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Wie der Konflikt die Welt veränderte
Nach einigen stürmischen Tagen, in denen sich die Hurrikan-Saison an der Atlantikküste vor Florida noch einmal ziemlich bemerkbar gemacht hatte, klarte das Wetter endlich auf. Der 8. November 1861 war ein schöner Tag, und die Crew des britischen Postschiffs „Trent“ war schon früh auf den Beinen, um den Raddampfer mit seinen 1856 Bruttoregistertonnen auf der Fahrt von Havanna zur dänischen Karibikinsel St. Thomas und weiter nach London durch die Untiefen der Meerenge zwischen Kuba und den Bahamas zu navigieren. Was dann geschah, sollte zu einer der größten Krisen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien seit der Unabhängigkeitserklärung führen.
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von UTE PLANERT
Nach einigen stürmischen Tagen, in denen sich die Hurrikan-Saison an der Atlantikküste vor Florida noch einmal ziemlich bemerkbar gemacht hatte, klarte das Wetter endlich auf. Der 8. November 1861 war ein schöner Tag, und die Crew des britischen Postschiffs „Trent“ war schon früh auf den Beinen, um den Raddampfer mit seinen 1856 Bruttoregistertonnen auf der Fahrt von Havanna zur dänischen Karibikinsel St. Thomas und weiter nach London durch die Untiefen der Meerenge zwischen Kuba und den Bahamas zu navigieren. Was dann geschah, sollte zu einer der größten Krisen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien seit der Unabhängigkeitserklärung führen.
Gegen Mittag sah sich der englische Frachter in der engen Fahrrinne des Bahama-Kanals dem US-Kriegsschiff „San Jacinto“ gegenüber. Der Name sollte an den Sieg der von den USA unterstützten Texaner im Unabhängigkeitskrieg gegen Mexiko erinnern. Nun feuerte die „San Jacinto“ auf den unbewaffneten Dampfer vor ihr und brachte ihn in neutralen Gewässern auf. Kommandiert wurde die Unionsfregatte von dem Marineoffizier und ehemaligen Polarforscher Charles Wilkes (1798–1877), dessen exzentrischer Charakter den Schriftsteller Herman Melville in seinem Erfolgsroman „Moby Dick“ zur Figur des diabolischen Käpt’n Ahab inspiriert hatte.
Commander Wilkes hatte erfahren, dass sich an Bord des Postschiffs zwei Abgesandte der Konföderierten befanden, die in London und Paris für Unterstützung der Südstaaten werben sollten. Er ließ sie verhaften und im neuerbauten Fort Warren vor Boston gefangen setzen. Die Unionspresse feierte die eigenmächtige Aktion als Schlag gegen die Sezession, während Protestnoten aus den europäischen Hauptstädten, allen voran London, den Vorfall als Bruch internationalen Rechts verurteilten.
Großbritannien fühlt sich brüskiert und droht den USA
Doch erst als Großbritannien seine Truppen in Kanada verstärkte und mit Kriegseintritt auf Seiten der Südstaaten drohte, gab die Lincoln-Administration nach. Am Neujahrstag des Jahres 1862 konnten die beiden Emissäre die Weiterreise nach Europa antreten. Bis zum Ende des Sezessionskriegs residierten sie als offizielle Vertreter der Konföderierten in London und Paris, wo es dem in Frankreich stationierten Gesandten später gelingen sollte, Kaiser Napoleon III. (1852–1870) entgegen offiziellen Regelungen zur verdeckten Lieferung von Panzerschiffen an die Südstaaten zu bewegen.
Dass es ausgerechnet Großbritannien, das schon 1807 den Sklavenhandel verboten und bis zu den 1840er Jahren die Sklaverei im gesamten British Empire abgeschafft hatte, wegen der Festsetzung zweier Südstaaten-Agenten auf einen Krieg mit der Union ankommen ließ, verwundert nur auf den ersten Blick. Die Expansion der Vereinigten Staaten hatte in der Vergangenheit schon öfter zu Spannungen mit London geführt, das eigene geostrategische Interessen in Nord- und Mittelamerika hegte. Weitaus wichtiger war jedoch die enorme Abhängigkeit der europäischen Industrie von der amerikanischen Baumwollproduktion auf den Sklavenplantagen des amerikanischen Südens. Baumwolle war um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu „King Cotton“, dem wichtigsten Wirtschaftsgut der atlantischen Welt, aufgestiegen und bildete die Basis eines dynamischen, weltumspannenden Produktionsnetzwerks, in dessen Zentrum die Sklaverei stand.
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Das „weiße Gold“ verhalf Plantagenbesitzern, Händlern und Unternehmern auf dem Rücken ausgebeuteter Sklavenarbeiter zu enormem Wohlstand und schuf Arbeitsplätze für eine wachsende Schar von europäischen Fabrikarbeitern, die in den neuentstehenden urbanen Zentren mehr schlecht als recht von der Baumwollverarbeitung lebten.
Von den 363 Millionen Kilogramm Baumwolle, die Ende der 1850er Jahre nach Großbritannien importiert wurden, kamen mehr als drei Viertel aus den USA. Die anderen europäischen Staaten mit ihrer noch nicht ganz so stark ausgebauten Textilindustrie führten zwar insgesamt weniger Rohbaumwolle ein, waren aber von den amerikanischen Lieferungen nicht weniger abhängig. In Frankreich und Russland kamen 90 Prozent des importierten Rohstoffs aus Übersee, in den deutschen Staaten immerhin noch deutlich mehr als die Hälfte. Der Wohlstand Europas hing buchstäblich am Baumwollfaden.
Die Konföderierten waren sich dieses enormen Machtfaktors bewusst und suchten ihn zu ihren Gunsten zu nutzen. Sie glaubten fest daran, dass ihr wirtschaftlicher Eigennutz die europäischen Mächte zu natürlichen Verbündeten der Südstaaten machte. James Henry Hammond (1807–1864), Senator und ehemaliger Gouverneur von South Carolina, der die Sklaverei für eine Erfindung Gottes und schwarze Menschen für eine minderwertige Rasse hielt, war davon überzeugt, dass kein Staat der Welt es wagen werde, sich gegen die Südstaaten zu wenden. „Was würde passieren, wenn die Lieferung von Baumwolle für drei Jahre eingestellt würde?“, fragte er rhetorisch: „England würde stürzen und die gesamte zivilisierte Welt mit sich reißen. Niemand führt Krieg gegen Baumwolle.“
Nach ihrem Austritt aus den Vereinigten Staaten stoppten die Konföderierten daher die Baumwollausfuhr, um auf der internationalen Bühne die diplomatische Anerkennung des neuen Staatenverbands zu erzwingen. Später waren es die Nordstaatler, die durch die Blockade der Seehäfen die Südstaaten von ihrer Haupteinnahmequelle abzuschneiden versuchten.
Es sollte noch ein paar Monate dauern, bis sich die Lagerbestände geleert hatten, doch dann fraß sich die Krise mit großer Geschwindigkeit durch die europäische Textilindustrie. Weil kaum noch Lieferungen aus Amerika eintrafen, wurde 1862 auf dem britischen Markt nur noch halb so viel Baumwolle angeboten wie im Jahr davor, und die Preise für die Importe aus Indien und Ägypten vervielfachten sich. Eine Fabrik nach der anderen musste schließen, weil sie nicht mehr rentabel produzieren konnte. Anfang 1863 war im Herzen der englischen Textilindustrie, in Lancashire, ein Viertel der Beschäftigten arbeitslos. Eine halbe Million Menschen waren auf Unterstützungsleistungen angewiesen, die kaum das Überleben sicherten. Unruhen wurden mit Gewalt niedergeschlagen. Die Lage war so verzweifelt, dass man selbst in Indien zu Spenden für die hungernden englischen Fabrikarbeiter aufrief.
Als die US-Importe von 600000 Ballen Baumwolle pro Jahr auf kaum mehr als 4000 fielen, stellten auch die französischen Textilfabriken die Produktion ein. 1863 standen in der Normandie drei Fünftel aller Webstühle still. Eine Viertelmillion Franzosen waren arbeitslos. In Sachsen, einem der Zentren der deutschen Textilindustrie, wurden 100 000 Arbeiterinnen und Arbeiter entlassen. Die restlichen zwei Drittel der sächsischen Beschäftigten konnten sich kaum von der verordneten Kurzarbeit ernähren. Selbst in Moskau mussten drei Viertel aller Baumwollfabriken schließen. Das Baumwollembargo zog eine Spur der Not und Armut durch Europa.
Die „Cotton Famine“, die Baumwoll-Hungersnot, spaltete die Gesellschaft in Gegner und Befürworter der Sklaverei. Während böse Zungen behaupteten, dass in der englischen Hafenstadt Liverpool, die vom Baumwollhandel reich geworden war und als europäisches Hauptquartier konföderierter Waffenkäufer diente, mehr Südstaatenflaggen wehten als in Virginia, verabschiedete im 30 Meilen entfernten Manchester eine Arbeiterversammlung eine Note an Abraham Lincoln, die ihn als Sklavenbefreier und Menschenfreund pries und ihn der Solidarität der Unterzeichner versicherte.
Doch auch wenn sich der Präsident von so viel „noblem christlichem Heroismus“ gerührt zeigte, war die Unterstützung für seinen Emanzipationskurs nicht ungeteilt. 1862 demonstrierten Tausende Engländer für die diplomatische Anerkennung der Südstaaten. Auch in Frankreich, wo es in den Textilregionen zu zahlreichen Streiks gekommen war, übertraf die Größe der Sorge um die französische Wirtschaft die der Sympathien für die Union deutlich. Selbst in den Ländern des Deutschen Bundes blieb zur Verwunderung von Karl Marx der rhetorische Schulterschluss zwischen Arbeiterschaft und unterdrückten Sklavenarbeitern aus.
Rassistische Ressentiments gegenüber Schwarzen waren auf beiden Seiten des Atlantiks weit verbreitet, und selbst im liberalen Lager gab es Publizisten, die bezweifelten, dass aus befreiten Afroamerikanern mit einem Federstrich gute Staatsbürger werden konnten.
Händler und Produzenten drängten die europäischen Regierungen, alles zu unternehmen, um neue Rohstoffquellen zu erschließen. In Großbritannien rückte dabei insbesondere Indien in den Fokus, das nach einem blutigen Aufstand gegen die Herrschaft der britischen Ostindien-Kompanie 1858 in eine Kronkolonie umgewandelt worden war. Frühere Versuche, Indien zu einem zuverlässigen Baumwolllieferanten zu machen, waren an lokalen Voraussetzungen und mangelnder Infrastruktur gescheitert. In der Kronkolonie hatte die Londoner Regierung nun stärkere Durchgriffsmöglichkeiten.
Auf Druck der Fabrikanten und Baumwollhändler erließ sie neue Vertrags- und Eigentumsgesetze und trieb den Bau von Eisenbahnlinien voran, mit denen man nicht nur Baumwolle zu den Häfen des indischen Subkontinents, sondern auch Truppen zur Unterwerfung künftiger Aufstände transportieren konnte. Allein im ersten Jahr des Amerikanischen Bürgerkriegs stiegen die britischen Staatsausgaben für den Ausbau der Infrastruktur in Indien auf das Doppelte. Bombay (heute Mumbai) entwickelte sich so zum wichtigsten Exporthafen des Subkontinents. Die hohen Weltmarktpreise wirkten als Anreiz, neue Flächen zu roden und Baumwolle dort anzubauen, wo zuvor Lebensmittel für den Eigenbedarf produziert worden waren. In einer beispiellosen Wende stellte sich die indische Landwirtschaft ganz auf Rohstoffexporte um. Schon 1862 kamen drei Viertel der nach England importierten Baumwolle aus der Kronkolonie.
Weltweit wird nun Baumwolle produziert
Auch in anderen Weltregionen stieg man nun in die Baumwollproduktion ein. In Ägypten verwandelte der osmanische Vizekönig (Wali) Mohammed Said Pascha (1854–1863) seine ausgedehnten Besitzungen in riesige Baumwollplantagen. Er begriff den Baumwollanbau als Mittel zur Modernisierung Ägyptens und ließ wie später sein Nachfolger überall Kanäle und Eisenbahnlinien anlegen. Er stimmte auch dem Bau des Sues-Kanals zu, der 1869 eröffnet wurde. Innerhalb kürzester Zeit stieg der ägyptische Baumwollexport auf das Fünffache – produziert von schlecht bezahlten Fellachen, Fronarbeitern und wohl auch Sklaven aus dem Sudan.
Nicht nur in Indien und im Nahen Osten wurde der Amerikanische Bürgerkrieg zum Ausgangspunkt einer regelrechten landwirtschaftlichen Revolution. Auch Brasilien, Mexiko, Argentinien und Peru weiteten die Baumwollproduktion aus. In Anatolien, China und Zentralasien wurde nun ebenso für den Weltmarkt produziert wie entlang der afrikanischen Atlantikküste, wo afrikanische Händler ihre Sklaven auf neuangelegten Feldern Baumwolle pflücken ließen. In Algerien und Westafrika trieben französische Kolonialbeamte und Investoren den Baumwollanbau voran.
Die Rohstoffkrise des Sezessionskriegs und steigende Preise führten zu einer raschen Integration neuer Anbaugebiete in den Weltmarkt. Private Investitionen und der staatliche Ausbau der Infrastruktur gingen dabei oftmals Hand in Hand. Zugleich etablierte sich erstmals ein formales Regelwerk für Warentermingeschäfte, um Spekulationen mit künftigen Warenlieferungen in besser berechenbare Bahnen zu lenken. Auf diese Weise beförderte der Amerikanische Bürgerkrieg nicht nur die Umstellung der Landwirtschaft von der Binnen- zur Weltmarktproduktion und die verstärkte koloniale Durchdringung außereuropäischer Regionen, sondern schuf auch Finanzinstrumente für eine kapitalistisch organisierte Weltwirtschaft, die immer mehr Erdteile miteinander verband.
Auch nach Kriegsende, als das Zeitalter der Sklaverei erst in den Vereinigten Staaten und dann weltweit zu Ende ging, zeigte sich die Organisation der Baumwollproduktion flexibel. Die befürchtete Arbeitskräfteknappheit blieb aus. In Nordamerika produzierten zu Kleinpächtern gewordene Sklaven, weiße Farmer mit ihren Kindern und Sträflinge das „weiße Gold“.
In den europäischen Kolonien hoben Regierungen unter dem Druck, Arbeitskräfte zu mobilisieren, gemeinsame Land- und Waldnutzungsrechte auf. Da man gleichzeitig die Steuern erhöhte, wurden die bislang freien Bauern zur Lohnarbeit auf den privatisierten Feldern gezwungen. Anderswo ging die Sklaverei in neue Formen unfreier Arbeit über, bis weltweite Migrationsbewegungen, ermöglicht durch kostengünstigeren Schiffsverkehr, den Arbeitskräftebedarf deckten.
Schon während des Sezessionskrieges hatte sich also die Lage am Baumwollmarkt durch die rasche Diversifizierung der Rohstoffproduktion schneller entspannt als zunächst vermutet. Damit verloren die Konföderierten ihr wichtigstes Druckmittel, das ihnen die diplomatische Anerkennung als selbständiger Staat hätte bringen sollen. Ihr Rückhalt schwand im gleichen Maß, wie die weltweit verflochtene Baumwollwirtschaft aus der Krise fand.
Hatten französische Baumwollproduzenten Napoleon III. 1862 noch zu diplomatischen Anstrengungen gedrängt, um den Krieg in Amerika zu beenden, konnten Beobachter schon Anfang 1864 nach Paris melden, dass der Betrieb der Textilfabriken in nahezu allen französischen Provinzen wiederaufgenommen worden war. Zur Entspannung auf dem Arbeitsmarkt trug neben der Überwindung der Rohstoffkrise auch die stetig wachsende Nachfrage nach Rüstungsgütern bei. Selbst der stärker industrialisierte Norden war auf Waffenlieferungen angewiesen, und die Südstaaten mussten rund 30 Prozent ihres Kriegsmaterials importieren. Davon profitierten vor allem Rüstungsfabriken in Großbritannien und Frankreich, aber auch im Deutschen Bund. Sie lieferten Munition, Waffen und Schiffe an beide Kriegsgegner, was immer wieder zu heftigen Verwerfungen zwischen London und Washington führte.
Eine Anerkennung der Konföderation kam für Großbritannien dennoch nie in Frage. Die Banken der Londoner City hatten nicht vergessen, dass die Südstaaten vor noch nicht langer Zeit ihre Schulden nur unvollkommen bedient hatten. Je mehr sich die wirtschaftliche Lage in Europa entspannte, desto mehr schwenkte die öffentliche Meinung auf die Linie Abraham Lincolns ein, der 1863 – nicht zuletzt mit Blick auf die internationale abolitionistische Bewegung – mit der „Emancipation Proclamation“ den ersten Schritt zur endgültigen Aufhebung der Sklaverei in Nordamerika unternahm.
Als Befürworter der Sklaverei sind die Südstaaten international isoliert
Auch von den konservativen europäischen Staaten kam nicht die Unterstützung, die sich die Südstaaten erhofft hatten. Soeben hatte Zar Alexander II. die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland verkündet, und Österreich konnte schon wegen der ungarischen Separationstendenzen Abspaltungen nicht gutheißen. Ohnehin war die deutsche Öffentlichkeit mit der Krise um Schleswig-Holstein beschäftigt, die schließlich 1864 zum Deutsch-Dänischen Krieg eskalierte.
Der Heilige Stuhl hatte schon mehrfach die Abschaffung des Sklavenhandels begrüßt, und selbst in Frankreich, wo die Konföderierten Napoleon III. als natürlichen Bundesgenossen betrachteten, setzten sich die Bedenken seiner Minister gegen die Sympathien des Kaisers durch. Washington erreichte sogar, dass London und Paris die Blockade der konföderierten Küsten durch die Union als völkerrechtsmäßig akzeptierten. Auf dem diplomatischen Parkett gab es für die Südstaaten nichts zu gewinnen.
Der ebenso teure wie blutige Bürgerkrieg band die Ressourcen der beiden Kriegsparteien und machte den amerikanischen Kontinent gegenüber politischen Einflussnahmen aus Europa angreifbar. Zwar hatte James Monroe als fünfter Präsident der Vereinigten Staaten 1823 jeglichen Rekolonisierungsversuchen auf dem amerikanischen Doppelkontinent eine Absage erteilt und eine Politik der gegenseitigen Nicht-Einmischung von „Alter“ und „Neuer Welt“ proklamiert. Die Erklärung sollte die südamerikanischen Staaten im Kampf um ihre Unabhängigkeit unterstützen, ließ sich aber auch als Legitimation für die beständige Expansion der USA in die ehemals spanischen Gebiete am Golf von Mexiko, etwa Florida und Texas, interpretieren. Allerdings fehlten den Amerikanern während des Sezessionskriegs die Mittel, um diese „Monroe-Doktrin“ effektiv durchzusetzen.
Das gab den europäischen Mächten Raum, auf dem amerikanischen Kontinent eigene Ziele zu verfolgen. Großbritannien suchte mit der Vereinigung seiner kanadischen Kolonien Sorgen vor einer möglichen Annexion durch den nordamerikanischen Nachbarn entgegenzutreten. Nach langen Verhandlungen wurden sie 1867 zur Dominion of Canada zusammengefasst und konnten mit dem gewährten höheren Grad an Eigenständigkeit nun selbstbewusster auftreten als zuvor. In Jamaika hingegen, wo man zwar die Sklaverei abgeschafft hatte, die schwarze Bevölkerung aber weiterhin in wirtschaftlicher Armut und politischer Rechtlosigkeit lebte, zog London die Zügel straffer an. Nachdem eine Rebellion 1865 blutig niedergeschlagen worden war, überführte man die Karibikinsel wie zuvor schon Indien in den Status einer Kronkolonie.
Die amerikanische Selbstblockade kam insbesondere dem französischen Kaiser Napoleon III. gelegen, der vom „Grand Design“ einer französisch-katholischen Einflusssphäre am Golf von Mexiko träumte. Charles-Louis-Napoléon Bonaparte war 1848 zum Präsidenten der zweiten Französischen Republik gewählt worden und hatte sich nach dem Ablauf seiner Amtszeit 1852 durch einen Staatsstreich zum Kaiser erklärt. Seither war er bemüht, Frankreich wieder einen Platz in der ersten Riege der europäischen Staaten zu erobern und den Verlust des einstmals großen französischen Kolonialreiches wettzumachen. Schon 1830 hatte Paris damit begonnen, Algerien zu unterwerfen; seit den 1840er Jahren breitete sich die Kolonialmacht in West- und Zentralafrika aus. Auch in Asien fasste Frankreich Fuß, als es nach der Schwächung Chinas in den Opiumkriegen seit 1858 begann, Vietnam und die anschließenden Gebiete als Französisch-Indochina zu erobern. Darüber hinaus beanspruchte Frankreich auch einige Inseln im Südpazifik und im Indischen Ozean sowie Gebiete am Horn von Afrika.
In Europa gelang es Napoleon III., durch die französische Teilnahme am Krim-Krieg gegen Russland und seine geschickte Verhandlungsführung bei der anschließenden Pariser Friedenskonferenz sein Land zurück in den Kreis der europäischen Großmächte zu führen. Anschließend unterstützte er die italienische Einigungsbewegung im Krieg gegen Österreich, das dadurch seinen traditionellen Einfluss in Oberitalien verlor. Nur der Papst konnte mit Hilfe französischer Truppen zunächst noch die Selbständigkeit des Kirchenstaats verteidigen. Das lag nicht zuletzt an Napoleons Gattin Eugénie de Montijo, einer gebürtigen Spanierin und gläubigen Katholikin, die sich vehement für die Erhaltung des Kirchenstaats einsetzte.
Ihre klerikale und politisch konservative Einstellung war es auch, die Kaiserin Eugénie empfänglich für Hilferufe aus Mexiko machte. Mexiko hatte im Krieg mit den Vereinigten Staaten bis Ende der 1840er Jahre die Hälfte seines Territoriums verloren. Die Reformpläne der neuen Regierung sahen neben der Garantie liberaler Rechte eine Trennung von Staat und Kirche, Religionsfreiheit und die Verstaatlichung des Vermögens der katholischen Kirche mit ihrem ausgedehnten Landbesitz vor. Auch andere Privilegien aus der spanischen Kolonialzeit sollten nun endgültig gestrichen werden, womit sich Benito Juárez, der erste indigene Präsident Lateinamerikas, die erbitterte Feindschaft des Klerus und der traditionellen Oligarchie zuzog.
Die neue Verfassung stürzte Mexiko in einen mehrjährigen Bürgerkrieg zwischen Liberalen auf der einen, Klerikalen und Konservativen auf der anderen Seite. Danach waren die Staatsfinanzen ruiniert. Die Regierung Juárez verkündete ein zweijähriges Schuldenmoratorium und rief damit die internationalen Gläubiger auf den Plan. Seit Ende 1861 landeten spanische, britische und französische Truppen in Mexiko an, ohne dass die in den Sezessionskrieg verwickelten Vereinigten Staaten gegen die europäische Einmischung auf dem amerikanischen Kontinent protestieren konnten.
Für Napoleon III. war die Strafaktion jedoch nur ein Vorwand für weiterreichende Pläne. Allerdings griff der französische Kaiser nicht, wie viele dachten, auf Seiten der Konföderierten in den Krieg ein. Napoleon III. träumte vielmehr von einem „panlateinischen“, von Frankreich abhängigen katholischen Großreich in Mexiko, Mittelamerika und der Karibik, von dem er sich ein Gegengewicht zum politischen und wirtschaftlichen Einfluss der USA und Großbritanniens erhoffte.
Schon sein Onkel, der große Napoleon, hatte den – freilich vergeblichen – Versuch unternommen, den ehedem bedeutenden französischen Einfluss in Amerika wiederherzustellen. Nun wollte sein Neffe mit dem „Grand Design“ daran anknüpfen. Mexiko mit seinen Silberminen sollte dazu den Anfang machen. Nachdem die britischen und spanischen Ver bände abgezogen waren, rückten französische Truppen auf Mexico City vor. Ziel war es, die amtierende Regierung zu stürzen und ein von Frankreich abhängiges Stellvertreterregime zu installieren. Fieberhaft wurde dafür nach einem passenden Regenten gesucht.
Napoleon III. fand ihn in Erzherzog Maximilian, dem jüngeren Bruder des österreichischen Kaisers Franz Joseph. Er hatte als ehemaliger Regent von Lombardo-Venetien durch die italienische Einigung seinen Posten verloren und sich danach ins Privatleben zurückgezogen. Trotz Bedenken seiner Familie ließ sich der Habsburger, der Südamerika von früheren Reisen kannte, auf die Pläne Napoleons III. ein, in Mexiko als Kaiser zu regieren.
Der reformorientierte Erzherzog glaubte, in Mexiko seine Vorstellungen von einer modernen, volksnahen Monarchie verwirklichen zu können. Daher ließ er die Unterhändler wissen, er wolle nur regieren, wenn die Mexikaner mit diesen Plänen auch einverstanden wären. Eine mexikanische Delegation überbrachte ihm daraufhin einen fingierten Volksentscheid, den eine Junta aus Konservativen, Klerikalen und Gegnern der Regierung Juárez arrangiert hatte. Im Glauben, ein wirkliches Mehrheitsvotum vor sich zu haben, schiffte sich der Erzherzog mit seiner Gemahlin Charlotte, einer Tochter des belgischen Königs, nach Übersee ein. Im April 1864 wurde er als Maximilian I. zum Kaiser von Mexiko ausgerufen.
Maximilian von Habsburg: unglücklicher Monarch auf dem mexikanischen Thron
Nur zu bald zeigte sich jedoch, dass die Mehrheit der Bevölkerung auf Seiten der von Frankreich gestürzten Regierung stand. Ebenso wie sämtliche amerikanische Staaten betrachteten sie einen Kaiser von Frankreichs Gnaden als unerwünschte europäische Einmischung. Auch der Versuch des kinderlosen Kaiserpaars, Nachfahren des früheren mexikanischen Kaisers Iturbide als Thronfolger zu adoptieren, um dadurch größere Popularität zu erlangen, schlug fehl.
Als sich das französische Militär nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs auf Druck der USA aus Mexiko zurückziehen musste, waren Maximilians Tage gezählt. Die Werbung von österreichischen Freiwilligen konnte die kampferprobten französischen Einheiten nicht ersetzen. Vergeblich reiste Kaiserin Charlotte nach Europa und versuchte, den Papst und Napoleon III. zum Eingreifen zu bewegen. Nachdem die verbliebenen Truppen des Kaisers besiegt waren und Benito Juárez erneut die Macht übernommen hatte, wurde Maximilian im Juni 1867 zum Tod verurteilt. Erfolglos bat der österreichische Kaiser die Vereinigten Staaten, auf Mexiko einzuwirken, um das Leben seines Bruders zu schonen. Am 19. Juni wurde Maximilian von Habsburg standrechtlich erschossen.
Die außenpolitische Lähmung der USA durch den Bürgerkrieg hatte jedoch nicht nur Frankreich, sondern auch Spanien auf den Plan gerufen, das die Unabhängigkeit der süd- und mittelamerikanischen Staaten nur höchst widerwillig und mit großer zeitlicher Verzögerung akzeptiert hatte. Kriege um die Thronfolge und anhaltende innenpolitische Auseinandersetzungen zwischen liberalen und konservativen Kräften hatten das Land im europäischen Vergleich immer weiter zurückfallen lassen.
In den letzten Regierungsjahren Königin Isabellas II. kamen Landreformen ins Stocken, während die Bevölkerung ebenso wie tonangebende Militärs mit der wirtschaftlichen Situation und der politischen Verhärtung des Hofes unzufrieden waren. Ein erneutes Engagement in Lateinamerika erschien so als probates Mittel, um zugleich internationales Prestige zu erwerben und den Ehrgeiz des Militärs auf außenpolitische Ziele zu lenken.
Nach den lateinamerikanischen Unabhängigkeitskriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren ledig lich die Antilleninseln Kuba mit ihren extensiven Sklavenplantagen und das strategisch bedeutsame Puerto Rico unter spanischer Herrschaft verblieben. Dazwischen lag die ehemalige Kronkolonie Hispaniola, wo im Westen mit Haiti der erste schwarze Staat der Weltgeschichte entstanden war. Der von Haiti besetzte Ostteil hatte sich als Dominikanische Republik 1844 selbständig gemacht, litt aber unter internen Machtkämpfen und einer inflationären Geldpolitik.
Im ersten Jahr des Amerikanischen Bürgerkriegs wandte sich der diktatorisch regierende Armeeführer Pedro Santana daher mit der Bitte an die spanische Königin Isabella II., das Land zu annektieren, um einer erneuten Besetzung durch Haiti zuvorzukommen. Wie später Kaiser Maximilian in Mexiko ließ auch Isabella sich zusichern, dass ihre Machtübernahme dem Wunsch der Bevölkerung entspreche. Allerdings sollte sich auch Santanas Zusicherung als bloß taktisches Manöver erweisen. Schon zwei Jahre später regte sich heftiger Widerstand, so dass sich Spanien 1865 endgültig aus Santo Domingo zurückziehen musste. Die Rekolonisation von Gebieten, die ihre Unabhängigkeit einmal erlangt hatten, war selbst dann nicht möglich, wenn die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin nicht durchsetzen konnten. Auch das monarchische Prinzip hatte in der „Neuen Welt“ endgültig ausgedient.
Die spanische Krone nutzte die Schwäche der USA jedoch nicht nur zur vergeblichen Intervention in der Karibik, sondern schickte Ende 1862 auch Expeditionsschiffe in die ehemaligen Kolonien Chile und Peru. Statt wie behauptet wissenschaftliche Ziele zu verfolgen, nahm die Besatzung einen Zwischenfall zwischen Indigenen und spanischen Einwanderern in Peru 1864 zum Vorwand, um die vor der Pazifikküste liegenden Chincha-Inseln zu besetzen. Dort wurde das Düngemittel Guano für den internationalen Agrarmarkt gewonnen. Auch ein wichtiger Exporthafen wurde blockiert, so dass die Wirtschaft des Andenstaates schweren Schaden nahm.
Dem folgenden Krieg traten neben Chile auch Ecuador und Bolivien bei. Da es den spanischen Schiffen nicht gelang, die starke chilenische Flotte zu besiegen, nahmen sie mit Valparaiso einen der bedeutendsten südamerikanischen Häfen unter Beschuss. Bei dem sechsstündigen Bombardement der unbefestigten Stadt kamen fünf Zivilisten ums Leben. Die Aktion zog einen internationalen Aufschrei nach sich; das britische Unterhaus sprach von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
In Spanien trugen die internationalen Proteste und der Fehlschlag der neokolonialen Ambitionen weiter zur Delegitimierung der ohnehin angeschlagenen Herrschaft Isabellas II. bei. Kaum zwei Jahre später trieb ein Putsch oppositioneller Generäle die unbeliebte Königin ins Exil. Ihre Flucht läutete in Kuba und Puerto Rico den Kampf um Unabhängigkeit und die Abschaffung der Sklaverei ein. Die strittige spanische Thronfolgefrage hingegen sollte weitreichende Auswirkungen auf Europa haben: Sie bot den Anlass für den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, der mit dem Sturz Napoleons III. und der Gründung des deutschen Kaiserreiches endete.
Autorin: Prof. Dr. Ute Planert
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