Vom Eingang aus fällt das Auge als Erstes auf die drei wuchtigen Säulen aus Granit und dunklem Marmor. Ein Blickfang, neben dem sich rechts an der Wand die Stele mit eingelassenem Glaszylinder geradezu bescheiden ausnimmt. Auf einem kegelförmigen Sockel ist hinter dem Glas aufrecht stehend ein Goldstück zu sehen, gut vier Gramm schwer, keine zwei Zentimeter im Durchmesser groß. Auf der einen Seite das Relief eines Mannes mit Lorbeerkranz und angedeuteter Toga, auf der anderen ein stilisiertes Stadttor und die Umschrift „Arelato“.
„Unser Herr Karl, Imperator Augustus, König der Franken und Langobarden“, lauten nach gängiger Deutung die Worte, die das Reliefporträt säumen. Der Ortsname auf der Rückseite verrät die Prägestätte Arles im heutigen Südfrankreich. Das kleine Goldstück, das erst 1996 bei einer Grabung in
Ingelheim zutage kam, ist der größte Schatz unter den rund 6000 Objekten der Sammlung des „Museums bei der Kaiserpfalz“. Wir stehen vor der einzigen bekannten Goldmünze mit dem Bildnis Karls des Großen.
Als Karl im Jahr 774 auf der Rückreise aus Italien erstmals in die Gegend kam, fand er sie nicht unbewohnt vor. Die Ingelheimer Remigiuskirche, heute größtenteils ein Bau des 18. Jahrhunderts, stand archäologischen Befunden zufolge bereits um 650 als eines der damals seltenen Gebäude aus Stein. Karl entschloss sich, hier auf halber Strecke zwischen Mainz und Bingen eine Residenz zu errichten, die sein Biograph Einhard auf eine Stufe mit den Palastbauten in Aachen und Nimwegen stellt.
Ein Modell finden Besucher im Museum. Das Ensemble aus Thronsaal, der sogenannten Aula Regia, kleiner Palastkapelle sowie Wohn- und Wirtschaftstrakt schloss nach Nordosten hin eine monumentale Exedra ab, ein im Durchmesser 90 Meter großes Halbrund, auf der Innenseite gesäumt von einem Säulengang. Was hier entstand, war Herrschaftsarchitektur in der Tradition der römischen Cäsaren, deren Vorbilder Karl vermutlich in Italien beeindruckt hatten.
Nicht von ungefähr ließ er in seinem Palast auch Originale aus der Antike vermauern. Einiges davon ist im Museum zu sehen, die drei genannten massiven Säulen sowie korinthische Marmorkapitelle aus dem 1. Jahrhundert, auch eine 1914 ausgegrabene marmorne Säulenbasis. Ungewiss ist, ob Karl sie allesamt aus Italien hatte importieren, oder, was näher lag, zum Beispiel auch Bauten der spätantiken Kaiserresidenz Trier hatte plündern lassen. Die Trierer Konstantinsbasilika hat beim Entwurf der Aula Regia Pate gestanden.
Bis ins 11. Jahrhundert fanden in Ingelheim große Reichsversammlungen statt. Hier wurde am Silvestertag 1105 Kaiser Heinrich IV. abgesetzt
und blieb einige Wochen inhaftiert. Barbarossa ließ die Pfalz zur Festung ausbauen. Der letzte Monarch des Heiligen Römischen Reichs, der in Ingelheim Hof hielt, war 1354 Karl IV. Wenige Jahre später fiel die reichsunmittelbare Ortschaft an das Kurfürstentum Pfalz, und 1402 wurde das Palastareal zur Bebauung freigegeben.





