Der eine Hauptprotagonist, der selbsternannte „Comte“ Veith, war ein aufgrund eines Reitunfalls bereits in jungen Jahren pensionierter Offizier eines Dragonerregiments, dazu Abenteurer und „verkrachte Existenz“ mit Verbindungen „in höhere Kreise“, seine Stieftochter „Mizzi“ Veith Edelprostituierte und Haupteinnahmequelle ihres Stiefvaters. Dass die Angeklagte sich dem Prozess durch Selbstmord entzog, sorgte in der zeitgenössischen Presse noch zusätzlich für besonderes Aufsehen.
Im Zuge der Beweisaufnahme legte Marcell Veith dar, dass die durchaus der Wiener Oberschicht zuzurechnenden Kunden seiner Tochter keine einfachen Freier gewesen seien, sondern dass es sich um rein platonische Besuche von „Cavalieren“ nach harmlosen Theaterbesuchen gehandelt habe. Als jedoch das Tagebuch und ein Kassabuch der Mizzi Veith auftauchte, welche wenig danach sogar im Druck erschienen, brach die Verteidigungsstrategie des Angeklagten zusammen. Das Gericht lehnte außerdem die Vorladung der betroffenen Hochadligen ab.
Doch die Geschichte hatte ein Nachspiel: Veith erpresste nach Abbüßung seiner einjährigen Haftstrafe Mizzis ehemalige Kunden. Die Namen jener, die nicht zahlten, wurden in einem „Revolverblatt“ veröffentlicht.
Schübler gelingt es, mit der Wiedergabe von Auszügen aus den Prozessakten und deren Kommentierung in der zeitgenössischen Presse („Komtesse Mizzis Glück und Ende“) ein Sittenbild der Wiener Jahrhundertwende zu liefern, das den Vergleich mit Felix Saltens „Josefine Mutzenbacher“ auf seine Art nicht zu scheuen braucht. Kutscher, Hausmeister, Nachtportiere, Kellner, Dienstmädchen und der vom Stiefvater gehasste Geliebte der Komteß Mizzi treten auf, schildern detailreich das Treiben von Stiefvater und Stieftochter in den Wiener Nachtcáfes und Bars.
Es entsteht eine, wenn auch durch das Amtsdeutsch gefilterte, dichte Milieuschilderung, in der „unnatürlicher Sex“, betuchte und weniger betuchte Freier und ein gerissener Stiefvater
als Zuhälter ihr Spiel treiben. So beweist Schübler, dass man kommentierte Prozessakten wie einen kurzweiligen Roman lesen kann.
Rezension: PD Dr. Andreas Weigl
Walter Schübler
„Komteß Mizzi“
Eine Chronik aus dem Wien um 1900
Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 236 Seiten, € 25,–





