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Venedig in Gefahr
Für Bewohner von Venedig wie unsere Autorin Petra Reski ist der aktuelle Zustand der Stadt nur schwer zu ertragen: Die angestammte Bevölkerung wird durch Touristen verdrängt, Kreuzfahrtschiffe überschatten die Palazzi, der Klimawandel verschärft die Hochwassergefahr – ein Hilferuf!
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Die Zwangsehe, also eine Ehe, die gegen den Willen eines oder beider Ehepartner stattfindet, ist ein Tabu, weil sie gegen die Charta der Menschenrechte verstößt. Leider gilt das nicht für Städte. Kaum jemand außerhalb von Venedig weiß, dass die Stadt während des faschistischen Mussolini-Regimes mit dem Festland zwangsverheiratet wurde. Bis heute ist diese Zwangsehe nicht nur Venedigs bestgehütetes Geheimnis, sondern auch eine wesentliche Ursache für den Ausverkauf der Stadt und die bedingungslose Unterwerfung unter die touristische Monokultur.
Die Idee dieses „Großvenedigs“ ist einer Gruppe geschäftstüchtiger Industriebarone zu verdanken, die zu Mussolinis Zeiten Venedig mit der Industriestadt Marghera und der Arbeitersiedlung Mestre zu einer Großkommune vereinigten. Marghera war mit seinem Industriehafen vor allem für Venedigs Müll gedacht, was später, nach dem Bau der Petrochemieanlage in den 1960er Jahren, dazu führte, dass hier hochtoxische Stoffe abgeladen und in die Lagune geleitet wurden. Die Einwohner Margheras leben bis heute quasi auf einem Sondermülldepot.
Die Zwangsehe der Städte war für alle Seiten von Nachteil
Venedig hingegen sollte zur Museumsstadt umgestaltet werden. Gesagt, getan: Anfang der 1930er Jahre lebten auf dem zur neuen Großkommune gehörenden Festland nur 40 000 Menschen, Venedig hingegen hatte 200000 Einwohner. Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt, in Venedig ist die Zahl auf rund 50000 gesunken (einschließlich aller anderen Inselbewohner in der Lagune sind es 79 000). Auf dem Festland leben nun 180000 Menschen: in Mestre, Marghera, Favaro, Campalto, Chirignago-Zelarino – alles Ortschaften, die verwaltungstechnisch als Venedig zugehörig betrachtet werden.
Diese Zwangsehe hat weder auf dem Festland noch in Venedig zu einer Blüte geführt. Mestre erinnert mit seinen Hotelsilos an einen Vorort aus Sowjetzeiten und entbehrt, obwohl drittgrößte Stadt des Veneto, jeder urbanen Identität. Und in Venedig wurde die touristische Monokultur zur Staatsreligion erklärt – Widerstand wird nicht geduldet.
Den verbliebenen 50 000 Venezianern stehen 33 Millionen Touristen jährlich (2019, vor Corona) gegenüber. Venedig ist die Stadt mit den meisten „Airbnb“-Wohnungen in Italien. Kommerzielle „Gastgeber“, denen Hunderte Wohnungen gehören, stellen zwar nur fünf Prozent der Vermieter, sie generieren aber 30 Prozent des Umsatzes mit Übernachtungen. Das Corona-Virus konnte den allein seligmachenden Glauben an die touristische Monokultur nur vorübergehend ins Wanken bringen: Heute gibt es in Venedig mehr Touristenbetten (53000) als Einwohner (50000).
Bereits fünfmal haben die Venezianer mit einem Referendum für die Autonomie der Stadt in der Lagune und gegen die vom Faschismus verordnete Zwangsehe mit dem Festland gekämpft. Das letzte von den Venezianern erzwungene Referendum führte 2019 zwar zu einem Erfolg, wurde aber von der Regionalregierung des Veneto per Handstreich für ungültig erklärt: Im gesamten Gemeindegebiet der Kommune Venedig hatte das Sì mit 66,11 Prozent der Stimmen gesiegt.
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In Venedig selbst stimmten sogar 83,45 Prozent aller Wähler für die Loslösung vom Festland. Die von den aktuellen Missständen – dem Overtourism, dem Ausverkauf der Kulturgüter, der „Airbnb“-Krake und der Hochwasserplage – direkt Betroffenen hätten das Referendum gerne zu einem verbindlichen Gesetz gemacht, gleich einem Plebiszit im antiken Rom. Interessant ist auch das Ergebnis von Mestre, wo man mittlerweile ebenfalls unter „Airbnb“ und Billighotel-Silos leidet: Selbst hier gewann das Sì mit 51,25 Prozent.
Obwohl die italienische Verfassung für ein konsultatives Referendum keine Mindestbeteiligung vorsieht, beschloss die Region Venetien ad hoc ein 50-Prozent-Quorum und erklärte die Abstimmung für null und nichtig. Dagegen klagen nun die Venezianer vor dem italienischen Staatsrat – und kündigen an, zur Not bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu gehen.
Ungeachtet des Wählerwillens wird das Großvenedig von den Regierenden wie das Dogma der Jungfrauengeburt verteidigt, wobei sich die venezianischen Bürgermeister der letzten 30 Jahre sogar dazu versteigen, den Großraum Venedig zur „Utopie“ und zur „bipolaren Stadt“ zu erklären – Letzteres bezeichnenderweise auch ein Krankheitsbild, unter dem Venedig bis heute leidet. Denn ohne die Zwangsehe mit Venedig würden auch all die Gelder des Spezialgesetzes versiegen, die das Regieren auf dem Festland so leicht machen: Gelder, die für Venedigs Erhalt gedacht sind und für Bürgersteige in Mestre verwendet werden.
Pläne für größten Kreuzfahrthafen des Mittelmeers bereits in den 1990er Jahren
Der Ausverkauf Venedigs begann mit dem von den Medien viel gehätschelten „Philosophenbürgermeister“ Massimo Cacciari: Bereits im Jahr 1994 garantierte er, Investoren für ihre Projekte sämtliche Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Nachzulesen sind seine Pläne in dem Manifest „Privatizzare Venezia“ (Untertitel „Der Stadtplaner als Unternehmer“): Es verhieß Venedig eine goldene Zukunft – größter Kreuzfahrthafen des Mittelmeers, Ausbau des Flughafens, Großprojekte ohne Ende – falls die Stadt einen Bund fürs Leben mit Banken und internationalen Unternehmen schlösse.
Weil für die Wahl des venezianischen Bürgermeisters die Stimmen der Bewohner des Festlands entscheidend sind, die nicht am Massentourismus leiden, sondern an ihm verdienen, hat sich keiner der venezianischen Bürgermeister jemals für die Interessen der wenigen verbliebenen Venezianer eingesetzt. Die Infrastruktur ist marode, Schulen werden geschlossen und Krankenhäuser in Luxusressorts verwandelt, bezahlbarer Wohnraum wird rar.
Letztendlich werden die letzten Venezianer nur als noch zu beseitigendes Hindernis angesehen – was sich angesichts der Tatsache, dass die Stadt jährlich mehr als 1000 Einwohner verliert, bald erledigt haben wird.
Ohne seine Bewohner ist Venedig tot, das bestätigt auch der italienische Kulturschutzbund Italia Nostra: „Venedig braucht ein Spezialstatut (und eine administrative Autonomie vom alles verschlingenden Festland), das energische Maßnahmen erlaubt, um den kulturellen Genozid zu stoppen, der Venedig ohne weitere Einwohner zu einer Ex-Stadt macht“.
Dank des Spezialstatus’ könnte Venedig über Steuererleichterungen und Freistellungen verfügen, mit denen neue Einwohner und Qualitätsunternehmen angezogen werden könnten, die mit einem der fragilsten Ökosysteme der Welt kompatibel sind.
Seit Jahrzehnten wird das, was Italia Nostra als „kulturellen Genozid“ bezeichnet, von den venezianischen Lokalpolitikern zum „Umzug“ von der „Altstadt“ an den „Stadtrand“ verklärt: die Auslöschung des Alltags durch Overtourism wird zum normalen Phänomen der Gentrifizierung verbrämt. Es ist ein Propagandafeldzug, der seit Jahrzehnten geführt wird.
In Venedig ist es aber nicht so, dass die Venezianer über Nacht entdeckt hätten, dass sie ohne Auto und ohne Garten nicht leben können, es ist auch nicht so, dass die ärmeren Schichten durch wohlhabendere ersetzt worden wären. In Venedig werden die Einwohner ausschließlich durch Touristen ersetzt, ganze Stadtviertel haben sich in gigantische Bettenvermietungen verwandelt.
Egal ob Cannaregio, San Marco oder Via Garibaldi: Das tägliche Leben ist einer nicht enden wollenden Folge aus Snackbars, Pizzerien, Restaurants, Kaffee-Bars, Fruchtsaftschenken und Take-Aways gewichen. Venedigs Normalität ist die eines Märchenlands, wo die Häuser mit Pizzafladen gedeckt sind, in den Kanälen Pasta to go schwimmt und einem Aperol Spritz in den Mund fließt.
Im „neuen Venedig“ gibt es Tiramisu-Take-Aways anstelle von Gemüseläden und Sonnenbrillen-Sonderverkäufe statt Arztpraxen. Von „Venezianità“, allem, was Venedig einst besonders machte, findet man keine Spur mehr, stattdessen Läden, die Produkte aus China und Bangladesch feilbieten: Taschen, Handyhüllen, Wackelgondeln. Daneben gibt es Filialen römischer Eisdielen-Ketten, englische Seifen-Shops und neapolitanische Schokoladenläden.
Neben den verheerenden Auswirkungen der touristischen Monokultur muss sich Venedig auch noch der größten globalen Herausforderung unserer Zeit stellen: dem Klimawandel. Nur wenigen ist klar, dass sich dieses Märchenland inmitten einer fragilen Lagune befindet, die den enormen Interessen des globalen Massentourismus untergeordnet wird, der mit weltweit jährlich 1,5 Milliarden Touristen wichtigsten Industrie des 21. Jahrhunderts.
Die fundamentale Bedeutung der Pflege der Lagune für die venezianische Republik lässt sich auch heute noch an den Pfeilern aus istrischem Marmor ablesen, die am Rand der Lagune stehen: Grenzsteine, cippi di conterminazione, die von der Republik Venedig im Jahr 1791 hier aufgestellt wurden. Die Republik betrachtete die Lagune als ihren Verteidigungswall, ihre Dekrete sahen hohe Strafen für diejenigen vor, die innerhalb der Lagune bauten oder dem Wasser Raum entzogen, weshalb die Grenzsteine die Inschrift „arrecar detrimento all’acque“ tragen, die jeden davor warnt, dem Wasser Schaden zuzufügen.
Seit der Gründung Venedigs wird mit der Lagune Politik gemacht: Die Kultur des Festlands kämpft bis heute gegen die Kultur des Wassers. Das Festland betrachtet das Wasser als ein zu beseitigendes Hindernis. Die Venezianer hingegen betrachten das Wasser als Verbindung: Das Wasser trennt nicht, sondern vereinigt.
Es ist ein Kampf, der schon in der Renaissance begann, als es zu dem berühmten Disput zwischen dem Venezianer Cristoforo Sabbadino (1489–1560) und Alvise Cornaro (gest. 1566) kam. Sabbadino vertrat als Berater des Wassermagistrats die Interessen der Venezianer für den Schutz der Lagune, und Alvise Cornaro wollte als Statthalter der Agrarinteressen des Festlands Teile der Lagune trockenlegen. Sabbadino war es, der schon in der Renaissance einen Flächennutzungsplan entworfen und vor alldem gewarnt hat, was später tatsächlich eingetreten ist, vor allem dem Vertiefen der Kanäle, das die Lagune in einen Meeresarm verwandelt hat.
Die Lagune ist eigentlich ein Flachwassergebiet, 15 auf 50 Kilometer groß, eine Zone des Übergangs zwischen Meer und Land, mit Salzmarschen, Sandbänken, Kanälen und Untiefen. Ein sehr spezielles Ökosystem, ein Biotop, das von Menschen geschaffen wurde und von ihnen gefährdet wird. Schon in den 1970er Jahren wiesen Wissenschaftler nach, wie sich die Strömungsverhältnisse in der Lagune durch die Schaffung des Kanals für Erdöltanker verändert hatten. Das spätere Vertiefen und Betonieren der Lagunenöffnungen für den Bau des Flutsperrwerks MOSE (dazu später mehr) hat diesen Effekt noch verstärkt: Die Tiefe des Kanals erhöht die Fließgeschwindigkeit des Wassers. Wenn der Grund tiefer ist, hat der Wind eine andere Wirkung: In der Lagune mit ihren ursprünglich 40 bis 70 Zentimetern Tiefe konnten keine Wellen entstehen, heute schon, da die durchschnittliche Tiefe fast zwei Meter beträgt.
Diese Zerstörung der venezianischen Lagune ist der wesentliche Grund für das Hochwasser: Für den Industriehafen von Marghera wurde erst der Kanal Vittorio Emanuele III gegraben und dann, mit dem Bau der Petrochemieanlage in den 1960er Jahren, der Kanal für die Erdöltanker. Diese 20 Kilometer lange und 200 Meter breite Schiffsautobahn, zwischen 11,5 und 17 Metern tief, führt von der Lagunenöffnung in Malamocco zur petrochemischen Anlage in Marghera. Auf ihr dürfen selbst größte Schiffe immerhin 20 Kilometer pro Stunde schnell fahren, wodurch jede Durchfahrt eines Tankers oder eines Kreuzfahrtschiffs für einen kleinen Tsunami in der Lagune sorgt. Dieser Kanal für die Erdöltanker war es, der zur verheerenden Erosion des zentralen Teils der Lagune geführt hat – weshalb er als „Killer“ dieses Natur- und Schutzraums gilt.
Zudem schrumpfte die Lagune im Lauf des letzten Jahrhunderts um ein Drittel: Für den Flughafen wurde eine 1500 Hektar große barena, eine der für die venezianische Lagune typischen Salzmarschen, einfach zubetoniert. Das eindringende Wasser findet bei Flut weniger Raum zur Ausbreitung, beschleunigt sich und nimmt dadurch an Höhe zu.
Die Lagune hat sich in einen Meeresarm verwandelt, Salzwiesen und Sandbänke verschwinden, immer mehr fremde tierische Bewohner machen sich breit: Blaubarsche machen den Goldbrassen den Garaus, die philippinische Venusmuschel verdrängte die heimische Art, Aale und venezianische Lagunenfische wie passarini sind verschwunden. Weshalb auch die Delfine, die 2021 im Canal Grande auf der Höhe der Punta della Dogana gesichtet wurden, ein schlechtes Zeichen für Venedig sind.
Ein Jahrhundertprojekt, das jetzt bereits überholt ist
Das Hochwasser soll durch das acht Milliarden Euro teure Flutsperrwerk MOSE beseitigt werden. Das Akronym steht für Modulo sperimentale elettromeccanico (experimentelles elektromechanisches Probemodul). Mit dem Bau des Flutsperrwerks wurde 1988 das Consorzio Venezia Nuova, ein Zusammenschluss privater italienischer Bauunternehmer, vom italienischen Staat beauftragt – ohne jede Ausschreibung.
Die Bauarbeiten begannen 2003 und sind nach drei Jahrzehnten und einem Schmiergeldskandal, in dessen Folge ein venezianischer Bürgermeister und weitere 34 Politiker, Staatsbeamte und Unternehmer verhaftet wurden, immer noch nicht beendet. Gerade wurde die Fertigstellung mal wieder vertagt – und falls das monströse Projekt jemals in Funktion gehen sollte, wird der Meeresspiegel so weit gestiegen sein, dass MOSE obsolet ist.
Denn ungeachtet der Tatsache, dass die Forscher des Weltklimarats schon zu der Zeit, als MOSE lediglich auf dem Papier existierte, von einem Meeresspiegelanstieg zwischen optimistischen 50 und pessimistischen 88 Zentimetern bis Ende dieses Jahrhunderts warnten, haben die vom Consorzio bezahlten Wissenschaftler den Anstieg des Meeresspiegels nach ihren Wünschen heruntergerechnet: auf 22 oder schlimmstenfalls 31,4 Zentimeter. Nach neuesten Berechnungen müssten die Fluttore bald jeden Tag schließen. Womit der Hafen, dem im Grunde die einzige Sorge galt, langfristig sinnlos geworden wäre.
Seit Winter 2020 wird MOSE bei Hochwasser „testweise“ eingesetzt, und langsam stellen Wissenschaftler auch erste Auswirkungen auf die Lagune fest. Laut einer im Magazin „Nature“ veröffentlichten Untersuchung gefährdet die häufige Schließung der Fluttore den Erhalt der für die Lagune von Venedig lebenswichtigen Salzwiesen: MOSE löst zwar die Probleme des Hochwassers für die bebauten Gebiete, blockiert aber die bei Überflutungen angeschwemmten Sedimente, und diese sind zum Erhalt der Salzwiesen dringend nötig. Überdies würde sich die Lagune ohne den ständigen Austausch mit dem Meer in eine Kloake verwandeln. Kurz: Wir befinden uns dank MOSE in einem Teufelskreis.
Ungeachtet der Tatsache, dass die durch das Tiefergraben der Kanäle erfolgte Erosion der Lagune die wesentliche Ursache für das Hochwasser ist, wurde überdies jetzt beschlossen, sowohl den Kanal für Erdöltanker als auch den Kanal Vittorio Emanuele III tiefer zu graben. Damit keine (eigentlich unerlässliche) Umweltprüfung erfolgen muss, wurde das Ausbaggern lediglich als eine Art „Check-up“ für die Kanäle deklariert.
Das Grundproblem der Lagune bleibt nach wie vor der Hafen von Venedig – nicht nur der Industriehafen, sondern auch der Passagierhafen, dem mit 1,52 Millionen Fahrgästen bis 2019 zweitgrößten Kreuzfahrthafen Italiens. Im Jahr 2020 sollten 56 Kreuzfahrtschiffe 514-mal an und ablegen – eine Zunahme von fast 20 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor, wenn nicht das Corona-Virus einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.
Das groteske Missverhältnis zwischen Venedig und den monströsen Kreuzfahrtschiffen konnte von jedem beliebigen Touristen mit seinem Smartphone dokumentiert werden, weshalb der in Venedig seit 2011 andauernde Protest gegen die Kreuzfahrtschiffe viele Unterstützer fand. Sie alle sehnten sich nach guten Nachrichten. Das erklärt, wie sich die Falschmeldung von der „Verbannung der Kreuzfahrtschiffe aus Venedig“ im Sommer 2021 in der Welt schneller verbreiten konnte als das Coronavirus: Kaum jemand bemerkte, dass die italienische Regierung keineswegs ein Einfahrverbot für die Kreuzfahrtschiffe in die Lagune verhängt hat, sie sollen lediglich einen anderen Weg nehmen, über den Kanal für Erdöltanker einfahren und im Industriehafen von Marghera anlegen. Das ist eine kleine kosmetische Veränderung, die an der Zerstörung der Lagune nichts ändert–aber der italienischen Regierung half, ihr Gesicht gegenüber der UNESCO zu wahren, die damit drohte, Venedig auf die rote Liste der gefährdeten Weltkulturgüter zu setzen.
In Venedig zweifeln wir daran, dass es sich bei der Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe in Marghera um ein Provisorium handelt, wenn für die neue Anlegestelle 157 Millionen Euro ausgegeben und Kanäle ausgegraben werden sollen. Die Betreiber des Kreuzfahrthafens, also die Region Veneto und die Kreuzfahrtgesellschaften, werden überdies für den ihnen „entstandenen Schaden“ finanziell entschädigt, als sei die Vorbeifahrt am Markusplatz ein Recht, auf dem man bestehen kann.
Es sind allein die Bürger Venedigs, die ihre Stadt zäh verteidigen und fordern, aus der Coronakrise zu lernen und ein Gleichgewicht zu schaffen, zwischen Venedig und dem Festland, dem Tourismus und der Bewohnbarkeit der Stadt, zwischen Wasserverkehr und der Fragilität der Lagune. Aber wenn wir keine internationale Unterstützung erfahren, ist Venedig für zukünftige Generationen verloren.
Autorin: Petra Reski
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