mondhelle Balkons und Küsse, dort floss der Wein in Strömen, dort wurden Amateur-Boxkämpfe auf einer Matratze und mit Sekundanten ausgetragen, auch ein Mädchenboxkampf, doch der Clou war das Wettschwimmen zwischen Duff [Cooper] und Denis Anson im Frack über den Kanal [Grande]. … Ganz Venedig war über diese Streiche empört.“
Inmitten des morbiden Charmes einer Vergangenheit, die jeden einschüchternden Ernst verloren hatte, schien die Befreiung von den „letzten Fesseln des viktorianischen Zeitalters“, von den als sinnentleert empfundenen Konventionen des bürgerlichen 19. Jahrhunderts im wahrsten Sinn des Wortes zum Kinderspiel zu werden. „Wir schworen uns, alljährlich hier zusammenzukommen. Aber wir ahnten nicht, daß der Krieg bevorstand und daß unser Treiben das Carne Vale von 1913 war. Duff und ich sind die einzigen des kleinen Kreises, die je wieder zurückkehrten.“
In einem Brief an seinen Schriftstellerkollegen Jakob Wassermann hatte Thomas Mann am 25.Dezember 1912 mit Blick auf den „Tod in Venedig“ geschrieben: „Ja, diese Sache ist wohl etwas Äußerstes. Was Kunstersetzung, Kunstauflösung daran ist, ist, glaube ich, Zeitgeist, Zeitwille, Zeitlaster. (Zuletzt ist man noch stolz, ein Teil des Verhängnisses zu sein).“
Zwei Jahre später war das Verhängnis da, und die Ernüchterung, vor der in den letzten Jahrzehnten des bürgerlichen Zeitalters so viele Zeitgenossen in die Stadt des Todes und der Träume geflüchtet waren, stellte sich schlagartig mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein. Sogleich versiegten die Touristenströme, von denen Venedig wirtschaftlich längst abhängig geworden war.
Als dann im Mai 1915 Italien auf Seiten der Entente in den Krieg zunächst gegen Österreich-Ungarn, seit dem 28.August 1916 auch gegen Deutschland eintrat, wurde Venedig gewissermaßen zur Frontstadt und schon bald wegen des Flottenstützpunkts im Arsenal und einiger Rüstungsfabriken am nördlichen Stadtrand zum Ziel von insgesamt 42 Fliegerangriffen. Am 24.Oktober 1915 zerstörte dabei ein Bombentreffer Giovanni Battista Tiepolos Deckenfresko „Engel bringen die Santa Casa di Nazareth nach Loreto“ in der Karmeliterkirche Santa Maria di Nazareth.
Nach der katastrophalen italienischen Niederlage bei Caporetto im Oktober 1917 konnte der Vormarsch österreichischer und deutscher Truppen erst 20 Kilometer nördlich Venedigs an den Ufern des Piave gestoppt werden. Schwerer noch als die Bombenschäden trafen die Stadt Hunger, Inflation und Korruption, denen städtische und staatliche Behörden weitgehend vergeblich zu begegnen suchten. Zudem wurden rund 70000 Venezianer in sichere Städte auf dem Festland evakuiert.
Nach Kriegsende im November 1918 kehrte zwar die große Mehrheit zurück, doch trug auch dieser Massenexodus nicht unerheblich zur weiteren Auflösung altvenezianischer Traditionen bei. Als die kriegerischen Handlungen endeten, begann auch für Venedig ein neues Kapitel in seiner Geschichte, sowohl als italienische Handelsstadt wie als Reiseziel für Besucher aus aller Welt.
Autor: PD Dr. Arne Karsten
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