Meyer wurde 1799 im badischen Rastatt nahe der französischen Grenze geboren, mitten in den auch für die Region turbulenten Napoleonischen Kriegen. Er starb in Rastatt 1871 wenige Monate nach der Reichseinigung. Zwischen diesen beiden das 19. Jahrhundert definierenden Ereignissen spannte sich sein Leben auf.
Meyer erlebt Paris und das industrielle England
Meyer war der einzige Sohn einer alteingesessenen, wohlhabenden katholischen Handelsfamilie. Früh stand fest, dass er einst das Geschäft seines Vaters fortsetzen würde. Entsprechend war seine Ausbildung ganz auf dieses Ziel ausgerichtet. Nach drei Jahren in einem Schweizer Pensionat schickte sein Vater ihn 1820 auf eine geschäftliche „Grand Tour“ nach Paris und ins industrialisierte England. Dort ließ er sich durch Fabriken führen, erlebte hautnah Dampfmaschinen und besichtigte Bergwerke. Die industrialisierten Landschaften Liverpools und Manchesters wirkten auf den Badener, als seien sie von einer anderen Welt.
Anschließend kehrte Meyer nach Rastatt zurück, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Er stieg in das väterliche Handelshaus ein, das er nach und nach übernahm und um die erste Bank Baden-Badens erweiterte. Die Stadt entwickelte sich gerade durch ihren Kurbetrieb zur „Sommerhauptstadt Europas“. Meyer heiratete zweimal – seine erste Frau starb nach sieben Jahren Ehe – und wurde Vater von insgesamt neun Kindern. Zeitlebens litt er unter schweren depressiven Episoden.
Über 55 Jahre seines Lebens hinweg – zwischen 1816 und 1871 – führte Franz Simon Meyer fortlaufend Buch, indem er einmal jährlich die geschäftlichen, politischen, sozialen, kulturellen sowie familiären Erlebnisse des jeweils zurückliegenden Jahres notierte. So ist eine einzigartige, 1500 Seiten umfassende, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Quelle entstanden, die heute im Stadtarchiv Baden-Baden verwahrt wird. Neben seinen eigenen Texten enthalten die Bücher zahlreiche Beilagen wie Zeitungsausschnitte, Briefe, Gedichte, Aquarelle, Zeichnungen, Kupferstiche und Landkarten.
Die Jahresberichte stellen eine ungewöhnliche Textgattung dar. Zusammenhängende Korpora von Selbstzeugnissen dieses Umfangs aus dem 19. und 20. Jahrhundert sind zumeist entweder Tagebücher oder Autobiographien. Erstere enthalten in der Regel keine durchgehende Erzählung, letztere sind im Nachhinein gleichsam als Erfolgsgeschichte konstruiert und zumeist auf eine Publikation hin verfasst. Der Vorteil von Meyers Jahresberichten gegenüber einer Autobiographie ist ihre größere Unmittelbarkeit und Zukunftsoffenheit. Dem Tagebuch gegenüber ist ihr Vorteil, dass sie überhaupt ein durchgehendes Narrativ mit langen Erzählbögen und Spannungsaufbau aufweisen.
Die „longue durée“ und Geschlossenheit von Meyers Aufzeichnungen gibt uns die seltene Gelegenheit, die Entwicklung einer Person, einer Familie, eines Geschäfts, einer Region über 55 Jahre hinweg zu beobachten. So erleben wir einen Schriftsteller, der seine Form und seine Sprache findet und über Jahrzehnte hinweg perfektioniert.





